Fischer gegen Karpov oder Kortschnoj - eine Spekulation

von Stephan Oliver Platz
16.04.2021 – Was wäre wenn... Spassky 1972 zum Beispiel nicht so geduldig mit Fischers Eskapaden gewesen wäre. Dann hätte Spassky 1975 gegen Karpov seinen Titel verteidigen müssen. Und warum trat Fischer gegen Karpov nicht an? Und wie wäre Fischers Entscheidung ausgefallen, wenn nicht Karpov, sondern Kortschnoj der Herausforder gewesen wäre? Spekualtionen von Stephan Oliver Platz.

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Bobby Fischer's Chancen gegen Karpov und Kortschnoj

Von allen Wettkämpfen, die nie gespielt wurden, wären Fischer gegen Karpov oder Fischer gegen Kortschnoj vielleicht die interessantesten gewesen. Was wäre geschehen, wenn sich Bobby Fischer nach seinem Sieg gegen Spassky 1972 nicht vom Schach zurückgezogen hätte? Mit dieser Frage und ihren psychologischen Hintergründen möchte ich mich in diesem Artikel beschäftigen.

Bobby Fischer steigt aus

Leider spielte Bobby Fischer nach seinem WM-Sieg über Boris Spassky 1972 in Reykjavik 20 Jahre lang kein Turnierschach mehr. Erst 1992 trat er zu einer Revanche gegen Spassky an und siegte mit 10:5 bei 15 Remisen. Es folgten danach aber keine weiteren Turniere oder Wettkämpfe mehr. 2008 starb Fischer in seinem isländischen Exil zwei Monate vor seinem 65. Geburtstag. Welche Auswirkungen hatte dieser Rückzug auf das Spitzenschach?

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Hätte Fischer weitergespielt, so wäre es 1975 zu einem WM-Kampf gegen Anatoli Karpov und 1978 vielleicht sogar zu einem WM-Kampf gegen Viktor Kortschnoj gekommen. Beide Wettkämpfe wären für die Schachwelt zweifellos sehr interessant gewesen und wahrscheinlich sehr aufregend und spannend verlaufen, nicht nur in schachlicher Hinsicht. So aber machten seit 1974 Anatoli Karpov und Viktor Kortschnoj in drei Wettkämpfen den Weltmeistertitel praktisch unter sich aus, ehe 1984 mit dem 21-jährigen Garry Kasparow erstmals ein neuer Anwärter auf den WM-Titel hervortrat.

Warum eigentlich zog sich Bobby Fischer so plötzlich zurück? Wenn wir den wahrscheinlichen Gründen auf die Spur kommen wollen, müssen wir zunächst in  das Jahr 1972 zurückgehen.

Warum Spassky 1972 gegen Fischer verlor

Über diese Frage ist viel spekuliert worden. Vor dem Wettkampf hatte Bobby noch nie gegen Spassky gewonnen. Die Bilanz lautete 3:0 bei 2 Remisen zugunsten des Russen. In der ersten WM-Partie 1972 in Reykjavik ließ sich Bobby Fischer unnötigerweise einen Läufer einsperren und verlor im Endspiel. Damit stand es im WM-Kampf 1:0 für Spassky und 4:0 in der persönlichen Bilanz zwischen den beiden. Dann kam die zweite Partie. Nach Auseinandersetzungen über die Fernsehkameras, welche den Wettkampf übertragen sollten, erschien der exzentrische Amerikaner nicht zur Partie, und Spassky ging mit 2:0 in Führung.

Nur mit äußerster Mühe konnte Fischer zum Antreten in der dritten Partie überredet werden. Er bestand jedoch darauf, dass die Partie nicht im dafür eigentlich vorgesehenen Spielsaal, sondern in einem Tischtennisraum ohne Zuschauer ausgetragen würde. Der gutmütige Spassky stimmte zu. Doch das reichte Fischer noch immer nicht. Da ihn wiederum die Kamera störte, welche die Partie für die Zuschauer übertragen sollte, weigerte er sich erneut zu spielen. Dabei kam es zu einem lautstarken Streit zwischen Fischer und dem Schiedsrichter Lothar Schmid, der Spassky völlig aus der Fassung brachte. Er stand auf, um den Raum zu verlassen, doch Schmid bedrängte ihn heftig, doch dazubleiben. Was dann geschah, schilderte er mit folgenden Worten: „Ich packte beide und drückte sie an der Schulter auf ihre Plätze und sagte: Spielt jetzt!“ Das war Spasskys Untergang. Von den ermüdenden Streitereien zermürbt verlor er zum ersten Mal in seinem Leben eine Turnierpartie gegen Bobby Fischer und war bis zur 10. Partie nicht mehr wiederzuerkennen: 0:5 bei 3 Remisen lautete die katastrophale Bilanz dieser acht Partien.

Spassky-Fischer, 1972

Spassky brauchte lange, um sich von dem psychologischen Schlag zu erholen. Mit Beginn der elften Runde hatte er das Trauma überwunden und konnte in den Partien 11 – 20 das Match ausgeglichen gestalten (1:1 bei 8 Remisen). Die 21. Partie gewann Fischer nach 41 Zügen zum 12,5:8.5-Endstand. Wenn wir von der kampflosen Niederlage Fischers in der 2. Partie und der für Spassky traumatischen Wettkampfphase von der 3. bis 10. Partie einmal absehen, erkennen wir einen ausgeglichenen Wettkampfverlauf (2:2 bei 10 Remisen). Ich glaube daher nicht, dass Spassky 1972 rein schachlich gesehen schwächer spielte als Fischer. Bei normalem Verlauf ohne die aufreibenden Auseinandersetzungen um Fernsehkameras, Spielsaal und die Zuschauer wäre ein hochspannender und sehr ausgeglichener Wettkampf zu erwarten gewesen, den beide hätten  gewinnen können.

