Endspielrätsel: Irrt sich die "Bibel des Turmendspiels"?

von Karsten Müller
21.10.2020 – Vassily Smyslov gilt als Endspielspezialist und sein Buch "Theorie und Praxis der Turmendspiele", das er zusammen mit Grigori Löwenfisch schrieb, war für Generationen von Schachspielern die "Bibel des Turmendspiels". Doch stimmt auch alles, was in dieser "Bibel" steht? Karsten Müller und Zoran Petronijevic haben Zweifel - und bitten die Leser um Mithilfe bei der Analyse eines faszinierenden Endspiels, das Smyslow in die dritte Auflage seines Buches aufgenommen hat. | Foto: Dutch National Archive

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Endspielrätsel V. Smyslov - P. Benkö

Vassily Smyslov (24. März 1921 - 27. März 2010) war lange Zeit einer der besten Spieler der Welt. 1957 wurde er  der 7. Weltmeister der Schachgeschichte, nachdem er den WM-Kampf gegen Mikhail Botvinnik in Moskau klar mit 12½-9½ gewinnen konnte. Doch den Revanchekampf ein Jahr später, 1958, verlor Smyslov mit 10½-12½ und war so nur ein Jahr lang Weltmeister.

Smyslovs Gefühl für die Harmonie der Figuren ist legendär und er gilt als einer der größten Endspielkünstler aller Zeiten. Das Buch Theorie und Praxis der Turmendspiele, das er zusammen mit Grigori Löwenfisch schrieb, war für Generationen von Schachspielern die "Bibel des Turmendspiels".

Auch Endspielanalytiker Zoran Petronijevic hat dieses Buch gründlich studiert und eine Stellung, die allerdings erst in die dritte Auflage des Buches aufgenommen wurde, hat ihn besonders fasziniert.

 

Über diesen Schluss der Partie Smyslov - Benkö schreibt Petronijevic:

"Trotz der Fortschritte der Schachengines, der vielen guten Schachbücher und der großen Zahl phantastischer Spieler bleiben Turmendspiele immer noch ein großes Geheimnis. Ein Grund dafür ist die unheimliche Dynamik dieser Endspiele. Diese Stellung hat mich jahrelang beschäftigt und ich habe sie immer wieder analysiert.

Smyslov gewann gegen Benkö und wie seine Kommentare und Analysen zeigen, hielt Smyslov die Ausgangsstellung des Endspiels auch für gewonnen für Weiß. Aber ist das wirklich so – oder irrt sich Smyslov?"

Hier ist die Hilfe der Leser gefragt: Hat Smyslov Recht? Ist diese Stellung für Weiß tatsächlich gewonnen? Und wenn sie nicht gewonnen ist, wo haben Weiß und Schwarz dann Fehler gemacht – und was ist Benkös letzter Fehler?

Teilen Sie Ihre Analysen in den Kommentaren. Endspielexperte und -Detektiv Karsten Müller wartet auf Ihre Antwort!

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Karsten Müller gilt als einer der größten Endspielexperten weltweit. Dazu hat sein zusammen mit Frank Lamprecht verfasstes Buch „Grundlagen der Schachendspiele“ ebenso beigetragen wie seine Kolumnen auf der Webseite ChessCafe sowie im ChessBase Magazin. M.s ChessBase-DVDs im Fritztrainer-Format über Endspiele sind Bestseller. Der promovierte Mathematiker lebt in Hamburg, wo er auch für den HSK viele Jahre in der Bundesliga auf Punktejagd ging.
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Karsten Müller Karsten Müller 27.10.2020 09:19
Ein Punkt wurde noch übersehen. Auf Anregung von Alberto Oggero haben Charles Sullivan und Zoran Petronijevic herausgefunden, dass 46...Tb8! remis hält. Meine "apodiktische Feststellung" wurde also sogar explizit widerlegt. Schach ist schon sehr tief und Turmendspiele haben eine sehr hohe Remistendenz...
Karsten Müller Karsten Müller 24.10.2020 09:13
unp065: Ja genau 48.Ke5!+- statt 48.b5? wie von RolfKnobel unten angegeben.
DoktorM: Endspiele sind immer spannend...
DoktorM DoktorM 23.10.2020 11:09
Dieses Endspiel ist wirklich spannend. Das habe ich mittlerweile gelernt.
unp065 unp065 23.10.2020 10:30
Nur nochmal eine Nachfrage, wenn 44...g5 ein Fehler war, aber 55....Kc8 remis hält,muss auch Weiss fehlgegriffen haben, wenn ich richtig verstanden habe also mit 48 b5, stattdessen soll 48. Ke5 geschehen?
Karsten Müller Karsten Müller 23.10.2020 04:17
Ja 44.Te4 ist in der Tat interessant. Der Computer gibt dann 44...Tc6! an, was remis halten sollte.
DoktorM DoktorM 23.10.2020 03:48
Die Analyse startet meiner Meinung nach etwas zu spät. Wenn Weiß mit dem Turm auf der e-Linie bleibt, dann kann man Schwarz zappeln lassen. Also nach g6 nicht Th1, sondern Te4. Und dann je nach Reaktion des Gegners auch Te5. Dann steht der eigene Turm zentral und kann auf beiden Flügeln wirken. Öffnet Schwarz mit gxh5 die g-Linie, steht Weiß mit Txh5 gut.
Karsten Müller Karsten Müller 23.10.2020 11:11
In der Tat geht das etwas weit. Also genauer: nun stimmt es mit den Analysen von Zoran Petronijevic, Charles Sullivan und mir überein. Schach ist so tief, dass nicht gesagt werden kann, dass das letzte Wort damit gesprochen ist. Dafür wäre in der Tat eine Tablebase nötig oder ein Übergang aller Beweisvarianten in Tablebasestellungen. Das ist hier anfangs nicht der Fall...
Grebredna Grebredna 23.10.2020 11:06
Worauf beruht die apodiktische Feststellung, dass nun alle Fehler aufgedeckt seien? Eine 16-Steiner Tablebase gibt es ja wohl noch nicht?!
Karsten Müller Karsten Müller 23.10.2020 10:14
RolfKnobel: Ja sehr gut. Damit sind nun alle Fehler aufgedeckt.
Karsten Müller Karsten Müller 23.10.2020 09:51
Al-Suli: In der Tat. 55...Kc8! hält statt des Partiezuges 55...Kb7? remis. Das ist ja auch Rolf Knobels erster Punkt.
Karsten Müller Karsten Müller 23.10.2020 09:38
Grebredna: Dazu von Zoran Petronijevic: "Vassily Smyslov (7th World champion from 1956 to 1957) was well known as a great endgame player. He was especially good in rook endgames. The book about rook endgames which he wrote with Levenfish is Bible for many generations and it is translated on many languages. This position Smylov included in his introduction of 3th edition of his book. (FIS, Moscow 1986). In his analyzes, we can see that he considered his position to be winning from start to the end. The same opinion we can find in his other books (for instance, in "Letopis sahmatnogo tvorcestva", Moscow 1995)...

