Erinnerungen an Bobby Fischer

17.01.2013 – Vor fünf Jahren, am 17. Januar 2008, starb Bobby Fischer, kontroverses Genie, Schachweltmeister von 1972 bis 1975 und für viele der beste Spieler aller Zeiten. Kein anderer Schachspieler hat das Publikum so fasziniert und für so viele Schlagzeilen gesorgt wie Fischer und auch heute noch beschäftigen sich zahlreiche Artikel, Bücher und Filme mit seinem Leben, seinem Schach und seiner Person. Aus Anlass des fünften Todestages hat Dagobert Kohlmeyer Erinnerungen an den exzentrischen Amerikaner gesammelt. Spieler wie Vishy Anand, Vlastimil Hort oder Peter Leko verraten unbekannte Einzelheiten über Fischers phänomenales Schachgedächtnis, seine Bedeutung für die Schachwelt und die vielen schönen Seiten dieser tragischen und schillernden Persönlichkeit.Robert Hübner über Bobby Fischer...Zum Artikel...

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Wie tickte Bobby Fischer?
Kollegen und Zeitzeugen erinnern sich an den 11. Schachweltmeister

Von Dagobert Kohlmeyer


Fischer in seiner Glanzzeit


Auch am heutigen Tag, fünf Jahre nach seinem Tod und wenige Wochen vor seinem 70. Geburtstag, geben Leben und Wirken von Bobby Fischer noch immer Rätsel auf. Neue Bücher über das Schachgenie enthüllten weitere Details seiner Vita. 2012 erschienen zum Beispiel die deutsche Ausgabe der interessanten Biographie "Endspiel" des Amerikaners Frank Brady und "Bobby Fischer comes home" des isländischen Großmeisters Helgi Olafsson. Viele Schachreporter sind nach wie vor auf Spurensuche.

Ich erinnere mich noch gut, wie die Nachricht vom Ableben des 11. Weltmeisters am 17. Januar 2008 mitten ins Turnier von Wijk aan Zee einschlug. Sie überschattete dort alle Ereignisse auf den Brettern. Zu Beginn der sechsten Runde bat die Turnierleitung um eine Schweigeminute. Es war ganz still in der De Moriaan Halle, als mehr als 1000 Schachspieler vom Weltmeister bis zum jüngsten Amateur im Open das Andenken an den amerikanischen Schachgenius ehrten.

Da geriet es zur Nebensache, dass Magnus Carlsen an diesem Tag die alleinige Führung übernahm, nachdem er seine erste Partie gegen die Ungarin Judit Polgar strategisch schön gewonnen hatte. Hinterher zeigte der Norweger uns das Spiel am Demonstrationsbrett im Pressezentrum. Bemerkenswert war auch, dass Wladimir Kramnik den cleveren Levon Aronjan sieben Stunden lang knetete, bis er nach 110 Zügen das remisliche Turmendspiel doch noch gewonnen hatte. Und dass Peter Leko gegen Weselin Topalow zweimal patzte und seine Partie erst zum Remis und dann zum Verlust verdarb.

Die Gedanken der meisten Teilnehmer und Turnierbeobachter aber waren bei Fischer. Auch die niederländischen Zeitungen widmeten sich an jenem Wochenende ausführlich diesem Thema. Jede verwies auf die zerrissene Persönlichkeit des Amerikaners. Das Blatt "De Volkskrant" widmete ihm die Titelstory und schrieb: "Er wird nicht nur als Schachgenie in die Geschichte eingehen, sondern auch als geistig kranker King Lear, der seinen eigenen Mythos zerstörte."

Eine ähnliche Meinung äußerte Garri Kasparow schon vor Jahren, als er erklärte: "Mit seinem Re-Match gegen Spasski 1992 in Restjugoslawien, dessen Partien nicht die frühere Qualität aufwiesen, hat Fischer seine eigene Legende vernichtet." Auch im niederländischen "Handelsblatt" prangten ein eindrucksvolles Foto Fischers und ein Bericht über seinen Tod auf der ersten Seite. Das Leben des Amerikaners hatte sich vollendet. Er wurde 64 Jahre alt, für jedes Feld des Schachbretts gab er ein Jahr. Was für eine Symbolik!