Spasskys entscheidender Fehler bestand darin, dem auf ihn ausgeübten Druck nachzugeben und sich bereit zu erklären, die dritte Partie unter den oben geschilderten Begleitumständen in einem Tischtennisraum auszutragen. Er musste sich damit dem Willen seines Gegners und des Schiedsrichters Lothar Schmid beugen und verlor sein inneres Gleichgewicht. Das führte zu dem psychologischen Zusammenbruch, den man in den Partien 3 – 10 klar erkennen konnte.

Spassky hätte besser nicht weitergespielt

Da wir heute wissen, welche Folgen Bobby Fischers Gewinn des WM-Titels für die Schachwelt hatte, könnte man sich wünschen, dass Spassky an jenem 16. Juli 1972 den Tischtennisraum verlassen und seine Sachen für den Heimflug nach Russland gepackt hätte.  So wäre sehr wahrscheinlich Bobby Fischer der Schachwelt erhalten geblieben und hätte zwar vielleicht keinen WM-Kampf mehr bekommen, aber sehr wahrscheinlich doch weiterhin an hochkarätigen Turnieren teilgenommen. So hätte er sehr wahrscheinlich nicht nur mit Karpov, sondern auch noch mit Garry Kasparow die Klingen kreuzen können, was zweifellos für die Schachwelt ein großer Gewinn gewesen wäre.

Schließlich möchte ich auch noch auf Lothar Schmids Rolle als Schiedsrichter der WM 1972 eingehen. So sehr man anerkennen muss, dass er den WM-Kampf retten wollte, so sollte man doch einmal klar sagen, dass er meiner Meinung nach seiner Verantwortung an jenem 16. Juli 1972 nicht gerecht wurde. Die dritte Partie fand unter für Boris Spassky ganz und gar unzumutbaren Bedingungen statt. Wenn ein Spieler im dafür vorgesehenen Spielsaal nicht antreten will, sogar nachdem hinsichtlich der Kameras Zugeständnisse gemacht worden und diese am Spieltisch nachweislich nicht mehr zu hören waren, hätte der Schiedsrichter den Wettkampf abbrechen und Fischer disqualifizieren müssen. Das wird vielen Schachfreunden nicht gefallen, aber stellen wir uns einmal vor, bei einer Leichtathletik-WM würde einer der Finalisten darauf bestehen, dass er den 5000-Meter-Lauf nicht im Stadion, sondern nur auf dem Sportplatz einer nahegelegenen Volksschule ganz ohne Zuschauer und Fernsehkameras auszutragen bereit wäre. Ein solcher WM-Aspirant würde sehr schnell durch einen anderen Teinehmer ersetzt werden, zu Recht! (a)

Warum Fischer 1975 gegen Karpov nicht antrat

Nachdem Bobby Fischer 1972 Weltmeister geworden war, hatte er, psychologisch gesehen, nichts mehr zu gewinnen, sondern nur noch alles zu verlieren. Mit dem WM-Titel hatte sich bewahrheitet, wovon er nämlich bereits seit spätestens 1963 überzeugt gewesen war, dass nämlich er und kein anderer der beste Schachspieler der Welt sei. Als 1975 die Titelverteidigung anstand, hätte es für Bobby zum Super-GAU kommen können, nämlich zu einer Niederlage im anstehenden WM-Kampf. Der Nimbus des weltbesten Spielers wäre mit einem Male zerstört, sein Ego schwer angeschlagen worden. Noch dazu hatte er drei Jahre lang kein Turnierschach mehr gespielt. Er wird sich also überlegt haben, wie seine Chancen in einem WM-Kampf gegen seinen Herausforderer standen, und das ließ Schlimmes befürchten. Warum?

Karpov hatte das Interzonenturier in Leningrad 1973 gemeinsam mit dem punktgleichen Viktor Kortschnoj gewonnen und dabei ein herausragendes Ergebnis von 79.4 % erzielt (13.5 aus 17). Im Kandidatenviertelfinale setzte er sich gegen Großmeister Lew Polugajewsky mit 3:0 bei 5 Remisen durch. Bei der Schacholympiade 1974 in Nizza spielte Karpov bereits auf Brett 1 für die Sowjetunion und erzielte ein sensationelles Ergebnis von 10:0 bei 4 Remisen. Dann kam das Kandidatenhalbfinale gegen Boris Spassky, und Karpov siegte (ganz ohne psychologische Mätzchen) klar mit 4:1 bei 6 Remisen.

Karpov-Kortschnoj, Tilburg 1986 | Foto: Dutch National Archive

Im Finale gegen Viktor Kortschnoj lief es zunächst auch wunderbar: Nach 18 Partien führte Karpov bereits 3:0. In der Schlussphase allerdings brach er ein, verlor noch zwei Partien und rettete sich mit Remisen in den Partien 22 – 24 am Ende in einen knappen 3:2-Erfolg.

