Eröffnungsübersichten in CBM 132

19.10.2009 – Wenn ein Autor auch selbst spielt, worüber er schreibt, ist dies sicher von Vorteil, wenn er zudem eine Variante fast 20 Jahre lang gegen stärkste Gegnerschaft höchst erfolgreich angewendet hat, dann ist alles, was er dazu zu sagen hat, eine Offenbarung. Michal Krasenkow ist der größte Spezialist des Königsinders mit 6.h3. In einem dreiteiligen Beitrag (CBM 132-134) verrät er Ihnen Pläne, Ideen, Varianten und Geheimnisse dieses etwas unterschätzten Systems gegen den Königsinder. Hier ist der komplette Teil 1, in dem Varianten ohne 6...e5 betrachtet werden, vor allem 6...c5 7.d5 e6 steht im Mittelpunkt dieses Beitrages. Weitere 11 Eröffnungsbeiträge finden Sie nur auf der DVD von CBM 132. Krasenkow: Königsindisch mit 6.h3

ChessBase 14 Download ChessBase 14 Download

ChessBase 14 ist die persönliche Schach-Datenbank, die weltweit zum Standard geworden ist. Und zwar für alle, die Spaß am Schach haben und auch in Zukunft erfolgreich mitspielen wollen. Das gilt für den Weltmeister ebenso wie für den Vereinsspieler oder den Schachfreund von nebenan.

Mehr...

 

Königsindisch mit 6.h3 (Teil I)

Von Michal Krasenkow

Anfang der 90er Jahre hatte ich ernste Probleme gegen den Königsinder. Das 'seltene' klassische System mit 9.Sd2, dass ich mehrere Jahre zuvor zu spielen begonnen hatte, wurde nach dem Kasparov-Karpov-Match in Sevilla äußerst populär, und seine Theorie begann zu wachsen wie Godzilla. Daher musste ich mich nach etwas weniger Abgedroschenem umsehen. 1991, während des C'an Picafort Opens, teilte ich ein Zimmer mit dem angehenden Großmeister Igor Khenkin. Vor meiner Partie gegen GM Jeroen Piket klagte ich Igor mein Leid. "Warum spielst du nicht das Bagirov-System?", fragte er. "Welches Bagirov-System?" - "6.h3".

1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.e4 d6 5.Sf3 0-0 6.h3

Igor zeigte mir ein paar Partien von GM Vladimir Bagirov aus aktuellen "Informatoren" (Computer hatten wir noch nicht), welche Weiß recht überzeugend gewann. Mir gefiel die allgemeine Idee des Systems - Einschränkung der aktiven Möglichkeiten des Gegners auf beiden Flügeln, mit der Chance, einen Angriff auf den schwarzen König zu inszenieren. Laut Datenbank wurde es zuerst gepielt im Jahre... 1855 von John Cochrane, in mehreren Partien in Indien (nun ja, sind diese Partien authentisch?), dann gelegentlich angewendet von Meistern wie Reti, Sämisch, Grünfeld, Teichmann, Tarrasch, Bogoljubow, Spielmann, Makogonov, Lilienthal, Tolush, Larsen, Kavalek, Olafsson usw. - es gibt sogar eine Partie von Kasparov (Bagirovs Einfluss?)! Tatsächlich aber war Bagirov derjenige, der das Fundament des strategischen Konzepts des Systems legte. Also beschloss ich, einen Versuch damit zu wagen. Gegen Jeroen ging ich nicht sonderlich überzeugt zu Werke (die Partie endete remis), weitere Erfahrungen aber verliefen wesentlichen erfolgreicher - das 6.h3-System hat mir offenbar von allen Eröffnungen meines Repertoires mit die höchste prozentuelle Punktausbeute beschert.

