Erwürgt die Eröffnungstheorie das Schach?

20.04.2004 – Auf die Kritik an den Spitzenprofis für ihre hohen Remisquoten - in Linares war sie 80% - hat Kramnik sich kürzlich in dem Sinne geäußert, dass daran die ausufernde Eröffnungstheorie schuld sei und schlug als Lösung vor, auf den Turnieren die Eröffnung vor der Partie auszulosen. Einen ähnlichen Ansatz, wenn auch in radikalerer Form, verfolgt das Shuffle-Schach, bei dem gleich die ganze Grundstellung ausgelost wird. Ist Schach, auch wegen des Einflusses von Computern zu wissenschaftlich geworden? Werden die spielerischen und künstlerischen Elemente in den Hintergrund gedrängt? In einem Essay hat Silvo Lahtelo sein Unbehagen am Schach formuliert und Änderungsvorschläge gemacht. Mehr...

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Unbehagen am Schach
Gedanken und Hoffnungsschimmer eines irritierten Amateurs
Von Silvo Lahtela

Erstveröffentlicht in "SCHACH", 2001/8


Die meisten Schachspieler, wenn sie nicht gerade zu meinen Freunden gehören, dürften sich für den blindesten Einsteller eines Super-GM’s mehr interessieren als für die wildeste oder tiefste meiner Partien. Keine schachliche Autorität also meldet sich hier zu Wort, sondern jemand mit einer unspektakulären Wald- und Wiesenelo.

Was jedoch kein Schaden sein dürfte, da auch mein Thema keineswegs elitär ist, sondern, soweit ich sehe, vom Weltmeister bis zum letzten Patzer jeden betrifft: Wie ein Krebsgeschwür durchziehen endlose Eröffnungs-Varianten aus riesigen Datenbanken die Gehirne der Spieler und töten erbarmungslos ab, was zumindest mich vor vielen vielen Jahren einmal zum Schach trieb: simple Spielfreude. Symptomatisch für diese Erosion ist Kasparows Aussage, dass Kramnik ihn nicht am Brett sondern in der Vorbereitung geschlagen habe. Unwichtig, ob dies stimmt oder nicht, Weltmeister als berufsbedingte Rechthaber sind schließlich seit jeher um Ausreden nicht verlegen, entscheidend scheint mir, daß heutzutage eine solche Behauptung möglich ist, ohne sich der Lächerlichkeit preiszugeben. Doch auch am anderen Ende der Elo- Skala, wo sich die Mehrheit der Amateure tummelt, kann man regelmäßig auf Spieler treffen, die im 15. Zug bei einer Nettospielzeit von einer Minute mit gelangweiltem Gesichtsausdruck die Dame opfern. Kein Geniestreich natürlich, sondern mühsam verdaute Lesefrucht Als Geisterfahrer auf der Autobahn hat man vermutlich größere Überlebenschancen, als wenn man unvorbereitet in die verminten Gefilde bestimmter Eröffnungen gerät. Prinzipiell Zustände wie in der Formel 1: Man könnte fahren wie ein Gott, ist der Motor nicht uptodate, schachlich in erster Linie das Eröffnungsrepertoire, überholt einen nicht nur Schuhmacher und Häkkinnen, sondern im Zweifelsfall sogar die eigene Oma.

Dies ist der traurige Stand der Dinge, und er ist natürlich allgemein bekannt. Auch die Strategien mit dieser Problematik umzugehen sind relativ einsichtig: Da gibt es die sympathisch-ehrlichen „Ich will gewinnen”- Typen, die sich mit mehr oder weniger wasserdichten und ausgefeilten Theoriekenntnissen in die Schlacht stürzen. Etwa Robert Rabiega, amtierender deutscher Meister, der auf meine Frage, wie ich mich verbessern könne, unmißerständlich auf die Notwendigkeit eines Eröffnungsrepertoires hinwies. Dann gibt es als nonchalanten und menschlich ebenso sympathischen Gegenpol die mehr verspielten Schachfreunde, die „die Eröffnung als notwendiges Übel” betrachten, das man „irgendwie überstehen” musse, (Arno Nickel, kein deutscher Meister). 

Zwischen diesen grundsätzlichen Haltungen, die mir aber beide nicht besonders gefallen, (entweder spielen und sicher verlieren oder büffeln und vielleicht gewinnen) irre ich umher -und mit mir vermutlich zahllose Leidensgenossen-, und suche einen realistischen Ausweg. Das Dilemma ist klar: Wer kein Profi ist, und keiner werden will, erschaudert bei der Vorstellung, Tage oder Monate oder gar Jahre mit dem Studium von Eröffnungen zu verbringen, nur um halbwegs in der breiten Masse mithalten zu können. Oder noch schlimmer, eine moderne Variante der Hölle, ein realer Alptraum, ein symptomatischer Buchtitel: „Ein Leben lang französisch” 

Aber auch ein Profi müßte über die gegenwärtige Situation erschrecken, die Schachspieler zu Fachidioten nicht allein ihres Spieles (das wäre ja noch fast normal, im Zeitalter der Arbeitsteilung sowieso), sondern zu letztlich engstirnigen und teilweise lebenslangen Fanatikern einer bestimmten Zugfolge macht. Die bunten Eröffnungsnamen wie „Drachen” oder „Königsindisch” beschönigen diese Realität, der ECO-Code kommt dem staubtrockenen Kern der Sache deutlich näher: „Ein Leben lang C00-C19 ”. Das klingt nicht einmal mehr wie ein Alptraum, das ist nur noch eines: langweilig.