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Karpovs einzige Schwäche: Die Kondition

Wir können davon ausgehen, dass Fischer, wenn er sich auch aus der Turnierarena zurückgezogen hatte, dennoch Karpovs Werdegang aufmerksam verfolgte. Er konnte also feststellen, dass Karpov in den Jahren 1973 und 1974 von insgesamt 131 Turnier- und Wettkampfpartien nur 4 verloren, aber 52 gewonnen hatte. Damit stellte der 24-jährige Russe eine ernste Gefahr für Fischers WM-Titel dar. Sicher hat er auch Karpovs Partien eingehend studiert und festgestellt, dass diesem Herausforderer wohl nur schwer beizukommen sein würde. Eine Schwäche Karpovs wird Bobby Fischer allerdings sehr wohl erkannt haben, denn zwei dieser vier Niederlagen kamen zustande, nachdem Karpov 18 anstrengende Wettkampfpartien gegen Kortschnoj gespielt hatte und offenkundig mit Konditionsproblemen zu kämpfen hatte. Er musste also, um Karpov sicher schlagen zu können, einen WM-Kampf gegen ihn unbedingt in die Länge ziehen. Je länger er dauerte, desto größer wäre die Chance ihn zu gewinnen.

Vor diesem Hintergrund wird plötzlich nachvollziehbar, warum Fischer gegenüber dem Weltschachbund darauf bestand, den WM-Kampf 1975 auf neun Gewinnpartien anzusetzen. Damit konnte er hoffen, dass er lange genug dauern würde, um Karpov zu ermüden. Als er dann aber auch noch forderte, dass der  Wettkampf bei einem 9:9 als unentschieden abgebrochen werden müsste, wobei Fischer den Titel behalten würde, war das Maß voll. Dass die Sowjets solche Forderungen ablehnten, zeigt, dass sie aus dem Debakel von 1972 gelernt hatten. Auch der Weltschachbund wollte nun nicht mehr mitmachen, und so wurde Karpov 1975 kampflos Weltmeister.

Warum Fischer Kortschnoj weniger fürchtete

Viktor Kortschnoj war 1931 geboren und damit 20 Jahre älter als Anatoli Karpov. Schon lange gehörte er zur absoluten Weltspitze. Im Interzonenturnier Leningrad 1973 hatte er ebenso viele Punkte gemacht wie Karpov und gegen ihn selbst unentschieden gespielt. Im Kandidatenviertelfinale besiegte er den brasilianischen Großmeister Henrique Mecking mit 3:1 bei 9 Remisen, im Halbfinale bezwang er Exweltmeister Tigran Petrosjan mit 3:1 bei einem Remis. Bei der Schacholympiade 1974 in Nizza spielte Kortschnoj auf Brett 2 und erzielte ein Ergebnis von 8:0 bei 7 Remisen. (b) Er hatte damit also nicht ganz, aber immerhin beinahe ebenso gut abgeschnitten wie Karpov, gegen den er, wie schon erwähnt, das Kandidatenfinale über 24 Partien mit 2:3 bei 19 Remisen verlor. Wenn man sich jedoch Kortschnojs Gesamtbilanz der Jahre 1973 und 1974 ansieht, so lässt sich doch ein deutlicher Unterschied feststellen. In der Mega Database von ChessBase fand ich aus diesen beiden  Jahren insgesamt 117 Turnier- und Wettkampfartien, von denen Kortschnoj 40 gewann, aber immerhin 18 verlor. Demgegenüber steht Karpovs Bilanz von 52 Siegen bei nur 4 Niederlagen!

Fischer hätte also klar erkennen können, dass ein Herausforderer Kortschnoj verhältnismäßig leichter zu schlagen gewesen wäre. Ebenso wäre ihm wohl klar geworden, dass Kortschnoj umso stärker spielte, je länger ein Wettkampf dauerte. Also können wir davon ausgehen, dass Fischer, wenn Kortschnoj 1975 sein Herausforderer gewesen wäre, wahrscheinlich nicht auf neun Gewinnpartien bestanden hätte, sondern mit einem kürzeren  Format einverstanden gewesen wäre.

Ein weiterer Grund für meine Vermutung, dass sich Fischer viel eher auf einen WM-Kampf gegen Viktor Kortschnoj eingelassen hätte, besteht darin, dass er ihn aus früheren Begegnungen kannte. Von 1960 bis 1970 hatten sie insgesamt acht Turnierpartien gegeneinander gespielt, von denen jeder zwei gewann, während vier unentschieden ausgegangen waren. Außerdem spielten Kortschnoj und Fischer bei einem Blitzturnier in Herceg Novi 1970 zweimal gegeneinander. Die erste Blitzpartie gewann Kortschnoj, verlor aber die zweite. Gegen Karpov allerdings hatte Fischer noch nie auch nur eine einzige Partie gespielt, so dass dieser Gegner für ihn viel schwieriger einzuschätzen gewesen wäre.

Zweimal Fischer gegen Kortschnoj

Sehen wir uns die zwei interessantesten Partien zwischen Fischer und Kortschnoj an:

 

Meine Prognose: Ein offener Kampf mit leichten Vorteilen für Fischer

Wer die zehn Kortschnoj-Fischer-Partien genauer betrachtet, stellt fest, dass Kortschnoj eine leichte Inititative hatte, wenn auch das Endergebnis insgesamt ausgeglichen war. Hier ist aber zu bedenken, dass Fischer zum Zeitpunkt der ersten Partie gegen Kortschnoj erst 17 und während der fünf 1962 gespielten Partien gerade mal 19 Jahre alt war. Für den zwölf Jahre älteren Viktor Kortschnoj bedeutete dies zweifellos einen Vorteil, da er über wesentlich mehr Erfahrung verfügte als sein jugendlicher Gegner. Wären Kortschnoj und Fischer 1975 oder 1978 in einem WM-Kampf aufeiandergetroffen, hätte sich dies umgekehrt, denn in dem Falle wäre ein 32- oder 35-jähriger Fischer einem 44 oder 47 Jahre alten Herausforderer gegenübergestanden, was mit großer Wahrscheinlichkeit den jüngeren Fischer begünstigt hätte.

