Emanuel Schiffers: Ein deutscher Schachspieler in St. Petersburg (Teil I)
Einer der besten Schachspieler Ende des 19. Jahrhunderts in Russland war Emanuel Stepanowitsch Schiffers. Eigentlich hieß er mit ganzem Namen Emanuel Karl Georg Schiffers. Seine Eltern Johann Stefan Schiffers und Amalia Josephine, geborene Weidknecht, waren 1819 aus dem damals zu Preußen gehörenden Aachen (Großherzogtum Niederrhein) ins russische Zarenreich ausgewandert. Sie erhielten offenbar nie die russische Staatsbürgerschaft und blieben bis zu ihrem Lebensende preußische Untertanen.
Ihr Sohn Emanuel wurde am 4. Mai 1850 (am 22. April 1850 nach dem alten julianischen Kalender) geboren und nach russischen Quellen am 13. Juni in der deutsch-evangelisch-lutherischen St.-Katharinen-Kirche am Bolschoi-Prospekt auf der Wassiljewski-Insel getauft. Schiffers wird in jüdischen Lexika als getaufter Jude geführt.
Die Hoffnung der deutschen Auswanderer auf ein besseres Leben in Russland erfüllte sich nicht. Die kinderreiche Familie lebte in ihrer neuen Heimat unter ärmlichen Verhältnissen. Dank staatlicher Unterstützung für bedürftige Eltern erhielten ihre Kinder jedoch eine ordentliche Ausbildung. Emanuel Schiffers besuchte nach der Elementarschule das Larinskaja-Gymnasium und absolvierte dort 1867 das Abitur.

Das Larinskaja-Gymnasium, St. Petersburg
Danach begann er an der Universität von St. Petersburg zunächst ein Jura-Studium. Sein ältester Bruder Eduard (1836-1887) wurde Tutor an der Juristischen Fakultät. Emanuel Schiffers wechselte aber bald in die Fakultät für Mathematik und Physik.

Das Universitätsgelände 1850, Joseph Dazario
Die Familie Schiffers hatte zu Hause Musik und Kunst gepflegt und war zudem eine schachbegeisterte Familie. Die Eltern spielten gerne Schach und brachten es auch ihren Kindern bei. Emanuel Schiffers begann, sich mit 15 Jahren intensiver mit dem Spiel zu beschäftigen, und zeigte das größte Talent. Die älteste von Emanuel Schiffers überlieferte Partie stammt aus dem Jahr 1866. Schiffers war 16 Jahre alt und wurde als Weißspieler im Zweispringerspiel interessanterweise von einem „Schulz, A“ überspielt ...
Während seiner Studienjahre verbrachte Schiffers vermutlich mehr Zeit beim Schachspiel als im Hörsaal. Man traf sich im Café Dominik am Nevsky Prospekt 24.
Das Haus heute, Google Maps
Das Café war 1841 vom Schweizer Einwanderer und Konditormeister Dominic Riz à Porta nach dem Vorbild der Pariser Kaffeehäuser eröffnet worden und war dank der günstigen Lage und der geringen Preise bald sehr beliebt. Wie in den Kaffeehäusern der anderen europäischen Metropolen gab es auch Räume, in denen Billard, Schach oder andere Spiele gespielt werden konnten.

Café Dominic in alten Zeiten
Zu den regelmäßigen prominenten Besuchern gehörten Fjodor Dostojewski und der Chemiker Dmitri Mendelejew. Der Überlieferung nach soll Dostojewski hier im Dominospiel 100 Rubel an einen Falschspieler verloren haben.

