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Tschechisches Benoni - Klassisches System
Von
Mihail Marin
Gegen die meisten der so genannten indischen
Verteidigungen, in denen Schwarz seinem Gegner gestattet, das Zentrum
mit Bauern zu besetzen, gibt es eine Reihe grundsätzlicher
Aufbaumöglichkeiten für Weiß. Da sind zunächst einmal die aggressiven
Systeme, mit entgegengesetzten Rochaden, wo Weiß seinen g-Bauern
vorrückt, gestützt von entweder f3 oder h3. Spieler subtileren Stils
bevorzugen häufig das Fianchettosystem, welches die Möglichkeit bietet,
Strategie harmonisch mit Taktik bzw. strategischen und dynamischen
Elementen zu kombinieren. Der kritische Test für jede indische
Verteidigung ist aber das jeweilige klassische System, welches in der
natürlichsten Entwicklung von Weiß besteht. Mit der Wahl eines
klassischen Aufbaus verzichtet der Anziehende auf jeden Versuch, die
gegnerische Eröffnung zu widerlegen, und setzt ihn auch nicht von der
ersten Phase der Partie an unter ernsten Druck. Stattdessen verlässt er
sich auf die Tatsache, dass ihm langfristig sein Raumvorteil, kombiniert
mit harmonischer Entwicklung, einen stabilen Vorteil bieten wird.
Vor einigen Jahren nahm ich das Tschechische Benoni als
Alternativwaffe zu meinem bewährten Modernen Benoni und Nimzoinder in
mein Repertoire auf. Die Eröffnung war seit Jahrzehnten aus der Mode
gewesen, hauptsächlich deshalb, weil Ende der 70er Jahre Weiß mit dem
System basierend auf h3, ¥d3,
g4 und irgendwann später 0-0-0 einige vernichtende Siege errungen hatte.
In letzter Zeit wurden für Schwarz neue Ideen gefunden, welche seine
Stellung absolut spielbar machten, und ich erfreute mich an dem
Gedanken, dass man 1.d4 erfolgreich mit einer Eröffnung kontern
kann, die nicht allzu viel theoretisches Wissen erfordert, sondern nur
ein wenig strategisches Verständnis und einige genaue Zugfolgen. Nachdem
ich mich in einer Reihe von Partien mit dem klassischen System
konfrontiert sah, hat sich meine Einstellung erheblich geändert. Zwar
bietet mir das Endergebnis wenig Anlass zur Klage, doch ich begriff,
dass sich Schwarz unter ernstem strategischen Druck befindet und dass
der Kampf für eine lange Zeit ziemlich komplex bleibt. Dies ist der
Grund, weshalb ich beschloss, diesen Artikel der noch nicht so
aktuellen, doch meines Erachtens kritischen klassischen Variante des
Tschechischen Benoni zu widmen.
1.d4 ¤f6 2.c4 c5 3.d5 e5 4.¤c3
d6 5.e4 ¥e7 6.¤f3
0-0 7.¥e2

Da haben wir's: keine unmittelbare Aggression, einfach normale
Entwicklung. Weiß rechnet mit der Tatsache, dass sein Raumvorteil über
lange Zeit Bestand haben wird, solange es ihm nur gelingt, die Harmonie
zwischen seinen Figuren aufrechtzuerhalten.
Wie meist im Tschechischen Benoni hat Schwarz zwei strategische
Hauptideen. Er sollte aktives Gegenspiel am Königsflügel sowie den
Abtausch der schwarzfeldrigen Läufer anstreben. Am Damenflügel ist wenig
zu holen. Da ...a6 nebst ...b5, wenn der weiße König sicher am anderen
Flügel steht, praktisch nichts erreicht, sollte Schwarz nichts weiter
tun, als die Stellung so geschlossen zu halten wie möglich. Ein wenig
vorgreifend würde ich sagen, so einseitig ist es auch wieder nicht, im
Moment aber wollen wir uns auf den Königsflügel konzentrieren.
Um adäquates Gegenspiel zu erlangen, sollte Schwarz versuchen, die
erwähnten strategischen Ideen zu kombinieren. Einzeln ausgeführt werden
sie wahrscheinlich schmerzlich scheitern. Verfrühte Aktivität basieren
auf 7...¤e8 und 8...f5
hinterlässt eine Schwäche auf dem Feld e4. Um Weiß daran zu hindern,
selbiges bequem zu besetzen, muss Schwarz die Entwicklung seines
Damenflügels vernachlässigen, mit ziemlich unangenehmen Konsequenzen.
Siehe die Partie
Euwe,M - Milic,B 1-0.
Nach 7...¤e8 8.0-0 ist
es möglich, mit 8...¥g4 den
zweiten Hauptplan auszuführen. Die Idee lautet, den f3-Springer zu
tauschen/vertreiben, um mit ...¥g5.
den Abtausch der schwarzfeldrigen Läufer zu ermöglichen. Obwohl dieser
Plan keine bedeutenden Schwächen im schwarzen Lager hinterlässt, hat er
doch den Nachteil, dass Weiß auf diese Weise schnell seine Entwicklung
abschließen kann, was ihm wiederum erlaubt, mit f4 aktive Operationen am
Königsflügel zu starten. Siehe
Rivera,A - Bellon Lopez,J 1-0.
Ein erfahrener Leser würde anmerken, dass in diesen zwei Partien
Schwarz die Eröffnung ziemlich böse misshandelte. Dies ist zum Teil
richtig, aber durch deren Erwähnung wollte ich die Tatsache
unterstreichen, dass der Nachziehende einen komplexeren Plan ausarbeiten
sollte, bei dem die strategischen Drohungen ...f5 und ...¥g5
mit dem Hintergrund harmonischer Entwicklung und Verbesserung der
Figurenstellung kombiniert werden.
Die Haupttabyia des klassischen System entsteht nach 7...¤bd7
8.0-0 ¤e8 (die Springer können
natürlich auch in anderer Reihenfolge gezogen werden). Von beiden
Themazügen ist Schwarz noch weit entfernt, aber er plant die
Umgruppierung mit ...g6 und ...¤g7,
wonach weiteres ...f5 so attraktiv wird, als wäre es ein Königsinder.

