Frauen-WM wegen Spannungen in Georgien gefährdet

20.04.2004 – Nach der Ablösung von Präsident Schwardnadze in Georgien ist es zu Spannungen zwischen der Hauptstadt Tiflis und der autonomen Republik Adscharien gekommen. Dessen Präsident Abaschidze war bereits mehrfach Gastgeber verschiedener Schachveranstaltungen in Adschariens Hauptstadt Batumi. Hier soll auch in Kürze (21.Mai bis 8. Juni 2004) mit einem Preisfonds von 450.000 Euro die Frauenweltmeisterschaft durchgeführt werden. Während der Sportminister der georgischen Zentralregierung Georgi Gabaschwili erklärte, man könne nicht für die Sicherheit der ausländischen Gäste sorgen, und deshalb eine Absage der WM empfahl, erklärte der georgische Vize-Verbandspräsident Zurab Asmaiparashvili in einem TV-Interview beim Sender Rustavi- 2, dass man an den Plänen zur Durchführung festhalten wolle. Gerald Schendel berichtet. Die Hintergründe...

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Zur Situation in Georgien vor der Weltmeisterschaft der Frauen 2004
Von Gerald Schendel

Links:

Artikel in Russland-Online...
Meldung bei Itar-Tass...
Meldung bei BBC...
Meldung bei Baku Today-net...


Zurab Asmaiprarshvili und
Aslan Abaschidse

Innenpolitische Diskussionen in Georgien könnten zur Absage der Schachweltmeisterschaft der Frauen führen, die vom 21. Mai bis 8. Juni in Batumi (Adscharien/Georgien) stattfinden soll. Der Sportminister der georgischen Zentralregierung in Tiflis, Georgi Gabaschwili, sagte am 17. April gegenüber Journalisten, man könne nicht für die Sicherheit der ausländischen Teilnehmerinnen garantieren. Er teilte ferner mit, dass das georgische Außenministerium einen Brief an den FIDE-Präsidenten Kirsan Iljumschinow gerichtet habe mit der Empfehlung, die WM aus diesem Grund nicht in Batumi durchzuführen. Eine Reaktion Iljumschinows ist bisher nicht bekannt. Die FIDE-Homepage ist seither nicht erreichbar gewesen.

Am 15. April, hatte Kirsan Iljumschinow in Batumi zusammen mit dem Oberhaupt der autonomen georgischen Republik Adscharien, Aslan Abaschidse, in Gegenwart des Co-Präsidenten der georgischen Schachföderation, GM Surab Asmaiparaschwili, einen Vertrag zur Organisation der Schachweltmeisterschaft der Frauen in Batumi unterzeichnet.

Während des letztjährigen FIDE-Kongresses (31. Oktober - 2. November 2003 in Kallithea, Halkidiki, Griechenland) war am 1. November 2003 bekannt gegeben worden, dass die Frauen-WM im Zeitraum Mai/Juni 2004 mit einem Preisfonds von USD 450.000 von der georgischen Schachföderation in der georgischen Hauptstadt Tiflis organisiert werden sollte.

Zu dieser Zeit hieß der Staatspräsident Georgiens noch Eduard Schewardnadse. Oppositionsführer war Michail Saakaschwili. Die Wahl eines neuen georgischen Parlaments am 2. November führte zu Unruhen. Das Oberhaupt der Republik Adscharien, Aslan Abaschidse, unterstützte Schewardnadse.

Am 24. November 2003 schrieb Mark MacKinnon für
Globe and Mail: „Was wie eine vom Volk getragene, unblutige Revolution auf den Straßen aussah, stellte sich hinter den Kulissen eher als ein weiterer Sieg für die Vereinigten Staaten dar in dem internationalen Schachspiel gegen Russland nach dem Kalten Krieg... Eduard Schewardnadse galt als einer der Schachmeister auf diesem Feld. Gestern wurde er wie ein Bauer vom Brett genommen."

In diesem Spiel ging und geht es nicht zuletzt um die Kontrolle von Ölvorkommen im kaspischen Raum. Georgien ist wichtiger Teil eines "Energiekorridors". Als Schewardnadse sich gen Westen neigte, stützte man ihn. In Georgien gab es die ersten US-Truppen auf dem Boden einer früheren Sowjetrepublik. Als Schewardnadse sich wieder an Russland anzulehnen schien, ließ man ihn fallen. Der von den USA gestützte Michail Saakaschwili gewann diese Partie. Und die nächste Partie begann.

Während der Sitzung des FIDE-Vorstands am 28./29. Februar 2004 in Kotor (Montenegro) teilte FIDE-Präsident Kirsan Iljumschinow mit, dass die Frauen-WM von einer der großen Schachnationen, Georgien, im Mai 2004 ausgerichtet werden soll - entweder in Tiflis oder in Batumi, auf Einladung des Oberhaupts der Republik Adscharien, Aslan Abaschidse. Der exakte Termin solle nach dem 20. März bekannt gegeben werden.


Am 20. Januar war Aslan Abaschidse nach Straßburg geflogen, um dort Gespräche mit dem Europarat zu führen. Der Presse in Straßburg sagte Abaschidse, die neue Regierung in Tiflis werde alles daran setzen, ihn zu stürzen.

Am 4. März rollten russische Panzer durch die Straßen von Batumi. Die russische Militärbasis in Adscharien ist noch ein Relikt aus sowjetischer Zeit. Wollte man zeigen, dass Abaschidse nicht gänzlich schutzlos ist?

