Eröffnungsübersichten in ChessBase Magazin 120

19.10.2007 – Die hohe Qualität der Eröffnungsübersichten im ChessBase Magazin seit CBM 113 ist sicher für viele Anwender ein klares Kaufargument. Ob da Neuerungen präsentiert werden oder Übersichten bzw. Repertoirevorschläge - der Anwender hat stets einen hohen Gewinn. Zu jeder Ausgabe des ChessBase Magazins können Sie hier auch Kurzbeschreibungen der einzelnen Eröffnungsbeiträge einsehen. Damit Sie sich ein genaueres Bild machen können, haben wir hier einen Beitrag in voller Länge und mit allen kommentierten Partien. Für die Fans des Tschechischen Benonis wird es zudem eine wunderbare Ergänzung zur DVD "The ABC of the Czech Benoni" von Andrew Martin sein. Marin: Tschechisches Benoni...

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Tschechisches Benoni - Klassisches System

Von Mihail Marin

 

Gegen die meisten der so genannten indischen Verteidigungen, in denen Schwarz seinem Gegner gestattet, das Zentrum mit Bauern zu besetzen, gibt es eine Reihe grundsätzlicher Aufbaumöglichkeiten für Weiß. Da sind zunächst einmal die aggressiven Systeme, mit entgegengesetzten Rochaden, wo Weiß seinen g-Bauern vorrückt, gestützt von entweder f3 oder h3. Spieler subtileren Stils bevorzugen häufig das Fianchettosystem, welches die Möglichkeit bietet, Strategie harmonisch mit Taktik bzw. strategischen und dynamischen Elementen zu kombinieren. Der kritische Test für jede indische Verteidigung ist aber das jeweilige klassische System, welches in der natürlichsten Entwicklung von Weiß besteht. Mit der Wahl eines klassischen Aufbaus verzichtet der Anziehende auf jeden Versuch, die gegnerische Eröffnung zu widerlegen, und setzt ihn auch nicht von der ersten Phase der Partie an unter ernsten Druck. Stattdessen verlässt er sich auf die Tatsache, dass ihm langfristig sein Raumvorteil, kombiniert mit harmonischer Entwicklung, einen stabilen Vorteil bieten wird.

Vor einigen Jahren nahm ich das Tschechische Benoni als Alternativwaffe zu meinem bewährten Modernen Benoni und Nimzoinder in mein Repertoire auf. Die Eröffnung war seit Jahrzehnten aus der Mode gewesen, hauptsächlich deshalb, weil Ende der 70er Jahre Weiß mit dem System basierend auf h3, ¥d3, g4 und irgendwann später 0-0-0 einige vernichtende Siege errungen hatte. In letzter Zeit wurden für Schwarz neue Ideen gefunden, welche seine Stellung absolut spielbar machten, und ich erfreute mich an dem Gedanken, dass man 1.d4 erfolgreich mit einer Eröffnung kontern kann, die nicht allzu viel theoretisches Wissen erfordert, sondern nur ein wenig strategisches Verständnis und einige genaue Zugfolgen. Nachdem ich mich in einer Reihe von Partien mit dem klassischen System konfrontiert sah, hat sich meine Einstellung erheblich geändert. Zwar bietet mir das Endergebnis wenig Anlass zur Klage, doch ich begriff, dass sich Schwarz unter ernstem strategischen Druck befindet und dass der Kampf für eine lange Zeit ziemlich komplex bleibt. Dies ist der Grund, weshalb ich beschloss, diesen Artikel der noch nicht so aktuellen, doch meines Erachtens kritischen klassischen Variante des Tschechischen Benoni zu widmen.

 

1.d4 ¤f6 2.c4 c5 3.d5 e5 4.¤c3 d6 5.e4 ¥e7 6.¤f3 0-0 7.¥e2

Da haben wir's: keine unmittelbare Aggression, einfach normale Entwicklung. Weiß rechnet mit der Tatsache, dass sein Raumvorteil über lange Zeit Bestand haben wird, solange es ihm nur gelingt, die Harmonie zwischen seinen Figuren aufrechtzuerhalten.

