Vor 30 Jahren: Fischer gegen Spasski - das Re-Match

von Dagobert Kohlmeyer
02.09.2022 – Ziemlich genau vor 50 Jahren wurde Bobby Fischer Weltmeister - dann verschwand er. Heute vor 30 Jahren tauchte er überraschend wieder auf und spielte in Jugoslawien einen Revanche-Wettkampf gegen seinen früheren Gegner - und gewann wieder. Dagobert Kohlmeyer war damals vor Ort dabei. Hier ist sein Abenteuerbericht mit vielen Hintergrundinformationen, wie dieses merkwürdige Re-Match zustande kam. | Fotos: Dagobert Kohlmeyer

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Re-Match Fischer – Spasski, der Paukenschlag vor dreißig Jahren

Schach ist ein stilles Spiel, doch was vor 30 Jahren am 2. September 1992 begann, war als lauter Paukenschlag nicht nur in der Schachszene, sondern überall auf der Welt zu hören. Zwei Jahrzehnte nach ihrem historischen WM-Duell in Reykjavik spielten Bobby Fischer und Boris Spasski ein Re-Match in Restjugoslawien. Schauplätze waren der malerische Ort Sveti Stefan an der Adria in Montenegro sowie die serbische Hauptstadt Belgrad. Ringsum aber gab es den Balkankrieg, doch das störte den Veranstalter, einen serbischen Bankier, nicht.

Sveti Stefan

Wenn es Wunder auch im Schach gibt, so war Bobby Fischers Rückkehr ans Brett ganz sicher eines. Genau auf den Tag zwei Jahrzehnte nach seinem Triumph von Reykjavik führte der 11. Weltmeister der Schachgeschichte in Sveti Stefan den ersten Zug aus und rückte seinen Königsbauern nach vorn. Es wurde eine bemerkenswerte Partie. Sie ging augenblicklich um den Globus.

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Lange musste die Schachwelt auf Fischers Comeback warten. Ich gehörte eigentlich nicht zu den Optimisten, die da glaubten, dass er noch einmal in die Schacharena wiederkehren würde. Der Einsiedler Fischer hatte sich ja 20 Jahre lang verkrochen. Zu oft war man durch Zeitungsenten getäuscht worden, wo behauptet wurde, dass er sich nochmal zu einem Wettkampf ans Brett setzen würde.

Deshalb nahm ich auch die kurze Nachricht Ende Juli 1992 nicht recht ernst, in der es hieß, es solle ein Duell zwischen Fischer und Spasski geben, eine Neuauflage von Reykjavik. „Unmöglich!“, dachte ich. Erst als zu lesen war, dass Großmeister Lothar Schmid wieder Schiedsrichter sein sollte, wuchs mein Interesse. Ich rief den Bamberger Verleger an, der mir voller Überzeugung bestätigte: „Ja, sie werden spielen!“ Und tatsächlich: Mein Traum ging in Erfüllung, Bobby Fischer live zu erleben und sogar spielen zu sehen. Aber unter welchen Umständen!

Die politische Situation war in jenen Tagen mehr als brisant. Slowenien, Kroatien und Bosnien hatten zuvor ihre Unabhängigkeit vom Vielvölkerstaat Jugoslawien erklärt, wonach es zum Balkankrieg kam. Im Mai 1992 gründeten Serbien und Montenegro den Bundesstaat Jugoslawien, gegen den die internationale Gemeinschaft kurz darauf Wirtschaftssanktionen verhängte. Diese galten auch für das Schach-Match, denn die Spielorte lagen ja auf den besagten Territorien, doch der Sponsor Vasiljevic scherte sich nicht darum. Es war also ein fragwürdiger Ort für Fischers Comeback, weil das Match gegen den alten Rivalen und Freund Boris Spasski in einem Embargoland stattfand. Die erste Hälfte an der Adria, die zweite in Belgrad. Fischer gewann mit 10:5 ähnlich überlegen wie 1972 in Reykjavik. Das Match ging über 30 Partien und dauerte mehr als zwei Monate, da die Remisen nicht mitgezählt wurden. Und Bobby zeichnete sich - wie schon früher - durch viele Kapriolen aus. So ließ er zum Beispiel eine Glasscheibe auf der Bühne errichten oder den Saal verdunkeln.