Mitte März verschärften sich die Spannungen zwischen Batumi und Tiflis. Man sprach davon, dass Georgien am Rande eines Bürgerkrieges stehe. Am 18. März wurde bekannt, dass der Europarat ein Büro in Batumi eröffnen wolle, und einen Tag später, nach einem Gespräch mit Michail Saakaschwili, erklärte Aslan Abaschidse in einer Fernsehansprache die Krise für beendet. Zwei ehemalige türkische Minister verwiesen bei einem Besuch in Tiflis am 20. März auf den Vertrag von Kars aus dem Jahre 1921, durch den die Türkei gegenüber Adscharien den Status einer Schutzmacht erhalten hatte, und boten ihre Vermittlung zwecks Verbesserung der Beziehungen zwischen Batumi und Tiflis an.

Mitte des 15. Jahrhunderts war Adscharien in den Besitz der Familie Abaschidse gelangt. Ende des 16. Jahrhunderts wurde Adscharien Teil des Osmanischen Reichs. Der Berliner Kongress 1878 übergab Adscharien dem russischen Reich. Nach dem Zerfall des russischen Reichs wurde Adscharien als autonome Republik Teil von Georgien. Der Großvater von Aslan Abaschidse war von 1918-1921 erster Vorsitzender des adscharischen Parlaments. Der Vertrag von Kars 1921 bekräftigte den autonomen Status Adschariens und wurde unterzeichnet von Russland, Georgien, der Türkei sowie Armenien und Aserbeidschan. Gemäß diesem Vertrag haben Russland und die Türkei das Recht, Truppen nach Adscharien und Nachitschewan (eine Enklave Aserbeidschans auf armenischem Gebiet) zu schicken, wenn Drittstaaten in diese Territorien eindringen.

Nach den Parlamentswahlen in Georgien am 28. März 2004 verlangte der georgische Präsident Saakaschwili die Entwaffnung der Angehörigen des adscharischen Sicherheitsministeriums (Adscharien hat über 2.000 Polizisten und 8.000 Mann Miliz), weil diese "Banditen" seien, und kündigte eine Aktion seiner von den USA ausgebildeten und ausgerüsteten Elitetruppen an.

Am 9. April gaben Aslan Abaschidse und FIDE-Präsident Kirsan Iljumschinow bekannt, dass die Frauen-WM in Batumi stattfinden soll. Ein Vorvertrag sei unterzeichnet worden, sagte Abaschidse. Iljumschinow betonte, dies sei keine politische Entscheidung. Man habe die Veranstaltung an die georgische Schachföderation vergeben, um den bedeutenden Beitrag georgischer Schachspielerinnen in der Schachwelt zu würdigen. Die georgische Schachföderation habe vorgeschlagen, die Meisterschaft von Tiflis nach Batumi zu verlegen. Iljumschinow sagte nach Berichten der russischen Nachrichtenagentur Interfax und der Georgischen Sportnachrichten: "Dies ist eine interne Angelegenheit der georgischen Schachföderation!"

Der förmlichen und öffentlichen Unterzeichnung des Vertrages durch den FIDE-Präsidenten Iljumschinow und das Oberhaupt der autonomen Republik Adscharien Abaschidse im Anwesenheit des Präsidenten der georgischen Schachföderation Asmaiparaschwili am 15. April in Batumi folgte die Stellungnahme der politischen Führung in Tiflis.

Die Situation war am Sonntag (18.4.) noch nicht klar. Einerseits war in Presseberichten davon die Rede, dass die Regierungszentrale in Tiflis von der FIDE aus Sicherheitsgründen die Absage der Frauen-WM in Batumi gefordert hat, andererseits soll Asmaiparaschwili am 17. April einem Fernsehsender in Tiflis gesagt haben, die Veranstaltung werde wie geplant in Batumi stattfinden und der georgische Staatspräsident Michail Saakaschwili werde bei der Eröffnung der Meisterschaft anwesend sein.

Am Nachmittag des 19.4. erwähnte eine Meldung der russischen Nachrichtenagentur "Itar-Tass" den Brief des georgischen Außenministeriums vom Samstag an FIDE-Präsident Iljumschinow. Dieser Brief enthält demnach u.a. die Aussage, dass gegenwärtig in Adscharien eine gefährliche Situation bestehe. Die georgischen Behörden könnten nicht die Sicherheit der Teilnehmerinnen und Gäste der Meisterschaft in Batumi garantieren und hielten es daher nicht für angebracht, den Wettbewerb dort durchzuführen.

Surab Asmaiparaschwili jedoch verschickte als Co-Präsident der georgischen Schachföderation und als FIDE-Vizepräsident einen Brief an sämtliche Mitgliedsföderationen des Weltschachbundes (mit der Bitte um Weiterleitung an die Teilnehmerinnen der WM), in dem er auf die Eskalation des Drucks seitens des offiziellen Tiflis hinwies und dazu aufrief, Publikationen mit dem Ziel einer Absage der Frauen-WM in Batumi zu ignorieren. Die behauptete Unsicherheit in Batumi entspreche nicht der wirklichen Situation. Asmaiparaschwili: "Batumi war und ist ein sehr sicherer Ort."

Inzwischen wurde von der georgischen Schachföderation eine Kommission gebildet, die das Problem im Einvernehmen mit Tiflis regeln will. Dieser Kommission gehören außer den beiden Föderationspräsidenten Surab Asmaiparaschwili und Kachi Tschigogidse die weltbekannten georgischen Großmeisterinnen Nona Gaprindaschwili, Nana Alexandria und Nana Ioseliani an.

Zwischen Batumi und Tiflis versuchen außerdem zu vermitteln der US-Botschafter in Georgien, Richard Miles, und ein Sondergesandter des Europarats in Straßburg.

Gerald Schendel / 19.04.2004

 

 

 


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