Eröffnungsübersichten in CBM 137

18.08.2010 – Wenn Weiß im Bogoinder 4.Ld2 spielt, münden die meisten Partien nach 4...De7 in einen indischen Stellungstyp, bei dem Schwarz etwa gedrückt steht, sich aber nach dem Tausch seines schwarzfeldrigen Problemläufers Remischancen ausrechnen darf. Mihail Marin stellt eine ganz andere Variante vor. Nach 4...a5 5.g3 d5 6.Dc2 Sc6 7.Lg2 dxc4 8.Dxc4 Dd5 - siehe Diagramm - kann sich Weiß dem Damentausch nicht entziehen und man landet sofort in einem Endspiel. Wenn man das mag, der die weißen Steine führende Gegner aber nicht, hat man schon mal eine gute Ausgangsposition. Aber auch ganz objektiv gesehen hält unser Autor die Variante für spielbar. Weitere 11 Beiträge finden Sie nur auf der DVD von CBM 137. Taktik, Eröffnungen, Endspiele und mehr bei ChessBase Magazin Online... Marins kompletter Artikel

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Die alte Version einer modernen Variante: der 4...a5-Bogoinder

Von Mihail Marin

 

Nach der Auftaktpartie des Kramnik-Topalov-Matches wurde auf Topebene das folgende Anti-Katalanisch-Abspiel ziemlich populär: 1.d4 Nf6 2.c4 e6 3.Nf3 d5 4.g3 dxc4 5.Bg2 Bb4+ 6.Bd2 a5, mit der Idee, das natürliche 7.Qc2 mit 7...Bxd2+ zu beantworten. Seither habe ich diverse Partien mit diesem Abspiel für die jeweiligen Ausgaben des CBM kommentiert, doch erst bei der Bearbeitung der vierten Partie des Sofia-Matches zwischen Anand und Topalov hatte ich eine plötzliche Offenbarung.

Ich las nämlich zufällig einen Live-Kommentar von Shipov, in dem erwähnte wurde, dass in obiger Stellung Smyslow 7...Nc6 zu spielen pflegte. Eine ganze neue (oder vielmehr längst vergessene) Welt tat sich (erneut) vor meinen Augen auf. Sofort erinnerte ich mich, dass ich als Teenager tief beeindruckt war von dem folgenden Bogoindisch-Abspiel, welches in den 80ern dank der Bemühungen Taimanovs eine gewisse Beliebtheit genoss, wenngleich auch Smyslov, Polugajevsky und Timman es gelegentlich anwendeten: 1.d4 Nf6 2.c4 e6 3.Nf3 Bb4+ 4.Bd2 a5 5.g3 (die ehrgeizigste Fortsetzung, sowohl laut alter als auch neuer Theorie) 5...d5 6.Bg2 dxc4 7.Qc2 Nc6 8.Qxc4 Qd5.

Nach dem siebten weißen Zug ist die Stellung dieselbe wie in dem modernen Anti-Katalanisch-Abspiel, doch die folgende Herangehensweise unterscheidet sich komplett. Statt die Spannung aufzuheben (für manchen mag ...Bxd2+ nicht völlig logisch sein, nur einen Zug, nachdem Schwarz seinen Läufer gedeckt hat), ist Schwarz bestrebt, daraus das Beste herauszuholen. In jenen fernen Jahren erschien mir dies eine höchst raffinierte Weise, Schach zu spielen, und, obwohl ich den Bogoinder niemals in meinem Repertoire hatte, machte es mir Freude, die Partien mit diesem Abspiel aus dem Schakhmatnii Bulletin oder Shakhmati w SSSR nachzuspielen.

Mittlerweile bin ich zu einem Sympathisanten der Katalanischen Eröffnung geworden, was mich sehr neugierig machte herauszufinden, wie ich dieses Abspiel wohl jetzt einschätzen würde. Ich begann, die möglichen Abspiele zu untersuchen, mit dem Ziel, die Spielbarkeit des gesamten System für Schwarz nachzuweisen. Der Zweck des vorliegenden Artikels ist es, meine Eindrücke dem Leser mitzuteilen. Dabei werde ich alle bedeutenden Fortsetzungen für Weiß behandeln, vor allem aber die besten Ideen für Schwarz.

In der Stellung des obigen Diagramms ist die Dame von Weiß angegriffen und der d4-Bauer steht unter Druck. Daher ist seine Auswahl ziemlich begrenzt. Wir haben A) 9.Qxd5 und B) 9.Qd3. Der Charakter des Spiels gestaltet sich in diesen Abspielen völlig unterschiedlich, und wir werden sie separat behandeln.

