Fjodor Dus-Chotimirsky und die "Drachen"-Variante

von André Schulz
26.09.2019 – Heute vor 140 Jahren wurde der russisch-ukrainische Schachspieler Fjodor Dus-Chotomirsky geboren. Schach lernte er erst mit 19 Jahren, wurde aber trotzdem einer der besten Spieler des Landes. Von ihm stammt der Eröffnungsname "Drachenvariante".

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"Oh, oh, Marshall not dead, I dead!"

Die meisten Schacheröffnungen sind nach Spielern, den Nationalitäten der Spieler oder Theoretiker, die sie gespielt oder erforscht haben, oder nach den Orten benannt, wo sie zuerst gespielt wurden. Die Sizilianische Drachenvariante ist als einzige Schacheröffnung nach einem Sternbild benannt. Daran ist der ukrainisch-sowjetische Schachmeister Fjodor Dus-Chotimirsky schuld.

Fjodor Dus-Chotimirski muss selbst für russische und sowjetische Verhältnisse ein "Original" gewesen sein. Er wurde heute vor 140 Jahren, am 26. September 1879 in Tschernihiw (russisch: Tschernigow, deutsch: Tschernigau) geboren, einer sehr alten Stadt, die schon im Reich der Kiewer Rus als zweitgrößte Stadt des Landes nach Kiew erstmals um 900 n. Chr. erwähnt wurde. Heute leben hier etwa 300.000 Menschen.

Fjodor Dus-Chotomirsky wuchs unter sehr ärmlichen Verhältnissen auf und verlor früh seine Eltern. Noch als Jugendlicher verließ er seine Heimatstadt und ging nach Kiev. Ohne jede Schul- und Berufsausbildung schlug er sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, belud Schiffe oder gab Unterricht. Seine einzige Freude bestand im Lesen von Büchern.

In seinen autobiografischen Erinnerungen berichtete er, wie er in einem Antiquariat eines Tages eine Ausgabe von Jean Dufresnes, "Kleines Lehrbuch des Schachspiels" sah. Als er das Lehrbuch in den Händen hielt, erinnerte er sich an ein Buch aus seinen Kindertagen mit arabischen Märchen. In diesem hatte sich sich eine Illustration befunden, die einen Schach spielenden Affen mit Brille zeigte. Der 19-jährige Dus-Chotomirsky fasste den Entschluss, Schach zu lernen. Er kaufte das Buch und spielte in den nächsten Wochen alle Partien nach. Nach dem Durcharbeiten des Lehrbuches hielt sich Dus-Chotimirsky für nahezu unschlagbar und suchte das bekannte "Warschauer Café" in Kiew auf, wo die Schachspieler der Stadt sich trafen. Zu seiner Überraschung verlor er die meisten Partien. Also beschloss er, das Schachspiel noch besser zu studieren. Sein Traum war es, einmal mit den besten Spielern Russlands mithalten zu können. Fünf Monate später, im Frühling 1899, gewann er bereits die Kiever Meisterschaft. Den Erfolg konnte er 1900, 1902, 1903 und 1906 wiederholen.

Das Warschauer Café (das große Gebäude rechts) in Kiev, 1910

Mit einigen anderen Schachfreunden gründete Dus Chotimirsky nun in Kiew einen Schachklub. Der befreundete Künstler Shimansky stellte an der Kiever Hauptstraße, der Chreschtschatyk, einen Raum zur Verfügung. Dus-Chotimirsky wurde der Jugendtrainer des Clubs. Man lud bekannte Spieler nach Kiew ein, darunter auch Dawid Janowski. Dieser sorgte dafür, dass Dus-Chotimirsky zu den 2. all-russischen Meisterschaften, 1900 in Moskau, eingeladen wurde. Dort wurde sein Traum war und er durfte sich mit den besten Spielern Russlands, zu der Zeit neben Janowski vor allem Emmanuel Schiffers und Michail Tschigorin, messen. 

Das Turnier fand Im Ärzteclub in der Bolschaja-Dmitrowka-Straße statt. Mihail Tschigorin gewann überlegen. Fjodor Dus Chotimirsky wurde 15ter, erhielt aber von Tschigorin aufmunternde Worte und man vereinbarte, die nächste Meisterschaft nach Kiew zu verlegen, wo sie 1903 tatsächlich auch stattfand. Tschigorin gewann erneut. In diesem Turnier gelang es Dus-Chotimirsky aber immerhin Akiba Rubinstein zu besiegen.

