Fernschach: "Das ideale Schach, oder..."

von ChessBase
25.02.2022 – ... "Wie gewinnt man in fortgeschrittenen 21. Jahrhundert (noch) eine Fernpartie?" Tatsächlich enden im Fernschach immer mehr Partien unter dem Einfluss der extrem starken Engines remis. Raj Tischbierek und die Fernschach-Großmeister Matthias Kribben und Arno Nickel berichten von der Situation im Fernschach. Ein Nachdruck aus "Schach".| Fotos: Schach

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Der folgende Artikel erschien im Original in der Zeitschrift Schach, Heft 2/2022. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung.

 

Das ideale Schach oder

Wie gewinnt man im fortgeschrittenen 21. Jahrhundert (noch) eine Fernpartie?

Von Raj Tischbierek unter Mitarbeit von Dr. Matthias Kribben und Arno Nickel

Spätestens seit mich mein Friseur vor vielen Jahren fragte, was ich so mache, und auf die Auskunft, "eine Schachzeitschrift", nachsichtig lächelnd erwiderte "Nein, beruflich, meinte ich", bin ich vorsichtig darin geworden, mit meinem Broterwerb hausieren zu gehen. Aber wenn sich demnächst wieder einmal die Gelegenheit bieten sollte, lasse ich ihn bei einem nämlichen Gesprächsverlauf wissen, dass das mein Beruf ist, und erwähne beiläufig nicht Le Palamède, sondern, dass es schon 1929 eine deutsche Fernschach-Zeitschrift gab. Das sollte jeden Figaro mundtot machen.

In der Juniausgabe des Jahrganges 1929 schrieb mit Dr. Eduard Dyckhoff (1880-1969) einer der Väter des Fernschachs in seinem Artikel "Fernschach, das Idealschach!":
"Befreit von Raum- und Zeitnot, Gehirnballast, Vorstellungszwang (und Zwangsvorstellungen?), äußeren Einflüssen und Widrigkeiten, stellt es [das Fernschach] allein den ›reinen‹ Geisteskampf, das ›ideale Schach‹ vor.

Der tiefe Grundgedanke des Fernschachs – als reinste, schlackenfreieste, angenehmste und überdies die besten Leistungen verbürgende Form unseres Geisteskampfes – ist unverwüstlich [...]"

Fast 100 Jahre ist es her, dass diese Zeilen formuliert wurden, damals wie heute sind sie in hohem Maße streitbar. Sind es nicht gerade auch die "äußeren Einflüsse und Widrigkeiten", die den Reiz des Schachs am Brett ausmachen?

Außer Frage aber steht, auch oder gerade weil sich in der Zwischenzeit reichlich "Schlacke" in Form maschineller Rechenkraft angesammelt hat: Beim Fernschach auf hohem Niveau werden die qualitativ besten Schachpartien gespielt! Der Dyckhoff-Aphorismus "Wo ist die Wahrheit? Im Nahschach fern, im Fernschach nah!" hat bis heute Bestand.

Seit in den 1970er Jahren die Zahl der Turnierangebote wuchs, hat sich indessen kaum mehr ein Topspieler dem Fernschach verschrieben, zumal es keine bzw. keine nennenswerten Preise zu gewinnen gab und gibt. Eine Ausnahme bildet Ulf Andersson in den 1990ern. Bekannt ist, dass vor allem Jeroen Piket, aber (mindestens) auch Ljubomir Ljubojevic und John Nunn für den vermögenden zweimaligen Fernschach-Weltmeister Joop van Oosterom (1937-2016) analysiert haben; Partien unter den Namen der Spitzengroßmeister selbst sucht man dagegen vergebens. Eines von vielen Beispielen dafür – mit Sicherheit das für die Helfer lukrativste in der Fernschachgeschichte –, dass hinter den Siegern andere, in der "richtigen" Schachwelt bekanntere Namen standen.