 

A) 9.Qxd5 exd5

Das Aufheben der Spannung mag wie ein bedeutendes Zugeständis seitens des Weißen wirken, aus praktischer Sicht aber ist die Sache bei weitem nicht klar. Eine Kurzbeschreibung der Stellung suggeriert die Ähnlichkeit mit der Karlsbader Struktur, charakteristisch für die Abtauschvariante des Abgelehnten Damengambits. Dabei gibt es allerdings einige wichtige Elemente, die bedeutsame Unterschiede verursachen.

Der weißfeldrige Läufer des Anziehenden steht nicht optimal für diese Strukur (im Damengambit geht er gewöhnlich nach d3). Dies wird Weiß einige Probleme bereiten, den Minoritätsangriff am Damenflügel zu starten, wonach meist das c4-Feld schwach bleibt.

Andererseits steht der schwarze Damenspringer vor dem eigenen c-Bauern, wodurch ...c6 verhindert wird, was den d5-Bauern festigen und den g2-Läufer zu relativer Passivität verdammen würde. So wie es steht, ist der potentielle Druck gegen d5 ständig zu berücksichtigen. Der Haupttrumpf von Schwarz ist das bislang am Damenflügel eroberte Territorium. Zwei seiner Figuren schaffen eine gespannte Situation, während der Bauer a5 eine wichtige Rolle spielt. Angesichts der Drohung ...a4-a3 wird Weiß einige Felder an diesem Brettabschnitt schwächen müssen. Zum Beispiel würde a2-a4 Schwarz auf b4 dominieren lassen, a2-a3 würde b3 und c4 anfällig machen (nach ...a4), während b2-b3 als Antwort auf ...a4-a3 sowohl c3 als auch b4 schwächen würde! Natürlich haben diese Entwicklungen noch abstrakten Charakter, aber auch sie sind ins Kalkül zu ziehen.

Ein wichtiger Aspekt bezieht sich auf die Stellung der Könige. Weiß würde in den meisten Fällen kurz rochieren, aber Schwarz hat eine breitere Auswahl. Um den vorübergehenden Mangel an struktureller Flexibilität zu kompensieren, könnte der König nach d7 gehen oder (im Fall eines Abtauschs der schwarzfeldrigen Läufer) sogar nach d6, wonach c7 und d5 gut gedeckt wären. Die kurze Rochade bleibt eine wichtige Alternative, doch auch ...0-0-0 ist nicht von der Hand zu weisen. In manchen Fällen würde dies eine zügige Zentralisierung der Türme ermöglichen (falls anschließend ...Rhe8 folgt).

Weiß hat im nächsten Zug eine relativ breite Auswahl. Prüfen werden wir A1) 10.a3, A2) 10.Nc3 und A3) 10.0-0. 10.Bxb4 axb4 wird wahrscheinlich nach 11.0-0 Bg4 durch Zugumstellung zu einem der Unterabspiele von A3) führen.

 

A1) 10.a3 Bxd2+ 11.Nbxd2 wirkt wie eine radikale Methode, die irritierende Figurenspannung aufzuheben und die Entwicklung des Damenflügels zu beschleunigen.

Doch die Anfälligkeit des b3-Feldes bietet Schwarz einen klaren Damenflügelplan. Zudem ist der Läufertausch langfristig meist zu seinen Gunsten, da ihm dies einige Stabilität auf den dunklen Feldern sichert. Siehe Arambel,S - Soppe,G 0-1.

 

A2) 10.Nc3 sieht wie ein natürlicher Entwicklungszug aus, hat aber den bedeutenden Nachteil, die Spannung auf leicht passive Weise aufzuheben. In der nächsten Partiephase wird allein Schwarz derjenige sein, der auf der Diagonalen a5-e1 Druck ausübt.

Die Partie Browne,W - Smyslov,V 0-1 ist eine wunderbare Illustration der strategischen Hauptideen von Schwarz in dieser Eröffnung.

 

A3) Nach dem Ausschlussprinzip ist als konstruktivste Fortsetzung somit 10.0-0 anzusehen.

Weiß hält den status quo am Damenflügel aufrecht, indem er einen generell nützlichen Zug macht (aus der vorigen Partie wissen wir bereits, dass der weiße König im Zentrum nicht allzu sicher steht). In dieser Stellung hat Schwarz diverse Züge erprobt, von denen die meisten allerdings Weiß große Manövrierfreiheit überlassen. Polugaevsky,L - Taimanov,M 1-0 ist ein gutes Beispiel, was passieren kann, wenn die weiße Kräftekonzentration außer Kontrolle gerät.

