Eröffnungsübersichten in CBM 146

07.03.2012 – Die 11 Eröffnungsbeiträge der Februar-Ausgabe des ChessBase Magazins bestehen wieder aus einer bunten Mischung: Englisch, Sizilianisch, Französisch, Spanisch, Damengambit, Nimzoindisch sowie weitere Eröffnungen stehen auf der Inhaltsliste. Teilweise werden Überraschungswaffen vorgestellt, zum anderen geht's aber auch um die aktuelle Toptheorie. Eindeutig zu Letzterer gehört der Beitrag von Evgeny Postny. Der israelische Großmeister untersucht Aronians 8.0-0 (siehe Diagramm), womit der Armenier das Schlagen auf c4 zurückstellte. Der komplette Artikel von Evgeny Postny

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Eine neue Idee im Damengambit

Von Evgeny Postny


Thema der aktuellen Übersicht ist die Variante 1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sc3 Le7 4.Sf3 Sf6 5.Lf4 0-0 6.e3 Sbd7 7.Le2.

Das sogenannte "abgelehnte Damengambit" hat eine lange Geschichte und viele Höhen und Tiefen erlebt. Nach den Kandidatenwettkämpfen in Kazan im Mai 2011, wo diese Eröffnung in einer großen Zahl von Partien vorkam, erhielt es einen neuen Schub. Im letzten halben Jahr ist die Erwiderung 1...d5 praktisch zur Hauptwaffe von Schwarz gegen 1.d4 geworden. Weiß hat es schwer, auch nur einen Minimalvorteil zu erreichen. Es fällt nicht leicht, einen Topspieler zu nennen, der das Damengambit nicht in sein Repertoire aufgenommen hat.

Der Zug 6...Sbd7 hat das frühere Hauptabspiel 6...c5 abgelöst. Die Hauptfortsetzung für Weiß ist 7.c5, was die Stellung schließt und Raum am Damenflügel erobert. Schwarz antwortet entweder mit 7...c6 oder 7...Sh5. Aktuelle Begegnungen wie Gelfand-Adams von der Europameisterschaft für Vereinsmannschaften oder Nakamura-Gelfand vom Tal-Memorial haben bewiesen, dass Schwarz eine felsenfeste Stellung hat.

Der Zug 7.Le2 ist nicht neu, zog aber ernste Aufmerksamkeit auf sich, nachdem bei dem kürzlichen beendeten Tal-Memorial-Superturnier nicht weniger als drei Partien damit gespielt wurden. Der Nachteil ist klar - nach 7...dxc4 wird Weiß ein Tempo verlieren, indem er den Bauern früher oder später wiedernimmt. Weiß beabsichtigt, seine Entwicklung abzuschließen. Dabei verriegelt er nicht das Zentrum und hofft, aus den etwas passiven Figuren von Schwarz Nutzen zu ziehen.

Kommen wir jetzt zu konkreten Varianten.


Wie in der Einleitung erwähnt, ist 7...dxc4 der erste Zug, der einem einfällt, doch stellt dies nicht die einzige Möglichkeit dar. Eine ordentliche Alternative lautet 7...c5. Diese Fortsetzung ist jenen zu empfehlen, die gerne mit einem isolierten Bauern spielen, da nach 8.cxd5 Sxd5 9.Sxd5 exd5 10.dxc5 Sxc5 ein solcher entsteht.

Durchaus eine Isolani-Standardstellung. Mein Eindruck ist, dass Weiß nach 11.Le5 ein leichtes Plus hat, doch insgesamt die Stellung spielbar für Schwarz ist. Siehe die Partie Nisipeanu,L - Le Roux,J ½-½.


Kommen wir jetzt zum Hauptabspiel 7...dxc4.


A) Bislang schlug Weiß automatisch mit 8.Lxc4 zurück. Jetzt ist die präziseste Zugfolge für Schwarz 8...a6! mit der Idee ...b7-b5, und nach 9.a4 c5 10.0-0 cxd4

kann Weiß entweder mit der Dame oder dem Bauern wiedernehmen, doch in beiden Fällen hat Schwarz keinen Grund zur Sorge.

11.Dxd4 - Short,N - Fridman,D ½-½;

11.exd4 - Kempinski,R - Bologan,V 0-1.


B) Nach den Fehlversuchen von Weiß, irgendeinen Vorteil zu erlangen, kam somit der Zug 8.0-0 auf.

Das Schlagen des c4-Bauern hinauszuzögern, wirkt nicht wie eine beeindruckende Verbesserung. Wenn Schwarz versucht, mit 8...a6 9.a4 c5 dem oben erwähnten Abspiel zu folgen, kann Weiß 10.d5 fortsetzen. Mit dem Läufer auf c4 war dies nicht möglich wegen ...Sd7-b6.


B1) In der ersten "Schwergewichts-"Begegnung Aronian,L - Anand,V ½-½ folgte 8...Sd5, wonach der armenische Star die Bedrohung des schwarzfeldrigen Läufers ignorierte und 9.Lxc4! zog. Nach 9...Sxf4 10.exf4 stellte sich heraus, dass Weiß dank eines gewissen Entwicklungsvorsprungs noch immer eine langanhaltende Initiative hat.


B2) Wenige Runden später verbesserte Gelfand die Variante (Aronian,L - Gelfand,B ½-½) mit dem Zug 8...c5, und nach 9.dxc5 Sxc5 10.Lxc4 a6 11.Se5 musste Schwarz für den Ausgleich schwer schuften. Dasselbe Abspiel sah man später auch noch einmal in einer weiteren Begegnung Aronian,L - Anand,V ½-½ in London. Levon war der erste, der mit 11.Sd4 abwich, und diesmal hatte der Weltmeister keinerlei Schwierigkeiten.

Offenbar war Gelfand nicht allzu begeistert von der Stellung, die er bekam, und gleich am nächsten Tag probierte er die Sache mit Weiß! Doch Kramnik als Schwarzer hatte einen neuen Dreh vorbereitet: 10...Dxd1 11.Tfxd1 b6 - Gelfand,B - Kramnik,V ½-½.

Dieselbe Idee wiederholte er gegen Anand bei den London Chess Classic - Anand,V - Kramnik,V ½-½. In beiden Partien hatte Weiß einigen Druck.

Es ist interessant, die Entwicklung des Abspiels innerhalb nur weniger Wochen auf allerhöchstem Niveau zu verfolgen.


Fazit: Alles in allem kann Schwarz zufrieden sein. Weiß muss mit seinen Ambitionen realistisch umgehen und ein paar Nuancen suchen, die eventuell Chancen auf leichten Druck bieten könnten. Der neue Trend 7.Le2 dxc4 8.0-0 kann offenkundig nicht vorgeben, den Aufbau von Schwarz zu widerlegen, stellt aber doch ein paar Eröffnungsprobleme. In allen relevanten Partien aus kürzlichen Superturnieren (dem Tal-Memorial und den London Chess Classic) hatte Schwarz einige Probleme zu lösen. Mehr Partien zu dem Thema werden definitiv folgen, und ich glaube, dass Schwarz schließlich seinen Weg zum Ausgleich finden wird.



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