Der Punkt ist, dass es im Vergleich zu den anderen Systemen im Königsinder in der Praxis relativ selten vorkommt und daher von Schwarzspielern wenig beachtet wird. Gleichzeitig ist das System strategisch keinesfalls simpel. Es erweist sich (vor allem für einen schlecht vorbereiteten Spieler) als sehr schwer, in der weißen Einschränkungsstragegie ein 'Loch' zu finden. Außerdem werden Anziehende, die dieses System regelmäßig anwenden und analysieren, diese Löcher schon im Voraus entdecken und abdichten. Mehr zu all diesen strategischen Feinheiten werde ich Ihnen verraten, wenn wir in Teil II und III die Hauptabspiele des Systems unter die Lupe nehmen. An dieser Stelle sei nur eine Sache erwähnt, die mehr oder weniger Standard ist: Der schwarzfeldrige Läufer des Weißen sollte (wenn möglich) lieber nach g5 gehen statt nach e3, um das schwächende ...h7-h6 zu provozieren. Daher spielt Weiß meist sofort Lc1-g5 und plant die weitere Entwicklung je nach schwarzer Reaktion.

Die Haupterwiderung von Schwarz auf 6.h3 lautet 6...e5. Damit werden wir uns in Teil II und III befassen (geplant für CBM 133 und 134). Werfen wir nun einen Blick auf die zahlreichen Alternativen.

A) ...c7-c6, ...a7-a6, ...b7-b5. Ein bekannter Plan. Falls Schwarz ihn sofort einleitet, entwickelt Weiß einfach seine Figuren, rückt im Zentrum vor (e4-e5) und erhälte eine bequeme Stellung, wie in Manolache,M - Vajda,A ½-½ gezeigt. In manchen Partien versuchte der Nachziehende eine schlauere Zugfolge, mit der er zunächst das Feld e5 unter Kontrolle nahm: 6...Sbd7 7.Lg5 a6, was sich die Möglichkeit zu ...c7-c5 offenhält. In Krasenkow,M - Schmidt,W 1-0 und diversen anderen Partien erwiderte ich erfolgreich 8.Sd2, was die wichtigen Felder c4 und e4 kontrolliert.

B) 6...a6 7.Lg5 c5. Die Idee ist, dass Weiß nicht 8.d5 ziehen kann wegen 8...b5! Aber das Zentrumsspiel beginnend mit 8.dxc5 brachte dem Anziehenden in Kazhgaleyev,M - Evdokimov,A 1-0 und anderen Partien eine angenehme Stellung ein.

C) 6...Sa6. Ein flexibler Zug, der sich zwei Möglichkeiten vorbehält: ...e7-e5 and ...c7-c5. Er ist typisch für diverse Systeme des Königsinders. Hier allerdings ist die weiße Antwort offensichtlich: 7.Lg5,

und nun muss Schwarz entscheiden, was er tun will. Auf 7...c6 gefällt mir 8.Sd2. Weiß steht bereit, 8...e5 mit 9.d5 zu begegnen, und falls der Nachziehende versucht, diese Struktur zu vermeiden, so kann er keinerlei Druck auf das gegnerische Zentrum ausüben. Krasenkow,M - Kempinski,R 1-0 liefert eine interessante Illustration beiderseitigen Manövrierens.

7...De8 ist wahrscheinlich zweckmäßiger, mit der positionellen Drohung 8...e5 9.d5 Sh5. Um dies zu verhindern, sollte Weiß offenbar 8.g4 spielen. Nun führt 8...e5 9.d5 zum Abspiel 6...e5 7.d5 Sa6, welches wir in Teil II erörtern werden. Die Alternative 8...c5 9.Lg2 (9.d5?! e6 ist nunmehr günstige für Schwarz) 9...cxd4 führt zu einer guten Maroczy-Struktur für Weiß mit einer auf e8 absurd stehenden schwarzen Dame. GM Andrey Kovalevs Versuch 9...h5!? erwies sich in Nielsen,P - Michelakis,G 1-0 als ungenügend.