Wenn also 1975 oder 1978 tatsächlich ein WM-Kampf Fischer gegen Kortschnoj stattgefunden hätte, glaube ich, dass ungeachtet der Wettkampflänge ein sehr spannendes und offenes Rennen zu erwarten gewesen wäre. Entscheidend in diesem Zusammenhang wäre die Frage, wie Fischer die mehrjährige Spielpause weggesteckt hätte. Aber selbst wenn Kortschnoj zu Beginn eines solchen Wettkampfes mit zwei Punkten in Führung gegangen wäre, hätte Fischer meiner Meinung nach gute Chancen gehabt, am Ende doch die Nase vorn zu haben. Wenn es allerdings Kortschnoj gelungen wäre, Fischer in der „Aufwärmphase“ empfindlich zu treffen (drei oder mehr Punkte Vorsprung), so hätte Kortschnoj gegen Fischer durchaus gewinnen können.

Karpov hätte es schwerer gehabt

Anders sehe ich die Lage bei einem WM-Kampf Fischer – Karpov über neun Gewinnpartien. Trotz seiner ungeheuren Spielstärke glaube ich nicht, dass Karpov einem langen Wettkampf mit Fischer über 30 oder mehr Partien gewachsen gewesen wäre. Sowohl im Kandidatenfinale gegen Kortschnoj 1974, als auch bei der WM 1978 und sogar noch 1984/85 im ersten WM-Kampf gegen Kasparow hatte Karpov ernste Probleme, sobald der Wettkampf anfing, sich in die Länge zu ziehen.

Zweimal Fischer gegen Karpov

Leider kann ich unseren Lesern keine authentischen Partien zu dem Thema vorstellen, aber immerhin einen kleinen Vorgeschmack geben auf das, was möglicherweise bei einem Wettkampf Fischer gegen Karpov passiert wäre. Vor ein paar Jahren machte ich mir nämlich den Spaß, eine Computersimulation des WM-Kampfes 1975 durchzuführen mit Hilfe der Fischer- und Karpov-Persönlichkeiten des Schachprogramms Rebel 13 von Ed Schröder. Diese ergab beim Spiel auf sechs Gewinnpartien einen 6:4-Sieg für Bobby Fischer, beim Spiel auf zehn Gewinnpartien allerdings ein deutliches 10:4 zugunsten von Fischer. Dieses Experiment darf man natürlich nicht allzu ernst nehmen, aber es kamen doch einige hübsche Partien zustande. Sehen wir uns zwei davon an:

 

Erstaunlicherweise gewann die Karpov-Persönlichkeit von Rebel 13 nach ihrem vierten Sieg keine einzige Partie mehr. Das hätte allerdings auch in einem tatsächlichen WM-Kampf Karpov gegen Fischer so kommen können (oder auch nicht!?). Wenn der Bobby Fischer-Express nach dreijähriger Spielpause erst einmal Fahrt aufgenommen hat, ist er eben nur schwer zu stoppen! Das klingt doch eigentlich ganz plausibel. (c)

Vielleicht hätte Karpov 1981 Fischer geschlagen

Die besten Chancen gegen Fischer hätte Karpov meiner Meinung nach bei einer WM 1981 gehabt. Zu dem Zeitpunkt wäre Karpov nämlich 30 Jahre alt, Fischer dagegen bereits 38 gewesen. Den 50-jährigen Kortschnoj jedenfalls besiegte Karpov in Meran 1981 zum ersten mal deutlich mit 6:2 bei 10 Remisen, während er die beiden anderen Wettkämpfe 1974 und 1978 nur mit jeweils einem einzigen Punkt Vorsprung knapp gewonnen hatte.

Was meinen die ChessBase-Leser?

Die Gedanken sind frei, so heißt es in einem alten Lied. Daher wäre es schön, wenn die schachhistorisch interessierten ChessBase-Leser ihre Einschätzung mitteilen würden. Wie wäre Ihrer Meinung ein WM-Kampf Bobby Fischer gegen Anatoli Karpov oder Viktor Kortschnoj ausgegangen? Ich bin gespannt!

Anmerkungen:

(a) Eine gute Schilderung der Vorkommnisse rund um die schicksalhafte dritte Partie bietet der folgende auf ChessBase erschienene Artikel von Frederic Friedel:

https://de.chessbase.com/post/vor-45-jahren-bobby-fischer-in-island-4

(b) Einige Partien spielte Kortschnoj auch auf Brett 1, wenn Karpov pausierte oder nicht mit Schwarz spielen wollte, so z. B. gegen Torre und Timman (vgl. Kortschnoj, Ein Leben für das Schach, Düsseldorf 1978, S. 110).

