Eugène Snosko-Borowsky – ein unterschätzter Schach(groß)meister

von Stephan Oliver Platz
22.06.2017 – Der St. Peterburger Schachmeister Eugène Snosko-Borowsky war vor allem vor dem Ersten Weltkrieg ein gefürchteter Gegner. Er gehört zu den wenigen Spielern, die Capablanca besiegt haben. Nach der Revolution hat er seine Heimat verlassen und machte sich dann auch als Autor einer Reihe von Lehrbüchern einen Namen. Stephan Oliver Platz zeichnet seinen Lebensweg nach.

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Eugène Snosko-Borowsky ist im deutschsprachigen Raum vor allem als Autor des Buches „Eröffnungsfallen am Schachbrett“ bekannt. Einige Schachfreunde besitzen darüber hinaus seine Bücher „Das Mittelspiel im Schach“ und „So darfst Du nicht Schach spielen“.

Eröffnungsfallen am Schachbrett

Das Muzio-Gambit

Vielleicht ist dem ein oder anderen sogar noch bekannt, dass Snosko-Borowsky einer der wenigen war, denen es gelang, die „Schachmaschine“ Capablanca (Weltmeister von 1921 - 1927) zu besiegen. Die Partie aus dem Jahre 1913 wurde schließlich in dem bekannten Buch „Capablancas Verlustpartien“ von Dr. Fritz Görschen (a) und auch in Capablancas „Grundzüge der Schachstrategie“ (b) veröffentlicht.

 

Aber ansonsten weiß man wenig über diesen aus Russland stammenden Schachmeister. Nur vereinzelt finden sich weitere Partien von ihm in diversen Schachbüchern, aber immerhin in so renommierten Werken wie „Die moderne Schachpartie“ von Dr. Siegbert Tarrasch, „Lehrbuch des Schachspiels“ von Dr. Emanuel Lasker (Weltmeister von 1894 - 1921) und „Mein System“ von Aaron Nimzowitsch. Wer jedoch in der Mega Database 2017 von ChessBase nachschaut, findet dort insgesamt 334 von Snosko-Borowsky gespielte Partien von 1903 bis 1949, also aus einem Zeitraum von 46 Jahren! Wer aber war Snosko-Borowsky und was hat er am Schachbrett geleistet? Ich habe mich auf Spurensuche begeben und das Wichtigste für die ChessBase-Leser zusammengetragen.
 
Jewgenij Alexandrowitsch Snosko-Borowsky wurde am 16. August 1884 in Pawlowsk bei Sankt Petersburg geboren und starb am 31. Dezember 1954 in Paris. Wie Philip W. Sergeant mitteilt, erlernte er das Schachspiel als Schulbub und errang seine ersten Erfolge in lokalen und regionalen Turnieren. Sergeant, der ein Vorwort zu Snosko-Borowskys Buch „The Art of Chess Combination“ schrieb (c), verdanken wir auch die folgenden Informationen:

Snosko-Borowsky besucht das Lyzeum von Alexander I. und besteht dort die letzten Prüfungen am 28. April 1904. Anschließend meldet er sich als Freiwilliger für das 1. Ostsibirische Regiment, um am Russisch-Japanischen Krieg teilzunehmen. Er kämpft in den Schlachten von Liaoyang (1904) und Mukden (1905), wo er schwer an der rechten Hand verwundet wird. Ebenso nimmt er als Soldat am Ersten Weltkrieg teil und wird wiederum verwundet. 1917 wird er zur Kur in den Kaukasus geschickt. Dann bricht die Russische Revolution los und verhindert seine Rückkehr nach Sankt Petersburg. Er schließt sich der „Weißen Armee“ an, welche vergeblich versucht, den Sturz der neuen, bolschewistischen Regierung herbeizuführen. 1920 wird General Denikins Armee evakuiert und Snosko-Borowsky samt Familie von einem englischen Schiff nach Konstantinopel gebracht. Von dort gelangt er im Juni 1920 nach Paris, wo er seither lebt.
 
