Eröffnungsrenaissance

19.06.2009 – In den letzten Jahren erlebten viele totgesagte Eröffnungen eine Renaissance. Drachenvariante, Jänischgambit, Philidor-Verteidigung und einige Eröffnungen mehr wurden aus ihren Sauerstoffzelten geholt und siehe da - sie erfreuen sich bester Gesundheit. Die Skandinavische Verteidigung wurde schon als eine der ersten der "widerlegten" Eröffnungen auch von Topspielern angewandt. Nach 3.Sc3 geht die Dame nach a5 und Weiß hat es schwer, etwas zu erreichen. Nun hat man entdeckt, dass die Dame auch auf d6 ein interessantes Rückzugsfeld besitzt. Tiviakov hat so schon einmal gegen Anand gespielt und gestern probierte Nisipeanu den Zug gegen Radjabov. Ergebnis: null Probleme. In Shirov-Gelfand stand dagegen die mit hohem Ansehen ausgestattete Damenindische Verteidigung auf dem Brett. Shirov spielte eine Nebenvariante und geriet dann auf die schiefe Bahn. Erst verlor er einen Bauern und dann wurde er im Zentrum überrollt. In Kamsky-Ivanchuk zog der US-Großmeister in der Scheveninger Variante zum unpassenden Zeitpunkt den Läufer nach c4. Dieser Zug sah für Ivanchuk "sehr merkwürdig und wie ein offensichtlicher Patzer aus“. Am Ende holte der Ukrainer den ganzen Punkt und führt nun zusammen mit Gelfand die Tabelle an. Dorian Rogozenco kommentiert. Turnierseite... Mehr...

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Runde 5   (von GM Dorian Rogozenco)

Nisipeanu entschied sich mit Schwarz gegen Radjabov für das selten gespielte Skandinavisch.

“Seine Eröffnungswahl hat mich überrascht. Später habe ich dann übersehen, dass er die Dame nach a6 überführen kann und danach habe ich nichts mehr für Weiß gefunden”, meinte Radjabov. Bald war ein gleich stehendes Endspiel erreicht und auch die 30-Züge-Regel konnte die Spieler nicht daran hindern, im 26. Zug in einer vollkommen ausgeglichenen Stellung Remis zu machen (natürlich mit Erlaubnis des Schiedsrichters). 

In Shirov-Gelfand kam es zu einem Dameninder und schon in der Eröffnung verbrauchte Shirov viel Zeit.

Im Mittelspiel stellte er dann einen Bauern ein, weil er einen taktischen Trick übersah. Gelfand: “Überraschenderweise war die Partie ziemlich einfach.

Nach dem Bauerngewinn und angesichts seiner nahenden Zeitnot war der Gewinn nur noch eine Sache der Technik.“ 

In Kamsky-Ivanchuk kam es zu einer Standardstellung des Scheveninger-Sizilianers.

Beim 15. Zug begann Kamsky nachzudenken und entkorkte einen Zug, über den Ivanchuk sagte, er „sah sehr merkwürdig und wie ein offensichtlicher Patzer aus“. Ivanchuk nutzte die taktischen Nachteile von 15.Lc4 sofort aus und kam in Vorteil.

Dann spielte Kamsky sehr einfallsreich und nutzte jede Chance der Stellung und zwang Schwarz sehr genau zu spielen, um den Vorteil festzuhalten.

Schließlich patzte Kamsky in schwerer Zeitnot erneut und die Partie war sofort vorbei.

 

Radjabov,Teimour - Nisipeanu,Liviu Dieter
Kings' Tournament Bazna (5), 18.06.2009

1.e4 d5 2.exd5 Dxd5 3.Sc3 Dd6

Auf hohem Niveau wird dieser Damenrückzug von dem russisch-holländischen Großmeister Sergey Tiviakov gern gespielt. Schwarz erhält für gewöhnlich eine etwas passive, aber sehr solide Stellung.

4.d4 Sf6 5.Sf3 c6 6.Se5 Sbd7 7.Sc4 Dc7 8.a4 g6 9.g3

9.Df3 Sb6 10.Lf4 Dd8 bereitet Schwarz keine Probleme.