Vishy Anand 2008 in Wijk

Gefragtester Gesprächspartner war an diesem Januartag 2008 der amtierende Weltmeister Vishy Anand, der Fischer zwei Jahre zuvor in Reykjavik am Rande eines Turniers getroffen hatte und jetzt erstmals Einzelheiten darüber erzählte. Ich kam gerade hinzu, als der Inder von seinem Landsmann Vijay Kumar (TV) und dem spanischen Kollegen Leontxo Garcia interviewt wurde:

"Leider habe ich seine große Zeit nicht mitbekommen. Obwohl ich Bobbys wunderbare Partien erst viel später gesehen habe, kann ich mir gut die Aufregung vorstellen, die sie damals verursachten. Es ist traurig, dass Fischer so früh gestorben ist. Aber es ist auch deutlich, dass er in den letzten Jahren kein glückliches Leben hatte. Eigentlich haben sich die Schachspieler schon 1972 von ihm verabschiedet. Ich bin froh, dass ich Bobby Fischer vor zwei Jahren in Reykjavik begegnet bin. Er hat mich damals gefragt, warum ich immer noch das herkömmliche Schach betreibe, dessen Theorie explodiert ist. Ich erwiderte, dass Schach noch immer sehr lebendig ist. Die Antwort hat ihm nur mäßig gefallen.

Sehr nett war seine Reaktion, als wir gemeinsam eine Partie angesehen haben und ich ihm erzählte, welche Züge der Computer am stärksten fand. "Das glaube ich nicht", sagte Fischer spontan, "das müssen wir selbst untersuchen!" So einem Glauben an die menschliche Kraft über das digitale Monster begegnet man heute nicht mehr oft. Bobby Fischer wird als Marylin Monroe des Schachs in unserer Erinnerung bleiben. Die Welt hat von der Monroe auch nur die schönen und nicht die dunklen Seiten im Gedächtnis behalten."

In der Ehrengruppe spielten 2008 in der De Moriaan Halle vier Großmeister, die in Wijk aan Zee früher sehr erfolgreich waren und das Turnier mehrmals gewonnen haben. Sie waren alle erschüttert von der Hiobsbotschaft und gaben nur kurze Statements ab. Der Gesprächigste von ihnen war noch der aus Serbien stammende und in Spanien lebende Ljubomir Ljubojevic: "Ich bin froh, dass unser Turnier erst heute anfängt. Gestern, als die betrübliche Nachricht kam, hätte ich mich nicht konzentrieren können. Bobby Fischer war ein Gigant. Er stand zwischen den Fronten und hat die Schachwelt polarisiert wie kein Zweiter. Die Jahre 1968-72, als Fischer alles gewann, sind für mich die schönsten der Schachgeschichte. Eine Todsünde, dass diese Periode nicht länger gedauert hat."

Lajos Portisch sagte: "Ein großer Schock. Der beste Spieler der Schachgeschichte ist von uns gegangen." Viktor Kortschnoi erklärte: "Ein Schachgenie ist gestorben. Das ist ein Verlust für die Menschheit." Jan Timman betonte: "Bobby Fischer war ein großer Schachspieler und ein Beispiel für viele. Sein Buch "Meine 60 denkwürdigen Partien" hatte großen Einfluss auf mich. Es ist bedauerlich, dass er die Schachwelt nach seinem Titelgewinn verlassen hat."

Gennadi Sosonko war vorsichtig wie immer: "Ich sah das Genie Bobby Fischer in den 1990er Jahren einmal in Budapest, als der Mann dort im Exil lebte. Aber ich möchte keine Details verraten. Denn wer weiß, vielleicht kontrolliert Bobby auch vom Himmel aus, was ich jetzt sage."

Die jungen Schachstars in Wijk aan Zee zeigten sich weniger erschüttert. Für sie war Bobby Fischer mehr ein Schatten der Vergangenheit. Loek van Wely (geboren 1972) erklärte lakonisch: "Ich kenne Fischers Heldentaten und Partien, aber erinnere mich auch an seine unschönen antisemitische Äußerungen."