Kaffeehaus-Atmosphäre
Im Café Dominic trafen sich aber auch die besten Schachspieler von St. Petersburg, und so wurde das Haus zu einer der Keimzellen des russischen Schachs. Emanuel Schiffers spielte im Café Dominic gegen andere Gäste um Geld (Einsatz meist 20 Kopeken pro Partie).
Auch die ersten russischen Schachturniere wurden ab 1876 im Café Dominic ausgerichtet, bevor man mehr Platz benötigte und die Turniere in die Deutsche Versammlung von St. Petersburg (den „Schachklub von St. Petersburg“) in Milbreths Restaurant verlegte. 1877 wurde zudem in Praders Restaurant ein eigener Schachraum eröffnet. 1871 hatte Schiffers die Universität auch offiziell verlassen und wurde exmatrikuliert.
In den frühen 1870er Jahren stieg Schiffers zum besten Spieler Russlands auf und löste in dieser Rolle die älteren russischen Meister wie Alexander Petrow (1794–1867, Professor für Maschinenbau), Carl Ferdinand Jänisch (1813–1872, Professor für Mechanik) und Ilja Stepanowitsch Schumow (1819–1881, Offizier der baltischen Flotte) ab. Nach einem Wettkampfsieg 1874 in St. Petersburg gegen Andrei Nikolajewitsch Chardin (1842–1910) mit fünf Siegen bei vier Niederlagen galt Schiffers als der inoffizielle russische Meister. Chardin, Sohn eines Gutsbesitzers, stammte aus der Nähe von Samara, war Jurist und lebte eine Zeit lang in St. Petersburg, bevor er nach Samara zurückkehrte. Chardin spielte vor allem Fernpartien und bestritt unter anderem regelmäßig Partien gegen Wladimir Iljitsch Lenin, der später auch einige Zeit als Gehilfe bei Chardin beschäftigt war.

Zu den Gästen im Café Dominic gehörte auch der im gleichen Jahr wie Schiffers geborene Michail Iwanowitsch Tschigorin. Nach dem frühen Tod seiner Eltern war Tschigorin bis zu seinem 18. Lebensjahr in einem Waisenhaus in der Nähe von St. Petersburg, in Gattschina, aufgewachsen. Spätestens ab 1873 war auch Tschigorin häufiger Besucher des Café Dominic und maß sich dort regelmäßig mit Emanuel Schiffers. Anfangs konnte Schiffers Tschigorin noch einen Springer vorgeben. Doch im Laufe vieler Partien und Wettkämpfe wurde Tschigorin immer besser und übertraf schließlich seinen Lehrmeister. 1878 gewann Schiffers einen Wettkampf gegen Tschigorin noch einmal knapp, aber bei einer frühen, nicht offiziellen Russischen Meisterschaft im Jahr 1879, gespielt in St. Petersburg, musste Schiffers sich hinter Tschigorin und Alapin mit dem dritten Platz zufriedengeben. Nicht nur Tschigorin gehörte zu Schiffers’ Schülern. Der von Zeitgenossen als sehr freundlich und gesellig beschriebene Schiffers gab sein Wissen über das Schachspiel noch an viele andere Schüler weiter.
Einige Partiebeispiele aus den Matches zwischen Schiffers und Tschigorin, bei denen sicher auch viel experimentiert wurde.
1881 bemühte sich Emanuel Schiffers erfolgreich um die russische Staatsbürgerschaft. 1885 erhielt Schiffers zudem eine Zulassung als Privatlehrer und verbesserte damit seine Chancen, als Schachkolumnist bei Tageszeitungen angenommen zu werden. Schiffers führte die Schachkolumne in der deutschsprachigen St. Petersburger Zeitung und in zwei russischsprachigen Zeitungen sowie in der Zeitschrift Niva. Von 1894 bis 1898 war er zudem Herausgeber und Redakteur der Schachzeitschrift „Schachmatny Schurnal“. Er verdiente außerdem Geld durch Vorlesungen über die Schachtheorie.
Aus seiner Kolumnen-Serie „Samoutschitiel schachmatnoj igry“ (Schach-Selbstlernleitfaden) entstand ein Lehrbuch mit gleichem Titel, das nach Schiffers’ Tod im Jahr 1907 posthum erstmals erschien und zum Standardwerk für Schachschüler in Russland wurde. Der Klassiker wird auch heute noch verkauft.


Neben seinem musischen, seinem künstlerischen und seinem schriftstellerischen Talent war Schiffers zudem sehr sprachbegabt und sprach neben Deutsch und Russisch auch noch fließend Französisch und Englisch. Seine Zeitgenossen beschrieben ihn zudem als sehr gebildet und belesen.
Aber sein Leben hatte auch eine dunkle Seite.
Fortsetzung folgt...