(c)  https://en.chessbase.com/post/fischer-beats-karpov-10-4-a-simulation

Die niedrige Remisquote in der WM-Simulation könnte damit zusammenhängen, dass ich die Eröffnungsbücher für die Karpov- und Fischer-Persönlichkeiten von Rebel 13 ausschließlich aus Gewinnpartien von Fischer bzw. Karpov erstellt hatte. Andererseits zeigen die 6:0-Ergebnisse Fischers in seinen Kandidatenwettkämpfen gegen die damaligen Spitzen-Großmeister Bent Larsen und Mark Taimanow im Jahre 1971, dass Bobby Fischer selbst gegen so starke Gegner zwölf Partien hintereinander gewinnen kann, ohne auch nur ein einziges Remis abzugeben.

 


Stephan Oliver Platz (Jahrgang 1963) ist ein leidenschaftlicher Sammler von Schachbüchern und spielt seit Jahrzehnten erfolgreich in der mittelfränkischen Bezirksliga. Der ehemalige Musiker und Kabarettist arbeitet als freier Journalist und Autor in Hilpoltstein und Berlin.
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CrimsonSeahawk CrimsonSeahawk 18.04.2021 11:37
Fischer war zeitlebens ein Mann seiner Prinzipien. Selbst wenn es seinen finaziellen Untergang bedeutet rückt er von diesen Prinzipien nicht ab. Wer tut soetwas ? Hinzu kommt seine Inselbegabung seit frühester Kindheit, noch dazu die tägliche stundenlange Konzentration über Jahre auf eine Sache, auf ein Ziel ausgerichtet. Der Mensch war ein großes Genie in seiner Sportart, doch was hat es Ihn gekostet so gut zu werden wie er zwischen 1970 und 1972 demonstriert hat ? Fischer war kein Leben im Rampenlicht gewohnt und wollte das auch nicht so wie nach 1972 gekommen wäre. Er war ein Mensch der liber im stillen Kämmerlein gearbeitet und sich auch Turniere und Wettkämpfe vorbereitet hat. Der Mann hat seinen Sport aus dem Nischendasein geholt und auf die Titelseiten der Weltpresse gebraucht. Das schafen nur außergewöhnliche Menschen von denen er einer war, im sportlichen Bereich. Einer alleine, im kalten Krieg, gegen die komplette Armada der sowjetischen Analysemaschinerie zu bestehen und zu gewinnen ist und bleibt einmalig in der Rückbetrachtung. Was nach 1972 passierte ist eine Tragödie, aber solche außergewöhnlichen Genies wie Fischer lassen sich nicht mit Maßstäben "normaler" Menschen erklären.
Kasparov100 Kasparov100 18.04.2021 04:28
@pemoe6 Hab heute im Buch von Tom Brady nachgelesen. Fischer wollte sich nach dem 72er Jahr bewusst 1 Jahr Auszeit nehmen um sich zu erholen. Ab 1973 hat er wieder regelmäßig trainiert und wollte 1975 die Herausforderung annehmen. Warum er keine Turniere in dieser Zeit gespielt hat ist nicht erwähnt. Der 75er rückkampf ist an diversen Forderungen Fischers gescheitert. Finanziell wollte er ständig immer mehr als das angebotene haben und sein Regelvorschlag für die WM brachte er nicht durch. Was in den Jahren 75 bi 80 passiert ist, bleibt etwas nebulös, das Geld wurde knapp und Fischer konnte sich maximal noch billige Absteigen leisten. Anfang der 80iger Jahre lebt er von den Sozialhilfeschecks seiner Mutter. Lukrative Angebote wie Fototermine für usd 5‘000 oder Interviews, dort wollte er usd 200‘000 hat er abgelehnt obwohl im das Wasser sprichwörtlich bis zum Hals stand. Also Anfang der 80iger Jahre schien er geistig schon nicht mehr in der Lage zu sein einen WM Kampf zu spielen. In den nebulösen 5 Jahren zwischen 1975 und 1980 war er noch unter der Knute dieser Sekte ‚neuchristliche kirche‘ die ihm den größten Teil des Preisgeldes des 72er WM Kampfes abgeknöpft hat. Ich vermute Fischer war mental einfach nicht in der Lage ab 75 noch den geplanten rückkampf zu spielen. Das schachliche Vermächtnis ist auch groß genug, dass man diesen Fakt auch akzeptieren kann. Ich hoffe auch das der Fokus der Fans auf dieses schachliche Vermächtnis abzielt, alles andere was vom ‚Genie‘ Fischer gekommen ist war Großteils unakzeptabel, da werden wir uns hoffentlich einig sein...
Pemoe6 Pemoe6 18.04.2021 02:36
@Kasparov 100: Das ist recht widersprüchlich: Auf der einen Seite "Ein echter Champion stellt sich ... seiner Konkurrenz" (dem ich voll zustimme), auf der anderen Seite der Fakt, dass Fischer nach der WM gar nichts mehr gespielt hat. Und genau das hat Pfleger ausgedrückt.
Kasparov100 Kasparov100 18.04.2021 09:02
