FIDE-Wahlkampf: Malcolm Peins Erklärung

12.07.2018 – Malcolm Pein hat für seine Zeitschrift "Chess" ein Editorial geschrieben, in dem er die Beweggründe erläuterte, sich als Stellvertretender Präsident im "Ticket" von Georgios Makropoulos aufstellen zu lassen. Er listet dort auch auf, was in der FIDE besser werden muss. | Foto: Lars O. Hedlund (London Chess Conference)

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Nach reiflichen Überlegungen und harten Berechnungen habe ich mich entschieden, meinen Hut in den Ring zu werfen und mich an den Wahlen der FIDE zu beteiligen. Das Präsidium der FIDE ist seit fast 25 Jahren unbeliebt und nachdem ich so lange einer der lautesten Kritiker der FIDE war, die gescheiterten Kandidaturen von Bessel Kok (2006), Anatoly Karpov (2010) und Garry Kasparov (2014) unterstützt habe, kam ich nun zu der Überzeugung, dass der einzige Weg, Veränderungen zu bewirken, von innen kommen muss. Das bedeutet: Man muss zu einem Ticket gehören, das gewinnen kann, auch wenn man dafür einige Kompromisse in Kauf nehmen muss.

Ich werde also als stellvertretender FIDE-Präsident auf einem Ticket mit dem derzeitigen stellvertretenden FIDE-Präsidenten und de facto amtierenden Präsidenten Georgios Makropoulos stehen. Nachdem im April 2017 Kirsan Ilyumzhinov aus der Exekutive der FIDE entfernt wurde, versuchten "Makro" und andere vergebens, einen Präsidentschaftskandidaten zu finden. Ilyumzhinov mag diskreditiert, sanktioniert und so gut wie am Ende sein, aber er hat immer noch Einfluss in Russland und nutzte diesen, um einige mögliche Kandidaten zu verunsichern oder zu verhindern.

Ich nahm an einem Treffen in Abu Dhabi im Februar teil, bei dem eine Gruppe von FIDE-Funktionären, die Kirsan entfernen wollten, vom Präsidenten des Asiatischen Schachverbandes, SE Sheikh Sultan Bin Khalifa Al Nahyan, empfangen wurde. Die Absicht war, Sheikh Al Nahyan zu einer Kandidatur als Präsident der FIDE zu bewegen. Ich traf ihn in Riad während der World Rapid- und Blitz-Weltmeisterschaft und ich war sehr beeindruckt von ihm. Er hat eine Schule in England besucht und er hat ein leidenschaftliches Interesse am Schach und an Technik. Leider haben wir in letzter Minute erfahren, dass unser Gastgeber unter diplomatischen Druck gesetzt wurde, auf höchster Ebene aus Russland. Dies war nicht die einzige derartige Episode zwischen Oktober 2017 und Februar 2018.

Bei einem Treffen am nächsten Tag wurde beschlossen, dass der Präsidentschaftskandidat entweder Makro oder ich selbst sein sollte. Meine Position war klar: Als Kandidat musste derjenige aufgetsellt werden, der die beste Chance hatte, Ilyuzmhinov abzulösen, da dieser die FIDE an den Rand des Abgrundes gebracht hatte, sich aber weigerte zurückzutreten. Ein paar Monate zuvor wäre ich nie auf die Idee gekommen, einmal als FIDE-Präsident zu kandidieren.

Nach einigen Überlegungen wurde mir klar, dass ich als Kandidat kaum gewinnen könnte und dass mir eine Kandidatur im Jahr 2022 viel besser passen würde. Makro hat angedeutet, dass er 2022 keine Wiederwahl anstrebt, aber natürlich kann in der nächsten Woche alles ganz anders sein, ganz zu schweigen von vier Jahren.