9...Lg7 10.Lg2 Sb6

Weiß kann in solchen Stellungen nur auf Vorteil hoffen, weil er Raumvorteil hat, und deshalb bildet Nisipeanus Zug einen zentralen Bestandteil der schwarzen Strategie – Figurentausch anstreben. Ungenau ist 10...0–0, denn nach 11.Lf4 Dd8 12.a5 hat Weiß mehr Chancen auf Vorteil als in der Partie.

11.Sxb6

Die Alternative war 11.Se5.

11...Dxb6 12.a5

12.0–0 a5 ist eine Stellung, wie sie Schwarz in dieser Eröffnung haben will.

12...Da6!

Ein starker und ehrgeiziger Zug, der die weiße Rochade verhindert.

13.De2

Damit gesteht Weiß ein, dass Schwarz seine Eröffnungsprobleme gelöst hat. Tatsächlich ist es trotz zahlreicher Möglichkeiten für Weiß alles andere als einfach, das schwarze Spiel zu widerlegen.

In allen unten aufgeführten Varianten hat Schwarz mindestens gleiche Chancen:

13.Lf4 Lg4 14.Dd2 0–0;

13.Lf1 b5;

13.Ta4 0–0 14.Lf1 b5 15.axb6 Dxb6 16.Lg2 La6.

13...Dxe2+ 14.Sxe2 a6

Es ist wichtig den weiteren Vormarsch des weißen a-Bauern zu stoppen.

15.0–0 Lf5 16.c3 0–0–0

Schwarz hat seine Entwicklung vollendet und danach ist die Stellung ungefähr ausgeglichen.

17.Te1 The8 18.Sf4 e6 19.h3 h5 20.Le3 Sd5 21.Sxd5 exd5 22.Ld2 Txe1+ 23.Txe1 Kd7 24.b4 Te8 25.Txe8 Kxe8 26.Lf1 ½–½

 

Shirov,Alexei - Gelfand,Boris
Kings' Tournament Bazna (5), 18.06.2009

1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 b6 4.g3 La6 5.Db3

Hier hat Alexey früher 5.Dc2 gespielt. Möglicherweise wollte er seinen Gegner überraschen, aber schon bald investierte er viel Zeit in seine Eröffnungszüge.

5...Sc6 6.Sbd2 Sa5 7.Dc3 c5 8.dxc5 bxc5 9.e4 Lb7 10.e5 Se4 11.Sxe4 Lxe4 12.Lg2 Sc6 13.0–0 Tb8

 

14.Te1 Irgendwas muss bei Shirovs Vorbereitung auf diese Partie schief gegangen sein. Zu diesem Zeitpunkt hatte Alexey bereits eine Stunde seiner Bedenkzeit verbraucht, was in Anbetracht der Tatsache, dass Gelfand diese Stellung schon einmal auf dem Brett hatte, schwer verständlich ist.

14.Sg5 Lxg2 15.Kxg2 Dc7 16.Te1 Le7 17.Sf3 Db7 18.Kg1 0–0 19.b3 d6 war ausgeglichen, Van Wely,L (2679)-Gelfand,B (2696)/Monte Carlo 2005.

14...Lxf3 15.Lxf3 Sd4 16.Ld1

Eine Neuerung, die in dieser Partie jedoch nicht überzeugen konnte. 16.Lg2 Le7 17.Tb1 Db6 18.Le3 0–0 19.Dd3 a5 20.Le4 g6 21.Ted1 Tfd8 22.Da3 d5 23.exd6 Lxd6 24.Ld2 Lc7= Riazantsev,A (2638)-Zhigalko,S (2568)/Plovdiv 2008.

16...Le7 17.Le3 Dc7

Hier kann Schwarz wegen der Antwort Lf4 nicht auf e5 nehmen.

18.Tb1?

Stellt einen Bauern ein. Der Turm auf b1 verändert die Situation und Schwarz kann den Bauern nehmen. Nach 18.Lxd4 cxd4 19.Dxd4 Lc5 gewinnt Schwarz den Bauern auf b2 zurück, da 20.Dc3 oder 20.Dd2 mit 20...Lb4 beantwortet werden. Deshalb verdiente 18.a3, was auf d4 zu nehmen droht, Beachtung. Nach 18...Sc6 19.f4 0–0 20.Lc2 steht Weiß nur etwas schlechter.

18...Dxe5! 19.Lxd4

Nach 19.Lf4 hat Schwarz 19...Df5 mit Angriff auf den Turm b1. Schwarz behält in allen Varianten einen Bauern mehr.