Ich möchte ein imaginäres Beispiel geben, das die im Grunde tragische Tragweite des Problems veranschaulicht. Man stelle sich einen GM vor, ein solider lebenslanger d4-Spieler, der eines Morgens vor einer wichtigen Turnierpartie mit dem Gedanken aufwacht, heute mal etwas ganz anderes als den gewohnten Stiefel zu spielen. Die natürlichste Regung der Welt, so wie man auch nicht jeden Tag dasselbe essen mag. Er spielt also e4, sein Gegner antwortet e5, unseren GM reitet der Spielteufel, im Herzen spürt er seine Jugend wieder, er riskiert frohgemut das Königsgambit, - und steht nach elf Zügen und fast völlig verbrauchter Zeit auf Verlust. Sein Gegner, mit noch massig Zeit auf der Uhr, hat zwar 300 Elo Punkte weniger, aber zufälligerweise ist Königsgambit und darin wiederum besonders die gespielte Variante sein Steckenpferd gewesen.

Das schadenfrohe Lachen im Publikum dürfte den Großmeister bis in den Schlaf verfolgen. Möglicherweise auch die Gläubiger, denn diese verpatzte Eröffnung hat dem Spieler das Preisgeld und also vielleicht die Miete gekostet. Dieser Aspekt sei erwähnt, denn mit Profiaugen gesehen ist die Eröffnungswahl alles andere als eine rein akademische Frage.

Unser GM dürfte jedenfalls traumatisiert sein und den e- Bauern nicht einmal mehr in Gedanken anfassen, höchstens vielleicht noch, um 1. e3 spielen. Eine verständliche Angstreaktion, aber besonders für einen Großmeister dieses Spiels auch total trostlos. Wie eine Fußballmanschaft die immer wieder aus gesicherter Deckung heraus den Ball nach vorne schlägt. Was akzeptable Ergebnisse bescheren mag, aber davon abgesehen das Publikum und irgendwann auch den Spieler selbst anöden dürfte.

Die Moral dieser fiktiven Minigeschichte, die sich stündlich in der Realität ereignen könnte, liegt allerdings keineswegs auf der Hand, vor allem ist sie nicht diese: „Schuster bleib bei deinen Leisten”. Nein. Dieses etwas trotzige „Nein” ist gewissermaßen das Leitmotiv meiner Zeilen. Denn irgendetwas scheint mir völlig schief mit dem modernen Schach gelaufen zu sein, wenn man wirklich, um Erfolg zu haben, oder um wenigstens konkurrenzfähig zu bleiben, täglich Variantenbäume am heimischen PC im Datenbankenwald abklettern muß. Eine ziemlich stupide Tätigkeit, eigentlich müßte es gerade für einen echten Großmeister irgendwann unter aller Würde sein, sich derart geistlos abzustrampeln. Für einen Amateur, der nicht einmal Geld dafür kriegt, vom fehlenden Spaß zu schweigen, um so mehr.

So what? Was will der Typ uns erzählen, das wissen wir doch alles selbst?! Da ich wirklich nicht mit geistigen Zugwiederholungen (Lamentieren und Jammern gehören gewiß zu den unverwüstlichen Klassikern des Auf-der-Stelle-Tretens), langweilen will, komme ich jetzt zu den guten Nachrichten, den Alternativen, denn ich sehe ein Licht am Ende des Tunnels.

Die erste Alternative angesichtes der „Megabase”-Metastasen, wo Erinnerungsvermögen Spielkultur zu ersetzen anfängt, ist eine rein persönliche und für zarte Gemüter nicht unbedingt nachahmenswert, aber sie verdeutlicht zumindest auf privater Ebene den Ernst der Lage: Ich habe als radikale Erste Hilfe Maßnahme alle meine Eröffnungsbücher verschenkt und den ECO-Schlüssel aus meinen Datenbanken gelöscht. Und mir das Gelübde auferlegt, ein Jahr lang ohne Buch nur nach Schachverständnis und Lust und Laune zu spielen, selbst dann, wenn ich ununterbrochen Nullen einheimsen und in hundert Eröffnungsfallen tapsen sollte. Ich will wissen, wo ich schachlich wirklich stehe, ohne den gewohnten Papagei auf der Schulter, der Varianten bis zum 33. Zug repetieren kann. Die Freiheit, die neuen Horizonte, die sich dadurch eröffnen, daß ich auf zwanghafte Eröffnungen verzichte, ist mir mehr wert als die muffige Sicherheit irgendeinen Krähwinkels, nenne er sich nun Modern, Wolga, Englisch oder wie auch immer. Auf meine nächste Turnierpartie, die ich unter diesem neuen Stern spielen werde, meine persönliche Perestroika im Schach, freue ich ich jedenfalls wie früher auf Weihnachten. Endlich wieder frei von all dem Variantenmüll aufs Brett schauen!

