Etwas Schachgeschichte zu Miguel Quinteros' 70sten

von André Schulz
28.12.2017 – Der argentinische Großmeister Miguel Quinteros gehörte viele Jahre zu den besten Spielern seines Landes und ihm gelang, was sonst nur wenige von sich behaupten können, er war mit Bobby Fischer befreundet. Heute feiert er seinen 70sten Geburtstag. (Mit William Lombardy in Reykjavik, Fotoquelle: Uno Scacchista)

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Miguel Quinteros zum 70sten

Das argentinische Schach hatte im und nach dem Zweiten Weltkrieg einen deutlichen Aufschwung genommen, nachdem eine Reihe von starken europäischen Spielern, die zur Schacholympiade 1939 nach Buenos Aires gereist waren, sich bei Ausbruch des Krieges dazu entschieden hatten, in Argentinien zu bleiben. Zu diesen Spielern gehörten unter anderem Miguel Najdorf (eigentlich: Mojsze Mendel Najdorf) und Paulin (Paulino) Frydman aus Polen, die Tschechen Jiri (Jorge) Pelikan und Karel (Carlos ) Skalicka, der Litauer Movsa Feigin (Movsas Feigins), der Niederländer Chris (Christiaan) de Ronde, außerdem: Albert (Alberto) Becker, Erich Eliskases, Paul (Pablo) Michel sowie Heinrich Alfred Kurt (Enrique Alfredo Kurt) Reinhardt, die alle für die "groß"deutsche Mannschaft in Buenos Aires gespielt hatten. Ihr Mannschaftskollege Jakob Adolf Seitz blieb bei Kriegsausbruch ebenfalls in Argentinien, ging aber 1955 zurück und lebte dann in der Schweiz. Der Schwede Anders Gideon Tom Stahlberg war bereits 1948 in sein Heimatland zurückgekehrt, nachdem auch er die Kriegsjahre in Argentinien verbracht und dort einige Turniere gespielt hatte.  Der in Berlin geborene Viktor (Víctor) Winz hatte bei der Schacholympiade 1939 ebenso wie der aus Polen stammende Moshe Czerniak für das neu gegründete Palästina gespielt. Auch sie blieben in Argentinien.

Schachimport durch Immigranten

Schon 1930 war der Stuttgarter Hermann (German) Pilnik nach Argentinien emigriert. 1936 folgte der in Berlin gebürtige bekannte Problemist Franz (Francisco) Benkö. 1932 war die rumänisch-jüdische Familie von Bernardo Wexler von Bukarest nach Argentinien eingewandert. Viele Namen dieser Spieler sind heute unverdientermaßen in Vergessen geraten, aber in Argentinien entfaltete diese geballte Schachmacht große Wirkung.

Bei den ersten drei Schacholympiaden nach dem Krieg, 1950 in Dubrovnik, 1952 in Helsinki und 1954 in Amsterdam, belegte die Mannschaft von Argentinien jeweils den zweiten Platz und holte die Silbermedaille. Die Immigranten Najdorf, Pilnik und Eliskases (1954) bildeten dabei das Gerüst der Mannschaft, wobei Najdorf ohne Zweifel zur absoluten Weltspitze gehörte, auch wenn er nie um die Weltmeisterschaft spielte. Der Statistiker Jeff Sonas zählte ihn 1948 in seiner historischen Weltrangliste als zweitbesten Spieler hinter Botvinnik, aber für das Weltmeisterturnier von 1948 wurde Najdorf übergangen.

Die Erfolge und die Schachaktivitäten der zugewanderten neuen argentinischen Spielern belebten das Schachleben im Land rückten es in den internationalen Focus. Junge Spieler wuchsen heran und zu den besten der nach dem Krieg geborenen Generation gehörte Miguel Angel Quinteros. Er kam 1947 in Buenos Aires auf die Welt und 1966 gelang ihm als 18-Jähriger das Kunststück, als jüngster Spieler aller Zeiten die Landesmeisterschaft von Argentinien zu gewinnen. In den folgenden Jahren blieb ihm eine Wiederholung des Erfolges verwehrt - erst 1980 gelang ihm ein zweiter Titelgewinn -, aber er etablierte sich als einer der besten Spieler des Landes, wurde zu großen internationalen Turnieren überall auf der Welt eingeladen und nahm mehrfach an den Ausscheidungsturnieren für die Weltmeisterschaften teil. Quinteros' große Zeit waren die Jahre zwischen 1970 und 1990, die Eckpunkte sind zwei große internationale Turniere in Buenos Aires, an denen Quinteros jeweils einer der Teilnehmer war. Im Laufe dieser 20 Jahre spielte er gegen viele Weltklasse-Spieler und erzielte einige bemerkenswerte Ergebnisse.