Offenbar musste Snosko-Borowsky seine Schachbücher in Sankt Petersburg zurücklassen. Er beklagt sich darüber im Vorwort zu seinem Buch „Das Mittelspiel im Schach“: „Einige Mängel meines Buches sind darauf zurückzuführen, daß ich meiner Bibliothek beraubt war. Nicht im Besitz der nötigen Werke, war ich oftmals nicht in der Lage, das beste Beispiel zu bringen .“ (d)
 
Nach langem Suchen fand ich schließlich in der russischen Wikipedia (e) Informationen zu Snosko-Borowskys Familie: Er war verheiratet mit der zwei Jahre älteren Schauspielerin Maria Wassiliewna Snosko-Borowskaya, geb. Nerpina (1882 - 1946). Sie hatten einen Sohn, Kirill Jewgeniewitsch Snosko-Borowsky (1912-1966), der als Schriftsteller unter dem Pseudonym Edmond Kari bekannt wurde. Auch Snosko-Borowskys Schwester Nadjeschda Alexandrowna war Schauspielerin. Ebenfalls in der russischen Wikipedia fand ich die Information, dass Snosko-Borowsky von 1909 bis 1912 für das Magazin „Apollo“ arbeitete, das Theater- und Literaturkritiken veröffentlichte. 1910 wurden außerdem zwei von Snosko-Borowsky verfasste Theaterstücke uraufgeführt. Er schrieb auch späterhin Beiträge über Theater und Literatur für russische und französische Zeitungen und verfasste ein Buch mit dem Titel „Das Russische Theater zu Beginn des XX. Jahrhunderts“. Es erschien auf Russisch in Prag 1925. (f)

Eugène Snosko-Borowsky

Sehen wir uns nun an, wie Snosko-Borowskys Schachkarriere verlief. Auch hier musste ich die Informationen aus etlichen unterschiedlichen Quellen (g) zusammentragen. Die folgende Zusammenstellung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit:

Die wichtigsten Turniere und Wettkämpfe im Überblick

1903 gewinnt Snosko-Borowsky ein Turnier, an welchem die besten Spieler Sankt Petersburgs teilnehmen.
 
Bei der Russischen Meisterschaft in Kiew 1903 wird Snosko-Borowsky unter 19 Teilnehmern geteilter Sechster (mit Moishe Lowcki). Er erzielt 11 Punkte aus 18 Partien (+9, -5, =4). Sieger wird Michail Tschigorin (15) vor Ossip Bernstein (14) und Wladimir Yurewitsch (13,5). Snosko-Borowsky gewinnt u. a. gegen Bernstein, Lewitzky und Dus Chotimirsky.

 


1904 verliert Snosko-Borowsky einen Wettkampf gegen Emanuel Schiffers mit +1, -2, = 1.
 
In Sankt Petersburg 1905 wird Snosko-Borowsky mit 9 1/2 aus 14 Dritter (geteilt mit Rubinstein). Das Turnier gewinnt Georg Salwe (11) vor Benjamin Blumenfeld (10). Snosko-Borowsky kann insgesamt 8 Partien für sich entscheiden (u.a. gegen Lewitzky und Dus Chotimirsky) und verliert nur 3 (gegen Salwe, Alapin und Izbinsky). Drei seiner Partien enden remis (gegen Rubinstein, Blumenfeld und Romanowsky).
 
Beim Internationalen Turnier in Ostende 1906 müssen die 36 Teilnehmer durch drei Vorrunden, um sich für das Finale zu qualifizieren. Snosko-Borowsky scheitert in der dritten, gewinnt aber für seinen Sieg gegen GM Amos Burn einen Schönheitspreis. (Bitte Partie Burn – Snosko-Borowsky als PGN einfügen)
 
Bei der Russischen Meisterschaft 1906 wird Snosko-Borowsky Vierter mit 9 1/2 aus 14. Er gewinnt 8 Partien und verliert nur 3 bei 3 Remisen. Turniersieger wird Georg Salwe vor Akiba Rubinstein (11) und Benjamin Blumenfeld (beide 10).
 
