Eröffnungsübersichten in ChessBase Magazin 124

29.06.2008 – Der Beitrag ist überschrieben mit 'Den Bauern nehmen - und behalten'. Tatsächlich ist das Thema, die Zugfolge 1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 dxc4 4.e3 Le6, geeignet als eine nette Überraschungswaffe für Schwarz gegen 1.d4. Der Nachziehende stellt seinen Läufer vor den Zentraumsbauern, aber dennoch haben die Weißspieler ihre Probleme mit diesem System, nicht nur, weil das spontane 5.Sg5?? (5…Da5+!) in so mancher Blitzpartie sein Opfer fand. In einer Eröffnungsübersicht für CBM 124 (von 13 insgesamt) macht GM Ftacnik aber auch den Weißen Hoffnung auf einen kleinen Vorteil. Hier können Sie den kompletten Beitrag einsehen und auf Wunsch herunterladen. Video im Fritztrainerformat zum gleichen Thema... Mehr Eröffnungsübersichten in CBM 124, im Shop kaufen... Beschreibung des Beitrages im Heft CBM 124...Ftacnik: Slawisch mit 4...Le6

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Den Bauern nehmen - und behalten!

Von Lubomir Ftacnik

Die Slawische Verteidigung hat im letzten Jahrzehnt eine leichte Revolution durchlebt. Die Nachziehenden haben begonnen, in verschiedenen Momenten mit dem Zug a7-a6 zu experimentieren, und die bescheidenen Anfänge haben sich zu einem Trend gemausert. Schwarz ergreift die die Gelegenheit beim Schopf, den Charakter der Bauernstruktur zu ändern und Weiß vor neue strategische Probleme zu stellen. Wir möchten Ihnen eine der weniger bekannten, doch hoch interessanten Ideen vorstellen, die verbunden ist mit den Zügen 1.d4 d5 2.c4 c6 3.¤f3 dxc4 4.e3 ¥e6!?

Schwarz stellt absichtlich den Läufer vor seine Bauern, vermeidet damit aber die Probleme bei der Exponierung der Struktur seiner Damenflügelbauern mit Zügen wie 4...b5. Weiß hat bereits e2-e3 gezogen, daher kann der Läufer sogar hoffen, auf dem Zentralfeld d5 eine Zukunft zu finden. Dieses gewagte System gewinnt immer mehr Anhänger, und die Vertreter der weißen Seite ringen noch immer mit der Kernfrage: Wie lässt sich wenigstens etwas Vorteil herausholen und dabei möglichst der c4-Bauer zurückgewinnen?

A) Die Nebenabspiele sind alle mit dem Wunsch verbunden, den schwarzen c4-Bauern zu gewinnen und von dem aussichtsreicheren Zentrum zu profitieren. Der Zug 5.¤bd2 erfordert von Weiß definitiv Mut, denn Schwarz steht gut gerüstet, sich mit 5...b5 an den Bauern zu klammern. Die Partie Ionov,S - Gleizerov,E 1-0 illustriert perfekt die Gefahren für beide Seiten. Objektiv gesehen sollte der Verteidiger wahrscheinlich von dem riskanten Bauernzug Abstand nehmen und lieber 5...£a5 wählen bzw. das ruhige 5...¤f6. Letzteres ist zwar ein seltener Gast auf hoher Ebene, doch birgt die natürliche Springerentwicklung sicher Potential für die Zukunft.

Weiß kann auch den Damenzug 5.£c2 wählen, welcher den Vorteil hat, das Feld e4 zu kontrollieren; eine Strategie, die auf den ersten Blick zu zahm wirkt.

Die meisten Schwarzspieler reagieren hier mit der bescheidenen Entwicklung 5...¤f6 und verteidigen eine leicht schlechtere Stellung nach 6.¥xc4 ¥xc4 7.£xc4 - Dautov,R - Varga,Z ½-½. In dieser Begegnung führte 7...e6 zu einer ordentlichen, wenngleich etwas passiven Position, aber das Manöver 7...£a5+ 8.¥d2 £a6! könnte das Zeug haben, die Beliebtheit des Zuges 5.£c2 abklingen zu lassen. Nach 4...¥e6 widerstrebt es zwar vielen Verteidigern, irgendwann doch b7-b5 zu spielen, dennoch möchten wir ein Beispiel präsentieren für die unklaren Chancen nach 5.£c2 b5, Timman,J - Lalic,B 1-0.

B) In puncto Logik sind die relativ obskuren Nebenabspiele aus dem vorigen Abschnitt nichts im Vergleich zu dem Vorstoß 5.a4. Der slawische Standardzug bereitet die Eliminierung des Bauern c4 vor, kostet aber auch ein wertvolles Tempo und schwächt das Feld b4.

Die Praxis zeigt, dass 5...¤f6 6.¤a3 - Portisch,L - Varga,Z 0-1 - für wirkliche Ambitionen in der Eröffnung wahrscheinlich zu zahm ist. Schwarz stehen diverse Wege zur soliden Entwicklung zur Verfügung, und es scheint unwahrscheinlich, dass eine derart langsame Herangehensweise von Weiß ihn auf die Probe stellen könnte.