Freundschaft mit Fischer

Das Turnier von Buenos Aires 1970 war das letzte Einladungsturnier, bei dem Robert Fischer mitspielte, bevor er in den Jahren 1971/72 seinen Angriff auf den Weltmeistertitel nahm - und dann für 20 Jahre aus der Öffentlichkeit verschwand. Die Organisation der Teilnahme des US-Großmeisters war für die Veranstalter mit einigen Schwierigkeiten versehen. Die Verhandlungen mit Fischer zogen sich in die Länge. Erst im letzten Moment waren die Modalitäten geklärt und der Flug konnte gebucht werden. Fischer kam allerdings nicht mehr rechtzeitig zum Turnierbeginn am 19. Juli 1970 an. Er stieg erst zur dritten Runde ein, die ersten beiden Runden holte er nach. Dafür mussten noch einige Ruhetage eingeschoben werden, das Turnier verlängerte sich um sieben volle Tage. Andere Spieler kamen nun in Terminschwierigkeiten, weil sie mit einem früheren Ende gerechnet hatten und andere Verpflichtungen eingegangen waren. Irgendwie gelang es aber, alle Interessen unter einen Hut zu bekommen und das Turnier in voller Teilnehmerzahl zu Ende zu bringen. Fischer gewann es dann auf einzigartige Weise: Von seinen 17 Partien entschied Fischer 13 für sich, gab vier Remis ab und siegte mit 15 Punkten und 3,5 Punkten Vorsprung vor dem jungen Vladimir Tukmakov.

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Oskar Panno wurde mit 11 Punkten Dritter. Der 22-jährige Quinteros, der sich durch einen Sieg bei einem vorausgegangenen Ausscheidungsturnier für die Teilnahme qualifiziert hatte, wurde bei seinem ersten großen internationalen Turnier mit 8,5 Punkten geteilter Achter/ Neunter, zusammen mit dem erst 17-jährigen Brasilianer Henrique Mecking. Seine Partie gegen Fischer verlor Quinteros - wie die meisten anderen Spieler auch.

 

Fischer kiebitz bei Quinteros (Unbekannter Fotograf)

Offensichtlich kamen Quinteros und der viereinhalb Jahre ältere Fischer aber gut miteinander klar, denn aus der Begegnung bei diesem Turnier erwuchs eine langjährige Freundschaft, die auch weiter anhielt, als Fischer nach dem Gewinn des Weltmeistertitels für die meisten anderen verschwunden war.

 

Die Freundschaft mit Quinteros war dem ansonsten sehr kontaktscheuen Fischer anscheinend auch einiges wert, wie eine Geschichte beweist, die Jan Timman in seinem Buch "Timman's Titans" erzählt und die er von Lubomir Ljubojevic erfahren hatte. Quinteros war nämlich beim "Revanche"-Wettkampf Fischer - Spassky 1992 in Jugoslawien anwesend. Eine offizielle Aufgabe hatte er nicht, aber er sollte oder wollte seinen langjährigen Freund durch seine Anwesenheit unterstützen. Zu diesem Zweck hatte sich Quinteros, berichtet Timman, mit einer Freundin in Belgrad in einem Luxushotel einquartiert. Der argentinische Großmeister hatte noch zwei weitere kostspielige Angewohnheiten: Er liebte guten Wein und telefonierte gerne vom Hotel aus nach Hause. Am Ende des Wettkampfes soll eine Rechnung in Höhe von 327.000 Dollar entstanden sein. Robert Fischer bezahlte sie für seinen Freund, ohne mit der Wimper zu zucken.

Im September 1970 nahm Quinteros mit der argentinischen Mannschaft an seiner ersten Schacholympiade teil. Sie fand in Siegen statt. Mit Najdorf und Panno an den ersten beiden Brettern erreichte Argentinien das A-Finale der besten zwölf Mannschaften und wurde Achter.

 

Quinteros war mit 10/14 bester Spieler seiner Mannschaft. Robert Fischer sah er hier auch wieder. Es folgten fünf weiter Olympiadeteilnahmen: 1974, 1976, 1980, 1982 und 1984. 1976 in Haifa war er fünftbester Spieler an Brett drei. In den 1970er Jahren war Quinteros schachlich sehr aktiv und nahm an vielen Turnieren, auch in Europa teil, mit einigen sehr guten Ergebnissen. Trotzdem ließ er die Verbissenheit manch andere Großmeister vermissen und vermittelte auf manche Kollegen den Eindruck eines "Playboys". 1973 schaffte Quinteros es in das Interzoneturnier von Leningrad und belegte einen Platz im Mittelfeld. 1973 und 1974 war der Argentinier einer der Teilnehmer bei den internationalen Turnieren in Manila und schloss auch diese mit Plätzen im Mittelfeld ab, ebenso wie das Interzonenturnier von 1976 an gleicher Stätte. Bei vielen Top-Turnieren mit erstklassiger Besetzung war Quinteros auf einen Platz im Mittelfeld abonniert. 1977 gelang ihm ein großer Erfolg beim stark besetzten Lloyd Banks Open in London, das er mit dem geteilten 2. Platz beendete. Zu seinen besten Erfolgen gehörten Turniersiege oder geteilte erste Plätze bei den Turniere 1970 in Nis, 1972 in Sao Paulo, 1973 in Wijk aan Zee (B-Turnier) und Torremolinos, 1974 in Arrecife und Lanzarote. 1975 in Torremolinos, 1976 in Caracas (1976, 1.)1978 in Wellington und Jakarta, 1982 das Zonenturnier in Moron und 1983 in Netanja.

