Festtags-DVDs

11.12.2014 – Fünf aktuelle DVDs hat sich Christophe Nogly für seine Rezension in der aktuellen Ausgabe von SCHACH ausgeguckt. Darunter die "Modernen Klassiker" von Pfleger und Hort sowie die Pirc-DVDs von Noglys CB-Lieblingsautor Mihail Marin. Trotz Kritik im Detail erhalten alle Titel eine klare Empfehlung für den Gabentisch! Mehr...

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Rezension von Christoph Nogly (SCHACH 12/2014)

Helmut Pfleger/Vlastimil Hort: "Moderne Klassiker" Band 1 und 2

Diese beiden DVDs zu charakterisieren, ist ein Kinderspiel! Davon ausgehend, dass jeder Leser die beiden Protagonisten kennt und eine Meinung über sie hat, reicht es - eigentlich - völlig aus, zu sagen, dass man genau das bekommt, was man erwartet! Eigentlich ...

Die Produktbezeichnung »Moderne Klassiker« sollte man nicht allzu erst nehmen. Zwar werden einige »echte« Klassiker besprochen (zum Beispiel die 19. Matchpartie Spasski-Petrosjan 1969), aber das Kriterium für die Auswahl der Partien war offensichtlich nicht »klassischer« Natur, vielmehr ging es darum, ob sich Anekdoten an die handelnden Akteure oder die Turniere binden lassen. Bei dem 19-zügigen Remis zwischen Hort und Pfleger selbst bei der Jugend-WM 1961 von einem »Klassiker« zu sprechen, wäre wohl der Huldigung zu viel.

Aber genau die Anekdoten sind ja der Grund, sich diese DVDs zuzulegen! Die beiden Haudegen lassen ihre Partien und Begegnungen mit den Größen der 60er und 70er Jahre Revue passieren. Neu für mich war, dass Polugajewski ein ziemlich unangenehmer Zeitgenosse gewesen sein muss, auch die Charakterisierung von Pachman ist sehr interessant.

Meinen persönlichen Höhepunkt bilden die Erzählungen Horts über seine letzten Begegnungen mit Tal. Zu bemängeln ist, dass einige Spieler zu oft vertreten sind, denn bei der dritten Partie von Tal oder Spasski gehen dann selbst P & H irgendwann die Geschichten aus. Und auf tiefgründige Analysen sollte man nicht hoffen.

Etwas zu weit sinkt das Niveau bei ...

Polugajewski-Pfleger (1978) - Stellung nach 30... Df2:e3+

Laut DVD ging es hier mit 31. Kf5 Df3+ 32. Kg5 De3+ 33. Kf5 Ld3+ weiter und Schwarz gewann in wenigen Zügen. Auf die Zwischenfrage von Hort, was er auf 32. Ke5 geplant hatte, entgegnet Pfleger nach einigem Zögern, dass er in Zeitnot gewesen sei und die Züge wiederholen wollte, um dann mit ... Ld3+ zu gewinnen. Hort erwähnt, dass (auf 32. Kg5) auch 32... D:d5+ möglich gewesen wäre, er - Pfleger - wohl aber die Variante mit Ld3+ bis zum klaren Gewinn berechnet hätte.

Da stellen sich zwei Fragen: Warum geschah nach 32... De3+ nicht 33. Kh4 mit Remis (33... Le7 34. Tg5+)? Und vor allem: Warum nicht 32... D:g4 matt? Die Antwort ist einfach. Es handelt sich um eine Fehleingabe in der als Vorlage verwendeten MegaBase! In der Partie geschah 32. Ke5 De3+ 33. Kf5 Ld3+ usw. Aber dass da im Vorfeld nicht mal jemand drübergeschaut hat bzw. den beiden Kommentatoren der Fehler bewusst wurde ...



Apropos Vorbereitung: Man sollte erwarten, dass sich die handelnden Akteure vor der Aufzeichnung einer solchen DVD mit der Technik vertraut machen. Bei Pfleger - der den Computer bedient - war dies sehr wahrscheinlich nicht der Fall. Anfangs kämpft er sichtlich mit dem Eingeben von Varianten bzw. Pfeilen zu deren Verdeutlichung. Aber: er steigert sich von Partie zu Partie.

Für Fans natürlich ein Muss!

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Mihail Marin: Pirc Verteidigung Band 1 und 2

Unter »positionell« - DVD Nr. 1 - subsummiert Marin alle nach 1. e4 d6 2. d4 Sf6 3. Sc3 g6 4. Sf3 entstehende Varianten, dazu gesellen sich das Fianchetto des weißfeldrigen Läufers (g2-g3) und die Nebenvariante 3. f3. Auf DVD Nr. 2 betrachtet er den Österreichischen Angriff 4. f4, alle vierten Züge des schwarzfeldrigen Läufers (vor allem 4. Le3) sowie 4. Lc4.