Die Partie
Garcia,G - Gheorghiu,F 0-1, in der 9.£c2
(?!) geschah, ist ein klares Indiz, wie schwer es für beide Seiten
ist, die Orientierung zu wahren. Schwarz war erfolgreich, was nichts mit
dem Ergebnis der Eröffnung zu tun hatte. Beide Spieler begingen
Ungenauigkeiten, vor allem insofern, dass Weiß zu leicht den Abtausch
der schwarzfeldrigen Läufer zuließ und dass der Nachziehende dies nicht
ausnutzte!
Tatsächlich scheint dies ein ernstes psychologisches Problem für
Schwarz zu sein. Es gibt viele Partien zwischen erfahrenen Spielern, in
denen der Nachziehende auf ...¥g5
zugunsten des optisch aggressiveren ...g6, ...¤g7
und ...f5 verzichtete. Ich kenne diese Situation aus eigener Erfahrung.
Hier ist die Partie
Panelo Munoz,M - Marin,M ½-½, in der das Endresultat für Schwarz
akzeptabel war, das Ergebnis der Eröffnung aber wahrscheinlich nicht.
Es ist an der Zeit, die endgültigen Konsequenzen von ...¥g5
zu bewerten. Siehe
Nielsen,P - Carlsen,M 0-1.
Da der Abtausch der Läufer die strategischen Möglichkeiten von Weiß
erheblich einschränkt, ist dieser gut beraten, eine Möglichkeit zu
finden, selbigen zu vermeiden. Nach 9.a3 g6 10.¥h6
(es gibt keine Grund, diesen natürlichen Zug zu unterlassen) 10...¤g7
muss er mit 11.£d2 (oder
11.b4 b6 12.£d2) die
Diagonale c1-h6 unter Kontrolle nehmen. Nun ist ...f5 nicht sonderlich
verlockend wegen ¤g5 - ein
weiterer Vorteil der Damenentwicklung nach d2. Die Standardmethode von
Schwarz, den lästigen h6-Läufer zu vertreiben, ist 11...¤f6
mit der Drohung ...¤g4
(die Zugnummern im folgenden Absatz sind nur indikativ, weil das Zugpaar
b4, ...b6 bzw. bxc5, ...bxc5 eingeschaltet werden kann).

Dies ist ein guter Moment für Weiß, mit 12.¤e1
den Springertransfer nach d3 einzuleiten. Nach 12...¢h8
sollte er nicht mit dem voreiligen 13.f4 von diesem Plan abweichen, und
zwar wegen 13...¤g8! wie in
der Partie
Malich,B - Polugaevsky,L ½-½.
Das Hauptabspiel verläuft mit 13.¤d3
¤g8, wonach Schwarz seine
Standardumgruppierung vollzogen hat, doch nach 14.¥e3
hat Weiß die Lage im Griff. Der Abtausch der Läufer ist unmöglich,
während 14...f5 hinlänglich mit 15.f4 beantwortet werden
kann.

Die Situation bleibt komplex, doch Weiß wahrt Chancen auf Initiative.
Siehe
Miton,K - Marin,M ½-½.
Obwohl Schwarz sich in dieser letzten Partie halten konnte, ist zu
spüren, dass er lange Zeit unter gewissem Druck stand. Die direkte
Konfrontation im Zentrum hat die Philosophie von Weiß im klassischen
System ziemlich gut illustriert. Es sollte uns nicht wundern, dass der
Nachziehende jahrzehntelang bestrebt war, in früherer Phase von diesem
natürlichen Verlauf der Ereignisse abzuweichen.
Eine wichtige Idee dabei lautet, den Konfrontationsbereich
auszudehnen. Kurioserweise ist der unschuldig wirkende Zug ...a6 (droht
nicht wirklich ...b5, nimmt aber das Feld b5 unter Kontrolle und
bereitet die Räumung der siebten Reihe für den Turm vor) ein
wesentliches Element einer solchen Herangehensweise.
Uhlmann,W - Vasiukov,E ½-½ gibt ein klassisches Beispiel, wie
effektiv dieser Weg zur Neutralisierung der weißen Initiative sein kann.
Die moderne Interpretation des Spiels auf beiden Flügeln sieht man
schließlich in der hoch aktuellen Partie
Stern,R - Nisipeanu,L 0-1.
Ich würde schlussfolgern, dass die scheinbar blockierte und öde
Stellung, charakteristisch für die klassischen Systeme des Tschechischen
Benoni, für beide Seiten zahlreiche Feinheiten birgt. Die Position von
Schwarz ist spielbar, doch die lang anhaltende Initiative von Weiß nicht
zu unterschätzen. Wie meist in den klassischen Systemen gegen die
indischen Verteidigungen fällt "konkrete" Theorie nicht so ins Gewicht,
und der versiertere Spieler wird wahrscheinlich gewinnen. |