Sources: 1. Smyslov, Vasily, Vasilevich, Letops sakhmatnogo tvorcestva, Moscow 1995. and Levenfish, Smyslov, Teorija ladjeinih okoncanij, 3th edition, Moscow 1986. - Analyzes in both books are the same..."
RolfKnobel RolfKnobel 23.10.2020 01:45
Nach 44... Tg8! (statt g5) sehe ich keinen weissen Gewinn. 45.hxg6 (oder 45.Th4 gxh5 46.Txh5 Tg6) Txg6 46.Th5 Ke7!? 47.Te5+ Kd8!? sieht wie eine Festung aus. (die schwarzen Schwächen sind überdeckt und Weiss kann keinen Freibauern bilden.
RolfKnobel RolfKnobel 23.10.2020 01:29
Eine mit 48.Ke5! (statt 48.b5?) eingeleitete Serie mit einzigen Zügen scheint zu gewinnen: bxa5 (b5 49.Tc1!) 49.Txa5! Txb4 (49... Tb6 50.Ta4 oder gleich 50.Kf5) 50.Txa6! Txc4 51.Txh6! Tc2 52.Tf6! Tc5+ 53.Kf4! Txh5 54.Txf7! Th8 55.Kxg4! Tg8+ (Kc6 56.f4 d5 56.Ta7) 56.Kf5/4 Kc6 57.Ke5 d6+ (Tg5+ 58.Tf5) 58.Kd4 Tg4+ 59.Ke3. Eine 7 Steiner Tablebase hätte schon früher aufgehört.
RolfKnobel RolfKnobel 23.10.2020 12:56
55.... Kc8! (statt 55....Kb7?) ist remis. Es hält d7 gedeckt nach etwa 56.Tf4 Tc2+ (56....Te2!? ist sogar noch genauer) 57.Kd6 Tc6+.
Grebredna Grebredna 22.10.2020 10:38
Ich habe noch nie davon gehört, dass das genannte Werk die "Bibel des Turmendspiels" sei. Ich kenne nur die deutsche Ausgabe (Verlag Rudi Schmaus) aus dem Jahr 1985, und darin ist dieses Endspiel nicht enthalten. Möglicherweise hat Smyslow selbst die beiderseitigen Mängel der Spielführung entdeckt?
Al-Suli Al-Suli 22.10.2020 09:24
Das ist ein sehr interessantes Endspiel. Smyslov hatte Vorteil, aber hat er nicht die genauen Züge gemacht. Ja, ich muss das weiter analysieren. Nach 55.b6+ ist die Stellung Remis, aber 55... Kb7 ist ein sehr schwerer Fehler. Schwarz kann mit 55... Kc8 Remis halten. Zum Beispiel: 55...Kc8; 56.Tf4, Tc2+; 57.Kd6, Tc6+; 58.Ke7, Txb6; und wenn 59.Kxf7 oder 59.Txf7 kommt 59...d5 und hat Schwarz Gegenspiel.
Karsten Müller Karsten Müller 22.10.2020 01:53
Ja vermutlich reicht Ihr 43...a5 ebenfalls zum Remis aus. In Turmendspiele geht es eben um Aktivität.
Aber auch der Partiezug 43...g6 ist kein Fehler...
Zanoni Zanoni 22.10.2020 12:18
Nach 43.Te1 steht Schwarz so schlecht, dass sogar 43...a5 44.bxa5 bxa5 45.Tb1 Te8 in Frage kommt. Die Idee ist, auf e2 einzudringen und möglichst viele, am besten alle Bauern am Königsflügel abzutauschen.
Versucht Weiß dies mit 46.Kd3 zu verhindern, scheint 46...Te5 47.Tb6+ (47.Tb5 Tg5!?) 47...Ke7 48.Tb5 Ke6 den Laden zusammenzuhalten.
Besser ist 46.Tb6+ Kc7 47.Tb5 Te2 48.Tf5, aber nach 48...g6! 49.Txf7 gxh5 kann Schwarz weiter kämpfen, so
reicht z.B. 50.Tf6 Ta2 51.f4 (51.Txh6 Txf2 52.Txh5 Tf3! 53.Tg5 Ta3) 51...Txa4 52.Txh6 Ta3 53.Txh5 Txg3 54.Txa5 wohl kaum zum Gewinn.
renium renium 22.10.2020 11:34
Ich trage zwar nicht zur Analyse bei, habe habe vor Jahren das besagte
Endspielbuch auf russisch gelesen. Da kam mir wirklich einiges "Spanisch" vor ....
schwungvolle Siege, leider oberflächlich analysiert ... so wie dieses Endspiel.
Teilweise las sich das wie ein Märchenbuch.
Sicher steht in der zu diskutierenden Position Schwarz deutlich schlechter,
ich persönlich bin aber 100% überzeugt, daß dieses trotzdem als "Remis" ein- bzw. abzuschätzen ist.
Karsten Müller Karsten Müller 22.10.2020 09:38
Ja sehr gut, wobei 45...g4?! nur ungenau ist, denn es gibt ja ohnehin keine Rettung mehr. Aber es gibt noch mehr Fehler als 44...g5? und die beiden von unten...
Krennwurzn Krennwurzn 22.10.2020 09:26
Der Fehler war wohl 44. ... g5 wie wohl alle Züge mit dem g-Bauern nicht die optimale Lösung waren.