Beim 15. Kongreß des Deutschen Schachbundes in Nürnberg 1906 bleibt Snosko-Borowsky mit 7 1/2 aus 16 knapp unter der 50 %-Marke und wird unter 17 Teilnehmern geteilter Neunter, punktgleich mit Dr. Siegbert Tarrasch und Milan Vidmar. Erster wird Frank James Marshall (12 1/2) vor Oldrich Duras (11). Den dritten Platz teilen sich Carl Schlechter, Leo Forgacz und Michail Tschigorin (alle 10 1/2). Für seine Gewinnpartie gegen Rudolf Swiderski wird Snosko-Borowsky ein Schönheitspreis zuerkannt. Hübsch ist auch sein Sieg gegen Rudolf Spielmann (ebenfalls mit den schwarzen Steinen erzielt). Snosko-Borowsky gewinnt außerdem seine Partien gegen Erich Cohn, David Janowski und David Przepiorka. (Bitte Partien Swiderski – Snosko-Borowsky und Spielmann – Snosko-Borowsky als PGN einfügen)
 
1906/1907 gewinnt Snosko-Borowsky erneut das Turnier der besten Spieler von Sankt Petersburg.
 
In Ostende 1907 landet Snosko-Borowsky unter 29 Teilnehmern auf dem 12. Rang (geteilt mit Erich Cohn und Rudolf Spielmann). Er erzielt 15 Punkte (+9, -7, = 12). Siege gelingen ihm u. a. gegen die Großmeister Akiba Rubinstein, Richard Teichmann, Oldrich Duras und Joseph Henry Blackburne. (Bitte Partie Snosko-Borowsky – Rubinstein als PGN einfügen)
 
Beim Tschigorin-Gedenkturnier in Sankt Petersburg 1909 wird Snosko-Borowsky mit 5 aus 18 Neunzehnter und damit Letzter. Er verliert 11 Partien und gewinnt nur drei, vier enden remis. Turniersieger werden Akiba Rubinstein und Weltmeister Dr. Emanuel Lasker (je 14 ½) vor Rudolf Spielmann und Oldrich Duras (je 11).
 
1911 gewinnt Snosko-Borowsky die Stadtmeisterschaft von Sankt Petersburg.
 
Beim Städtewettkampf Sankt Petersburg gegen Moskau im Jahre 1911 spielt Snosko-Borowsky am ersten Brett remis gegen den späteren Weltmeister Alexander Aljechin. Unentschieden endet auch die nächste Partie gegen Aljechin bei der gleichen Veranstaltung ein Jahr später (1912).
 
Beim Viererturnier in Sankt Petersburg 1913 verliert Snosko-Borowsky gegen Aljechin und remisiert gegen Grigory Löwenfisch und Oldrich Duras. Endstand: 1./2. Löwenfisch und Aljechin (je 2), 3./4. Snosko-Borowsky und Duras (je 1).
 
Ein schöner Erfolg gelingt Snosko-Borowsky im Dezember 1913 in Sankt Petersburg. Er gewinnt den Savorin Gold Cup. Während seiner Europatournee kam der spätere Weltmeister José Raul Capablanca in die damalige russische Hauptstadt Sankt Petersburg. Dort spielte er drei kleine Wettkämpfe über je zwei Partien gegen Eugène Snosko-Borowsky, Alexander Aljechin und Fedor Dus Chotimirsky. Der von Monsieur Savorin gestiftete Pokal sollte an Capablanca gehen, falls er von diesen sechs Partien keine verliert. Ansonsten würde ihn derjenige Spieler gewinnen, der gegen Capablanca am besten abschneidet. Da Aljechin und Dus Chotimirsky jeweils beide Partien gegen Capablanca verloren, gewann Snosko-Borowsyky den Pokal, da er nach einer Niederlage in der ersten Partie die zweite gegen Capablanca für sich entscheiden konnte. So brachte er Capablanca eine seiner wenigen Niederlagen in Turnier- und Wettkampfpartien bei. (Bitte die Partien Snosko-Borowsky – Capablanca und Capablanca - Snosko-Borowsky als PGN einfügen)
 