Die beiden Schachstars wohnten auf der traumhaft schönen Insel Sveti Stefan, umgeben von der tiefblauen Adria, aber auch von einem Tränenmeer. Nur 50 Kilometer weiter nordwestlich wurde gefoltert, gebombt und getötet. Auf die Frage, warum er in einem Land spiele, in dem Krieg herrscht, fiel dem Amerikaner nichts anderes als die Antwort ein, „Da muss ich passen.“ Und Bankier Jezdimir Vasiljevic, der Sponsor des ungewöhnlichen wie fragwürdigen Schachduells, meinte nur lakonisch auf eine ähnliche Frage:  „Ich liebe Spektakel“. Bobby spuckte sogar vor laufender Kamera auf das Schreiben aus Washington, in dem ihm bei Strafandrohung untersagt wurde, das Embargo gegen Restjugoslawien zu unterlaufen.

All das lieferte zusätzlichen Zündstoff. Auch folgende Aussage Fischers auf einer Pressekonferenz in Sveti Stefan. O-Ton: „Kasparow ist ein pathologischer Lügner, der alle seine WM-Kämpfe mit Karpow abgesprochen hat.“

Fischer, 1992

Meine Reise nach Sveti Stefan war auf direktem Wege nicht möglich. In Budapest musste man das Flugzeug verlassen, auf die Bahn umsteigen, um in Belgrad wieder ein Flugzeug an die Küste zu nehmen. Das Schachspektakel wurde am späten Abend vor der ersten Partie mit einer äußerst aufwendigen Zeremonie eröffnet. Fackelträger vor der Insel, Ehrenjungfrauen für die Hauptakteure, Galadinner und Adria-Feuerwerk umrahmten das Fest, auf dem Schiedsrichter Lothar Schmid aus Bamberg auch die Auslosung vornahm. Sie bescherte Bobby für den Anfang die weißen Steine. Zu später Stunde verkündet Sponsor Vasiljevic, wenn Fischer morgen tatsächlich den ersten Zug getan hat, wolle er mit dem Anzug in die Adria springen. 

Im Pressezentrum waren etwa 200 Journalisten aus 20 Ländern der Erde akkreditiert. Wir hatten kein leichtes Arbeiten, denn fast täglich sorgte Bobby Fischer, der ein Exzentriker geblieben war, für neue Auflagen. Er verlangte zum Beispiel, dass man ihn mit Weltmeister ansprach und dass sein Wettkampf gegen Spasski als WM-Revanche von Reykjavik darzustellen sei.

Nach zwei Partien ließ der Amerikaner die ersten Sitzreihen im Zuschauersaal entfernen, damit der Abstand zwischen Spieltisch und Publikum noch größer wird. Fotografen waren nicht zu jeder Partie zugelassen und wenn, dann für maximal zwei Minuten - ohne Blitzlicht, versteht sich. Ab Partie sechs erhielten alle Sekundanten Saalverbot. Abschließender Höhepunkt in Sveti Stefan: Bobby ließ eine riesige Glaswand zwischen Schachtisch und Zuschauerraum errichten, die nur noch Blickkontakte, aber keinerlei Geräusche mehr ermöglichte. Wegen des Scheinwerferlichts setzte sich Fischer dann - manchmal sieben Stunden lang - einen ledernen Sonnenschutz auf den Kopf. 

Bobbys Freunde

Wer von den älteren Zeitgenossen erinnert sich heute noch an den Namen Zita Rajcsanyi? Die junge Budapesterin sollte neben dem Sponsor einen Hauptanteil an Bobbys Rückkehr haben, hieß er damals. Und natürlich Spasski, der bereit war, das Match mitzuspielen.

