Endspielmenü in sechs Gängen

22.05.2015 – Viele Schachspieler machen beim Training nach wie vor einen Bogen um Endspiele. Zu trocken, zu wenig Action. Das mag sein, wenn man sich mit einem Endspielwerk in Buchform ans Brett setzt.  Bei Alexei Shirovs DVD "Endgame Fireworks" hingegen kann man die Faszination der Endspiele am eigenen Leibe erfahren und im Glücksfall sogar eine Partiephase ganz neu für sich erschließen. Mehr...

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GM Alexei Shirov – Endgame Fireworks

Rezension von Sebastian Vigl

Finale furioso: Alexei Shirov mit Zündstoff für das Endspiel

Abgesehen vom meist chaotisch marmorierten Himmel einer Silvesternacht, besticht ein gutes Feuerwerk durch die Koordination der pyrotechnischen Effekte, die über den Köpfen aus einer wilden Knallerei ein dramaturgisch abgestimmtes Spektakel an Formen, Farben und Geräuschen macht. In Alexei Shirovs DVD „Endgame Fireworks“ wird uns vor Augen geführt, dass es sich bei praktischen Endspielen ganz ähnlich verhält: Die Reduzierung der Kräfte auf dem Brett verlangt die bestmögliche Koordination der noch vorhandenen Ressourcen und mit etwas Phantasie und Willen lässt sich der Kampf um ein gutes Ergebnis zusätzlich mit den besonderen Knalleffekten gelungener taktischer Kombination krönen, wovon einige noch Jahre später dem schachbegeisterten Betrachter bei geöffnetem Mund ein Staunen entlocken.

Als junger Spieler hätte er fast kein Endspielwissen nötig gehabt, da er seine Gegner immer schon vorher besiegt habe, so Alexei Shirov einmal schmunzelnd als Gast in einer Ausgabe der „Endgame Magic Show“ von Karsten Müller, einer monatlichen ChessBase-Sendung, die sich ganz dem Zauber des Endspiels widmet. Eben diesem Karsten Müller verdankt der Schachfreund nicht nur zahlreiche Hilfestellungen in Bild, Ton und Buchformat zum Thema Endspiel, sondern auch, wie Shirov berichtet, das Zustandekommen der vorliegenden DVD. Karsten Müller hat den lettischen Großmeister nämlich erst überzeugen müssen, neben den vielen anderen Lehrmedien auch diese Sammlung seiner berühmteren und interessanteren Endspiele zu produzieren.

Der Inhalt der DVD: Für mehr Appetit auf Endspiele

Was vielen Kindern heutzutage das Gemüse, ist vielen Schachspielern, besonders auf Vereinsebene, das Endspiel: Es schmeckt nicht besonders, ist scheinbar ein wenig trocken und ohne Biss. Dies muss jedoch nicht sein, Shirov präsentiert auf dieser DVD ein Menü an Endspielleckerbissen aus seiner eigenen Praxis. In 16 Videos werden geboten:

1. Aperitif: 2 Endspiele mit ungleichfarbigen Läufern, darunter der wohl schönste Zug der Schachgeschichte.
2. Diverse Antipasti: 3 Doppelturmendspiele.
3. Erster Zwischengang: 1 Turmendspiel.
4. Zweiter Zwischengang: 1 Endspiel mit Turm und Springer gegen Turm und Springer,
5. Der Hauptgang: 5 Endspiele mit Turm/ Türme gegen Turm/ Türme mit je einem ungleichfarbigen Läufer
6. Dessert: 5 gemischte Endspiele

Shirov gilt als einer der größten und kompromisslosesten Angreifer der Schachgeschichte und zeigt bis heute interessanterweise eine Affinität für Endspiele, die er ebenso kämpferisch und erfinderisch bestreitet wie Eröffnung und Mittelspiel, ständig auf der Suche nach einer praktischen Chance. Er demonstriert, wie praktische Endspiele generell weniger durch theoretisches Wissen, sondern mehr durch Kenntnis der generellen strategischen Prinzipien, durch genaue Variantenberechnung und eine Spur Intuition erfolgreich ausgefochten werden können. Und dann kommt noch etwas dazu, was Shirov anlässlich seines absolut brillanten Endspiels mit ungleichfarbigen Läufern gegen Topalov in Linares (Video eins und zwei der DVD) zu Gute kam: Die Anwendung von Endspielideen, die einem entweder aus der eigenen Praxis oder dem Studium fremder Endspiele bekannt sind.

Topalov-Shirov: Stellung vor dem Kracher 47...Lh3!