Bei der Russischen Meisterschaft 1914 wird Snosko-Borowsky unter 18 Teilnehmern mit 10 1/2 aus 17 geteilter Fünfter (mit Löwenfisch). Turniersieger werden punktgleich Alexander Aljechin und Aaron Nimzowitsch (je 13) und qualifizieren sich damit für das Großmeisterturnier in Sankt Petersburg 1914, welches später Weltmeister Lasker ganz knapp vor Capablanca und Aljechin gewinnt.

St. Petersburg 1914. Snosko-Borowski, stehen in der Bildmitte, hinter Rubinstein.

Durch den Ersten Weltkrieg und die Russische Revolution wird Snosko-Borowskys Schachkarriere für Jahre unterbrochen. In London 1922 gelingt es ihm noch nicht, an seine Vorkriegserfolge anzuknüpfen. Er erreicht nur 5 aus 15 und wird unter 16 Teilnehmern geteilter Zwölfter (mit Victor Wahltuch). Das Turnier gewinnt Weltmeister Capablanca (13) vor Aljechin (11 1/2), Vidmar (11), Rubinstein (10 1/2) und Bogoljubow (9). Einziges Trostpflaster für Snosko-Borowsky sind seine Gewinnpartien gegen Großmeister Ewfim Bogoljubow und den späteren Weltmeister Max Euwe.
 
1923 gewinnt Snosko-Borowsky einen Wettkampf gegen den belgischen Meister Edgar Colle mit 4:0. Keine einzige Partie endet remis.
 
Einen schönen Erfolg erringt Snosko-Borowsky in Weston Super Mare 1924 . Er wird mit 6 1/2 aus 9 Dritter hinter Max Euwe (7 1/2) und George Alan Tomas (7).
 
In Paris 1925 treffen sich fünf Meister zu einem doppelrundigen Turnier, darunter der spätere Weltmeister Alexander Aljechin. In der ersten Runde bringt Snosko-Borowsky mit Weiß in einer Caro-Kann-Verteidigung dem österreichisch-polnischen Großmeister Tartakower in nur 22 Zügen eine vernichtende Niederlage bei. In der zweiten Runde spielt Aljechin gegen Snosko-Borowsky's 1.e4 die „Aljechin-Verteidigung“ 1. ... Sf6. Es kommt zu einem wilden Schlagabtausch mit beiderseitigen Opfern, der nach 34 Zügen in ein Remis durch ewiges Schach mündet. In der Rückrunde verliert Snosko-Borowsky aber gegen Aljechin und Tartakower, so daß er am Ende mit 4 aus 8 den dritten Platz mit dem tschechischen Meister Karel Opocensky teilt. Das Turnier gewinnt Aljechin (6 1/2), ganze zwei Punkte vor Tartakower (4 1/2). Fünfter und letzter wird Edgar Colle mit 1 aus 8. (Bitte die Partien Snosko-Borowsky – Tartakower und Snosko-Borowsky – Aljechin als PGN einfügen)
 
Beim "Major Open" des Britischen Schachverbandes in Stratford-on-Avon 1925 teilt sich Snosko-Borowsky den ersten Platz mit John Drewitt. (a)
 
Bei einem Turnier in Scarborough 1926 wird Snosko-Borowsky mit 3 1/2 aus 6 geteilter Dritter (mit Jakob Seitz). Das Turnier gewinnen Harold Sanders und Edgar Colle (je 4).
 
In Birmingham 1926 wird Snosko-Borowsky hinter Aljechin geteilter Zweiter (zusammen mit Hubert Price). Er erzielt 2 1/2 aus 5, während Aljechin alle 5 Partien für sich entscheiden kann.
 