Besonders gern hätte ich an diesem Tag natürlich die Meinung und eine Reaktion von Boris Spasski gehört, der 1972 in Reykjavik gemeinsam mit Fischer Schachgeschichte geschrieben hat. Aber der Wahlfranzose war nicht in der Stimmung, irgendeinen Kommentar abzugeben. Seine Frau Marina, die ich nach mehreren Anrufen in Paris schließlich erreichte, bat um Verständnis, dass ihr Mann sich so kurz nach Fischers Tod nicht äußern wollte. Aus früheren Interviews kannte ich aber Boris' Haltung zu dem Amerikaner, die immer von großem Respekt geprägt war. Spasskis wichtigste Aussagen haben sich für immer ins kollektive Gedächtnis eingeprägt:

"Bobby hatte eine reine, keusche Beziehung zum Schach. Er verehrte das Spiel wie einen Gott. Und er war unser erster Gewerkschaftsführer. Dank Fischer sind die Honorare der Schachspieler bei WM-Kämpfen und Turnieren in den vergangenen Jahrzehnten bedeutend gestiegen."

Anatoli Karpow, der 1975 am grünen Tisch Weltmeister geworden war, weil Fischer nicht antrat, hat es bedauert, dass dieses Match nicht zustande kam. Mehrmals trafen sich die beiden in den 1970er Jahren zu Geheimverhandlungen, aber alle Bemühungen, selbst ein 5-Millionen-Dollar-Angebot des philippinischen Präsidenten Marcos, scheiterten an Fischers Extra-Forderungen. "Unser nicht gespieltes WM-Duell war ein Versäumnis der Schachgeschichte", erklärte Karpow.

Genies haben Alpträume

Bobby Fischer hat dem Russen bis an sein Lebensende nicht verziehen, dass er den Weltmeistertitel 1975 kampflos angenommen hat. Warum aber ging der Amerikaner damals einem WM-Match mit Karpow aus dem Wege? Es gab schon viele Erklärungsversuche, bis heute kommen immer neue hinzu.

In Moskau lebt ein Mann, der Fischers Psyche vor knapp vier Jahrzehnten gründlich studierte. Waleri Krylow, heute 70 Jahre alt, war Anatoli Karpows Fitnesstrainer sowie dessen wichtiger psychologischer Berater und Wegbegleiter. Am Rande des WM-Finales 2012 zwischen Anand und Gelfand traf ich Krylow wieder, der sich an die damalige Zeit noch genau erinnert:

"Als Karpow Herausforderer von Fischer wurde, übernahm das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei in Moskau die Kontrolle über die Vorbereitung. Karpow sollte unbedingt gewinnen. Dazu war eine entsprechende Physis nötig. Der schmächtige Anatoli scheute damals jede körperliche Anstrengung. Ich sollte mit ihm arbeiten, aber er wollte nicht mit mir trainieren. Ich sagte ihm, wenn du mich ablehnst, übernimmt ein anderer meine Aufgabe."


Waleri Krylow

Karpow wog seinerzeit 57 kg, er konnte nur ein paar Meter weit schwimmen, nach fünf Kniebeugen wurde ihm schwindlig, amüsiert sich Krylow noch heute. In der Folgezeit machte er aus seinem Zögling einen zähen Kämpfer. Anatoli war ja viel kleiner und schwächer als Fischer. Der Amerikaner, knapp 1.90 Meter groß und austrainiert, boxte, schwamm und spielte Tennis. Körperlich war Fischer seinem Herausforderer weit überlegen. Aber da gab es noch eine andere Seite, die nach Krylows Meinung entscheidende Bedeutung hat:

"Das Wichtigste im Schach ist nicht, ob man Bärenkräfte besitzt, sondern die psychologische Standfestigkeit. Auch daran begannen wir zu arbeiten. Hilfe bekamen wir von einem medizinisch-biologischen Institut, das für Kosmonauten arbeitete. Wir konsultierten ein Labor, in dem die Biorhythmen untersucht wurden. Die Hauptsache für einen Schachspieler in einem Match ist die Qualität seines Schlafs. Ich musste dafür sorgen, dass Karpow schnell einschlief. Sein Gehirn sollte vom unablässigen Analysieren der Partien abgelenkt werden. Mit einer bestimmten Methode konnte er in einen solchen Zustand versetzt werden, dass er schneller regenerierte als nach mehreren Stunden Schlaf. Während eines Turniers wohnten Anatoli und ich immer in benachbarten Zimmern. Ich erfasste alle Daten seines Schlafs. Genaue Details, wie das geschah, werde ich hier aber nicht preisgeben."

