Eröffnungsübersichten in ChessBase Magazin 123

05.05.2008 – Es hat sich schon herumgesprochen, dass Teimour Radjabov (aber z.B. auch Vadim Zvjaginsev) in schöner Regelmäßigkeit das Jänisch-Gambit in der Spanischen Eröffnung anwendet, egal, wie stark die Gegner auch sein mögen. Fast ausschließlich bekommt er es mit 4.d3 zu tun, weder Anand, Topalov oder Carlsen vermochte über ein Remis hinauszukommen. Aber warum nicht 4.Sc3, ist das doch die eigentliche Hauptfortsetzung? In einer Eröffnungsübersicht für CBM 123 (von 11 insgesamt) versucht Evgeny Postny erste Antworten zu geben. Hier können Sie den kompletten Beitrag einsehen und auf Wunsch herunterladen. Mehr Eröffnungsübersichten in CBM 123, im Shop kaufen... Beschreibung des Beitrages im Heft CBM 123...Postny: Spanisch mit 3...f5

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Das Jänisch-/Schliemann-Gambit mit 4.¤c3 - Teil 1

Von Evgeny Postny

Thema der aktuellen Übersicht ist die folgende Eröffnungsvariante: 1.e4 e5 2.¤f3 ¤c6 3.¥b5 f5 4.¤c3 fxe4 5.¤xe4 ¤f6 6.£e2

Dies ist die so genannte Schliemann-Verteidigung, in weiten Teilen der Schachwelt allerdings besser als Karl-Jänisch-Gambit bekannt. Die Geschichte dieser Eröffnung reicht bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Der dritte Zug von Schwarz lässt an seinen aggressiven Absichten keinen Zweifel, daher ist Gambit in diesem Fall ein treffenderer Name.

Ein Schachspieler, der dieses Gambit zum ersten Mal sieht, würde wohl unwillkürlich eine Assoziation mit dem Königsgambit herstellen (1.e4 e5 2.f4). Auf den ersten Blick wirkt der Zug 3...f5 ziemlich dubios und erweckt sogar den Eindruck von Verantwortungslosigkeit seitens des Nachziehenden. Mit einem Tempo weniger schwächt Schwarz gleich zu Beginn den Schutz seines Königs. Doch die Theorie des Jänisch-Gambit hat sich nach und nach entwickelt, und überraschenderweise wurde keine klare Widerlegung gefunden. Die Hauptidee von Schwarz besteht darin, den weißen e4-Bauern zu eliminieren und anschließend mit d7-d5 Raum im Zentrum zu erobern. Zu diesem Zweck ist er gewöhnlich bereit, einen oder gar mehrere Bauern zu opfern. Mit der Entwicklung der klassischen Schachschule im 20. Jahrhundert und dem ständigen Anwachsen der Theorie in den Hauptabspielen des Spaniers wurde das Jänisch-Gambit auf ein Nebengleis der Eröffnungstheorie abgeschoben. Später dann, mit der Entwicklung von Schachengines, waren viele Gambits gar nicht mehr spielbar. Die unmenschliche Silikonkiste schnappt sich einfach alles geopferte Material und pariert kühn und unbekümmert sämtliche Drohungen. Aber mit der Anwendung des Jänisch-Gambits setzt Schwarz nicht unbedingt auf "alles oder nichts". Oftmals basiert sein Spiel auf rein positioneller Grundlage. Das Interesse am Jänisch-Gambit wurde wiedererweckt. Zu verdanken ist dies in erster Linie Spitzengroßmeister Teimour Radjabov, der es im Jahr 2007 und sogar 2008 gegen stärkste Gegnerschaft regelmäßig anwandte. Er war nicht der Einzige. Von Zeit zu Zeit lassen auch einige andere Topleute das Jänisch-Gambit vom Stapel, z.B. Aronian, Zvjaginsev und andere.

Jahrzehnte hindurch stellte der Zug 4.¤c3 immer die Hauptwaffe von Weiß gegen das Jänisch-Gambit dar. Die Stellung im ersten Diagramm bildet den Ausgangspunkt eines der Hauptabspiele und ist in der Praxis Hunderte von Malen vorgekommen. Weiß setzt auf eine Strategie der schnellen Mobilisierung, wobei er versucht, aus seinem zeitweiligen Entwicklungsvorsprung Nutzen zu ziehen. Die Dame auf e2 schafft direkte Drohungen gegen den schwarzen Monarchen sowie den Bauern e5. Um eine unmittelbare Katastrophe zu vermeiden, muss Schwarz sehr genau und kreativ spielen. Sämtliche Optionen, die diese faszinierende Eröffnung beiden Seiten bei fast jedem Zug bietet, zu behandeln, ist ein Ding der Unmöglichkeit! Im vorliegenden Artikel werde ich versuchen, die wichtigsten abzudecken.