Man muss bei einigen Dingen Kompromisse eingehen

Wenn man politische Kompromisse eingeht, heißt das noch nicht, dass man dabei auch moralische Kompromisse oder Kompromisse in Bezug auf die Prinzipien einer guten Leitung schließen muss. Offenheit und Ehrlichkeit sind Eigenschaften, die die FIDE dringend benötigt. Ich bin mir vollkommen bewusst, dass ich mit Leuten zusammenarbeiten werde, die Ilyumzhinov gedient und unterstützt haben und daran beteiligt waren, die FIDE in diese schreckliche Lage zu bringen. Ich habe klar gemacht, dass sich diese Dinge ändern müssen, wenn ich mich beteiligen soll. 

Die erste solche Änderung betraf die Zusammensetzung des Tickets. Als mir klar wurde, dass Aguinaldo Jaime aus Angola (nicht Jaime Aguinaldo, wie er oft und fälschlicherweise genannt wird), einer der nominierten Vizepräsidenten auf dem Makro-Ticket sein sollte,  habe ich sofort klargestellt, dass er aus dem Ticket gestrichen werden muss oder dass ich bei der Wahl keine Rolle mehr spielen würde. Laut einem Bericht des US - Senats von 2010 wurde er wegen versuchten Betrugs angeklagt und bisher gab es keine veröffentlichte Widerlegungen der Vorwürfe. 

Wir sprechen von schweren Vorwürfen, obwohl nie ein Strafverfahren eingeleitet wurde und Herr Jaime jegliche Unanständigkeit bestreitet. Siehe hier: https://goo.gl/YuWmaJ und https://goo.gl/M9CW4e

Herr Jaime war vier Jahre Vizepräsident der FIDE, nachdem er 2014 auf dem Ilyumzhinov-Ticket erschien. Niemand scheint die Anschuldigungen bemerkt zu haben, oder falls doch, waren es anscheinend egal. Ich war ziemlich bestürzt, als ich feststellte, dass die Person, die Mr. Jaime in die Politik der FIDE offenbar eingeführt hatte, Nigel Short war, der ja ebenfalls als FIDE-Präsident kandidiert. Nigel war viel intensiver als ich bei den gescheiterten Versuchen beteiligt, Ilyumzhinov aus dem Amt zu entfernen.

Ich war bestürzt, einen Bericht über Nigels Besuch in Angola im Jahr 2010 auf Kevin Spraggetts Website zu finden. Nigel versuchte nur wenige Monate nach der Veröffentlichung des Berichts des US-Senats, Herrn Jaime für Anatoly Karpovs Ticket für 2010 zu gewinnen. Siehe: - https://goo.gl/XbfcJ5

Als wir vor ein paar Wochen in Leuven darüber sprachen, räumte Nigel ein, dass ihm diese Vorwürfe "seit ein paar Jahren" bekannt waren. Nun, ich habe keinerlei Verständnis für solche Vorgänge. Wenn ich solchen Dingen in Zukunft begegne, werde ich nicht zögern, sie anzusprechen.

Es ist ein komisches Gefühl, auf der anderen Seite zu stehe, da Nigel und ich alte Freunde sind und viele Male auf derselben Seite waren. Darüber hinaus sind wir uns im Urteil über viele Probleme der FIDE einig und über einige der Lösungen. Dies betrifft nicht zuletzt die Vereinbarung mit Agon/WorldChess, welche alle Rechte an Veranstaltungen im WM-Zyklus hält und für viele Debakel, die hier gemeldet wurden, verantwortlich waren.

Dieser Vertrag muss radikal geändert oder ganz gekündigt werden. Nigel und ich stimmen im Prinzip auch darin überein, dass die FIDE ihre Abhängigkeit von wohlhabenden Mäzenen beenden und mehr auf die Unternehmensroute setzen muss, obwohl ich glaube, dass beides eine Rolle spielen sollte. Zum Beispiel würde ich die Teilnahme von Rex Sinquefields Chess Club and Scholastic Centre St. Louis am WM-Zyklus zu einem späteren Zeitpunkt begrüßen.

Nigel und ich sind in einer Sache uneinig, die für das englische Schach von großer Bedeutung ist. Das ist der Plan für ein WM-Match in London. Nigel gehört zu den Gegnern. Ich sehe es als eine große Chance für das englische Schach, wenn es richtig organisiert ist. Auch der Vorstand der English Chess Federation sieht den Carlsen-Caruana-Wettkampf als eine Gelegenheit, das Schach hier zu fördern, und ich sehe nicht, wie die ECF für jeden stimmen kann, der gegen den WM-Kampf in London ist.