Miguel Quinteros beim IBM-Turnier 1977 in Amsterdam (Foto: Hans Peters, Nationalarchief NL)

Bei der Schacholympiade 1978 in Argentinien startete der Gastgeber selber nur mit zwei schwächer besetzten Teams, da die Topspieler des Landes bei der Qualifikation für die Nationalmannschaft, der Landesmeisterschaft, gefehlt hatten. Auch Quinteros war nicht dabei. 

1979 fanden in Buenos Aires gleich zwei große Turniere statt. Im Juli gewannen Kortschnoj und Ljubojevic das Konnex International. Im November gewann Bent Larsen mit großem Abstand das Clarin International. Quinteros ist beide Male am Start und schließt jeweils im Mittelfeld ab. Beim Clarin-Turnier landete Weltmeister Anatoly Karpov nur auf dem fünften Platz. Er gewann nur vier Partien und verlor zwei - gegen Timman und gegen den damaligen FIDE-Präsidenten Fridrik Olafsson. Es ist wohl das einzige Mal in der ganzen Sportgeschichte, dass der Präsident eines Sportverbandes in seinem Sport seinen Weltmeister schlagen konnte.

 

Im Mai 1980 gewann Quinteros in Quilmes dann nach großer Pause seine zweite Landesmeisterschaft. 1982 war Quinteros einer der Teilnehmer des Interzonenturniers in Moskau, wird aber im 14er-Feld nur Letzter. 1983 spielet er beim Internationalen Mephisto-GM-Turnier in Hannover mit und wird hier geteilter Zehnter, zusammen mit Eric Lobron. Beim Interzonenturnier in Biel 1983 ist er dabei (hinteres Mittelfeld), ebenso beim 1985 beim GM-Turnier in Baden-Baden (geteilter Dritter mit Stefan Kindermann). Bis 1987 sah man Quinteros noch regelmäßig auf verschiedenen Turnier weltweit spielen, in Reykjavik, Dortmund, Wien, Zürich, New York, Buenos Aires - den typischen Stationen eines Schachprofis.

1987 unternahm Quinteros eine Simultantournee in Südafrika und gab Simultanvorstellungen in Kapstadt, Sun City und Johannisburg. Das wegen seiner Apartheid geächtete Südafrika stand unter internationalem wirtschaftlichen Boykott und Quinteros wurde wegen seiner Simultanvorstellung dort vom Weltschachbund für drei Jahre gesperrt. Die Sanktion wurde auf dem FIDE-Kongress während der Schacholympiade in Thessaloniki beschlossen und ihr ging eine heftige Diskussion voraus. Afrikanische Delegierte forderten eine lebenslange Sperre und Aberkennung des GM-Titels. Am Ende entschieden die FIDE-Delegierten sich für ein dreijährige Sperre.

Mit der Sperre endete die internationale Karriere des argentinischen Weltklasse-Großmeisters im Prinzip auch. 

1990 nahm Quinteros noch an einem weiteren GM-Turnier in Buenos Aires teil, das nicht mehr so gut besetzt war wie frühere, obwohl Symslov mitspielte und auch gewann. Die Weltreisen hatten für den Schachprofi Miguel Quinteros ein Ende, aber er spielte in den 1990er Jahren noch regelmäßig bei Turnieren in seinem Heimatland mit. Sein letztes Turnier stammte aus dem Jahr 2008. Heute feiert Miguel Quinteros seinen 70sten Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch!

 



André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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knight100 knight100 28.12.2017 11:44
"Am Ende des Wettkampfes soll eine Rechnung in Höhe von 327.000 Dollar entstanden sein. Robert Fischer bezahlte sie für seinen Freund, ohne mit der Wimper zu zucken." - Stimmt der Betrag?
André André 28.12.2017 09:20
@Picandy Stimmt. Danke für den Hinweis. Nochmal nachgeschaut und korrigiert.
Picandy Picandy 28.12.2017 07:40
Fischer ist offensichtlich nur viereinhalb Jahre älter, nicht sechseinhalb wie der Autor behauptet.
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