Wenn Fischer 1975 schon krank war hätte eine Titelverteidigung sowieso keinen Sinn gemacht, bzw. wäre er deswegen bereits chanchenlos gewesen. Ob jemand der psychisch krank ist gerade bezüglich seines beruflichen Metiers Ängste haben soll erschließt sich mir nicht, dass wird wohl eher allumfänglich sein. Aber das ein psychisch kranker Spitzensport betreiben kann, egal welchen, wird glaub ich sowieso nicht funktionieren. Das jemand der ‚alles gewonnen hat, keine Ziele mehr hat‘ das ist eine Vereinfachung. Dann müsste ja Bayern nicht nur Hansi flick freisetzen, sondern gleich die ganze Mannschaft, denn mehr als 6 Titel in einer Saison geht auch nicht. Und trotzdem sind sie immer noch motiviert auch den 9 Titel in Folge zu erreichen. Das Gegenteil ist der Fall, ich glaube ein echter Champion stellt sich nach dem größten Titel nochmal seiner Konkurrenz. Wenn jeder nach dem WM Titel aufhören würde, wie zb Nico Rosberg in der Formel 1, das wäre eine Katastrophe! Ich vermute der Hauptgrund warum Fischer den 75er abgelehnt hat, war das er mental bzw. krankheitsbedingt bereits nicht mehr wirklich dazu in der Lage war. Da begann ja irgendwann seine fast 20 jährige herumtingelei in der Weltgeschichte. Ein gesunder Fischer allerdings wäre meiner Meinung nach klarer Favorit in einem 75er Match gewesen, egal gegen wen. Karpov hat ja im spitzenschach bis 1972 nicht die große Rolle gespielt, und das jemand innerhalb von nur 3 Jahren dann so erstarkt, das er auf einmal an der Spitze steht, ist eher fragwürdig...
Stephan Oliver Platz Stephan Oliver Platz 18.04.2021 03:42
Sie haben durchaus Recht, denn Bobby Fischer habe ich tatsächlich nicht persönlich erlebt im Gegensatz zu Spassky, Kortschnoj und Karpow. Meine Feststellungen zu Fischers Psyche beruhen auf den Einschätzungen von IGM Dr. Helmut Pfleger, ein promovierter Mediziner und Psychotherapeut, der zu dem Thema folgendes schrieb: "Aber jetzt konnte er [Fischer] nichts mehr gewinnen, nur noch den Titel verteidigen. (...) in seinem Denken hieß Weltmeister zu sein, darauf deuten seine frühen Phantasien hin, einen paradiesischen Endzustand ewiger göttlicher Allmacht erreicht zu haben (...) An diesem Punkt konnte er nun der Konfrontation mit der Realität nicht mehr ausweichen, denn hier war er eben nicht allmächtig, hatte neue Probleme und neue Gegner. Er konnte nur noch verlieren und so seine Gottähnlichkeit (in seiner innerpsychischen Gleichung Schach = Welt) einbüßen." Dass Fischer Angst hatte, davon geht Dr. Pfleger fest aus: "Seine Verfolgungsängste müssen stark gewachsen sein (...) Früher hatte Fischer nur im Sinn, seine Feinde niederzumachen; seit 1972 flieht er vor ihnen. Alle Geschichten und Gerüchte, was er in diesen 20 Jahren [1972-1992] trieb, laufen auf eines hinaus: Er ist immer auf der Flucht (...) Schach ist für ihn ja alles, und auf diesem Gebiet kann er nichts mehr erreichen. Dafür ist die latent vorhandene Unsicherheit durchgebrochen und hat ihn geradezu mit Angst überschwemmt." (Die Zitate sind aus dem Buch "Brett vorm Kopf" von Dr. Helmut Pfleger und Gerd Treppner, München 1994, S. 245 ff.) Wie der WM-Kampf 1972 augegangen wäre, wenn es die Auseinandersetzungen nicht gegeben hätte, wissen wir leider nicht. Spassky jedenfalls muss 1972 davon überzeugt gewesen sein, es mit Fischer aufnehmen zu können, denn sonst hätte er sich wohl kaum über den Willen der sowjetischen Funktionäre hinweggesetzt und unter so ungünstigen Bedingungen weitergespielt.
Kasparov100 Kasparov100 18.04.2021 12:06
‚Spassky sei 1972 ungefähr der gleich gute Spieler gewesen, wenn er nicht den psychologischen Fehler begangen hätte und die 3. Partie in dem ihm aufgezwungenen Raum zu spielen‘. Allgemein ist ihr ganzer Beitrag nichts als haltlose Spekulation. Fischer hat den 72er Wettkampf klar gewonnen, genauso wie er 20 Jahre später wieder mit demselben klaren Vorsprung wieder gewonnen hat. Was ihnen nicht aufgefallen war ist, dass 1992 es Fischer war der 20 Jahre keine Partie mehr gespielt hat, während spassky weiterhin als Profi tätig war, und trotzdem keine Chance hatte. Wenn man die tv Interviews von Fischer gesehen hat, ist es doch wohl relativ klar, dass er auf dem Schachbrett niemand gefürchtet hat und auch wirklich nicht fürchten musste. Somit ist ihr Hinweis auf eine allfällige ‚Furcht‘ widersinnig. Da Frage ist maximal wann seine mentale Krankheit eingesetzt hat und es eventuelle Ängste ausgelöst oder verstärkt hat. Generell sind Hypothesen nicht zielführend, wenn einer der beiden Parteien eventuell bereits gesundheitlich gehandicapt war. Grundsätzlich wehre ich mich auch, wenn Leute Ferndiagnosen machen und selber keine Psychologen sind und die betroffene Person nicht mal kennen. Man kann keine Prognose machen, wenn zuviele Unbekannte in einer Gleichung vorhanden sind....
peam peam 17.04.2021 07:52
Hätte, hätte ... Fahrrad ...