Don't make Plans for Nigel

Bei allen Verdiensten am Brett, fehlt Nigel die Eignung für eine Führungsrolle in der FIDE. Um es milde auszudrücken: Es mangelt ihm an Diplomatie, wie man aus seinen Schriften entnehmen kann, mit denen er sich in Angelegenheiten von Gruppen, Menschen, sogar Länder eingemischt hat. Short wurde mit seinen Kommentaren zu den Unterschieden zwischen Männern und Frauen auch aus den falschen Gründen viral. Am Ende beschwerte er sich, dass er nun wie frauenfeindlicher Stummfilm-Schurke betrachtet würde, und ich fürchte, er hat Recht.

Ich sehe nicht, wie wir glaubhaft versuchen können, mehr Frauen zu ermutigen, mit Nigel an der Spitze der FIDE Schach zu spielen. Das wäre so, als würde der CEO von Philip Morris die Leitung der Weltgesundheitsorganisation übernehmen. In der Politik muss man manchmal Vergangenes vergangen sein lassen und Kompromisse schließen. Nigel scheint zu oft einen Groll zu haben. Sein notorischer Stich in Tony Miles 'Rücken, nachdem Englands erster Großmeister verstorben war, lässt mich immer noch schaudern, wenn ich daran denke.

Trotz meiner Vorbehalte gegenüber Nigel in einer Führungsrolle glaube ich, dass er eine Rolle spielen muss, zum Beispiel bei der Stärkung von "Anticheating"- Maßnahmen - etwas, von dem ich weiß, dass er sich leidenschaftlich dafür interessiert, so wie ich auch. Ich fürchte, dass seine Kandidatur zum Präsidenten bei den gegenwärtigen Bedingungen recht aussichtslos ist. Er teilt nur die Stimmen und hilft dem Kremlkandidaten, wer auch immer das sein wird.

Lasst uns nach vorne schauen

Mann kann einen Wahlkampf nicht ohne eine positive Vision für Veränderungen führen. Hier sind nur ein paar Ideen, die ich fördern werde.

Amtszeitbeschränkungen

Eine Beschränkung von acht Jahre für den Präsidenten und ein Limit für die Vorstandsmitglieder. Das würde insgesamt acht Jahre dauern. Ilyumzhinov kann nicht zurückkehren, auch wenn der Kreml ihn mit Fallschirmspringern einfliegen lässt.

Die Anti-Cheating-Kommission erweitern und umbenennen

Ich würde sie Fairplay-Kommission nennen und sie aus Schiedsrichtern, Juristen, Organisatoren und vor allem aus Spielern zusammensetzen. In der Tat wäre jemand wie Nigel als Spieler ideal als Vorsitzender.

Die Vereinbarung mit Agon/WorldChess kündigen oder komplett neu verhandeln

Wie berichtet wurde, brachte Alexander Grischuk beim Kandidatenturnier in Berlin eine Flasche mit seinem eigenen Urin zur Presskonferenz mit, weil er dort während er Partie nicht auf die Toilette gehen konnte. Das zeigt, dass Agon/Worldchess nicht einmal "einen fröhlichen Abend in einer Brauerei" organisieren kann. 

Die FIDE Online Arena auf den Müll werfen und mit den großen Anbietern zusammen arbeiten

Die FIDE-Online-Arena war, soweit ich sehen kann, nur eine Abzock-Fabrik, ein weiterer grober Versuch, Geld zu sammeln. Chess.com, Playchess, Lichess, Chess24 und ICC sind natürliche Partner und machen Online-Schach viel besser als die FIDE. Warum machen wir nicht die offizielle Online-Weltmeisterschaft mit einem etablierten Partner oder Partnern?