19...cxd4! 20.Dd2 Dc5 21.Le2 0–0 22.Ted1 e5

Weiß hat einen Bauern weniger und die ungleichfarbigen Läufer machen die Dinge noch schlimmer für Shirov. Gegen den einfachen schwarzen Plan, die Zentrumsbauern nach vorne zu stoßen, kann sich Weiß nicht verteidigen.

23.Dd3 f5 24.g4 g6 25.gxf5 gxf5 26.b4 Dc6

26...Txb4 wäre ein schwerer Fehler, denn nach 27.Txb4 Dxb4 28.Dg3+ Kh8 29.Dxe5+ Lf6 30.Dxf5 kann Weiß die Stellung halten.

27.b5 Db6 28.Dg3+ Dg6 29.Lh5 Dxg3+ 30.hxg3 Lc5 31.Kg2 e4 32.Th1 d3 33.Ld1 f4 34.Th5 f3+ 35.Kf1 d6 36.Lb3 Tbe8 37.Te1 d2 38.Td1 Lxf2 39.Txd2

Oder 39.Kxf2 e3+ und der schwarze Bauer geht zur Dame.

39...Lc5 40.Lc2 Te7 0–1

 

Kamsky,Gata - Ivanchuk,Vassily
Kings' Tournament Bazna (5), 18.06.2009

1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 a6 6.Le3 e6 7.a4 Sc6 8.Le2 Le7 9.0–0 0–0 10.f4 Dc7 11.Kh1 Te8 12.Dd2 Ld7 13.Tad1 Sxd4 14.Dxd4 Lc6

 

15.Lc4?

15.Lf3 wäre ein Standardzug in solchen Stellungen. Kamsky stellt den Läufer nach c4, um den Vorstoß des f-Bauern vorzubereiten, aber übersieht einen taktischen Trick.

15...Lxe4

15...Sxe4 16.Sxe4 d5 war eine andere Möglichkeit, in Vorteil zu kommen.

16.Sxe4 d5 17.Lxd5 Sxd5 18.c3 Tad8

Schwarz hat Vorteil, da die weißen Figuren im Zentrum dankbare Angriffsziele darstellen. Dazu kommt noch die bessere Bauernstruktur des Schwarzen.

19.Sg3

"Ein guter Verteidigungszug" (Ivanchuk). Von nun an spielt Kamsky sehr erfinderisch und findet immer wieder Züge, die Schwarz zwingen, konkrete Probleme zu lösen.

19...Dc6 20.Sh5 Lf8 21.Lg1 g6

 

22.Td3! "Das habe ich völlig übersehen", (Ivanchuk). Jetzt muss Schwarz genau spielen, um Vorteil zu behalten, und genau das tat Ivanchuk auch.

22...f6!

Die forcierte Variante 22...e5 23.fxe5 gxh5 24.Tg3+ Lg7 25.e6 f6 26.c4 kommt Weiß entgegen, der nach 26...Txe6 27.cxd5 Dxd5 28.Df4 gute Chancen hat zu entwischen.

23.c4

23.Sg3 ist schlecht wegen 23...Sxf4 24.Dxf4 Txd3.

23...gxh5 24.Tg3+

24.cxd5 Txd5 25.Tg3+ Kf7 26.De4 Tf5 27.Dxc6 bxc6 führt zu einem Endspiel, in dem Schwarz besser steht. 24...Lg7!

Nach 24...Kf7? 25.Dd3! steckt Schwarz plötzlich in Schwierigkeiten.

25.cxd5 exd5

25...Dxd5? 26.Dxf6.

 26.Dd1 h4

 

27.Th3

In Zeitnot greift Kamsky fehl. Mit 27.Tc3 De6 (oder 27...Dd7 28.Lb6 Tc8 29.Td3) 28.f5 Dd7 29.Ld4 konnte Weiß immer noch hartnäckig Widerstand leisten.

27...d4 28.Tff3 De4 29.f5

29.Txh4 d3 30.Te3 Dd5 ist schlechter.

29...Te5 30.Lf2 De2 31.Db3+ Kh8 32.Txh4?

32.Lg1 war der einzige Zug, auch wenn Weiß nach dem präzisen 32...De4 weiterhin Probleme hat. 32...De1+

Kamsky gab auf. Nach 33.Lg1 Dxh4 verliert er den Turm. 0–1

 

 

 

 

 



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