Aber wie gesagt, dies ist mein Weg, er dürfte anfangs von überdurchschnittlich anfallenden Niederlagen begleitet sein, und ich will ihn nicht der Allgemeinheit predigen. Statt dessen möchte ich eine weitere Alternative zum herkömmlichen Eröffnungspauken anbieten, die meiner Meinung nach wirklich für ein breites Publikum unbesehen geeignet ist: Warum richtet man nicht Turniere aus, in denen die Stellungen auf den Brettern nach dem ECO-Code ausgelost werden? (z. B. jeweils die Stellung im 5. Zug)? Technisch wäre dies dank der allgegenwärtigen Computer gar kein kein Problem mehr.

Dies würde als erstes bedeuten, daß stupides Lernen angesichts des jetzt potentiell unendlichen Materials gar nichts mehr bringt und daß wieder echte Schachbegabung : sich in den unterschiedlichsten Stellungen zurechtzufinden, vorrangig zählt. Und im Unterschied zu Shuffle-Chess und ähnlichem würden die traditionell vertrauten Bilder auf dem Brett von Anfang an bleiben, das heißt, das Kind würde eben nicht mit dem Bade ausgeschüttet werden. Kein neues Schach also, nein, sondern nur eine in der Luft liegende und notwendige Korrektur, die dem Schach das Spielerische wieder zurückgeben würde; jenes lebenswichtige Element, das im Augenblick durch lähmende Verwissenschaftlichung zu verschwinden droht.

Ein vergleichender Blick über den eignen Tellerrand hinaus kann vielleicht in diesem Sinne nicht schaden: Der Reiz des Bridgespielens etwa (von der Komplexität mit Schach durchaus vergleichbar) dürfte gerade auch für sehr gute Spieler darin liegen, das jedes Spiel ein neues Spiel, eine neue Herausforderung darstellt. Ein Bridgespieler, der nur mit einer bestimmten Art Blattverteilung gewinnen könnte, weil er eben diese Zuhause eingehend studiert hätte, was in etwa der Variantenvorbereitung im Schach entsprechen würde, dürfte als Spieler bestenfalls ein mitleidiges Lächeln ernten. Zurecht, und davon sollte man sich beim Schach, wo Sardinen zu „Eröffnungshaien” mutieren, eine Scheibe abschneiden.

Die vorgeschlagene Auslosung der Anfangsstellung nach dem ECO-Code wäre also vergleichbar dem Mischen der Karten -und mit einem schönen Schlag wäre die ganze, sicher nicht nur mir das Spiel oft verleidende Theorielastigkeit und lähmende Wissenschaftlichkeit weggewischt. Auch die Göttin Caissa würde wieder mit Anmut und ohne jede Verkrampfung lächeln, wenn statt den vielen Bücherwürmern und Datenbankenfreaks endlich wieder mehr vom Spiel beseelte und besessene Sieger in Erscheinung treten würden. Und auch Kasparov hätte keine Entschuldigung mehr, wenn er gegen Kramnik herumpatzen würde. Besonders diese letzte Konsequenz, Kasparow oder auch einen anderen Weltmeister im Verlustfall zum Schweigen zu bringen, hat einen gewissen unwiderstehlichen Charme.

Die praktischen Details und die turniertechnisch äußerst flexiblen Möglichkeiten dieser Idee, Spieler anhand von ausgelosten ECO-Codes gegeneinander antreten zu lassen, stehen hier nicht zur Debatte, da ich zunächst einmal nur die Diskussion darüber anstoßen möchte. Nur soviel: Ein Turnier, unter solche Bedinungen annonciert und ausgerichtet, würde mit Sicherheit ein absoluter Renner werden. Allein die Tatsache, daß man tatsächlich endlich mal einen Großmeister sehen würde, der sich mit Schweiß auf der Stirn durch die Klippen des Königsgambits hangeln muß, dürfte vollstes Publikumsinteresse beanspruchen. Und erst die Spieler selbst: Kreativität wäre kein Thema diverser Sonntagsreden mehr, sondern endlich wieder ein spielentscheidender Faktor.

Als Schachspieler aber auch als Mensch wäre dies eine Entwicklung, die ich nicht nur begrüßen, sondern eher noch mit Champagner als mit Sekt begießen würde. Schachspielen würde wieder richtig Spaß machen. Und diese Hoffnung ist mir zumindest diese Worte hier mehr als wert gewesen.


 


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