FIDE-Kongreß in Budapest 1926: 16. und damit Letzter mit 4 1/2 aus 15. Den Turniersieg teilen sich Ernst Grünfeld und Mario Monticelli (je 9 ½).
 
Beim "Major Open" des Britischen Schachverbandes in Edinburgh 1926 wird Snosko-Borowsky wie schon im Vorjahr geteilter Erster (mit John Drewitt und John Morrison).
 
Tunbridge Wells 1927: 8. und damit Letzter mit 2 aus 7. Das Turnier gewinnen gemeinschaftlich George Alan Thomas und Frederick Yates (je 5).
 
Bei der Pariser Stadtmeisterschaft 1927 wird Snosko-Borowsky Zweiter hinter Abraham Baratz.
 
In Cheltenham 1928 teilt Snosko-Borowsky unter 8 Teilnehmern den dritten Platz mit Jakob Seitz. Er erreicht 4 aus 7 (+ 3, -2, = 2). Das Turnier gewinnt Victor Buerger (5) vor John Drewitt (4 1/2). G. A. Thomas und Frederick Yates teilen sich den 5.Platz mit 3 1/2 aus 7.
 
Beim „Major Open“ des Britischen Schachverbandes in Tenby 1928 wird Snosko-Borowsky mit 8 ½ aus 11 Dritter, nur einen halben Punkt hinter den beiden Erstplazierten George Koltanowski und Jakob Seitz (jeweils 9). (Bitte Partie Snosko-Borowsky – Noteboom als PGN einfügen)
 
In Paris 1929 erreicht Snosko-Borowsky 7 aus 11 (+4, -1, = 6) und teilt den zweiten Platz mit Edgar Colle und Abraham Baratz. Turniersieger wird Tartakower (8).
 
Bei der Pariser Stadtmeisterschaft 1929 teilt Snosko-Borowsky den zweiten Platz mit Vitaly Halberstadt. Das Turnier gewinnt Tihomil Drezga.
 
In Hastings 1928/29 wird Snosko-Borowsky in der „Premier Reserve Section“ mit 5 aus 9 Vierter. Das Turnier gewinnt Herman Steiner (8) vor Hubert Price (6).
 
In Nizza 1930 wird Snosko-Borowsky mit 8 aus 11 Dritter hinter Tartakower (9) und George Alan Thomas. Er gewinnt 7 Partien (u. a. gegen Colle und Kostic) und verliert nur 2 bei 2 Remisen. (Bitte hier die Partien Colle – Snosko-Borowsky und Kostic - Snosko-Borowsky als PGN einfügen)
 
Ein schöner Erfolg gelingt Snosko-Borowsky in Paris 1930. Er gewinnt das Turnier mit 5 aus 8 vor Savielly Tartakower und Aristide Gromer (je 4 1/2). Den vierten Platz teilen sich Jacques Mieses und Andor Lilienthal. Vorentscheidend für den Turniersieg ist die Begegnung mit Großmeister Tartakower in der 2. Runde. Snosko-Borowsky ergreift gegen die Polnische Verteidigung 1.Sf3 b5 frühzeitig die Initiative und bricht nach einem Fehler Tartakowers im 26. Zuge im Zentrum durch. Zwei abseits stehende schwarze Leichtfiguren ermöglichen Weiß einen direkten Königsangriff, der mit einem Matt im 42. Zuge endet. Snosko-Borowsky gewinnt außerdem gegen Gromer und Romi, seine Partien gegen Mieses, Lilienthal, Halberstadt und Duchamp enden remis. (Bitte hier die Partie Snosko-Borowsky – Tartakower als PGN einfügen)
 
In Nizza 1931 wird Snosko-Borowsky mit 4 1/2 aus 9 geteilter 5. - 8. (mit G. A. Thomas, Jacques Mieses und Jakob Seitz). Das Turnier gewinnt Brian Reilly (6).
 
1931 gewinnt Snosko-Borowsky die Pariser Stadtmeisterschaft. Zweiter wird Oscar Blum.
 