Gern war Waleri Krylow bereit, die Frage zu beantworten, ob Karpow damals psychologisch stark genug gewesen wäre, einen Weltmeisterschaftskampf gegen Fischer erfolgreich zu bestehen: "Wenn Bobby sich in guter gesundheitlicher Verfassung befunden hätte, bezweifle ich das. Dann hätte keiner ihn bezwingen können. Vor dem WM-Match wurden Daten über Fischer in allen Ländern gesammelt, in denen sich sowjetische Botschaften und Handelsvertretungen befanden. Man analysierte alle Informationen und kam zu dem Schluss, dass der Mann psychisch krank ist."

Krylow ist sich wie die meisten Fachleute sicher, dass Fischer schizophren war. Einerseits habe der Amerikaner stur darauf beharrt, dass Remispartien nicht gewertet wurden. Er nahm also einen langen Wettkampf in Kauf. Gleichzeitig befürchtete er aber, sein Gesundheitszustand könnte sich im Laufe eines Matchs, das sich über Monate hinzieht, verschlechtern. Deshalb lehnte er es ab zu spielen. Wenn auch nur die theoretische Möglichkeit bestand zu verlieren, setzte Fischer sich nicht ans Brett. Ein typisches Merkmal für die angeknackste Psyche des Schachgenies.

Intensiv hat sich Krylow auch mit dem Genie-Begriff beschäftigt und meint, dass dieser in der Schachszene viel zu häufig gebraucht wird. Ganz erstaunlich ist, dass der Moskauer selbst seinen hochbegabten Zögling Karpow nicht als Genie ansieht, wohl aber Fischer: "Karpow und Kasparow sind äußerst talentiert, keine Frage. Sie können aber nicht zu den genialen Schachspielern gezählt werden. Fischer jedoch war ein Genie. Der Unterschied ist folgender: Bei einem genialen Schachspieler ist die Rechenfähigkeit übermäßig stark ausgeprägt, wogegen andere Funktionen seines Gehirns mehr unterdrückt sind. Diesen Standpunkt vertritt die Psycho-Physiologie.

Das schachliche Gedächtnis Fischers war einmalig, auf diesem Felde ist er unerreicht gewesen. Das Einzige, was solche Menschen wie ihn am Leben interessiert, ist die Art ihrer Tätigkeit. Sonst nichts. Und es gibt für sie keinen größeren Alptraum als die Furcht vor Niederlagen. Dann können sie völlig den Verstand verlieren. Von den heutigen Spitzenspielern hat Wassili Iwantschuk genialische Züge. Seine Psyche ist nicht stabil, in manchen Situationen erinnert er sehr an Fischer."

Die Genie-These des Sport-Gurus aus Moskau ist interessant, aber auch diskussionswürdig. Nicht jeder Schachfreund dürfte ihr zustimmen. Der Autor möchte Waleri Krylow in dem Punkt widersprechen, dass Karpow und Kasparow keine genialen Spieler sind. Wer denn sonst? Aber was den Grad der schachlichen Besessenheit und den kompromisslosen Kampf Mann gegen Mann am Brett angeht, hat Fischer die beiden K. sicher übertroffen.

Wie der Chimborasso


Vlastimil Hort

Vlastimil Hort kannte Bobby Fischer gut und schätzte ihn. Er hat etliche Turnierpartien mit dem Amerikaner gespielt und respektable Ergebnisse dabei erzielt. Jahrelang wollte der Großmeister aus Köln öffentlich nichts über sein Verhältnis zu Fischer und dessen Rolle in der Schachgeschichte sagen. Am Rande des letzten Sparkassen Chess-Meetings in Dortmund erklärte sich Vlastimil aber bereit zu einer klaren Meinungsäußerung:

"Für mich war Bobby Fischer die allergrößte Figur der gesamten Schachwelt. Er ist mit keinem anderen Spieler vergleichbar, nicht mit Michail Tal, nicht mit Garri Kasparow oder Vishy Anand. Aus einem einfachen Grund: Wenn man sich die Partien Fischers aus seiner gesamten Karriere anschaut, findet man bei ihm so gut wie keine kurzen Unentschieden. Da überragte er alle anderen so wie der Chimborasso einen Misthaufen *). Er kämpfte jede Partie bis zur letzten Figur aus, das war seine Einstellung. Diese Haltung ist sehr wichtig. Man geht ans Brett und spielt die Partie bis zu Ende.

