Frauen im Schach: Diskriminiert oder privilegiert?

24.11.2005 – Die amerikanische Internationale Meisterin Jennifer Shahade hat mit ihrem Buch Chess Bitch eine interessante Kontoverse über das Phänomen des Frauenschachs ausgelöst. Sie beklagt, dass Frauen oft wegen ihrer äußeren Erscheinung zum Gegenstand der Berichterstattung gemacht werden und nicht wegen ihrer Partien. Während manche, wie Alexandra Kosteniuk, dies gezielt - und wie Shahade meint: übertrieben- , zur Vermarktung ihrer Person einsetzen, werden andere, die dies nicht können oder nicht möchten, benachteiligt. Johannes Fischer hat das Buch, das durch den "lebhaften, eleganten Stil" der Autorin besticht, "mit großem Vergnügen" gelesen, auch wenn er nicht immer derselben Meinung war. Chess Bitch: Ein Blick aufs Frauenschach...

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Diskriminiert oder privilegiert?
Ein Blick aufs Frauenschach anhand von Jennifer Shahades
Chess Bitch
Johannes Fischer

Jennifer Shahade, Chess Bitch: Women in the Ultimate Intellectual Sport,
Siles Press, Los Angeles 2005, 320 S., gebunden, 26,50€.

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Was haben die Ekuadorianerin Martha Fierro, die Sambierin Linda Nangwale, die Iranerin Shadi Paridar und die Vietnamesin Hoang Trang gemeinsam? Antwort: Sie sind jung, attraktiv, spielen gut Schach und werden von Jennifer Shahade in ihrem kürzlich erschienenen Buch Chess Bitch: Women in the Ultimate Intellectual Sport vorgestellt.


Bildunterschrift: Martha Fierro, 1997 Sportlerin des Jahres in Ekuador


Unterschrift: Linda Nangwale mit Anna Dergachova


Die Iranerin Shadi Paridar: 4fache iranische Landesmeisterin


Die Vietnamesin Hoang Trang: Eine der besten Spielerinnen Asiens

Jennifer Shahade, Jahrgang 1980, ist zweifache US-Meisterin, Mitglied der amerikanischen Frauenolympiamannschaft und beschäftigt sich in Chess Bitch mit der Rolle von Frauen im männlich dominierten Schachsport.


Charmant und erfolgreich: Jennifer Shahade, Autorin und Schachspielerin

Sie erzählt u.a. von der 1906 geborenen Vera Menchik und der Deutschen Sonja Graf, zwei der ersten Frauen, die in Männer- und Frauenturnieren international Erfolge feierten, sie berichtet, wie Spielerinnen wie die Georgierin Nona Gaprindashvili, die Schwedin Pia Cramling, die Chinesin Xie Jun und die Ungarinnen Susan und Judit Polgar dem Frauenschach in ihren Ländern und international zum Durchbruch verholfen haben, und sie zeigt, wie sich eine junge Generation von Spielerinnen wie Alexandra Kosteniuk, Humpy Koneru und Antoaneta Stefanova im heutigen internationalen Schach Jet-Set komfortabel eingerichtet haben.


Alexandra Kosteniuk, Humpy Koneru, Antoaneta Stefanova

Wahrscheinlich ist der provokante und leicht anzügliche Titel des Buches auf diese und andere erfolgreiche junge Schachspielerinnen gemünzt. "Bitch", so verrät das Internetwörterbuch Leo (www.leo.org), bedeutet u.a. "Hure", "Miststück", "Schlampe" und "Zicke", wobei letzteres wohl die adäquate Übersetzung ist, denn Shahade versteht unter "bitches" Frauen, "die sich selbst Einfluss verschaffen". Tatsächlich zeigen die Erfolge und die Popularität der besten Spielerinnen von heute, wie sehr sich das Frauenschach und die Einstellung zum Frauenschach im Laufe der letzten Jahre gewandelt hat.

Die ältere Generation von Schachspielerinnen wurde oft nicht ernst genommen und war Opfer von Vorurteilen und Diskriminierungen. Etliche dieser Spielerinnen drifteten ins gesellschaftliche Abseits.

So verfiel Sonja Graf nach Missbrauchserfahrungen in früher Kindheit später dem Alkohol und führte ein rastloses Leben voll wechselnder Männerbekanntschaften und rauschhafter Exzesse.