Wie üblich gelingt es Marin hervorragend, die Ideen hinter den schwarzen bzw. auch weißen Schemata zu vermitteln. Dabei wird der Konsument kaum einmal mit einem unübersichtlichen Variantendickicht konfrontiert (ledig- lich bei den scharfen Varianten ist dies manchmal unumgänglich), vielmehr stellt sich das sichere Gefühl ein, zu verstehen, worauf es in den jeweiligen Stellungen ankommt. Dabei wählt Marin für das Repertoire nicht immer Hauptvarianten aus, sondern zum Teil sogar - wie er selbst erwähnt - von der »offiziellen« Theorie verpönte Abspiele. Im klassischen System 1. e4 d6 2. d4 Sf6 3. Sc3 g6 4. Sf3 Lg7 5. Le2 c6 6. 0-0 0-0 empfiehlt er auf die beiden in der Praxis am häufigsten anzutreffenden Züge 7. a4 und 7. h3 das subtile 7... Dc7 (mit der Idee e7-e5) - statt mit 7... Sbd7 (dessen Nachteile er im Vorfeld erklärt) sowohl den Lc8 als auch die d-Linie zu verstellen. Letzteres erlangt vor allem dann Bedeutung, wenn Weiß e4-e5 spielt und Schwarz nach dem Tausch auf e5 mit Tf8- d8 und Angriff auf die gegnerische Dame in einigen Varianten ein wichtiges Tempo gewinnt. Anschließend erläutert er, warum auf den dritthäufigsten Zug 7. Te1 die Antwort Sb8-d7 richtig und Dd8-c7 falsch ist.

Gegen das moderne 4. Le3 spielt der Rumäne das »offiziell« geächtete 4... Lg7 5. Dd2 0-0, ohne wie anderenorts mit 4... oder 5... c6 die Rochade zurückzustellen. Die jüngsten Weißrepertoirebücher, die den Le3-Aufbau empfehlen (Kornejew: A Practical White Repertoire, Volume 2, Kaufman: The Kaufman Repertoire) sind da ganz anderer Meinung. Aber Marin verbessert den schwarzen Aufbau mit einer präzisen Kombination aus a7-a6, b7- b5, Sb8-c6 und ggf. Lc8-g4 bzw. e7-e5 - was gemäß einem »Pirc-Schlächter« aus meinem Verein unbedingt Sinn macht.

Positiv überrascht war ich auch von Testaufgaben wie dieser:


Nicht nur, dass hier keine Eröffnungs- oder frühe Mittelspielstellung abgefragt wird, sondern eine typische Pirc-Endspielstellung; nein, es geht (trotz des Schwarzrepertoires) um den besten Zug für Weiß. Bei Band 2, Kapitel 4 hat das ChessBase-Lektorat geschlafen. Am Ende der zu analysierenden Variante verabschiedet sich Marin, das Video läuft aber noch gute fünf Minuten weiter und man kann den Autor dabei beobachten, wie er am Computer sitzt und sich an der Nase kratzt. Dieser Fauxpas ändert natürlich nichts an der inhaltlich hervorragenden Qualität des Produkts. Eine klare Empfehlung für alle Pirc-Interessenten!

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Stefan Kindermann: Die Kunst des Königsangriffs

Nicht immer ist der erste Eindruck der beste. Denn nach den einleitenden Sätzen befürchtete ich schon das Schlimmste: »Königsangriff - schon allein dieses Wort lässt das Herz eines jeden richtigen Schachspielers höher schlagen. Eine kühne Attacke, mutige Opfer, phantasievolle Taktik - und schon ist die eigene kleine unsterbliche Partie geschaffen, die vielleicht noch an langen Winterabenden mit Enkeln unser Schachherz wärmen wird.« Aber zum Glück sind diese blumigen Phrasen ganz und gar untypisch für diese DVD von Stefan Kindermann.

In 30 Videolektionen und acht Testaufgaben führt der Münchener Großmeister eloquent in die Geheimnisse einer erfolgversprechenden Königsattacke ein. Dabei definiert er zunächst sieben Kriterien, die man in einer Stellung überprüfen sollte. Mindestens zwei davon müssen zutreffen, wenn ein Angriff Erfolg haben soll - was anhand zahlreicher Beispiele belegt wird. Strukturiert ist das Ganze nach beiderseitig kurzen bzw. heterogenen Rochaden sowie im Zentrum stecken gebliebenen Königen.

Dabei versucht Kindermann, mit so wenig Varianten wie möglich auszukommen (die DVD behandelt explizit nicht das Thema Varianten berechnen oder grundlegende taktische Motive), sondern er analysiert anhand seiner sieben Kriterien verbal die konkreten Merkmale der Stellung. Über diese abstrakten Analysen kommt er zu den konkreten Zügen, also zum Beispiel wann und warum eine Verteidigungsfigur - ggf. unter Opfer - abgetauscht werden muss bzw. Linien und Diagonalen geöffnet werden. Dabei kommt es ihm nicht darauf an, die jeweils beste Verteidigung zu zeigen. Er möchte uns vor allem ein Gefühl dafür vermitteln, wie man denken muss. Und dabei hilft sein Sieben-Kriterien-Konzept sehr gut! Dass man dann doch irgendwann Varianten berechnen muss, liegt in der Natur der Sache. Eine gelungene DVD!

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