Wer macht das heute noch? Zum Beispiel haben es Vishy Anand und Boris Gelfand bei ihrem WM-Kampf in Moskau nicht getan. Das muss ich kritisieren. Egal, ob die Stellung im Gleichgewicht ist oder nicht, man muss weiter kämpfen. Wir können doch erwarten, dass solche wichtige Partien bis zu Ende gespielt werden. So wie Fischer es 1971 beim Kandidatenmatch in Vancouver gegen Mark Taimanow getan hat. In der zweiten Partie zum Beispiel hat Taimanow in einem langen Remis-Endspiel unter Druck schließlich einen Fehler gemacht, und Bobby Fischer gewann tatsächlich noch.

Ich bin ein großer Fischer-Fan, was das Schach anbetrifft. Nach seinen politischen Ausfällen wurde darüber diskutiert, wohin mit ihm. Man wollte ihn ins Gefängnis oder in ein Sanatorium schließen, obwohl Bobby Fischer doch so viel für die USA getan hat. Durch ihn hat das Land erst Schach entdeckt. Ich bin froh, dass er jetzt seine Ruhe gefunden hat."

*) Bekannt ist Arthur Schopenhauers Satz: "Schach überrangt alle anderen Spiele wie der Chimborasso einen Misthaufen."

Eine Anmerkung des Autors zum Stichwort "überragen". Magnus Carlsen, die Nr. 1 der Weltrangliste, wird auf Grund seiner aktuellen, historischen Bestmarke von 2861 ELO-Punkten mit Recht als überragender Schachspieler der Gegenwart bezeichnet. Dennoch reicht die Überlegenheit des Norwegers noch nicht an die von Kasparow oder Fischer zu deren besten Zeiten heran. Abgesehen von der inflationären Entwicklung im Ratingbereich und von der Tatsache, dass Carlsen keinen Weltmeistertitel hat, zeigt die Statistik eindeutig, dass kein Schachspieler außer Fischer die Gegnerschaft ähnlich überragte wie ein hoher Berg. Der Amerikaner besaß 1972 eine ELO-Zahl von 2785 und hatte damit 125 Punkte mehr als der Zweitplatzierte Boris Spasski!


Spasski - Fischer 1972

Eine Lehre fürs Leben

Peter Leko ist der jüngste aus einer stattlichen Reihe von Spitzenspielern, mit dem ich über Bobby Fischer gesprochen habe. Der Ungar lernte den Amerikaner als Teenager in den 1990er Jahren in Budapest kennen, hat mit ihm analysiert und Fischers tiefes Schachverständnis bewundert. Erstmalig macht Peter hier seine Erinnerungen an den 11. Weltmeister öffentlich:


Peter Leko

Ich war noch sehr jung, als ich zum ersten Mal von Bobby Fischer hörte. Das war etwa mit acht Jahren. Als Siebenjähriger hatte ich Schach gelernt. Wenn man mit dem Spiel beginnt, eignet man sich erst die Regeln an, übt eifrig, die Figuren richtig zu bewegen. Diese Entwicklung ging sehr schnell bei mir. Danach interessierte ich mich auch für Schachgeschichte. Meine Trainer erzählten mir von diesem großen Weltmeister.

1992 habe ich dann ganz interessiert die Partien des Re-Matchs von Fischer und Spasski in Ex-Jugoslawien verfolgt. Ich war heiß darauf, denn ich wusste um die historische Bedeutung ihres großen WM-Kampfes von 1972. Es war mir aber auch klar, dass beide nicht mehr auf diesem Level spielen konnten. Wenn man im Schach nicht ständig die neuesten Entwicklungen verfolgt, dann ist es, vor allem was die Theorie angeht, nicht möglich, das höchste Niveau zu halten.

Ich war damals ein aufstrebender Jungstar und glaubte 1992 allen Ernstes, dass ich schon mit beiden Altmeistern mithalten könnte. Denn ich war sehr ehrgeizig, hatte zu diesem Zeitpunkt bereits gegen Karpow remisiert, die erste Großmeisternorm gemacht und dachte, mit denen kannst du es auch aufnehmen. Ich war in meiner Entwicklung wirklich schon ganz schön weit und hatte daher solche hochtrabenden Gedanken.

