Lyudmila Rudenko (1904-1986)
Dieser Tage jährt sich der 40ste Todestag von Lyudmila Rudenko. Ihr Name wird den meisten, selbst schachgeschichtlich interessierten Schachfreunden eher unbekannt sein, aber sie war die zweite Schachweltmeisterin der Geschichte nach Vera Menchik, zudem die erste sowjetische Schachweltmeisterin und auch die erste ukrainische Weltmeisterin.
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Lyudmila Rudenko wurde am 27. Juli 1904 in Lubny geboren, einem Ort in der Nähe von Poltawa, Ukraine. Zu jener Zeit gehörte die Ukraine zum Russischen Zarenreich. Lyudmila Rudenko war eines von fünf Geschwistern. Ihr Vater Wladimir Andrejewitsch Rudenko arbeitete am Bezirksgericht. Bald nach der Geburt seiner Tochter Lydmila wurde er nach Mykolajiw versetzt, wo er eine Stelle als stellvertretender Staatsanwalt erhielt und später zum Richter befördert wurde. Während der Zeit des Bürgerkriegs nach der Russischen Revolution von 1917 arbeitete Wladimir Rudenko als Anwalt. In der Sowjetzeit zog er sich dann als Priester zurück. Wladimir Rudenko liebte das Schachspiel und brachte es auch seinen Kindern bei. Lyudmilla Rudenko lernte Schach mit zehn Jahren. Bald besiegte sie ihren Vater und auch alle Lehrer in ihrer Schule.
Nach der Schulzeit begann Lyudmila Rudenko 1921 in Odessa ein Studium der Wirtschaftswissenschaften. Auf sportlichem Gebiet war sie als Schwimmerin erfolgreich, gewann die Stadtmeisterschaft von Odessa im 400 Meter Brustschwimmen und wurde 1925 sogar Vizemeisterin der Ukarine im Schwimmen. Neben dem Schach pflegte sie auch das Bridgespiel, doch beides nur als weitere Hobbies.
1925 zog Lyudmila Rudenko von Odessa nach Moskau. Bei einem Turnier der Komsomolskaja Prawda gab sie 1926 ihr Debüt als Turnierspielerin im Schach, schnitt aber nur sehr mäßig ab. Das schlechte Ergebnis spornte sie jedoch zu einer intensiveren Beschäftigung mit dem Schachspiel an. 1927 qualifizierte sich Rudenko so für die erste Frauenschachmeisterschaft der UdSSR und belegte dort immerhin schon den 5. Platz. Siegerin wurde Olga Rubtsova, die spätere vierte Schachweltmeisterin. 1928 wurde Lyudmila Rudenko mit dem herausragenden Ergebnis von 12 Siegen Moskauer Meisterin.
Sie zog nun aus beruflichen Gründen nach Leningrad um, wo sie viele gleichgesinnte Frauen im Schach fand. In den örtlichen Schachklubs spielten auch etwa 200 Frauen. Es wurden regelmäßig Frauenmeisterschaften organisiert und ein reines Frauenteam maß sich mit den besten Männern in Wettkämpfen. Mit Pjotr Romanowski und Alexander Tolush fand Rudenko in Leningrad zwei Trainer, die sie im Schach weiterbrachten. Unter dieser kundigen Anleitung entwickelte Rudenko einen sehr aggressiven und taktischen Stil, mit dem sie bald sehr erfolgreich war. 1932 gewann Rudenko erstmals die Leningrader Frauenmeisterschaft. 1936 wiederholte sie den Erfolg und in diesem Jahr auch Vizemeisterin bei der UdSSR-Frauenmeisterschaft hinter Olga Semjonova.
In Leningrad hatte Rudenko den Wissenschaftler für technische Kybernetik Lew Goldstein kennengelernt und geheiratet. 1931 wurde ihr Sohn Wladimir geboren. Rudenko arbeitete zu dieser Zeit als Ökonomin in einem Planungsbüro einer Waffenfabrik.
Nachdem 1941 die Deutsche Wehrmacht die Sowjetunion überfallen hatte und auf Leningrad vorrückte, wurde die Fabrik mit ihrem Material, den Fachkräften und Arbeitern hastig weit nach Osten in die Stadt Ufa verlegt. Die Kinder der Firmenangehörigen befanden sich gerade für einige Tage außerhalb in einem Pionierlager, konnten nicht mehr abgeholt werden und blieben zurück.
Lyudmila Rudenko nun von der Fabrikleitung nach Leningrad zurückgeschickt, um die Kinder nachzuholen - ein gefährlicher Auftrag. Leningrad wurde von der Deutschen Luftwaffe bombardiert und der Belagerungsring schloss sich schnell. Rudenko organisierte in Leningrad einen Zug und brachte die 300 Kinder der Fabrikangehörigen wohlbehalten in das 2000 km entfernte Ufa. Eine besondere Herausforderung bestand darin, die Kinder auf der 19-tägigen Bahnfahrt ausreichend zu ernähren. Lyudmila Rudenko betrachte diese Tat im Nachhinein als ihre größte Lebensleistung. In Ufa war Rudenko während des Krieges in einem Motorenwerk mit der technischen Berechnung der Produktionsreihen beauftragt.