Trotzdem ist der Beitrag interessant. Die Meinung, dass der eigentliche Druck auf Spassky seitens der sowjetischen Funktionäre lastete, teile ich nicht. Er war Weltmeister, und wäre es geblieben, wenn er den Forderungen Fischers nicht und denen seiner Funktionäre nachgegeben hätte. Aber er wollte den Wettkampf, und das ist m. E. nur dadurch zu erklären, dass er trotz aller äußeren Umstände an seinen Sieg glaubte. Der daraus resultierende Matchverlauf ist ihm nicht anzulasten, in letzter Konsequenz aber auch Resultat seines eigenen Handelns. Fischer war damals sicherlich der stärkste Schachspieler der Welt. Diesen Umstand in einem wettkampfmäßig erworbenen Weltmeistertitel zu manifestieren, war für ihn wie für spätere Spieler eine Herausforderung. Sie auf unsportliche Art und Weise forciert zu haben, bleibt für mich ein Makel, den man vielleicht seiner Psyche zuschreiben, mit Blick auf seinen sportlichen Gegner aber nicht tolerieren kann.
Bernhard Sax Bernhard Sax 16.04.2021 07:10
Folgende Überlegung: "Bobby Fischer war Ende der 60er Anfang der 70er mit großem Abstand der beste Spieler. Ab 1972 als Weltmeister auf dem Höhepunkt seiner Spielstärke. Hätte Fischer weiterhin Turniere gespielt, schachlich weitergearbeitet und den Titel verteidigt, hätte Karpov zwar besser abgeschnitten als Spassky, jedoch 1975, 78 und 81 gegen Fischer verloren. Der Weltemsiter am Höhepunkt seiner Spielstärke gegen einen Spielstarken Newcomer wäre die Konstellation gewesen. Kasparov erst hätte dem alternden (vielleicht Wettkampfmüden) Fischer den Titel 1985 abnehmen können! In dieser Zeit hätte wahrscheinlich auch Fischer an Spielstärke verloren, gegen einen aufkommenden Speilstarken Angriffsppieler wie Kasparov. Ich denke Karpov hat 1975 die beste Vorbereitung in der UdSSR gehabt, mit einem Team von besten Trainern und Sekundanten. Der Unterscheid Fischer brauchte das alles nicht, er hat sich auf Wettkämpfe alleine vorbereitet. Im Vergleich zu Karpov schätze ich einen Fischer in den Siebzigern Taktisch und Strategisch besser/Spielstärker ein. Fischer hat vielleicht nicht tiefer gerechnet als Karpov, Fischer hatte aber ein besseres strategisches Gefühl für Stellungen in Hinblick was sich durch den gerade gewählten startegischen Plan 10 - 15 Zuüge später ergibt. Auf diesen Niveau entscheiden Nuancen/Kleinheiten im Spiel, wenn beide Seiten Ihr bestes Schach spielen! Vielleicht währe ein Karpov auch an den psychologischen Spielchen Fischers verzweifelt. Auch Mental und im Selbstbewustsein schätze ich Fischer stärker ein als Karpov! Zu Korchnoi muss man nichts sagen, der währe auf dem Weltklasse Niveau mindestens mit etwas Respektabstand schwächer gewesne als Fischer! Korchnoi hätte verloren wie Petrosjan im Kanditatenturnier!
CrimsonSeahawk CrimsonSeahawk 16.04.2021 12:13
Das sind alles subjektive Spekulationen. Wann hätte wer Fischer nach 1972 geschlagen ?
Beide Karpov und Fischer waren große Spieler, sie stehen in der Reihe der Weltmeister seit Steinitz.
Fischer war 1972 wenn man sich mal die Kandidatenwettkämpfe 1971 und das Interzonenturnier ansieht furchterregend und ein Gigant. In all diesen Spielen hat er sein Genie nachgewiesen ohne Mätzchen.
Er konnte also auch anders. Fischer und Spassky blieben Freunde bis zu fischers Tod, das sagt eine Menge über das Verhältnis der beiden aus und das der 1972 Wettkampf für Spassky nicht so unfair war.
Jeder der in die Reihe der Weltmeister gekommen ist bleibt auf ewig unvergessen. Kramnik sagt sinngemäß in Buch von Hensel das Fischer 1972 jeden anderen Weltmeister der Geschichte geschlagen hätte, in diesem kleinen Zeitfenster war er der beste Spieler alle Zeiten. Das hat auch Garry Kasparov in seinem Band über Fischer geschrieben. Damit sollte alles gesagt sein.
Woodpusher_XL Woodpusher_XL 15.04.2021 11:36
Laut Anatoli Karpow (in: Rošal/Karpow - Schach mit Karpow, 1976) sollte nach dem Beschluss des außerordentlichen FIDE-Kongresses, der 1974 in Bergen stattfand, das WM-Match 1975 auf 10 Gewinnpartien gespielt werden. Die Anzahl der Partien sollte unbegrenzt sein. Mit diesen Forderungen hatte sich Fischer auf dem Kongress durchgesetzt. Abgelehnt wurde aber sein Verlangen, bei einem Gleichstand von 9:9 Gewinnpartien das Match als Unentschieden zu werten. (Solche Bestimmungen hatte es früher, beispielweise beim Wettkampf Tarrasch-Tschigorin, St. Petersburg 1893, gegeben). Das hätte hier aber bedeutet, dass Karpow als Herausforderer mindestens mit zwei Punkten Vorsprung, also mit 10:8, hätte gewinnen müssen, während Fischer bei einem 9:9 Unentschieden seinen Titel behalten hätte.
Woodpusher_XL Woodpusher_XL 15.04.2021 11:10