Sehr viel ehrgeiziger ist der Zug 6.¤c3 mit der Hoffnung, den Läufer auf e6 mit dem Ausfall ¤g5 zu belästigen. Das hoch interessante Abspiel 6...g6 7.¤g5 ¥d5!? 8.e4 h6 nutzt bekannte Muster aus einer Grünfeld-Variante mit einer ähnlichen Idee, den Bauern c4 mit dem Läufer e6 zu verteidigen, Ivanov,S - Rausis,I 1-0.  Die Chancen sind unklar.

Die radikale Verteidigung 6...h6 ist dagegen in unseren Augen zu langsam und sollte in der slawischen Variante vermieden werden, Topalov,V - Sokolov,I ½-½.

C) Es wirkt mehr als logisch, dass Weiß begonnen hat, die Güte des unmittelbaren 5.a4 in Frage zu stellen, und zwar mit dem ehrgeizigen sofortigen 5.¤c3. Der Anziehende entwickelt eine Figur, kontrolliert das Zentrum und ignoriert für den Moment die Tatsache, dass der Bauer c4 weg ist - und dies vielleicht auch für eine Weile bleiben wird.

Weiß droht, den Läufer mit ¤g5 zu attackieren, daher wurde sogar der Zug 5...h6 getestet, und zwar in Gurevich,M - Gretarsson,H 1-0. Unser Verdikt aus Abschnitt B) gilt nach wie vor; Schwarz braucht dringende eine bessere Idee zur Ergänzung seines gewagten 4. Zuges.

Ob gut oder schlecht, es ist möglich, die Zukunft um den Mehrbauern c4 herum zu planen, daher ist die Stellung nach 5...b5 6.a4 b4 ziemlich kritisch für beide Seiten.

 

Weiß hat mindestens drei vernünftige Felder für den Springer, wobei 7.¤a2 den passiven, aber sehr direkten Plan repräsentiert, weiter auf der Schlüsselidee zu beharren, Filippov,V - Riazantsev,A ½-½. Der Anziehende kann so seinen Bauern zwar zurückgewinnen, aber der untätige Springer auf a2 stellt eine dauerhafte Bürde dar. Anzumerken ist, dass 7.¤e2 eine recht aussichtsreiche, eigenständige Idee darstellt, die weiterer Erprobung bedarf.

Die meisten Partien mit der Diagrammstellung gehen weiter mit 7.¤e4 ¤f6, mit dem klassischen Dilemma - welcher Springerzug ist jetzt am aussichtsreichsten? Der Tausch auf f6 mit 8.¤xf6+ exf6 zerschlägt zwar die Bauernstruktur, eröffnet aber den schwarzen Figuren die Möglichkeit zur schnellen Entwicklung, Krasenkow,M - Horvath,J 1-0.

Der originelle Zug auf ein attraktives Feld - 8.¤c5 ¥d5 - hat einen durchwachsenen Ruf, denn die darin investierte Zeit bietet dem Gegner genug Zeit, sein Haus in Ordnung zu bringen, Yakovich,Y - Poluljahov,A 0-1.

Mit diesem Wissen ausgestattet, sollte sich niemand schämen, den Rückzug 8.¤ed2 c3 9.bxc3 bxc3 10.¤c4 zu versuchen, Gurevich,M - Rausis,I 1-0, wenngleich sich 10...g6!?, zitiert in den Anmerkungen, als ausreichendes Gegenmittel erweisen könnte.

D) Trotz der Tatsache, dass Schwarz mit 5...b5 ordentliche Ergebnisse erzielt, hat man sich in den letzten Jahren wieder auf das vernünftige 5...¤f6 verlegt, was mehr für die Entwicklung leistet. Der Verteidiger muss nur die Antwort auf die Frage finden, was ist nach dem logischen 6.¤g5 zu tun?

Die schlechte Nachricht ist, dass gegenwärtig die Analogie zu 6...¥d5 7.e4 h6 eindeutig zugunsten von Weiß ausfällt, Graf,A - Jacimovic,D 1-0. Schwarz hat versucht, sowohl mit 6...£d7 Korotylev,A - Kharlov,A 1-0 als auch 6...£c8 Alekseev,E - Zhang Pengxiang 1-0 zu experimentieren, jeweils mit spielbaren, doch recht gefährlichen Stellungen für ihn. Eine überraschende Lösung fand man mit 6...¥g4 7.f3 ¥d7 8.¥xc4 e6, da der schwächende Zug f2-f3 dem Nachziehenden aussichtsreiches Gegenspiel bietet wie in Zoler,D - Golod,V ½-½.

Mit dem System 4.e3 ¥e6 hat Schwarz bestimmt nicht die Ausnahme von der Regel gefunden, und der Läufer auf e6 ist nicht gerade ein Prachtstück. Aber Weiß sieht sich mit einer bösen Überraschung konfrontiert, und sein Kampf um Eröffnungsvorteil erfordert Mut sowie ein gewisses Maß an heimischer Vorbereitung. Der Verteidiger genießt einige Flexibilität, vor allem in dem Hauptabspiel nach 5.¤c3, und seine Chancen stehen nicht schlechter als in den gängigen Hauptvarianten. Das gesamte System stellt eine überraschende, gesunde Waffe gegen die Slawische Verteidigung dar, die langsam immer mehr Anhänger findet.


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