Ähnlich ging es auch Diane Lanni, einer der besten amerikanischen Spielerinnen. Wie Sonja Graf wuchs sie unter schwierigen Verhältnissen auf, war später zeitweilig alkohol- und kokainabhängig und finanzierte ihre Sucht als Stripteasetänzerin und Prostituierte. Für die Beteiligung an einem illegalen Buchmacherring musste sie sogar eine Zeitlang ins Gefängnis.
Ein solches Schicksal blieb Mona Karff und Gisela Gresser, den Rekordgewinnerinnen der US-amerikanischen Frauenmeisterschaft, erspart. Beide kamen aus wohlhabenden, reichen, Familien, beide beherrschten mehrere Sprachen und lebten mit einer Neigung zur Exzentrik ein unabhängiges, ungebundenes Leben. Was sie in den USA der Nachkriegszeit allerdings ebenfalls zu gesellschaftlichen Außenseiterinnen machte.


Mona Karff, (1914-1990), 7-fache US-Meisterin. Ihre Rivalen Gisela Gresser (1906-2000) gewann den Titel 9 Mal.

Auch Susan Polgar, die erste Frau, die durch ihre Turnierergebnisse den Großmeistertitel der Männer errang, wurde lange Zeit systematisch benachteiligt: So weigerte sich der Ungarische Schachverband etliche Jahre, sie zu Turnieren ins Ausland zu schicken oder nominierte sie trotz erfolgreicher Qualifikation nicht für die Teilnahme am Interzonenturnier – mit der plötzlichen Begründung, dort dürften nur Männer spielen. Heute jedoch genießen Spielerinnen wie Alexandra Kosteniuk, Antoaneta Stefanova, Humpy Koneru oder auch Shahade die Vorzüge als Frau in der Schachwelt zu leben. Sie werden zu Turnieren in der ganzen Welt eingeladen, wohnen auf Verbandskosten in luxuriösen Hotels, können üppige Preisgelder gewinnen und genießen Ruhm und öffentliche Aufmerksamkeit.


Susan Polgar bei den Reichen und Schönen – hier mit Meryl Streep

Woher rührt der plötzliche Boom des Frauenschachs? Reflektiert sich hier in der Schachwelt, was sich als gesellschaftliche Entwicklung in westlichen Industrieländern beobachten lässt, nämlich dass Frauen, obwohl in den Schaltzentralen der Macht noch immer unterrepräsentiert, zunehmend mehr Einfluss gewinnen und gewinnen wollen? Oder verdanken wir diese Entwicklung Judit Polgar, die gezeigt hat, dass Frauen im Schach mit den Männern mithalten können, und die so nicht nur das Denken über Frauenschach radikal geändert, sondern auch zahllose junge Spielerinnen als Vorbild inspiriert hat und inspiriert?

Oder liegt es am Internet? Schließlich sorgt das Internet für eine schnelle Berichterstattung von Schachereignissen aus aller Welt, verlangt aber kontinuierlich nach neuen Informationen und attraktiven Bildern. Und Bilder von Schachspielerinnen sind eben doch meist ansehnlicher als die ihrer männlichen Kollegen. Sie garantieren eine höhere Aufmerksamkeit des Publikums und verleihen dem Schach ein anderes Image als das eines langweiligen Sports für alte Männer. Allerdings betritt man hier heikles Terrain. Denn wie Shahade beklagt, geht diese Art von Berichterstattung leicht in Sexismus über. Soll heißen, über Frauenschach wird nicht wegen des Schachs, sondern wegen des Aussehens der Spielerinnen berichtet. über Alexandra Kosteniuk, die auf ihrer Webseite freizügige Photos präsentiert und ihre weiblichen Reize gezielt vermarktet, schreibt Shahade: "Ich finde nichts verkehrt daran, dass Alexandra auf ihr Aufsehen stolz ist. Allerdings geht sie auf ihrer Webseite zu weit, und erweckt den Eindruck, dass Kleider, Make-up und die Arbeit als Model ihr wichtiger sind als Schachvarianten, wodurch sie die Vorstellung aufrechterhält, dass die wichtigste Eigenschaft einer Frau ihr Aussehen ist. (...) Die Klischees weiblicher Unterlegenheit, die Alexandra mit ihrem Spiel über den Haufen wirft, werden so durch ihre lächelnden, scharfen Fotos gedeckt." (S.181)


Alexandra Kosteniuk beim Simultan

Shahade fügt hinzu: "Während Schach so für die breite Masse attraktiver wird, hilft es nicht unbedingt allen Schachspielerinnen. Weniger attraktive Spielerinnen oder diejenigen, die ihr Aussehen nicht in die Waagschale werfen möchten, könnten mit wenig Aufmerksamkeit, wenig Unterstützung und wenig Einladungen zurückbleiben." Es sei denn, so möchte man hinzufügen, sie spielen besser. Das Schicksal fehlender Aufmerksamkeit, fehlender Unterstützung und fehlender Turniereinladungen würden diese Frauen übrigens mit vielen männlichen Großmeistern teilen. Und keine Angst: Auch Shahades Buch enthält zahlreiche Bilder attraktiver Schachspielerinnen und Titel und Coverbild des Buches nutzen die subtile Anziehungskraft weiblicher Reize, um Aufmerksamkeit zu erregen und die Verkaufszahlen zu erhöhen.