Schon im Vorfeld, als von Sveti Stefan noch keine Rede war, gab mir Boris Spasski in einem Telefoninterview Einblick in seine Sicht auf den Kollegen und Freund Bobby. Der 10. Weltmeister sagte damals, der Amerikaner habe eine reine, keusche Beziehung zum Schach und verehre das Spiel wie einen Gott. Fischer spiele ehrlich, ohne Tricks und Schwindeleien am Brett. Einen solchen Schachmeister habe es in der Geschichte nicht noch einmal gegeben. In Sveti Stefan setzte Spasski zu diesem Thema in beinahe philosophischer Weise hinzu: „Die Schachwelt ist ein Königreich, eine Monarchie, in der es nicht demokratisch zugeht. Und Bobby war damals ein sehr guter König. Als er sich nach seinem WM-Sieg 1972 zurückzog war das auch für mich persönlich eine Tragödie.“

Boris Spasski, der über all die Jahre den Kontakt zu Fischer nie abreißen ließ und zu den wenigen Menschen gehörte, die dessen Vertrauen genossen, lobte Bobby über den grünen Klee: seine Standhaftigkeit gegenüber der FIDE, die noch immer vorhandene Spielstärke, seine neue Schachuhr und vieles mehr. Als echter Gentleman war er das Gegenstück zum unbequemen Fischer. Zum Spiel angeregt wurde Spasski natürlich nicht nur durch den einzigartigen Bobby. Sehr motivierend (um nicht zu sagen, ausschlaggebend) war natürlich das ansehnliche Preisgeld in Höhe von 5,5-Millionen Dollar.

Zita Rajcsanyi 

Zita Rajcsanyi war vor dem Sommer 1992 ein kaum bekanntes Mädchen. Die 19-jährige Schachspielerin aus Ungarn (ELO-Zahl 2110) machte erst durch ihre Bekanntschaft mit Bobby Fischer Schlagzeilen. Zeitungsberichte (vor allem der Boulevardpresse) beschrieben sie als temperamentvoll und feurig und setzten hinzu, ihr reizvoller Einfluss habe die wundersame Wandlung Bobbys bewegt.

Nach der persönlichen Bekanntschaft blieb nicht viel von diesem Eindruck. Zita war eine ruhige, freundliche Person, die im Spielsaal von Sveti Stefan täglich aufmerksam die Partien ihres schachlichen Vorbilds verfolgte. Regelmäßig ging sie auch zu Svetozar Gligoric ins Pressezentrum, wo eifrig analysiert wurde.

Im Gespräch war Zita liebenswürdig, aber nicht bereit, Bobby Interviewfragen oder andere Anliegen zu übermitteln. Dazu habe sie kein Recht, lautete ihr Kommentar. Bobby sei sehr glücklich über das gelungene Comeback, besonders nach dem Sieg in der ersten Partie. Man sollte ihn nun beim Schach nicht stören. 

Als die junge Frau Fischer im Frühjahr 1992 in den USA besuchte, hatte dieser längst Kontakt zum Sponsor Jezdimir Vasiljevic. Der Bankier bestätigte auf Anfrage, dass er schon im Oktober 1991 erste Briefe mit Bobby wechselte. Nicht Zita also war die Schlüsselfigur im Poker um Fischers Comeback, sondern der serbische Geschäftsmann mit seinen Superkonditionen: ein Preisfonds in Millionenhöhe, ein Reglement nach Bobbys Vorstellungen und ein malerischer, abgeschirmter Ort wie Sveti Stefan. Wenn der unselige Krieg nicht gewesen wäre, ideale Voraussetzungen für das verarmte Genie, sich bei seiner großen Fangemeinde zurückzumelden.