Noch einmal zu Boris Spasski: Es war nicht ein Nachgeben auf den Druck Bobby Fischers oder Lothar Schmids, wie im Artikel vermutet wird – einen solchen Druck hat Spasski nie empfunden – sondern das Nicht-Nachgeben gegenüber dem Druck, den die Sowjetfunktionäre auf ihn ausübten, was sich so verheerend auf seine Spielstärke in der ersten Hälfte des Wettkampfs auswirkte. Spasski wusste, was dieses Widersetzen für Folgen nach sich ziehen konnte, andere Spitzenspieler hatten das vor ihm erfahren müssen. Es war eben nicht allein der Verlust des Titels, was Spasski nach seiner Rückkehr in Schwierigkeiten brachte. In der Folge verließ er 1976 die Sowjetunion in Richtung Frankreich, zwar nicht als Dissident wie Kortschnoj, aber er nahm dort die französische Staatsbürgerschaft an. In einem Interview, das er 2017 dem russische Magazin Sport-Express gab, erzählt er: „ Ich belud ihn [seinen Wagen, einen Renault 16] mit meinen Siebensachen und los ging es, über Vyborg. Als ich hinter der Grenze war, stieg ich aus und umarmte eine finnische Birke. Ich bin nur deshalb weg, weil es mir ermöglichte die Turniere selbst auszusuchen. […] Es ging um persönlich auf meinen Namen ausgeschriebene Einladungen. Die Beamten antworteten immer wieder, Spassky ist krank, mit ihm können Sie nicht rechnen. Aus Rache. Vielleicht wegen Reykjavik.“
Woodpusher_XL Woodpusher_XL 15.04.2021 08:21
Eine Ergänzung zur Rolle Lothar Schmids in der Situation vor der dritten Partie: Kann man Schmid wirklich vorwerfen, dass er versucht hat, den als "Match des Jahrhunderts" betitelten Wettkampf zu retten? Er kannte beide Spieler seit vielen Jahren, stand zu beiden in einem freundschaftlichen Verhältnis. Boris Spasski hatte der von Fischer verlangten Verlegung der dritten Partie aus dem Spielsaal in ein Nebenzimmer zugestimmt, doch dort machte Fischer wieder Schwierigkeiten. Schmid schildert den entscheidenden Moment wie folgt: "Irgendwie gelang es die beiden hoch gewachsenen Leute an das Spielbrett zu bringen und ich drückte auf deren Schultern, mit den Händen, es gibt auch eine Aufnahme davon, dass ich sagte: Um Gottes Willen, spielt jetzt. Und tatsächlich, im Setzen machte Boris Spasski seinen ersten Zug, d2-d4, er hatte Weiß und Fischer antwortete ziemlich schnell." (Alle Zitate meiner Beiträge aus Interviews in: Lorenz Schröter - Die dritte Partie des Bobby Fischer; Radiofeature, Ausstrahlung in WDR3 vom 15.10.2006).
Woodpusher_XL Woodpusher_XL 15.04.2021 07:16
An den Spekulationen über den Ausgang der nicht gespielten WM-Kämpfe möchte ich mich hier nicht beteiligen, statt dessen aber auf die Situation vor der dritten Partie der ausgetragenen WM eingehen. Man kann davon ausgehen, dass Spasski psychologisch angeschlagen war und diese Situation durch Fischers Verhalten entstanden ist. Anders als der Autor dieses Beitrags schätze ich aber ein, von wem der Druck in dieser Situation auf Spasski ausgeübt wurde. Von Fischer nicht, sonst wäre im Weiteren zwischen den beiden kaum eine Freundschaft entstanden, die beide bis an das Lebensende des Amerikaners verbinden sollte. Gudmundur Thorarinsson, der damalige Präsident des isländischen Schachverbandes, äußerte sich im Interview wie folgt dazu: "Boris Spasski sagte immer, wenn die Bedingungen für Fischer zufrieden seien, dann sei auch alles für ihn in Ordnung". Und weiter: "Dann kam Spasski und sprach mit mir und sagte: Wir müssen uns heimlich treffen. Und dann sagte er zu mir: Diese Probleme sind zu groß, wir müssen das auf einem politischen Level lösen. […] Ich sagte: Ja, wenn das das Problem ist, dann werden wir das versuchen. Und ich habe mit dem isländischen Premierminister gesprochen, und der hat mit dem Botschafter der Vereinigten Staaten gesprochen." Doch der enorme Druck, den der Weltmeister verspürte, kam aus einer anderen Richtung, wie Thorarinsson wenige Tage später erfuhr. Spasski: „Gudmundur, du hast nichts getan! […] Und dann kam es zu mir wie ein Blitz, dass ich das ganze missverstanden habe: Die Russen wollten, dass Spasski wieder nach Russland kam." Weder Fischer, noch Schmidt oder Max Euwe als FIDE-Präsident, sondern die sowjetischen Offiziellen waren es, die Spasski so unter Druck setzten, indem sie von ihm rigoros den Abbruch der Weltmeisterschaft verlangten, während Spasski in allen Interviews immer betonte, dass er damals den Wettkampf unbedingt weiterspielen wollte.
siocat siocat 15.04.2021 05:04
Ich glaube, Fischer wollte beim Stand von 8:8 abbrechen und nicht bei 9:9. Der Wettkampf sollte ja uebe r9 Gewinnpartien gehen. Ansonsten trifft der Artikel genau meine Meinung.
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