Ich glaube, dass Schwarz energisch agieren sollte, was 10...Bg4 zum Hauptkandidaten macht.

Schwarz erhöht seinen Druck im Zentrum und droht, den d4-Bauern zu gewinnen. Wie wir wissen, ist Rochieren keine hohe Priorität für ihn. Der König wird sich je nach den Umständen den richtigen Platz suchen.

Weiß hat zwei Hauptwege, den Bauern zu verteidigen A31) 11.e3 und A32) 11.Be3. Der Abtausch 11.Bxb4 axb4 ist ein Zugeständnis und hat keinen eigenständigen Wert. Nach 12.e3 Ne4 würde das Spiel zu einer Untervariante von A31) übergehen.

 

A31) 11.e3 wirkt wie ein solider Weg, das schwarze Figurenaktivität im Zaum zu halten.

Auf der Negativseite dieses Zuges können wir die Tatsache erwähnen, dass auch die Aktivität des eigenen schwarzfeldrigen Läufers eingeschränkt wird. Diesen Teilerfolg sollte Schwarz ausbauen mit einem weiteren aktiven Zug, der den Druck erhöht.

Also 11...Ne4, wonach Weiß bereits eine Entscheidung treffen muss.

12.Bxb4 axb4 verbessert nur die Stellung von Schwarz, wie in Vladimirov,B - Taimanov,M 0-1.

 

12.Bc3 ist konsequenter.

Weiß droht noch nicht, mit seiner Entwicklung fortzufahren (Nbd2 würde einen Bauern verlieren), aber Schwarz hat keine günstige Möglichkeit, die Spannung aufzuheben. Ein Tausch auf c3 würde nach bxc3 das weiße Zentrum stärken. In meinen Anmerkungen zu Arkell,K - Speelman,J ½-½ habe ich ein paar Vorschläge für Schwarz gemacht, wobei auch einige der verborgenen strategischen Gefahren enthüllt werden.

Im Großen und Ganzen ist 11.e3 ein guter Zug, allerdings sollte sich Schwarz nicht allzu bedroht fühlen.

 

A32) 11.Be3 ist raffinierter.

Zugegeben, vor dem e-Bauern steht der Läufer nicht gut, aber dies ist eine Übergangslösung. Das Wichtige dabei ist, die Diagonale c1-h6 offenzuhalten, was ein späteres Bf4 oder Bg5 erlaubt.

Schwarz hat hier viele Züge versucht, und ich muss einräumen, dass es mir schwerfiel, meine Wahl zu treffen.

Erwähnen möchte ich, dass Schwarz nicht mit 11...Ne7 (Plan ...Nf5) versuchen sollte, den Läufer zu belästigen, und zwar wegen 12.Bf4!, siehe Gaprindashvili,N - Taimanov,M 0-1.

Der aktivste und wohl auch beste Zug ist 11...Ne4.

Obwohl der Springer nichts Konkretes droht, macht er die weitere Entwicklung von Weiß doch recht schwierig. Nachdem ihm die nützlichen Züge ausgegangen sind, wird Schwarz sich in naher Zukunft entscheiden müssen. Zu 12.Rc1 siehe Kuligowski,A - Pokojowczyk,J 1-0, und zu 12.h3 siehe Burger,K - Taimanov,M ½-½.

Ich würde schlussfolgern, dass A) 9.Qxd5 zu interessantem Spiel führt, Schwarz aber bei genauem Spiel auf völligen Ausgleich rechnen kann.

 

B) 9.Qd3 ist einen Tick beliebter und stellt Schwarz vor eine größere Herausforderung.

Nachdem ich Smyslovs Namen in der Einleitung erwähnt habe, möchte ich hinzufügen, dass er in dem Abspiel 9...0-0 10.Nc3 Qh5 mehrmals den Standpunkt von Schwarz verteidigte.

Allerdings sind die Partien Akopian,V - Smyslov,V ½-½ und Tukmakov,V - Smyslov,V ½-½ nicht wirklich verlockend für den Nachziehenden.

 

Die Variante, die mich als Teenager beeindruckt hatte, geht weiter mit 9...Qe4.

Die starke Drohung ...Qxd3 zwingt Weiß zum Damentausch mit 10.Qxe4 (zu erwähnen ist, dass nach 10.Qc4? Schwarz etwas viel Besseres hat, als ins Remis durch Zugwiederholung einzuwilligen, nämlich 10...b5! wie in Tatai,S - Taimanov,M 0-1). Nach 10...Nxe4 wird ein erster kritischer Moment der Variante erreicht.