Wie meist im Tschechischen Benoni hat Schwarz zwei strategische Hauptideen. Er sollte aktives Gegenspiel am Königsflügel sowie den Abtausch der schwarzfeldrigen Läufer anstreben. Am Damenflügel ist wenig zu holen. Da ...a6 nebst ...b5, wenn der weiße König sicher am anderen Flügel steht, praktisch nichts erreicht, sollte Schwarz nichts weiter tun, als die Stellung so geschlossen zu halten wie möglich. Ein wenig vorgreifend würde ich sagen, so einseitig ist es auch wieder nicht, im Moment aber wollen wir uns auf den Königsflügel konzentrieren.

Um adäquates Gegenspiel zu erlangen, sollte Schwarz versuchen, die erwähnten strategischen Ideen zu kombinieren. Einzeln ausgeführt werden sie wahrscheinlich schmerzlich scheitern. Verfrühte Aktivität basieren auf 7...¤e8 und 8...f5 hinterlässt eine Schwäche auf dem Feld e4. Um Weiß daran zu hindern, selbiges bequem zu besetzen, muss Schwarz die Entwicklung seines Damenflügels vernachlässigen, mit ziemlich unangenehmen Konsequenzen. Siehe die Partie Euwe,M - Milic,B 1-0.

Nach 7...¤e8 8.0-0 ist es möglich, mit 8...¥g4 den zweiten Hauptplan auszuführen. Die Idee lautet, den f3-Springer zu tauschen/vertreiben, um mit ...¥g5. den Abtausch der schwarzfeldrigen Läufer zu ermöglichen. Obwohl dieser Plan keine bedeutenden Schwächen im schwarzen Lager hinterlässt, hat er doch den Nachteil, dass Weiß auf diese Weise schnell seine Entwicklung abschließen kann, was ihm wiederum erlaubt, mit f4 aktive Operationen am Königsflügel zu starten. Siehe Rivera,A - Bellon Lopez,J 1-0.

Ein erfahrener Leser würde anmerken, dass in diesen zwei Partien Schwarz die Eröffnung ziemlich böse misshandelte. Dies ist zum Teil richtig, aber durch deren Erwähnung wollte ich die Tatsache unterstreichen, dass der Nachziehende einen komplexeren Plan ausarbeiten sollte, bei dem die strategischen Drohungen ...f5 und ...¥g5 mit dem Hintergrund harmonischer Entwicklung und Verbesserung der Figurenstellung kombiniert werden.

Die Haupttabyia des klassischen System entsteht nach 7...¤bd7 8.0-0 ¤e8 (die Springer können natürlich auch in anderer Reihenfolge gezogen werden). Von beiden Themazügen ist Schwarz noch weit entfernt, aber er plant die Umgruppierung mit ...g6 und ...¤g7, wonach weiteres ...f5 so attraktiv wird, als wäre es ein Königsinder.

Die Partie Garcia,G - Gheorghiu,F 0-1, in der 9.£c2 (?!) geschah, ist ein klares Indiz, wie schwer es für beide Seiten ist, die Orientierung zu wahren. Schwarz war erfolgreich, was nichts mit dem Ergebnis der Eröffnung zu tun hatte. Beide Spieler begingen Ungenauigkeiten, vor allem insofern, dass Weiß zu leicht den Abtausch der schwarzfeldrigen Läufer zuließ und dass der Nachziehende dies nicht ausnutzte!

Tatsächlich scheint dies ein ernstes psychologisches Problem für Schwarz zu sein. Es gibt viele Partien zwischen erfahrenen Spielern, in denen der Nachziehende auf ...¥g5 zugunsten des optisch aggressiveren ...g6, ...¤g7 und ...f5 verzichtete. Ich kenne diese Situation aus eigener Erfahrung. Hier ist die Partie Panelo Munoz,M - Marin,M ½-½, in der das Endresultat für Schwarz akzeptabel war, das Ergebnis der Eröffnung aber wahrscheinlich nicht.