Paris 1933: Aljechin gewinnt mit 8 aus 9 vor Tartakower. Welchen Rang Snosko-Borowsky belegte, konnte ich nicht ermitteln. Aus den sieben in der Big Database 2017 enthaltenen Partien erzielte er 3 1/2 Punkte (50 %). Zwei Partien fehlen.
 
Snosko-Borowsky gewinnt das „Premier Tournament“ in Folkestone 1933.
 
In Bukarest 1935 spielt Snosko-Borowsy außer Konkurrenz bei der Rumänischen Meisterschaft mit und wird geteilter Erster (mit Heinrich Silbermann).
 
Tatatovaros 1935: Snosko-Borowsky gewinnt in dem 18er-Feld nur 2 Partien (gegen Endre Steiner und Janos Balogh), verliert 6 und remisiert 9. Mit 6 1/2 aus 17 landet er auf dem geteilten 11. - 16. Rang. Turniersieger wird Lászlo Szábo (14) vor Erno Gereben (12 1/2) und Albert Becker (12).
 
In Paris 1938 wird Snosko-Borowsky mit 4 aus 10 geteilter Vierter (mit Romi). Das doppelrundige Turnier gewinnt Capablanca (8) vor Rossolimo (7 1/2) und Cukierman (5 1/2). In diesem Turnier dürften Snosko-Borowsky und Capablanca zum letzten Mal aufeinandergetroffen sein. Die erste Partie gewann Capablanca auf schöne positionelle Weise in 31 Zügen, die zweite endete remis. Die Gesamtbilanz zwischen Snosko-Borowsky und Capablanca lautet demnach + 1, -3, = 1.
 
Bei einem weiteren in Paris 1938 gespielten Turnier („Paris L'Echiquier“) wird Snosko-Borowsky mit 8 aus 14 geteilter Siebenter (mit Volodia Matveeff). Erster wird Baldur Hönlinger (12) vor Aristide Gromer (11 1/2) und Abraham Baratz (11).
 
1939 - 1945 wütet der Zweite Weltkrieg. Aus jenen Jahren konnte ich nur den Wettkampf Snosko-Borowsky - Amédéé Gibaud (französischer Meister der Jahre 1928, 1930, 1935 und 1940) ausfindig machen. Snosko-Borowsky gewinnt mit +7, - 2, = 1.
 
In Zaanstreek 1946 wird der inzwischen 61-jährige Snosko-Borowsky mit 2 1/2 aus 11 Zwölfter und damit Letzter. Er verliert 8 Partien und gewinnt nur 2 (gegen Martin Christoffel und George Alan Thomas), nur eine Partie endet remis. Turniersieger wird Exweltmeister Max Euwe (9 1/2) vor den punktgleichen Lászlo Szábo und Folke Ekström (je 8 1/2).
 
In Luzern 1949 wird Snosko-Borowsky mit 3 aus 7 (+ 2, -3, = 2) geteilter Sechster (mit H. Kramer) unter 8 Teilnehmern. Das Turnier gewinnt Max Blau (5) vor den punktgleichen Wolfgang Unzicker und Braslav Rabar (je 4 1/2).

 

Mein Fazit:

Mit fast allen Welt- und Großmeistern der Ära Lasker bis Euwe hat Snosko-Borowsky die Klingen gekreuzt. Ihm gelangen dabei Siege gegen so starke Großmeister wie Tschigorin, Bernstein, Rubinstein, Janowsky, Spielmann, Burn, Blackburne, Teichmann, Duras, Vidmar, Capablanca, Bogoljubow, Tartakower, Kostic und Euwe, um nur die wichtigsten zu nennen. Wie können ihn meiner Meinung nach daher mit vollem Recht einen Großmeister nennen (den offiziellen Großmeistertitel der FIDE gab es damals ja noch nicht).