Arno Nickel

Matthias Kribben

Seit vielen Jahren sind Matthias Kribben (* 1960) und Arno Nickel (* 1952) in dieser Reihenfolge die Nr. 1 und 2 des deutschen Fernschachs. Aktuell (1.1.2022) notieren sie mit Elo 2642, Kribben, bzw. 2628, Nickel, auf Platz 4 und 7 der Weltrangliste, die vom Tschechen Roman Chytilek (2687, FIDE-IM) angeführt wird. Als "Wettkämpfer", Kribben, bzw. "Wissenschaftler", Nickel, verkörpern sie unterschiedliche Fernschach-Typen.
Kribben führt seit Jahr und Tag seine gleichnamige Finanzberatungs-AG und hat es zu Wohlstand gebracht. Neben dem Fernschach gehört seine Liebe dem Chess960, daneben geht er häufig in Sachen "Poker" auf Reisen. Vor all dem rangieren noch seine Töcher Laura, 17, und Anna, 14.

Als ehemaliger Präsident des Berliner Schachverbandes (2004-2010) ist er ebenso im hauptstädtischen Schachleben verwurzelt wie Nickel, der in Charlottenburg unter dem Namen "LASKER'S" den heute einzigen Schachladen Berlins betreibt, den er demnächst — er wird 70 — abzugeben gedenkt. Daneben tritt Nickel mit der Edition Marco als Verleger in Erscheinung, sein prominentester Autor ist Robert Hübner. Kultstatus hat sein jährlich erscheinender Schachkalender erlangt.

Beide haben in Nr. 7/2014 bzw. 2/2008 unsere SCHACH-Fragen beantwortet.

Ich spielte kurz vor der Wende, während meiner eineinhalbjährigen Armeezeit, eine DDR-Meisterschaft im Fernschach. Bei der Postausgabe wurde ich stets misstrauisch beäugt, eine Art Respekt aber schlug mir entgegen. Zwar bliesen mir die neugierigen Reservisten ihren alkoholgeschwängerten Atem ins Gesicht, wenn ich oben im metallenen Doppelstockbett mit meinem Magnetschach bewaffnet analysierte, ließen mich aber in Ruhe. Ein freundlicher Riese namens Tilo nahm mich unter seinen persönlichen Schutz. Ich war unantastbar – keine Selbstverständlichkeit für einen "Tagesack", was die zärtlichste Bezeichnung für einen Neuankömmling war. Selbst Dyckhoff, der das Fernschach in den schillerndsten Farben malte, ahnte von solcherlei Vorteilen nichts.

Corr Database 2022 / Fernschach Datenbank 2022

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Vor einiger Zeit spielte ich meine Partien von vor mehr als 30 Jahren mit der handelsüblichen Software nach und staunte darüber, welche Stellungen ich noch retten bzw. gewinnen konnte.
Mein zweiter und letzter Ausflug ins Metier datiert auf 2011: ich wurde zu zwei Partien in einem Länderkampf gegen Russland überredet. Inzwischen spielte man online, auf dem Server des Weltfernschachbundes ICCF. Mit Weiß (1. e4 c5 2. Sf3 Sf6) schaffte ich es zwischenzeitlich auf "+0.8" – zu wenig für einen Sieg. Mit Schwarz (Grünfeld-Indisch) machte ich den Fehler, auf Gewinn zu spielen und musste meinerseits um den halben Zähler kämpfen.

Längst hatte sich da die Krise abzuzeichnen begonnen: mit den immer stärker werdenden Engines endeten auf Spitzenniveau immer mehr Begegnungen remis. Die Entwicklung in Richtung 100 Prozent hat heute Formen angenommen, die Reformen auf den Plan ruft.

Einen Sieger finden Partien in hochkarätigen Turnieren mitunter nur noch durch Zeitüberschreitungen oder "Zweiter-vor-erster-Zug-Unfällen" bei der Eingabe am Computer:

 

 

Robert Bauer wetzte die Scharte mehr als aus, gewann im weiteren Verlauf noch drei Partien, und trug damit wesentlich zum deutschen Wertungssieg vor Russland in der 20. FS-Olympiade bei!