Es ist an der Zeit, die endgültigen Konsequenzen von ...¥g5 zu bewerten. Siehe Nielsen,P - Carlsen,M 0-1.

Da der Abtausch der Läufer die strategischen Möglichkeiten von Weiß erheblich einschränkt, ist dieser gut beraten, eine Möglichkeit zu finden, selbigen zu vermeiden. Nach 9.a3 g6 10.¥h6 (es gibt keine Grund, diesen natürlichen Zug zu unterlassen) 10...¤g7 muss er mit 11.£d2 (oder 11.b4 b6 12.£d2) die Diagonale c1-h6 unter Kontrolle nehmen. Nun ist ...f5 nicht sonderlich verlockend wegen ¤g5 - ein weiterer Vorteil der Damenentwicklung nach d2. Die Standardmethode von Schwarz, den lästigen h6-Läufer zu vertreiben, ist 11...¤f6 mit der Drohung ...¤g4 (die Zugnummern im folgenden Absatz sind nur indikativ, weil das Zugpaar b4, ...b6 bzw. bxc5, ...bxc5 eingeschaltet werden kann).

Dies ist ein guter Moment für Weiß, mit 12.¤e1 den Springertransfer nach d3 einzuleiten. Nach 12...¢h8 sollte er nicht mit dem voreiligen 13.f4 von diesem Plan abweichen, und zwar wegen 13...¤g8! wie in der Partie Malich,B - Polugaevsky,L ½-½.

Das Hauptabspiel verläuft mit 13.¤d3 ¤g8, wonach Schwarz seine Standardumgruppierung vollzogen hat, doch nach 14.¥e3 hat Weiß die Lage im Griff. Der Abtausch der Läufer ist unmöglich, während 14...f5 hinlänglich mit 15.f4 beantwortet werden kann.

Die Situation bleibt komplex, doch Weiß wahrt Chancen auf Initiative. Siehe Miton,K - Marin,M ½-½.

Obwohl Schwarz sich in dieser letzten Partie halten konnte, ist zu spüren, dass er lange Zeit unter gewissem Druck stand. Die direkte Konfrontation im Zentrum hat die Philosophie von Weiß im klassischen System ziemlich gut illustriert. Es sollte uns nicht wundern, dass der Nachziehende jahrzehntelang bestrebt war, in früherer Phase von diesem natürlichen Verlauf der Ereignisse abzuweichen.

Eine wichtige Idee dabei lautet, den Konfrontationsbereich auszudehnen. Kurioserweise ist der unschuldig wirkende Zug ...a6 (droht nicht wirklich  ...b5, nimmt aber das Feld b5 unter Kontrolle und bereitet die Räumung der siebten Reihe für den Turm vor) ein wesentliches Element einer solchen Herangehensweise. Uhlmann,W - Vasiukov,E ½-½ gibt ein klassisches Beispiel, wie effektiv dieser Weg zur Neutralisierung der weißen Initiative sein kann.

Die moderne Interpretation des Spiels auf beiden Flügeln sieht man schließlich in der hoch aktuellen Partie Stern,R - Nisipeanu,L 0-1.

 

Ich würde schlussfolgern, dass die scheinbar blockierte und öde Stellung, charakteristisch für die klassischen Systeme des Tschechischen Benoni, für beide Seiten zahlreiche Feinheiten birgt. Die Position von Schwarz ist spielbar, doch die lang anhaltende Initiative von Weiß nicht zu unterschätzen. Wie meist in den klassischen Systemen gegen die indischen Verteidigungen fällt "konkrete" Theorie nicht so ins Gewicht, und der versiertere Spieler wird wahrscheinlich gewinnen.


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