In den folgenden Jahren nahm Fjodor Dus Chotimirsky noch drei weitere Male bei den all-russischen Meisterschaften teil, zuletzt 1909, wo er in Wilna (Vilnius) Vierter wurde (Sieger: Rubinstein). Als bester Spieler von Kiew hatte Dus Chotomirsky 1903 die Schachspalte in der Kiever Zeitung "Kievskaya Mys" übernommen und betätigte sich nun auch als Schachjournalist. 1912 berichtete er beispielsweise vom Turnier von San Sebastian als Korrespondent. 

Im  Jahr 1907 spielte Dus-Chotimirsky bei zwei Turnieren in Moskau mit, von denen er eins gewinnen konnte, einmal Dritter wurde. Beim Turnier in Karlsbad im gleichen Jahr teilte er den 11. Platz mit Frank Marshall. 1909 in St. Petersburg gelangen ihm Siege gegen die beiden späteren Sieger, Emanuel Lasker und Akiba Rubinstein. Gegen Letzteren nach einer besonders spektakulären Partie.

 

1910 gewann Dus-Chotimirsky die Meisterschaft von St. Petersburg. 1911 teilte er an gleicher Stätte den ersten Platz mit Eugene Znosko-Borovsky.

Beim Turnier in Karlsbad 19111 wurde Dus-Chotomirsky ein Opfer von ganz besonders großer Schachblindheit. 

 

Dus-Chotimirsky interessierte sich neben dem Schach für viele Dinge, besonders für Astronomie. Die Bauernformation in der Sizilianischen Variante mit einem Läuferfianchetto nach g7, damals noch ein sehr exotischer Aufbau, erinnerte ihn an das Sternbild des Drachen ("Draco") und 1901 sprach Dus-Chotimirsky als erster von der "Drachenvariante". 

Sizilianische Drachenvariante 1 & 2

Band 1 befasst sich mit der Hauptvariante nach 9.Lc4, der schärfsten Fortsetzung von Weiß. Nielsens Repertoire-Vorschlag ist die Soltis-Variante (12...h5), die auch von Magnus Carlsen regelmäßig gewählt wurde.

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Louis und Wilfried Paulsen dürfen wohl als "Erfinder" des Läuferfianchetto in der Sizilianischen Verteidigung gelten (gemäß Mega erstmals 1880 gespielt). Henry Pillsbury wandte sie öfters an. Dus-Chotimirsky probierte den Aufbau erstmals 1908 aus und berichtete in seinen Kommentaren zu einer Partie gegen Abram Rabinovich, Prag 1908, wie ihm schon Jahre zuvor der Name "Drachenvariante" in den Sinn gekommen war.

Das ist die Partie (ohne Dus-Chotimirskys Kommentare)

 

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Nach der Oktoberrevolution wurde Schach in der Sowjetunion nach und nach zum Volkssport. Nun spielte man nicht mehr nur in den Hinterzimmern von verräucherten Cafés, sondern eigentlich überall Schach. In fast allen Städten des Landes wurden Kulturpaläste eingerichtet. Die Kinder wurden in den Pionierpalästen auch im Schach unterrichtet.

Fjodor Dus-Chotomirsky, einer der stärksten Spieler der neuen Sowjetunion, half mit Vorträgen, Simultanvorstellungen und Turnierteilnahmen bei der Popularisierung des Schachspiels nach Kräften mit.

Während der großen Hungersnöte in den 1920er und 1930er Jahre folgte Dus-Chotimirsky der alten russischen Weisheit, "in Tashkent kannst du nicht verhungern"(Nach einem Hinweis von Rustam Kasimdzhanov, Neverov: Tashekent - City of Bread, und hielt sich in dieser Zeit in Usbekistan auf. 1931 wurde Dus-Chotimirsky dort der erste usbekische Landesmeister im Schach.

Zwischen 1923 und 1949 nahm Dus-Chotimiersky an zahlreichen UdSSR-Meisterschaften teil.

Dus-Chotomirsky ist der Mann mit Hut (Meisterschaft der UdSSR 1925)

Seine besten Platzierungen waren der 5. Platz, bei der Meisterschaft 1925 in Leningrad und der geteilte dritte Platz bei der Meisterschaft 1927 in Moskau. 1950 verlieh die FIDE ihm den Titel eines Internationalen Meisters. Seine letzten überlieferten Partien stammen aus Mannschaftskämpfen zu Beginn der 1950er Jahre.

Fjodor Dus-Chotomirsky starb am 6. November 1965 in Moskau.




André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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