 

Ein tragischer Fall, bei dem es kein Happy End gab. Es handelt sich um die einzige entschiedene Partie unter den ersten 15 (von 17) Teilnehmern bei der noch nicht beendeten 31. FS-WM (drei offene Partien). Im Falle eines nach 45... g:f4 sehr wahrscheinlich unentschiedenen Ausgangs wäre Jürgen Stephan, der die letzten beiden in der Tabelle schlug, mit "+2" punkt- und wertungsgleich mit Ron Langeveld (Niederlande), Christian Muck (Österreich) und vermutlich Fabian Stanach (Polen) Weltmeister gewesen!

Eine Farce, keine Frage. Auch auf der großen Bühne des Schachs fallen Entscheidungen immer wieder durch kleine Unaufmerksamkeiten, aber dass sie hier nicht schachlicher, sondern rein technischer Natur sind, hinterlässt einen faden Beigeschmack.

Keinesfalls stimme ich jedoch mit Nigel Short überein, der in seinem Artikel "Überalterung" in New in Chess 2/2018 schrieb: "Wenn jemals eine Betätigung schon lange hätte auslaufen und in Würde beerdigt werden sollen, dann ist das sicher das Fernschach." Das ignoriert nicht nur die abertausenden Partien, die auf dem ICCF-Server gespielt werden. Auf vielen großen Webseiten, genannt seien nur chess.com, Lichess und Freechess, kann man Fernschach spielen, und es sollte mich wundern, wenn davon nicht rege Gebrauch gemacht wird – aus Freude am Spiel und nicht in erster Linie vom Ehrgeiz getrieben. Selbst wenn das langsame Spiel hier in hohem Maße computerbasiert sein sollte, ist es defintiv "pädagogisch wertvoller" als beispielsweise 1-Minuten-Partien.

Darüber hinaus gibt es unter den Remispartien auf hohem Niveau zahllose komplexe Schlachten, die die Beteiligten über Monate hinweg in ihren Bann ziehen und deren Verständnis des Spiels fördern. Ganz abgesehen davon, dass eröffnungstheoretische Pionierarbeit geleistet wird – für die auch die Profis die Technik nutzen. Regelmäßig werden bei Kommentaren von Weltklassepartien mit neuen Eröffnungsideen Fernschachpartien von Spielern zitiert, deren Namen uns meist nichts sagen. Selbst wenn das Problem "Remistod" also (mindestens) im Top-Fernschach aktueller ist denn je: Warum sollte man all das "beerdigen"?

Da Berlin die Stadt mit der vermutlich höchsten Weltklassefernschachspielerdichte auf dem Planeten ist, bedurfte es nur zweier Anrufe, um profunde Gesprächspartner zu finden: Matthias Kribben und Arno Nickel, zwei der besten Spieler der Welt. Mich interessierte dabei in erster Linie die Frage, ob es heutzutage noch möglich ist, eine Fernpartie auf hohem Niveau zu gewinnen. Und wenn ja, wie.

Fernschach Team D 19. FS-OL

Hohe deutsche Promotionsdichte bei der letzten Postschach-Olympiade von 2016 bis 2021, Silber für (v.l.n.r.): Prof. Dr. Martin Kreuzer, Dr. Matthias Kribben, Dr. Hans-Dieter Wunderlich, Prof. Dr. Robert von Weizsäcker.

Bei der 27. FS-Weltmeisterschaft von 2011 bis 2014 holte Kribben Silber hinter dem Russen Alexander Dronow, bei Olympiaden notiert er aktuell bei drei Gold- und zwei Silbermedaillen. Am stolzesten aber ist er zurecht auf seine Olympiabilanz seit 2003: +23, =55, -0! In einem Team zu spielen, dem er bei Olympiaden zudem seit vielen Jahren als Mannschaftsführer vorsteht, verleihe ihm zusätzliche Motivation, sagt er. Seine letzte Fernschachpartie verlor er vor 16 Jahren.