Bald nach Ende des Krieges wurden zwischen den siegreichen Alliierten so genannte Radiomatches im Schach ausgetragen, bei denen die Züge per Funkt übertragen wurden. Lydmila Rudenko spielte 1946 den Radiowettkampf gegen eine englische Auswahl mit. Neben zehn Männern traten auch je zwei Frauen an.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war der Schachverband der UdSSR dem Weltschachbund FIDE beigetreten. Beide Weltmeister waren inzwischen verstorben und die Weltmeisterschaften wurden nun von der FIDE neu organisiert. In der absoluten Weltmeisterschaft setzte sich nach dem Tod des letzten Privatweltmeisters Alexander Aljechin im WM-Turnier von 1948 Michail Botvinnik durch und wurde der neue Schachweltmeister.
Zur Ermittlung einer neuen Weltmeisterin nach dem Tod von Vera Menchik, die 1944 bei einem deutschen Raketenangriff gestorben war, wurde im Dezember 1949/ Januar 1950 in Moskau ein Weltmeisterschafsturnier mit den 16 besten Spielerinnen der Welt organisiert. Die Sowjetunion trat dort mit vier Spielerinnen an, Olga Rubtsova, Elisaveta Bykova, Valentina Belova und Lyudmila Rudenko, wobei Rudenko als die schwächste der vier Sowjetspielerinnen angesehen wurde.

Für die Sowjetunion war es eine Prestigeangelegenheit, nach dem Gewinn des absoluten Schachweltmeistertitels auch den Titel bei den Frauen zu gewinnen. Inzwischen hatte sich das politische Klima in der Welt dramatisch verändert und aus den Verbündeten des Zweiten Weltkrieges waren politische Gegner geworden. Der „Kalte Krieg“ hatte begonnen.
Um den Erfolg zu garantieren erhielten die vier Sowjetspielerinnen eine intensive Trainingsvorbereitung von renommierten Meistern. Rudenko war schon 1947 von Ufa nach Leningrad zurückgekehrt und wurde dort von Alexander Tolusch und Grigori Lewenfisch vorbereitet.
Als das Turnier begann, musste Rudenko in der ersten Runde eine peinliche Niederlage gegen die US-Amerikanerin Gisela Kahn Gresser hinnehmen, eine der beiden Vertreterinnen des ideologischen Gegners USA. Die Partie fand zudem an Stalins Geburtstag statt. Während der Partie soll ein Parteigenosse mit Rudenko gesprochen und ihr angedroht haben, sie würde nach Sibirien verbannt werden, wenn sie diese Partie verlöre. Die Partie war aber schon nicht mehr zu retten. Deportiert wurde Rudenko nicht.

Foto: Sovfoto
Denn tatsächlich verlor Rudenko nun keine weitere Partie mehr, besiegte mit Rubtsova und Bykova ihre engsten Konkurrentinnen aus dem eigene Land und wurde im Alter von immerhin schon 45 Jahren mit einer Ausbeute von 11,5/15 Punkten die zweite Schachweltmeisterin der Geschichte. Ihre Landsfrauen belegten die folgenden Plätze. Die Deutsche Edith Keller-Herrmann wurde auf Platz fünf die beste Nicht-Sowjetspielerin.