Denn Sexismus hin oder her: Offensichtlich werden Frauen in der Schachwelt heute nicht in erster Linie wegen ihres starken Spiels bevorzugt behandelt, sondern weil sie Frauen sind. Die einzige Ausnahme ist wieder Judit Polgar. Sie verdankt ihre Einladung zur WM in San Luis nicht der Tatsache, dass sie eine Frau ist, sondern ihrer Elo-Zahl. Und möglicherweise spielt Judit Polgar deshalb so stark, weil sie seit ihrer Jugend konsequent versucht hat, gegen starke Gegner zu spielen und darauf verzichtet hat, in Frauenturnieren anzutreten. Nur bei den Schacholympiaden 1988 und 1990 ging sie bei den Frauen an den Start und verhalf zusammen mit ihren Schwestern Susan und Sofia dem ungarischen Frauenteam in beiden Olympiaden zur Goldmedaille. Diese konsequente Nichtteilnahme an Frauenturnieren hat Judit Polgar Hunderttausende an Preisgeld gekostet. Ein Preis, den kaum eine andere Spielerin entrichten mag.


Judit Polgar, WM-Teilnehmerin

Denn Frauen genießen in der Schachwelt im Vergleich "zum wirklichen Leben" heutzutage eine privilegierte Stellung. Während Frauen, die beruflich-gesellschaftlich erfolgreich sein wollen, immer noch mehr leisten und besser sein müssen als Männer, ist es im Schach genau umgekehrt: Hier bekommen Frauen für die gleiche oder die schlechtere Leistung mehr Geld. Mit ihrer augenblicklichen Elo-Zahl von 2332 könnte Shahade nicht einmal davon träumen, bei den Männern ins Olympiateam aufgenommen zu werden, sie würde für keine Weltmeisterschaft nominiert werden, ihr Verband würde keine Reisen in die Luxushotels ferner Länder bezahlen, kaum jemand würde ihre Partien nachspielen und bei offenen Turnieren würde sie in der Masse der Teilnehmer verschwinden. Wie ihr Bruder, Gregory Shahade, Internationaler Meister mit 2446 Elo, von dem die meisten wohl nur wissen, dass er eine berühmte Schwester hat.


Internationaler Meister Greg Shahade

Auch ein Großmeister Alexander Kosteniuk würde mit einer Elo-Zahl von 2511 keine große Wellen schlagen. Und selbst wenn er hundert Elo-Punkte mehr hätte, wäre es für ihn schwierig, Einladungen zu lukrativen Turnieren zu bekommen.

Andererseits: Wer weiß, wie viele talentierte junge Mädchen sich vom Schach abwenden, weil sie sich in dieser Männerwelt nicht wohlfühlen, nicht respektiert werden, Spott, Hänselei und sexistische Bemerkungen ertragen müssen? Oder weil sie es nicht mögen, permanent kritisch beobachtet zu werden? Oder weil Schach zu spielen nicht mit den klassisch weiblichen Rollenmodellen übereinstimmt, als unweiblich gilt und Erfolg im Schach zu haben das eigene Selbstverständnis als Frau in Frage stellt?

Solche Fragen diskutiert Shahade anregend, informiert und mit stark persönlicher Note. Ihr lebhafter, eleganter Stil macht Chess Bitch dabei so faszinierend, dass man nicht immer ihrer Meinung sein muss, um das Buch mit Vergnügen zu lesen. So etabliert sich Jennifer Shahade mit Chess Bitch als eine der interessantesten Schachautorinnen überhaupt – Männer und Frauen im gleichen Wettbewerb vereint.


Jennifer Shahade bei der Präsentation ihres Buches im Marshall Chess Club in New York.

 

ChessBase-Bericht über Shahades Buchpräsentation im Marshall Chess Club...
Mehr über "Chess Queen" Jennifer Shahade...

 

 

 



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