Matthias Kribben treffe ich in seinem Stammlokal, dem L'Escargot im Wedding. Er hat mir einen Berg Statistiken seines Schaffens, ein paar Zeitungsartikel und – ausgedruckt! – die nackte Notation einiger seiner Partien mitgebracht. Keine Dateien mit ausufernden Varianten. Die Stellungen seiner laufenden Begegnungen hingen zu Hause in Papp-Steckbrettern an den Wänden, sagt er. Vieles läuft bei ihm wider aller Klischees noch analog.

Bald steht eine Flasche Wein auf dem Tisch, da wäre der Laptop, mit dem ich gemeinsam mit ihm in fernschachliche Tiefen vorzudringen gedachte, nur hinderlich. Ich werde ihn nicht brauchen. Seine Antwort auf meine ursächliche Frage nach der Möglichkeit eines Partiegewinns kann ich mir vier Stunden später selbst geben: "Gegen mich nicht!".

Einer der Artikel, aus dem Berliner Tagesspiegel, dreht sich um das Ende der Postschach-Ära. Zwar spielte man bereits ab 2003 per Email und dann auf dem ICCF-Server, aber die Post-Tradition wurde noch viele Jahre am Leben erhalten. Im März 2020 erreichte ihn nach 40 Jahren mit geschätzen 300 Partien und 10.000 Zügen die letzte Postkarte. Sein lettischer Gegner hatte aufgegeben. Deutschland kletterte in der Tabelle der 19. FS-Olympiade auf Platz 2 hinter den überraschend siegenden Bulgaren.

"Meine Analysen habe ich nicht gut dokumentiert", erfahre ich staunend. Noch ein Klischee, das platzt.

 

Die Partie ist im Originalartikel kommentiert. 

Fat Fritz 2

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Bei aller Nostalgie ist Kribben froh darüber, dass die Zeit der Postkarten vorbei ist. Auch wenn man im Fernschach vergleichsweise sehr viel Zeit hat – durchschnittlich zwischen drei und fünf Tagen pro Zug, zzgl. sechs Wochen Urlaub im Jahr –, spielt die Bedenkzeit bei ca. zwanzig laufenden Partien und einem Leben "nebenbei" eine nicht zu unterschätzende Rolle. Niemand konnte kontrollieren, wann die Karten wirklich eintrafen, und geschummelt wurde nicht nur bei der Postlaufzeit.

Gab beispielsweise ein brasilianischer Gegner vor, eine Karte sei verloren gegangen – und wie wollte man das Gegenteil beweisen? –, hatte dieser einen Monat gewonnen, was oft genug vorkam. An deutsche Gegner habe er Züge niemals am Freitag abgeschickt. Die Karten seien dann vermutlich meist am Samstag angekommen, angegeben wurde der Montag. Zwei Tage gewonnene Bedenkzeit für den Gegner.

Zur Legende wurde die 10. FS-Olympiade von 1987 bis 1995, als mit der Sowjetunion und der DDR am Ende zwei Nationen mit Gold und Bronze geehrt wurden, die es schon seit Jahren nicht mehr gab. Hans-Ulrich Grünberg holte in der ausklingenden Vor-Computer-Ära am Spitzenbrett heute nicht mehr vorstellbare 7,5/9 für die DDR, in deren Reihen auch die beiden Ex-Weltmeister Horst Rittner und Fritz Baumbach – wie damals Grünberg auch sie aus Berlin – standen.

 

Matthias Kribben im Tagesspiegel

Kribben interessieren andere Aspekte: "So ›schlecht‹ hat Deutschland seitdem nie wieder abgeschnitten!", erinnert er schmunzelnd daran, dass Schwarz-Rot-Gold seit der überlegenen Goldmedaille bei der 11. Olympiade (1992-1999) zur Fernschach-Groß-macht Nr. 1 aufgestiegen ist. Er selbst fuhr sein erstes Mannschafts-Gold bei der 13. Olympiade (2004-2008) ein.