Schiedsrichter Lothar Schmid schließlich war ebenfalls ein Freund Bobbys. Seit über drei Jahrzehnten kannte man sich. Für den Karl-May-Verleger aus Bamberg überwog - nach gründlicher Überlegung - die Freude, wie schon bei der WM 1972 in Reykjavik die Uhr (diesmal Bobbys neue Erfindung) für die beiden Schachdenkmäler in Gang zu setzen. Zur politischen Brisanz des Ereignisses meinte Schmid, der sich zuvor beim Auswärtigen Amt und auch beim DSB grünes Licht geholt hatte: „Das Treffen von Fischer und Spasski kann mit Sicherheit nicht den furchtbaren Krieg in Jugoslawien beenden, aber vielleicht ein Zeichen setzen. Schachspieler sind friedliche Menschen. Heute sitzen sich diese beiden Großmeister als Freunde gegenüber. So ein Signal ist für mich der eigentliche Gewinn bei dieser Veranstaltung.“

Der Wettkampf in Sveti Stefan und Belgrad kostete die stolze Summe von neun Millionen Dollar, aber die wollte Vasiljevic allein durch die Fernsehrechte wieder hereinholen. Und für ein Treffen zwischen Fischer und Kasparow war er angeblich bereit, noch weit mehr auszugeben. Aber da hätte Bobby garantiert nicht mitgespielt, der den amtierenden Weltmeister vor der Presse in Sveti Stefan, wie gesagt, als Lügner bezeichnete, der alle seine WM-Matches mit Karpow vorher abgesprochen habe. Am meisten beunruhigte den Sponsor an der Adria, ob die Journalisten das Match auch richtig darstellen und von der Politik trennen würden. Sein Standpunkt: der Vertrag über den Wettkampf ist rechtens, denn er wurde vor Inkrafttreten des UNO-Embargos unterzeichnet.

Die spannendste Frage war und blieb. „Wie viel ist von Bobbys Können nach dieser langen Turnierpause noch übriggeblieben?“ Seine Anhänger wollten ihn endlich wieder spielen sehen und waren bereit, ihm dafür so manche Anwandlung zu vergeben. Für Sveti Stefan und Belgrad galten Fischers Regeln, die er seinerzeit von der FIDE gegen Anatoli Karpow nicht bewilligt bekam. Zehn Gewinnpartien sind zum Gesamtsieg notwendig, dem „Titelverteidiger“ reichen neun Punkte, Remispartien zählen nicht mit.

Genau zwanzig Jahre, nachdem Bobby Fischer in Reykjavik Boris Spasski als Weltmeister ablöste, wurde in Sveti Stefan die erste Partie gespielt. Austragungsort war das Hotel „Maestral“ auf dem Festland. Das Spiel hatte es in sich, dauerte über sechs Stunden und endete mit einem glanzvollen Sieg Fischers. Die internationale Presse war begeistert, auch die Zeitungen in Bobbys Heimatland. Großmeister Robert Byrne, den die New York Times als Kommentator gewonnen hatte, wählte die Schlagzeile: „A Fischer Display of Power, Logic and Coolness“.

 

 

 

Post Mortem

Die nächsten Partien der beiden Schachveteranen hatten nicht mehr die Qualität des Auftaktspiels. Nach der dritten Partie sagte mir Kasparows ehemaliger Trainer Alexander Nikitin, der gemeinsam mit Großmeister Juri Balaschow Boris Spasski unterstützte: „Fischers Spiel wird schwächer. Im Pressezentrum lernte ich André Lilienthal kennen, der damals 81 Jahre alt war und extra aus Moskau kam, um seinen Freund Boris zu begrüßen und Bobbys Comeback mitzuerleben. Der rüstige Großmeister badete jeden Morgen um 7.30 Uhr in der Adria. Es wurde eine langjährige Freundschaft bis zu Lilienthals Ableben 2010 mit 99 Jahren (!)