Zur Belohnung für ihren Erfolg erhielt Rudenko vom Staat nun eine eigene Wohnung zugeteilt. Bis dahin hatte sie und ihre Familie sich mit anderen Familien eine Wohnung teilen müssen, wie das lange nach der Revolution in der Sowjetunion üblich war.
1952 gelang Rudenko auch der erste und einzige Titelgewinn der UdSSR-Frauenmeisterschaft. Im Laufe der Zeit hatte sie an 17 UdSSR-Frauenmeisterschaften teilgenommen.

Gruppenfoto der UdSSR-Frauenmeisterschaft 1952
1953 wurde Rudenko von Elisaveta Bykova in einem Wettkampf um den Titel herausgefordert. Bykova hatte sich im ersten Kandidatinnenturnier der Geschichte gegen 15 Gegnerinnen durchgesetzt. Das Match wurde im August/September 1953 über 14 Partien in Leningrad ausgetragen. Mit einem starken Endspurt entschied Bykova das Treffen mit 8:6 für sich und wurde die 3. Weltmeisterin.

Bei einer Simultanvorstellung
1956 gewann Olga Rubtsova das Kandidatinnenturnier. Nun wurde ein Dreikampf mit Bykova und Rudenko ausgetragen, den Rubtsova gewann.
Rudenko spielte bei Länderwettkämpfen (1954 gegen die Tschechoslowakei) und Städtevergleichen (1957 gegen Budapest) und gewann die Offenen Frauenmeisterschaften von Usbekistan (1955) und der Ukraine (1956). Siebenmal wurde sie Frauenmeisterin von Leningrad. Die letzte Meisterschaft gewann sie 1968 im Alter von 64 Jahren. 1953 erhielt die den Titel „„Verdiente Meisterin des Sports der UdSSR“ verliehen.

1950 erhielt Rudenko als erste Frau den Titel eines Internationalen Meisters (IM). 1976 wurde sie zur Internationale Großmeisterin der Frauen (WGM) ernannt.
Bald nach dem Gewinn ihrer letzten Leningrader Frauenmeisterschaft verschlechterte sich ihre Sehkraft zunehmend.

„Ich kann die Hälfte des Schachbretts nicht sehen, aber ich schlage trotzdem starke Spieler. Ich kann mir ein Leben ohne Schach nicht vorstellen. Wenn ich noch einmal ganz von vorne anfangen müsste, würde ich wahrscheinlich wieder denselben Weg gehen, auch wenn er mir nicht immer Freude bereitet hat“, erklärte sie damals in einem Interview. Zum Ende ihres Lebens war sie fast vollständig erblindet.
Trotz ihrer Erfolge als Schachspielerin hatte Lyudmila Rudenko die meiste Zeit ihres Lebens in großer Armut verbracht. Ihre Pokale musste sie in der Not verpfänden und ihre goldene Weltmeistermedaille ließ sie einschmelzen, um sich aus dem Material Zahnkronen anfertigen zu lassen. Ihren Lorbeerkranz hatte sie in die Suppe gegeben.
Vor 40 Jahren, 1986, starb Lyudmila Rudenko. Über den genauen Todestag gibt es unterschiedliche Angaben. In einigen Quellen wird der 26. Februar 1986 angegeben, in anderen Quellen der 4. März 1986.

Ihr Grab befindet sich auf dem Südlichen Friedhof von St. Petersburg.
Anlässlich des 100sten Geburtstag wurde das Jahr 2004 von der FIDE zum „Jahr der Lyudmila Rudenko“ erklärt. In ihrer ukrainischen Geburtsstadt Lubny wird seit 2004 auch regelmäßig ein Gedenkturnier zu Ehren von Rudenko durchgeführt. 2015 wurde Rudenko in die „World Chess Hall of Fame“ in St. Louis aufgenommen.
2018 erinnerte Google mit einem „Google Doodle“ am 27. Juli, Rudenkos Geburtstag, an die zweite Schachweltmeisterin der Geschichte.

Grafik: Google
Am Haus, in dem Lyudmila Rudenko in der Ulitza Lensoweta in Leningrad/ St. Petersburg zuletzt gewohnt hatte (nahe der Metrostation Zvezdnaya), wurde eine Gedenkplatte angebracht:
„Die herausragende Schachspielerin und erste sowjetische Weltmeisterin, Lyudmila Wladimirowna Rudenko, lebte und arbeitete von 1976 bis 1986 in diesem Haus.“