Seine Ambitionen bringt er klar auf den Punkt: "Ich bin sehr leistungsorientiert!". Zwei bis drei Stunden widmet er dem Fernschach täglich, meist des Nachts. Anders als viele seiner Kollegen sucht Kribben nicht den Kontakt und Austausch mit seinen Gegnern, ihn interessiert nur das pure Schach. Dass immer weniger Partien einen Sieger finden, stört ihn wenig, es steigere nur den Wert jeder einzelnen.

Von essenzieller Bedeutung sei heute die Eröffnungswahl. Es gebe nicht mehr viel, was man gegen 1. e4 spielen könne. 1... e5 und dann die Mauer, den Offenen Spanier oder Russisch. Oder Sizilianisch: Najdorf, Paulsen, Sweschnikow.

Französisch ist nach 3. Sc3 fast verloren, Pirc, Skandinavisch bzw. Aljechin gehen gar nicht und Caro-Kann ist wegen der Short-Variante 3. e5 Lf5 4. Sf3 zumindest sehr riskant.

Als Weißer schaut man sich im Vorfeld die Vorlieben seiner Gegner an. Wenn auch nur die kleinste Chance besteht, dass Königsindisch aufs Brett kommt, dann 1. d4! Wie gegen den damaligen Weltranglisten-Ersten:

 

Eine der Partien, die mir gänzlich nackt übergeben wurden. Bis auf diese Anmerkung zur Schlussstellung: "Der Ta8 und der Lc8 sind eingesperrt, Schwarz ist komplett bewegungsunfähig! Weiß hat alle Zeit der Welt, irgendwann schlägt es auf b5 ein. Mein persönliches Fernschach-Meisterwerk!"

Slawisch, Damengambit, Grünfeld-, Nimzo- und Damenindisch sei halt Remis. Katalanisch auch. Bei der 18. Olympiade (2012-2015) experimentierte Kribben mit Trompowsky und holte damit phantastische 3,5/4. Aber diese Zeiten seien vorbei.

Fast verblüfft berichtet er dann, dass er in der laufenden 21. Olympiade nach 15 Jahren um ein Haar wieder eine Partie verloren hätte!

 

Durch die Blume klingt nun doch an, dass man auf hohem Niveau gegen einen gut spielenden Gegner keine Partie (mehr) gewinnen kann. Am ehesten habe man eine Chance, wenn der Gegner im Turnier schlecht stehe, sich lieber auf ein anderes, meist neu gestartetes konzentriere und daher die nötige Aufmerksamkeit bzw. das erforderliche zeitliche Investment vermissen lasse.

"Schach am Brett ist wie eine Klausur, Fernschach entspricht eher einer Doktorarbeit", hat Matthias Kribben dem Tagesspiegel gesagt. Das hätte ich ihm nicht durchgehen lassen, aber: er lebt Fernschach! Ganz im Sinne Dyckhoffs: "Computerschlacke" hin oder her: Unverwüstlich!

Pokale, Steckbretter, Computer: im Hause Kribben wird Fernschach zelebriert.

Arbeitsatmosphäre atmet Arno Nickels (auch Fernschach-) Büro in der Sophie-Charlotten-Straße in Berlin.

Nigel Short schreibt in seinem oben erwähnten Artikel: "Ich bin immer noch verwirrt und traumatisiert von meinem Aufenthalt bei dem Fernschachspieler Gordon Dunlop (ein netter Kerl) in Perth vor ein paar Jahren. Der Anblick und das Geräusch der vielen surrenden Maschinen, die von einem Kontrollraum im Obergeschoss aus gesteuert wurden, verfolgen mich bis heute."

Bei Matthias Kribben und Arno Nickel keine Spur von überbordender Technik.

Arno Nickel hat einen anderen, moderneren Zugang. Dass Computer ins Fernschach kamen, war für ihn zusätzliche Motivation. Was können sie leisten? Sein Forscherdrang, wissenschaftliches Interesse wurde geweckt.