In nachhaltiger Erinnerung ist mir der 8. September 1992 geblieben. Es war ein Ruhetag, an dem ich die Insel Sveti Stefan fotografieren wollte. Nach der zweiten Aufnahme kamen die Leibwächter Fischers aus einem Gebüsch hervor und nahmen mich in Gewahrsam. Sie behaupteten, dass ich Mr. Fischer am Strand fotografiert hätte. Ich verneinte dies, da ich ihn und auch Zita, mit der er zu dem Zeitpunkt gebadet haben soll, nicht gesehen hatte. Sie schleppten mich auf die Insel, bedrohten mich und zwangen mich zur Herausgabe meines Films. Danach wurde ich freigelassen. Ich beschwerte mich beim Machtdirektor Janos Kubat, den ich von der Schacholympiade 1990 in Novi Sag kannte. Er veranlasste für den nächsten Tag eine Entschuldigung im offiziellen Turnierbulletin. Später habe ich die Insel dann aus sicherer Entfernung fotografiert. Zu Hause erschien meine Entführungsgeschichte unter anderem in der „Berliner Zeitung“.

In der ersten Matchhälfte ging der Kampf zwischen den beiden Schachidolen zunächst hin und her. Nach zwei Remis gewann Spasski die Partien 4 und 5, dann hatte Fischer sich eingespielt und nahm das Zepter im Match in die Hand. Er wählte aber immer alte Eröffnungssysteme, kein Wunder nach so langer Spielpause. Nach elf Partien stand es 5:2 für den Amerikaner, und laut Reglement wurde nach Belgrad umgezogen. Weil Remispartien nicht zählten, zog sich der Kampf unnötig in die Länge. Erst am 5. November 1992 war Schluss. Nach 30 Partien hatte Fischer mit 10.5 gewonnen, ein für ihn standesgemäßes Ergebnis.

Kasparow und viele andere Schachgrößen meinten damals, dass Fischer mit seinem Comeback den eigenen Mythos demontiert habe. Nur vereinzelt blitzte in dem Match Bobbys altes Können auf. Der Bonvivant Boris Spasski war Ende 1992 mit sich und der Welt zufrieden. Er hatte dem alten Rivalen einige Male Paroli geboten und seinen Lebensabend gesichert. In der Folge gab Boris, wie er mir später einmal erzählte, etlichen Verwandten in Russland etwas von seinem Reichtum ab, indem er ihnen Eigentumswohnungen kaufte. Heute lebt Spasski wieder in Moskau, aber nach zwei Schlaganfällen geht es dem inzwischen 85-jährigen Exweltmeister nicht besonders gut.

Das Ende vom Lied

Bobby Fischer führte nach dem Re-Match sein Leben als einsamer Wolf weiter. Der Amerikaner hielt sich acht Jahre lang in Budapest versteckt, denn er wurde ja von den US-Behörden gesucht. Danach ging Fischer nach Asien, wo er sehr viele Fans hatte, und er pendelte immer zwischen Tokio und Baguio auf den Philippinen hin und her. Nach den Terroranschlägen des 11. September gab er ein längeres Interview, wo er sich in Hasstiraden gegen sein Heimatland USA erging. Das Interview gelangte in voller Länge ins Internet. Nun hatte die Regierung in Washington endgültig die Nase voll und betrieb Fischers Festnahme aktiv voran. Im Sommer 2004 wurde er in Tokio verhaftet und kam ins Gefängnis. Fischer gab seine Staatsbürgerschaft zurück, doch das erkannten die Behörden in Washington nicht an und betrachteten ihn weiter als Bürger ihres Landes. Fischers Anwälte klopften in verschiedenen Ländern mit der Bitte um Asyl an, darunter auch in Deutschland. Weil er ein Holocaust-Leugner war, konnte er hierzulande nicht aufgenommen werden. Auch andere Staaten winkten ab. Am Ende nahm ihn ein kleines Land auf, dem er 1972 zu weltweiter Aufmerksamkeit verholfen hatte: Island! Das Ende seiner turbulenten Lebensgeschichte ist bekannt: Bobby Fischer starb am 17. Januar 2008 in Reykjavik. Der wohl berühmteste Schachspieler aller Zeiten wurde symbolträchtige 64 Jahre alt.

 


Dagobert Kohlmeyer gehört zu den bekanntesten deutschen Schachreportern. Über 35 Jahre berichtet der Berliner bereits in Wort und Bild von Schacholympiaden, Weltmeisterschaften und hochkarätigen Turnieren.
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