Erst Jahre später, als ich dann Bobby Fischer persönlich kennenlernte und mit ihm analysierte, habe ich gemerkt, wie genial er ist. Wir haben nie gegeneinander gespielt, sondern uns nur Stellungen und Partien angesehen. Ich gehörte damals schon zu den Supergroßmeistern, doch auch für mich war sensationell, was Fischer alles auf dem Brett gesehen und mir gezeigt hat. Ich erfuhr eine Menge, wie er über Schach denkt, was er über das Spiel weiß, es war einfach unglaublich. Das hätte ich niemals gedacht, und es hat mich aufs tiefste beeindruckt.

Zum ersten Mal begegneten wir uns im Mai 1998 in Budapest. Bobby war schon fünf Jahre dort, das wusste ich. Alle Schachspieler wollten sich damals mit ihm treffen. Ich aber hatte zu viel Respekt vor ihm und forcierte es deshalb nicht. Natürlich war ich ebenfalls bereit, ihn jederzeit zu treffen, doch wollte ich ihn auf keinen Fall stören. Ich fand ihn phantastisch und dachte, wenn sich die Gelegenheit zu einer Begegnung bietet, dann nehme ich sie gern wahr. Doch solange er nicht selbst den Wunsch hätte, sich den jungen Leko anzuschauen, wollte ich ihn nicht behelligen. Wenn er das aber signalisieren würde, wäre ich sofort bereit gewesen.

Durch ein kleines Wunder ist es dann 1998 passiert. Ich erhielt tatsächlich einen Anruf, und Fischer hat den Wunsch geäußert, mich kennenzulernen. Die Sache kam durch einen Ungarn zustande, der nach Australien ausgewandert war und eigentlich nichts mit Schach zu tun hatte. 1992 spielte ich ein großes Open in Sidney, und wir freundeten uns dort an. Der Mann war ein guter Freund von Portisch und kam in jedem Sommer nach Ungarn. Dort hatte er dann auch Kontakt zu Fischer. Zwei Sommer lang musste ich mich noch gedulden, bis Bobby mir über diesen Mann ausrichten ließ, dass er mich sehen möchte.

Wir trafen uns im Budapester Thermalbad Rudas. Es war um 18 Uhr abends, danach lud Bobby meine Mutter und mich noch zum Essen ein. Es wurde ein sehr schöner Abend, der bis 0.30 Uhr dauerte. Man konnte schon sehen, dass dieses erste Treffen ein absoluter Volltreffer war. Unser Verhältnis ist für die darauf folgenden 18 Monate, die Fischer noch in Ungarn blieb, sehr eng gewesen.

Bobby wusste einfach alles über die älteren Meister und ihre Partien. Zum Beispiel zeigte er mir, was in den Spielen von Tigran Petrosjan los war. Er schätzte Petrosjan wirklich sehr hoch ein. Schon am ersten Abend äußerte er auch mir gegenüber seine bekannten Vorwürfe gegenüber Karpow und Kasparow, die ihre Partien abgesprochen hätten. Sensationell für mich war nicht, was Fischer da gesagt hat, sondern seine große Liebe, seine Leidenschaft und sein tiefes Verständnis für das Schach. Das hat mich schon beim ersten Treffen schwer beeindruckt.

Absolut phänomenal war Fischers Gedächtnis. Er konnte jede beliebige Partie aus der Vergangenheit aufstellen und alle kritischen Momente kommentieren, wer wo einen Fehler gemacht hat und was er stattdessen hätte ziehen sollen.

Bobby Fischer war auch mehrmals bei uns zu Hause in Szeged, und wir hatten eine schöne Zeit. Ich kann bestätigen, dass unser Besucher unglaublichen Appetit besaß. Meine Oma kochte für uns und sagte, dass sie so etwas noch nicht erlebt hat. Weil ich kein Fleisch esse, bereitete sie vegetarische Gerichte zu. Bobby fügte sich als Gast und verspeiste alles, was serviert wurde. Besonders mochte er die fernöstliche Küche. Darum überraschte es mich nicht so sehr, dass er kurze Zeit darauf von Ungarn nach Japan ging. Er tat es wohl auch, um dort seine Uhr zu vermarkten. Bobby hatte viele grandiose Ideen, egal in welche Richtung er seine Energie verteilte.