Er würde seine Analysen niemals in ein Notizbuch schreiben, es geht eher ins andere Extrem: lange hat er "Fernschach-Tagebuch" geführt, mit Gedanken über den Partieverlauf zzgl. Varianten. Das entspräche, würde ich rückfällig werden, eher meinem Ansatz. Hier finde ich konkretere Antworten auf meine Fragen.

Eine Partie gewinnen? "Man kann nur versuchen, optimale Voraussetzungen zu schaffen. Also komplexe Stellungen anstreben und viele Figuren auf dem Brett lassen. Eine langfristige Zermürbungstaktik kann Erfolg zeitigen, wenn die Umstände passen, sprich der Gegner von Lebensumständen beeinflusst keine optimale Gegenwehr leistet. Tausend Dinge können einem widerfahren. Wenn man zum Beispiel gerade seinen Job verloren hat und sich Gedanken um seine Existenz machen muss, wird die Motivation, eine schlechtere Stellung zu verteidigen, vermutlich eine andere sein, als wenn man als Rentner den Winter in Mallorca verbringt."

Den Kribben-Aspekt des verloren gehenden Interesses an einem Turnier sieht er differenziert. Ja, gut, aber einmal gäbe es die Verantwortung, keine Wettbewerbsverzerrung zuzulassen, der sich jeder Spieler in gewissem Maße verpflichtet fühlt. Die stärkere Triebfeder sei aber vermutlich noch die Elozahl! Niemand will mehr Partien verlieren als nötig. So trivial es klingt: es kostet Elo. Nah- und Fernschach haben auch vieles gemeinsam.

Problematisch sei es daneben, wenn man zu viele Partien auf einmal spiele. Er selbst will sich künftig auf nur noch ein Turnier beschränken und hat sich daher auch aus der Olympiamannschaft verabschiedet.

Dabei war das Berliner "Mannschafts-Fernschach" die schönste Erfahrung, die er in seiner Karriere gemacht hat. Zwischen 2003 und 2009 hat Nickel zusammen mit Heiner Burger, Rainer Albrecht und Ralf-Axel Simon einmal die ICCF Champions League gewonnen, einmal waren sie Zweiter. Safer Sacs, so der Name ihres Teams, traf sich regelmäßig und analysierte gemeinsam. Das war in dieser Beständigkeit mit der Olympiamannschaft nicht möglich, auch wenn er sich gern an deren Treffen erinnert.

Sein Potenzial im Nahschach hat Nickel nie ausgelotet, zu seinen besten Zeiten notierte er um Elo 2150 herum. Systematisches Training hat ihn nie gereizt. Für höhere Weihen am Brett hielt er sich nicht für talentiert genug. Dafür brauche man ein sehr gutes Schachgedächtnis und die Fähigkeit, lange Varianten schnell und fehlerfrei im Kopf zu berechnen. Schach interessiert ihn nicht als Sport, sondern als intellektuelle Auseinandersetzung und als vergnügliches Spiel.

Dass Fernschachspieler technisch hochgerüstet sein müssten, sei ein weitverbreiteter Irrglaube. Wichtiger sei der Umgang mit dem Computer und den Engines. Das erinnert mich an eine Frage auf meinem Zettel, die sich um ein weiteres verbreitetes, auch von Short bemühtes Klischee dreht: "Du kannst nur gewinnen, wenn dein Gegner einen Fehler macht, und warum sollte er einen Fehler machen, wenn jeder Stockfish benutzt?" (New in Chess 2/2018, S. 41)

Gemäß Nickel ist es vielmehr so, dass man Engine-Bewertungen in komplexen Stellungen stets mit einer gewissen Skepsis begegnen sollte. Sofort fällt ihm ein anschauliches Beispiel ein:

 

Im Originalartikel enthält die Partie ausführliche Analysen.