Standards für die Schiedsrichter

E sollten Kader von professionellen oder semiprofessionellen Schiedsrichtern als Kern für offizielle Veranstaltungen zur Verfügung stehen. Die Ernennungen aus politischen Gründen muss ein Ende haben. Die Schiedsrichter-Standards müssen generell angehoben werden.

Die Verifikationskommission muss gestärkt werden 

Dies ist die Stelle, die alle wichtigen Funktionen überwacht, aber sich nicht oft genug meldet. Ein fest angestelltes Mitglied sollte dazu ernannt werden, während des Jahres für eine unabhängige Überwachung des FIDE-Bankkontos verantwortlich zu sein und dabei einen Online-Zugang haben, um alle Transaktionen in Echtzeit zu überprüfen, falls erforderlich.

Titelgebühren

Diese müssen reduziert werden. Es scheint mir, dass der Ansatz oft lautet: Wie können wir mehr Geld von den Spielern besorgen? Es ist Zeit, nach neuen Einnahmequellen zu suchen. Rating-Gebühren für Entwicklungsländer und viele ärmere Länder sollen auf ein Minimum beschränkt und abgeschafft werden.

Afrika

Das afrikanische Schach ist seit Jahrzehnten viel zu langsam vorangekommen und dass liegt an der jahrelangen Vernachlässigung der FIDE. Ich würde vorschlagen, dass ein Teil der Überschüsse, die über die Zielreserve von 2,5 Mio. € hinaus fließen, auf einen afrikanischen Entwicklungsfonds übertragen wird.

Übergang, nicht Kontinuität

Sowohl in der Perspektive als auch in der Politik und im Personalbereich müssen erhebliche Veränderungen vorgenommen werden. Viele der Leute in den höheren Rängen der FIDE waren Apologeten für Kirsan, der als weißer Ritter für Schach mit Mitteln dubioser Provenienz begann und als kompletter Schwindler endete und sogar eine falsche Person auf seinem Wahlschein anbot. Makro sollte als Übergangskandidat gesehen werden, und meiner Meinung nach müssen viele seiner Kollegen ersetzt werden. Das Präsidium sollte aus Personen mit spezifischen Fähigkeiten bestehen und sicherstellen, dass alle Kontinente vertreten sind. Selbst wenn ich gewählt werde, wird das nicht einfach sein, aber ich ziehe es vor, die Herausforderung von innen heraus anzunehmen, als mich ständig von außen zu beschweren.

Der Kreml versucht die Fäden zu ziehen

Gerade als wir in die Presse gingen, hat Arkady Dworkowitsch, der ehemalige stellvertretende Ministerpräsident Russlands und Leiter des WM-Organisationskomitees, seine Kandidatur erklärt. Zum Zeitpunkt des Schreibens hatte er kein Ticket zusammengestellt. Dies muss bestehen aus: Präsident, Vizepräsident, Schatzmeister, Generalsekretär und zwei ernannten Vizepräsidenten im FIDE-Präsidium.

In gewisser Hinsicht ist dies eine erfreuliche Nachricht, denn es scheint, dass Ilyumzhinovs Herrschaft endgültig vorbei ist, aber es sieht auch so aus, als würde der Kreml versuchen, die Kontrolle über das Schach der Welt zu behalten. Das würde bedeuten, dass die Beziehung zu Agon/World Chess erhalten bleibt und die Sponsoren ausschließlich russisch sind.

Ich werde Dworkowitsch ablehnen, wenn er sein Ticket einreicht. Obwohl er sich zum so genannten "liberalen" Flügel laut Kreml-Insidern gehört, ist er auch schon auf einer Präsanktionsliste, die Anfang dieses Jahres vom US-Kongress vorbereitet wurde. Wenn die FIDE ihr Bankkonto wieder herstellen will, sollte sie keine politisch exponierte Person an ihrer Spitze haben. 

Übersetzung aus dem Englischen von André Schulz

 

Zum Originalartikel...



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Krennwurzn Krennwurzn 13.07.2018 03:21
Ok - Pein wird dann wohl geopfert und Makro geht aufs Russenticket - die Qualen der Wahlen kann man sich sparen ;-)
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