Ich bin sehr froh, ihn als Menschen näher kennengelernt zu haben. Es war eine phantastische Gelegenheit für mich, in seine Gedankenwelt einzutauchen. Weil ich damals sehr jung war, habe ich zu ihm aufgeblickt und fand ihn als Freund super. Durch die merkwürdigen Interviews, die Bobby dann hin und wieder gegeben hat, kann man ein völlig anderes Bild von ihm bekommen. In der Zeit, wo wir zusammen waren, habe ich gespürt, er ist ein unglaublich lieber Mensch mit einem großen Herzen. Ich denke, wenn man nur seine bizarren Äußerungen liest, dann kommt das nicht so rüber.

Fischer war mental nicht stabil, das ist kein Geheimnis. Deshalb habe ich nicht jede seiner Äußerungen so ernst genommen. Seine politischen Ansichten konnte ich, auch wenn wir befreundet waren, natürlich nicht teilen. Sie waren inakzeptabel, zum Glück waren diese Ausfälle nicht sein Vermächtnis. Aber was der Mann schachlich geleistet hat, ist einfach grandios.

Meine Generation wurde mit Computern groß. Einem so bedeutenden Schachspieler wie Fischer waren die Rechner eher unangenehm. Die Erklärung dafür ist einfach. Fischer spielte wirklich phantastisch, aber mit dem Computer konnte man vielleicht beweisen, dass seine Züge doch nicht so genial waren. So wie es mit den Schachprogrammen gekommen ist, das hielt er für keine schöne Entwicklung. Ich kann es ihm nachfühlen. Die Spitzenleute strengen sich am Brett an, doch heute kann jeder beliebige Amateur einen Supergroßmeister sofort nach der Partie mit Hilfe von "Fritz" oder "Houdini" für seine Züge kritisieren.

Ich erinnere mich zum Beispiel an eine sehr spannende Partie gegen Garri Kasparow in Linares. Hinterher haben wir das komplizierte Spiel zwei Stunden lang gemeinsam analysiert. Ich war sehr glücklich über unsere Erkenntnisse, denn die Partie war voller Verwicklungen. Plötzlich kamen die Journalisten und sagten uns, dass der Computer gezeigt hat, dieser und jener Zug seien besser. So etwas ist einfach schädlich für die Kreativität und uns Spielern gegenüber nicht besonders fair. Die Schachspielkunst und der Kampf Mann gegen Mann verlieren dadurch ihren Reiz.

Eine andere Geschichte ist Bobbys Fischerandom-Idee. Ich habe das öfter gespielt, auch bei den Chess Classic in Mainz. Eine interessante Sache, doch sie wird nach meiner Ansicht wohl nicht genügend populär. Diese Spielart ist noch komplizierter als das herkömmliche Schach und deshalb eigentlich nur von Profis genau zu verstehen. Denn die normalen Schachliebhaber kommen damit nicht so gut zurecht. Wieso soll ein Klubspieler dann vom normalen Schach zu Chess960 wechseln? Ihm macht doch das gewohnte Figurenschieben Spaß, und er findet es überhaupt nicht langweilig. Ich denke, künftig werden vielleicht nur noch Großmeister an Fischerandom-Turnieren interessiert sein und weniger die Amateure

Mit Bobby selbst habe ich nie Fischerandom gespielt. Wir analysierten vorwiegend meine Partien. Ich zeigte ihm, was ich vorbereite, er gab mir wertvolle Tipps. Das geschah 1999, und ich gehörte schon zu den Besten der Schachwelt. Selbst da konnte ich kaum mit Bobby mithalten. Und ich hatte das schon 1992 in meiner Naivität geglaubt. Was für ein Irrtum und eine Lehre fürs Leben!

Bobby Fischer ist nicht zufällig Weltmeister gewesen. Ich merkte bei jeder Begegnung, wie brillant er war. Wenn wir analysierten, blitzte seine große Klasse auf. Leider war er so scheu und deshalb sehr allein. Ein Mensch voller Misstrauen, der kaum jemanden an sich heranließ. So wie ein einsamer Wolf. Das ist natürlich sehr schade.


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