 

 

Arno Nickel in seinem Schachladen in Berlin-Charlottenburg

Anders als sein Kollege sieht Arno Nickel den ungehemmten Remistrend äußerst kritisch, da er den Wettbewerbsgedanken untergräbt. Er regt an, zumindest bei großen Turnieren eine Jury einzuberufen, die nach bestimmten Kriterien, wie zum Beispiel Neuerungen, Originalität, Kampfgeist und Anti-Computerspiel, "B-Noten" für Partien vergibt, die in die Feinwertung einfließen und dadurch bei Punktgleichheit über die Rangfolge mitentscheiden.

Außerdem propagiert er seit langem, "Patt"- oder "Materialsiege" höher als mit einem halben Punkt zu bewerten. Gegenwärtig kann man sich, wenn nur noch maximal sieben Steine auf dem Brett sind, auf eine Endspieldatenbank berufen, um remis zu reklamieren. Das würde wegfallen und derjenige, der am Ende einer Begegnung etwa K+L gegen K aufweist, belohnt werden. Er hofft auf baldige Probeturniere.

Nickels Ansturm auf den Weltmeistertitel bei der 31. WM war nicht von Erfolg gekrönt. Aber ein "richtiger" Sieg glückte ihm:

 

Im Originalartikel ist die Partie kommentiert.

 

 

Zwei Schachenthusiasten bei Madame Tussauds

Epilog

Jan-Krzysztof Duda (hier bei der Schnellschach-WM im Dezember)

Im März 2021 startete das ICCF70-Jubiläumsturnier, für das alle Ex-Weltmeister und einige weitere Topspieler startberechtigt waren, darunter auch Matthias Kribben und Arno Nickel. Was das Turnier besonders attraktiv für sie machte, war die Teilnahme von Weltcupsieger Jan-Krzysztof Duda!

Obwohl Startliste, Tabelle und Partien (mit fünf Zügen Verzögerung) des Turniers auf der ICCF-Seite frei zugänglich sind, hatte ich zuvor nirgendwo vom Fernschach-Ausflug des Polen gelesen, was zeigt, was für eine Nische es nach wie vor ist.

Da es ein ungeschriebenes Gesetz ist, sich öffentlich nicht zu laufenden Partien zu äußern, erfuhr ich zwar von dem Fakt, aber nichts über den schachlichen Gehalt der Begegnungen. Dass Duda, der jeweils das "sehr riskante" (Kribben) Caro-Kann wählte, keinen leichten Stand hat, ist jedoch dank der öffentlichen Notation leicht nachzuvollziehen:

 

 

 

So erfreulich es ist, dass ein damals 23-jähriger Weltklassespieler die Idee interessant fand, ein Fernturnier zu spielen – dass es sich um ein zumindest resultativ verunglücktes Experiment handelt, ist an der Tabelle ablesbar, in der Duda sieben Remisen sowie je einen Sieg und eine Niederlage durch Zeitüberschreitung aufweist. Er hat viele Partien im frühen Stadium remis gegeben, was darauf hindeutet, dass ihm das Turnier inzwischen lästig ist.

Auf meine vielen Fragen per Mail wollte sich der Pole nicht ausführlich einlassen: "Fernschach könnte Spaß machen, wenn man genügend Zeit hätte, seine Partien zu analysieren. Aber die habe ich angesichts meiner anderen Verpflichtungen nicht, was das Niveau meines Spiels drastisch absinken lässt. So gestaltet sich die ganze Sache leider eher unerfreulich, ich habe einfach den falschen Zeitpunkt gewählt. Und ja, Caro-Kann zu spielen, war auch nicht besonders klug."

* * * * *

Trotz "Unverwüstlicher" wie Matthias Kribben steuert das Spitzen-Fernschach auf einen toten Punkt zu. Wie soll unter den heutigen Gegebenheiten eine notwendige neue Generation heranwachsen? Wenn, können nur von Arno Nickel angemahnte Reformen eine neue Ära einleiten.

Original Artikel aus Schach 2/2022 (pdf)...

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