Entgegen vorherrschender Gerüchte, denen zufolge Snosko-Borowsky während seiner ganzen Karriere kein einziges Turnier gewonnen haben soll, konnte ich feststellen, dass er in Wirklichkeit in (mindestens) sechs Turnieren Erster und dreimal geteilter Erster wurde. Darunter war mit Paris 1930 ein internationales Turnier, in welchem er sich gegen drei starke Großmeister (Tartakower, Mieses und Lilienthal) durchsetzen konnte. Ebenso wahr ist, dass Snosko-Borowsky in (mindestens) vier Turnieren mit dem letzten Platz vorlieb nehmen musste. Aber das Verlieren gehört nun mal ebenso zum Leben wie das Gewinnen, und es wäre falsch, in einseitiger Heldenverehrung solche negativen Ergebnisse zu verschweigen.
 
Besondere Verdienste hat sich Snosko-Borowsky als Schachbuchautor erworben. Seine Bücher „So darfst Du nicht Schach spielen“ und „Eröffnungsfallen am Schachbrett“ sollten in keiner Schachbibliothek fehlen. Was sein Buch „Das Mittelspiel im Schach“ anbetrifft, so würde ich jenen Schachfreunden, die Englisch und die beschreibende Notation beherrschen, dringend raten, sich antiquarisch die 1938 erstmals erschienene, von Snosko-Borowsky selbst völlig neu überarbeitete Ausgabe zu besorgen („The Middle Game in Chess“, London 1938, unveränderte Nachdrucke erschienen 1942, 1946 und 1949). Sie ist gegenüber der Erstausgabe deutlich verbessert, und ich wundere mich ein wenig, warum bis heute keine deutsche Übersetzung von ihr erschienen ist. Auf Englisch gibt es von Snosko-Borowsky außerdem noch „How to play the Chess Openings“, „How to play Chess Endings“ und „The Art of Chess Combination“.
 
Wer sich mit Snosko-Borowskys Partien beschäftigen möchte, dem empfehle ich die „Mega Database 2017“. Sie enthält 334 seiner Partien, mehrere davon kommentiert.

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Hinweis: Aus Gründen der Einheitlichkeit wird in der Mega Database durchgehend die englische Schreibweise „Eugene Znosko Borovsky“ verwendet. Sie bekommen eine Übersicht seiner Partien, indem Sie als Suchwort bei Weiß oder Schwarz „Znosko Borovsky“ eintragen.

Quellen:

(a) Dr. Fritz C. Görschen, „Capablancas Verlustpartien“, 2. Auflage (Hamburg 1976), S. 38, 58, 59.
 
(b) J. R. Capablanca, „Grundzüge der Schachstrategie“ (4. Auflage, Berlin und New York 1979), S. 97 – 101.
 
(c) Eugène Znosko Borovsky, „The Art of Chess Combination“ (New York 1959), Introduction by Ph. W. Sergeant, p. IX - XII.
 
(d) E. Snosko-Borowsky, „Das Mittelspiel im Schach", Hollfeld 1995, S. V
 
(e) www.ru.wikipedia.org
 
(f) Evg. A. Znosko-Borovskii, Russkii teatr nachala XX veka (Prag 1925)
 
(g) Bei der Rekonstruktion der Turnierergebnisse waren hilfreich:
 
Mega Database 2017 von ChessBase
 
 www.fr.wikipedia.org
 
 www.ru.wikipedia.org
 
 www.de.wikipedia.org
 
 www.es.wikipedia.org
 
 www.chessgames.com
 
 www.365Chess.com
 
 www.heritageechecsfra.free.fr
 
 www.saund.co.uk/britbase
 
Robert B. Tanner, „Vera Menchik - A Biography of the First Women's World Chess Champion with 350 Games“ (Jefferson, North Carolina, 2016), S. 47 – 48.
  



Stephan Oliver Platz (Jahrgang 1963) ist ein leidenschaftlicher Sammler von Schachbüchern und spielt seit Jahrzehnten erfolgreich in der mittelfränkischen Bezirksliga. Der ehemalige Musiker und Kabarettist arbeitet als freier Journalist und Autor in Hilpoltstein und Berlin.
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