Verglichen mit Abspiel A) hat Schwarz weniger Kontrolle im Zentrum (sein Bauer ist auf e6 statt auf d5), aber sein Königsspringer steht aktiver (manche würden hinzufügen: auch unsicherer!). Das erklärte kurzfristige Ziel des Nachziehenden lautet, mit ...Nxd2 das Läuferpaar zu erobern. Langfristig wird er seinen a-Bauern vorrücken mit der Absicht, dieselbe Art von Schwäche zu verursachen wie im Abspiel A).

Das Problem von Weiß ist, dass er nicht rochieren kann, da nach dem Generalabtausch auf d2 der d4-Bauer hängen würde. Seine Hauptfortsetzungen lauten B1) 11.a3 und B2) 11.Bxb4. Bezüglich weniger geläufiger Züge siehe Meyer,P - Cladouras,P 0-1.

 

B1) Die Haupttabyia der Variante entsteht nach 11.a3 Nxd2 12.Nbxd2 Be7 (Schwarz hat im 12. Zug auch andere Fortsetzungen versucht, aber die Stellung unten ist diejenige, die mich als Teenager gefesselt hatte).

Die Partie Kouatly,B - Polugaevsky,L 0-1 hatte in jener Epoche starke theoretische Wirkung gehabt. In meinen Kommentaren dazu habe ich einige der Kernaspekte der Stellung aufgezeigt. In Portisch,L - Timman,J ½-½ und Torre,E - Maninang,R 1-0 versuchte Weiß, sein Spiel gegenüber dieser Partie zu verbessern, aber Schwarz gelang es, die Korrektheit seiner Gesamtstrategie nachzuweisen.

Bislang sieht die Sache ermutigend aus. Meine derzeitige Sichtweise ähnelt der einem Vierteljahrhundert zuvor: Schwarz hat Chancen, seinen Gegner in einer schwerblütigen strategischen Schlacht ohne Damen auf dem Brett zu überspielen. Dennoch versetzte es mir einen unerwarteten Schlag, als ich etwas bemerkte, nämlich das weniger populäre:

 

B2) 11.Bxb4

Nach Untersuchung des unter A) gruppierten Variantenzweiges sind wir die Tatsache gewohnt, dass dies ein strategisches Zugeständnis darstellt. Doch bei weit offener langer Diagonale liegt die Sache anders.

 

Die wünschenswerteste Reaktion ist 11...axb4.

Aber wie durch die Partie Biriukov,O - Faibisovich,V 1-0 an Licht kommt, stellt der Bauer b4 eher eine Schwäche dar als einen Trumpf.

 

Besser fährt Schwarz mit 11...Nxb4.

Schwarz macht unter Zeitgewinn den Weg für den c-Bauern frei, was eine kleine Errungenschaft darstellt. Dabei wird der König im Zentrum gut stehen, da er zur Verteidigung des Damenflügels beiträgt, während sich sein Rivale mit 0-0 "aus dem Spiel" begeben muss.

Das übervorsichtige 12.Na3 ist harmlos, siehe Sosonko,G - Hartmann,W ½-½.

Einen besseren Versuch, auf Vorteil zu spielen, bildet das ehrgeizigere 12.0-0!

Schwarz hat keinen unmittelbaren Weg zum Ausgleich, kann aber eine solide Verteidigungsstellung errichten, basierend auf der Präsenz des Königs im Zentrum. In Beliavsky,A - Ljubojevic,L 0-1 sah die Sache an einer Stelle für den Nachziehenden ein wenig schwierig aus, trotzdem ging er aus den Komplikationen unbeschadet hervor und gewann am Ende auf Zeit.

In Vaulin,A - Faibisovich,V ½-½ hatten die Ereignisse langsameren Charakter, gleichwohl gelang es Schwarz, sich zu halten.

 

Fazit: Obwohl ich ausgesprochen enttäuscht bin über die Tatsache, dass im Abspiel B2) 11...axb4 nicht zu empfehlen ist, glaube ich, dass diese ganze altmodische Variante des Bogoinders für Schwarz spielbar bleibt. Ich vermute, die Skepsis der Engines wird manchmal verursacht durch den Umstand, dass sich der schwarze König im Zentrum befindet (aus menschlicher Sicht ist dies eigentlich ein Vorteil!). Spieler mit guter Endspieltechnik werden sich mit Schwarz sehr zuhause fühlen. Obwohl es, wie oben erwähnt, für Schwarz selten einen unmittelbaren Weg zu klarem Ausgleich gibt, kann Weiß dem Spiel keinen einseitigen Verlauf geben. Seine Damenflügelschwächen verursachen ihm meist langfristige Probleme, mit bei Vereinfachungen steigendem Risikograd.



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