D) 6...c5 7.d5. In dieser Struktur (oft entstehend, wenn Schwarz mit 2...c5 3.d5 und dann 3...g6 usw. folgen lässt) kann Weiß seinen Läufer ungefährdet nach d3 entwickeln. Eines ist allerdings wichtig: Er sollte sich nicht mit der kurzen Rochade beeilen! Falls Schwarz das Zentrum komplett schließt (...e7-e5), wird es zweckmäßiger sein, lang zu rochieren bzw. den weißen König in der Mitte zu belassen. Daher sollte der Anziehende zunächst andere nützliche Züge machen: Lc1-g5, Dd1-d2 usw. Falls sich Schwarz zu ...e7-e6xd5 entschließt, wird dann die kurze weiße Rochade angebracht sein. Bareev,E - Damljanovic,B 1-0 liefert das klassische Beispiel: Schwarz machte seine eigenen nützlichen Züge wie ...Sb8-a6-c7, nahm aber schließlich auf d5. Man beachte bitte, dass er ...h7-h6 zog und Weiß später mit Dd1-d2 ein Tempo gewann.. In einer weiteren bemerkenswerten Partie, Psakhis,L - Chatalbashev,B 1-0, verzichtete der Nachziehende auf ...h7-h6 und konnte sogar ...b7-b5 durchsetzen, dann aber erwies sich die Fesselung auf der Diagonalen h4-d8 als zu lästig.

Eine eigene Geschichte ist das sofortige 7...e6 8.Ld3 exd5. Nun führt 9.cxd5 zu einem beliebten System der Modernen Benoni-Verteidigung (A70), welches außerhalb des Rahmens dieses Artikels liegt. Alternativ kann Weiß auch 9.exd5 spielen. Falls Schwarz nun die kurze Rochade zulässt, behauptet Weiß ein geringes, aber klares Plus aufgrund seines Raumvorteils (Maric,A - Prudnikova,S ½-½ wäre ein Beispiel).

9...De7+ ist ebenfalls nicht nicht so gut, da die Dame hier recht unglücklich steht (siehe Tregubov,P - Evdokimov,A 1-0).

Daher spielt Schwarz meist 9...Te8+ 10.Le3 Lh6 (falls dieser aktive Zug unterbleibt, steht Weiß wieder leicht besser, wie aus den Anmerkungen zu Krasenkow,M - Mikrut,D 1-0 hervorgeht) 11.0-0! Lxe3 12.fxe3.

Nun ist der e3-Bauer kaum zu nehmen (Weiß erlangt aufgrund seines großen Entwicklungsvorsprungs starken Angriff nach 13.Dd2 Te8 14.Dh6 usw.); daher versucht Schwarz, eine Blockade auf dem Feld e5 zu errichten. Aber er hat nach wie vor unter Raummangel zu leiden, während eine Menge Figuren auf dem Brett bleiben. Die Pläne des Anziehenden lauten: Turmverdopplung in der f-Linie, Attacke am Damenflügel mittels a2-a3 und b2-b4; manchmal überführt er auch seine Dame nach g3. Interessant dabei ist, dass der Damentausch nicht unbedingt Schwarz hilft, da seine Dame eine wichtige Verteidigungsfigur darstellt.

Marin,M - Rausis,I 1-0 (wo Schwarz 12...Sbd7 spielte) und Belous,V - Kokarev,D ½-½ (mit 12...De7) veranschaulichen die Ideen der Stellung.

Natürlich fällt diese Übersicht über die Nebenabspiele (vor allem 6...c5) recht kurz aus. Sie überlassen Weiß meist eine angenehme Stellung, mit Spiel 'auf zwei Ergebnisse'. Ein wesentlich wichtigere und prinzipiellere Fortsetzung ist 6...e5.



Discussion and Feedback Join the public discussion or submit your feedback to the editors


Diskutieren

Regeln für Leserkommentare

 
 

Noch kein Benutzer? Registrieren