Kommen wir nun zu ein paar konkreten Varianten. In der Ausgangsstellung lautet die wichtigste und offensichtlichste Erwiderung für Schwarz 6...d5 (die Alternative 6...£e7 ist einen Tick schwächer, doch ebenfalls durchaus spielbar, untersucht in der Partie Almasi,Z - Oral,T ½-½). Weiß hat drei Möglichkeiten, den Springer zurückzuziehen.

A) 7.¤eg5?

Dieser "Anfängerzug" wird drastisch bestraft. Auf g5 steht der Springer schlecht. Nach 7...¥d6 8.¤xe5 0-0 ist Weiß nicht in der Lage, seine Entwicklung abzuschließen, ohne Material zu verlieren. Man prüfe die Partie Rasulov,V - Nabaty,T 0-1.

B) 7.¤g3

Ein Standardfeld für den Springer, und ein relativ sicheres. Weiß gewinnt den Bauern, aber Schwarz erhält meist ausreichende langfristige Kompensation nach 7...¥d6 8.¤xe5 0-0 9.¥xc6 bxc6 10.d4 c5 wie in der Begegnung Zagrebelny,S - Zaitsev,M ½-½.

C) 7.¤xf6+

Das Hauptabspiel. Schwarz ist gezwungen, mit 7...gxf6 wiederzuschlagen, was seine Stellung am Königsflügel etwas kompromittiert. Weiß sollte weiter im Zentrum drücken mit 8.d4. Nun hat Schwarz, neben dem geläufigen 8...¥g7, auch noch 8...e4. Meines Wissens ist die Theorie skeptisch bezüglich dieses Zuges wegen der Partie Brodsky,M - Kuzmin,G 1-0, in der Schwarz nach 9.¤h4 ¥e6 10.£h5+ ¥f7 11.£f5 Probleme hatte. Doch so schlecht sollte es dem Nachziehenden meines Erachtens nicht ergehen, die Variante ist durchaus spielbar. Er erhält etwas mehr Raum, was die schwachen Felder am Königsflügel gewöhnlich kompensiert.

8...¥g7

Die Hauptfortsetzung. Weiter geht das Abspiel wie folgt: 9.dxe5 (9.c4 biete Weiß keinen Vorteil wie in der Begegnung Morozevich,A - Aronian,L 1-0)

9...0-0 (9...fxe5 10.¤xe5 0-0

Das Spielen im romantischen Stil des 19. Jahrhunderts trug Schwarz in der Partie Shtyrenkov,V - Annageldyev,O 0-1 einen prächtigen Sieg ein, aber bei korrekter Verteidigung sollte konnte Weiß den Angriff parieren und im Vorteil bleiben)

Dies ist die Haupttabiya des gesamten Eröffnungsabspiels. Weiß kann nicht auf f6 schlagen, und er darf Schwarz auch nicht erlauben, auf e5 zu nehmen und ein starkes Duo im Zentrum zu bekommen. Daher muss er seinen Bauern nach e6 vorschieben. Dies kann entweder sofort geschehen oder nach dem Tausch auf c6.

C1) 10.e6 ¤e5

Weiß kann sofort rochieren 11.0-0 - Polgar,J - Radjabov,T ½-½ oder mit dem verlockenden 11.¥f4 beginnen - Ovetchkin,R - Zvjaginsev,V 0-1. Bislang hält sich Schwarz ordentlich; Weiß konnte die geschwächten Punkte am Königsflügel nicht wirklich in den Griff bekommen.

C2) 10.¥xc6 bxc6 11.e6

Die Bauernstruktur von Schwarz ist schrecklich, wohin man auch sieht. Doch seine dynamischen Ressourcen sind nicht zu unterschätzen. Nach 11...¦e8 hat der Anziehende die Wahl zwischen dem normalen 12.0-0 - Shirov,A - Radjabov,T 0-1 - oder einer scharfe Strategie der entgegengesetzten Rochaden mittels 12.¥e3 ¥xe6 13.0-0-0 - Luther,T - Caruso,A 0-1. In beiden Fällen versprechen Schwarz sein Läuferpaar sowie die offene b- und e-Linie ordentliche Kompensation für die permanenten strukturellen Defekte.

Fazit: Generell kann Schwarz mit den Ergebnissen in diesem Abspiel zufrieden sein. In der dynamischen Schlacht hält er das Gleichgewicht und ergreift oftmals die Initiative. Daher ist das Abspiel 6.£e2 meines Erachtens zwar in praktischer Hinsicht interessant, im Hinblick auf den Kampf um Eröffnungsvorteil für Weiß aber nicht sonderlich aussichtsreich. Diese Schlussfolgerung wird auch von der Gesamtstatistik bestätigt. Ich würde dem Anziehenden empfehlen, zum Abspiel mit 6.¤xf6+ zu wechseln - siehe die Übersicht in CBM 124.


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