44. ... Tg8 bzw. 43. ... Tc6 könnten noch Remispotenzial haben ...
Karsten Müller Karsten Müller 22.10.2020 09:04
In der Tat ist die Stellung nach 45...g4 für Weiß gewonnen. Aber war 45...g4 auch ein Fehler?
unp065 unp065 21.10.2020 08:13
ja, ich habe von hinten angefangen, weniger Steine, weniger Probleme...Ohne zunächst konkret zu werden, gefällt mir 45...g4 überhaupt nicht, schafft eine unnötige Schwäche. Nachdem Weiß den b-Bauern frei gemacht hat, sehe ich nicht mehr viel für Schwarz, mit dem Bauern auf g5 statt g4 könnte die Verteidigung mit 50... Tb6 halten. Benkö hat wahrscheinlich 56. Tf4 übersehen.
Karsten Müller Karsten Müller 21.10.2020 07:35
Ja richtig:
1) 62...Te4? war der letzte Fehler 62...Tg7 hätte noch remis gehalten.
2) 62.Ke7 statt 62.Tf6? hätte gewonnen.
Aber es gibt vorher noch mehr Fehler...
unp065 unp065 21.10.2020 07:28
schliesslich ist noch die Überschreitung der 6. Reihe durch den weißen König kritisch: also zuletzt Kb5; Th6, Kc5; Ke5, Te1+; Kf6, Kd6 und nun gewinnt einzig Kf7+, was dem schwarzen König den Weg nach e7 verwehrt.
unp065 unp065 21.10.2020 07:17
und 62. Ke7 statt Tf6 hätte gewonnen...Flieht der Bauer mit f5, so kommt Kf6, f4; Kf5, Th4; Kg5 und der f-Bauer fällt, danach ist das Endspiel mit dem h-Bauern wegen der Absperrung auf der 6. Reihe gewonnen mit schönen Pointen: nach Kg5, Th1; Kxf4 scheitert Kd5 an Ta6, Txh5; Ta5+ und auf Kd4 kommt Td6+, falls kann Kc5, so wieder Ta6, Kb5 und dann Th6 und der schwarze König ist eine entscheidende Linie weiter rüber, so dass danach Ke5 folgen kann.
unp065 unp065 21.10.2020 07:09
62. Tg7 ist immer noch Remis. Nach h6 kommt Th7, der schwarze König geht Richtung e4, und sobald Weiß mit Kg8 den Turm abholen will, kommt Txh6, gefolgt von f5, und das ist Remis. Der entscheidende Fehler war also definitiv 62. Te4.
DoktorM DoktorM 21.10.2020 06:44
Smyslow hat recht. Sein König ist aktiver, sein Turm auch.
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