Shirovs Vortragsstil ist nüchtern und sehr objektiv. Am Anfang mag es noch ein wenig irritieren, dass er nicht alle Varianten mit dem Computer nachgeprüft hat und gewisse Stellungen noch einmal vor laufender Kamera nachrechnen muss, Augenblicke, die man unbedingt nutzen sollte, das Video zu pausieren und sich selbst an der Stellung zu versuchen.

Psychologische Kunstgriffe und andere Lektionen

Schon die russische Schachschule integrierte psychologische Methoden in die Endspielführung, erinnert sei zum Beispiel an die empfohlene Zugwiederholung der stärkeren Partei, um den Gegner die Aussichtslosigkeit seiner Stellung vor Augen zu führen. Seit es keine Hängepartien mehr gibt, werden bei vielen Spielern die Ressourcen im Endspiel knapp: Sie gelangen in Zeitnot, die Konzentration und die Widerstandsfähigkeit lässt nach. In dieser Phase der Partie sind selbst bei ausgeglichener Stellung Punkte zu holen, wenn der Gegner nur vor ausreichend Probleme gestellt wird. (An der Dominanz eines jungen Norwegers scheint dieser Umstand nicht unwesentlich beteiligt zu sein.) Besonders beeindruckt hat mich hierbei ein Endspiel Shirovs gegen Illescas Cordoba, in dem Shirov seinem Gegner, der schon unter Zeitnot zu kämpfen hat, in völlig ausgeglichener Stellung die Möglichkeit anbietet, fehl zu greifen. Edelkiebitze wie Houdini, Fritz oder Stockfish schütteln bei solchen Aktionen unverständig ihre Algorithmen, aber was wissen die schon von unseren Schwächen und vom menschlichem Glück, nicht perfekt zu sein? Im Folgenden ein kurzer Einblick in die entscheidende Sequenz des besagten Endspiels, das übrigens auf sehr kuriose Weise endet, wie dann auf der DVD zu verfolgen ist.

Fragment aus Illescas-Shirov nachspielen...

Besonders lehrreich für die Praxis fand ich zudem, dass zahlreiche Videobeispiele schon im Mittelspiel beginnen, wobei Shirov demonstriert, welchen Übergang in das Endspiel er gewählt hat. Diesen Ansatz finde ich besonders interessant und wichtig, denn die Frage des richtigen Abtausches wird selten erschöpfend in Lehrmedien oder -büchern behandelt. Auch wenn eine Abwicklung in ein Endspiel günstig zu sein scheint, zeigt Shirov, dass es bisweilen ratsam ist, vorher geringfügige Verbesserung an der Bauernstruktur, an der Stellung des Königs und der verbleibenden Figuren vorzunehmen.

Das Spiel mit ungleichfarbigen Läufern ist ein wichtiges Thema auf dieser DVD. Hier ist es bisweilen entscheidend, zu welchem Zeitpunkt weitere Figuren, zum Beispiel Türme, abgetauscht werden. Wie Shirov die Präsenz von ungleichfarbigen Läufern im Endspiel auszunutzen weiß, musste unlängst bei der russischen Mannschaftsmeisterschaft auch Vladimir Kramnik anerkennen, als der gebürtige Lette seinen materiellen Vorteil im folgenden Endspiel technisch sicher in einen Sieg umwandelte.

Stellung nach 36. Sd4 in Shirov-Kramnik (01.05.2015)
Shirov-Kramnik nachspielen...

Resümee

Mit dieser DVD wird man sich einer Lücke in der Schachliteratur und den Schachmedien gewahr: Sammlungen gut kommentierter praktischer Endspiele. Während zahlreiche Publikationen die theoretischen Stellungen des Endspiels bestens durchleuchten, ist es gerade für Spieler unterer Klassen oft schwierig, sich aus den unzähligen Stellungen mit reduziertem Material den Weg zu den theoretischen Stellungen zu bahnen, geschweige dann, diese dann auch noch richtig zu behandeln. Shirovs Endspielarsenal besteht im Besonderen aus genauer und teilweise unkonventioneller Berechnung, aus der Berücksichtigung der allgemeinen Endspielprinzipien, psychischer Kniffe und schlussendlich dem Willen, sich Chancen zu erarbeiten und diese dann zu nutzen. Dies macht diese DVD zu einem wertvollen Lehrmedium für Spieler aller Klassen, die sich nicht nur mehr Erfolg, sondern auch mehr Sicherheit im finalen Stadium ihrer Partien wünschen.

Shirov: "Endgame Fireworks" im Shop kaufen...

 


 


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