Großmeisterin Elisabeth Pähtz ist kein seltener Gast im ChessBase-Studio. In ihrer regelmäßig erscheinenden Videoreihe „Ellies Schatztruhe“ weist sie den ChessBase-Mitarbeiter Arne Kaehler in die Geheimnisse des Schachspiels ein. Die Nationalspielerin war über Jahrzehnte die beste deutsche Schachspielerin und erlangte im Jahr 2022 den Großmeistertitel. Sie hat bereits eine Reihe von Kursen veröffentlich, mit einem klaren Schwerpunkt auf die verschiedenen Variationen des Londoner Systems.

GM Pähtz hat über die Jahre nicht nur die moderne Zugfolge mit 2.Lf4 und 3.e3, sondern auch das Jobava-Londoner System mit Lf4, Sc3 anstelle von Sf3 sowie das Neo-Londoner-System mit frühem c2-c3 analysiert und als Repertoire präsentiert. Im neuesten Kurs erweitert sie das eigene Arsenal um die Zugfolge 2.Lf4 und 3.Sf3, was im Grunde der klassische Londoner Aufbau ist, welcher flexibel auch über die Zugfolge 2.Sf3 und 3.Lf4 erreicht werden könnte.
Somit stellt das Repertoire nicht nur einen eigenständigen Kurs dar. Es ist vielmehr eine Erweiterung eines seit Jahren geformten Konzepts, mit dem man auf maximale Flexibilität aus ist und zeigt, warum das Londoner System aus der Versenkung der Nebenvarianten entflohen und zu einer der beliebtesten Eröffnungen im Schach avanciert ist. Es geht nicht darum, ein festes Setup zu verfolgen, sondern von den ersten Zügen aus mit geschickten Zugfolgen mögliche Präferenzen und Systeme des Gegners zu befragen.
Durch die Zugfolge mit frühem Lf4 nimmt der Läufer sein aktives Feld auf f4 ein, schwächt aber in diesem Zuge den Bauern auf b2, was in der Neo-London-Zugfolge nicht so kritisch ist, da man stets die Dame zur Verteidigung hinzuziehen könnte (sofern man den Bauern nicht gleich opfert). Diese Schwächung des b2 erlaubt es Schwarz, mitunter frühe …c5-Ideen zu spielen, um direkt Druck gegen den Punkt d4 und b2 aufzubauen.
Der Aufbau des Kurses gestaltet sich dabei recht simpel. Das Hauptaugenmerk bekommt anfangs das Londoner-Terrain, wobei das Material in die beliebtesten Abspiele aufgeteilt wird:

Überleitung ins Damengambit: 1.d4 d5 2.Lf4 Sf6 3.e3 c6 4.c4 e6 5.Sc3:

Einen großen Mehrwert sehe ich hinsichtlich der früheren Publikationen von Pähtz in dem Kapitel zu Unterschieden und Referenzen zum Neo-Londoner-System, was ein deutliches Signal darstellt. Hier soll kein Repertoire präsentiert werden, welches nur für sich stehen soll. Vielmehr sollen die bisherigen Kurse zusammengeführt und zu einem turnierfähigen Repertoire ergänzt werden. Genau dieses Kapitel bietet dem Nutzer einen Überblick über die Möglichkeiten, die man mit den verschiedenen Zugfolgen hat.

Für Anhänger des Londoner Systems ist oftmals relevant zu wissen, was ein Kurs denn gegen die Hauptabspiele parat hält. Hier setzt Pähtz konkret auf den Aufbau mit 5.Sbd2, was als genaue Zugfolge gilt. Auf das in der Praxis immer häufiger vorkommende 5…Sh5 schlägt sie das kritische 6.dxc5 vor, was zu einem dynamischen Kampf beidseitiger Vorteile führen kann. Hierbei zeigt sich einige interessante Ideen auf, die mitunter im Beitrag von Christian Bauer zum Abspiel 5.Sbd2 Sh5 nicht erwähnt wurden, jedoch von Stockfish18 mittlerweile ganz oben geführt werden. Hier zeigt sich, dass keineswegs alte Varianten recycelt werden, sondern die Eröffnung weiterentwickelt wird und durchaus Schlagkraft für die Turnierpraxis besitzt.
Kritisch: 1.d4 d5 2.Lf4 Sf6 3.e3 c5 4.Sf3 Sc6 5.Sbd2 Sh5 6.dxc5:

Insbesondere durch den enormen Umfang dieser Übersicht, öffnet sich der Kurs einer Zielgruppe jenseits des einfachen Vereinspielers, da viele Ideen in der bisher gängigen Eröffnungsliteratur aus weißer Sicht noch nicht behandelt wurden.
In der Hauptvariante 5.Sbd2 Db6 zeigt sich auch die Tiefe der Analysen, wobei mir hier einige Referenzen fehlen, da sich in den letzten Jahren einiges getan hat. So hatte Shankland 2020 bereits das Abspiel für Schwarz untersucht und das kritische 13…Sd5 vorgeschlagen, was im Kurs nicht berücksichtigt wurde. Hier muss man selbst noch etwas nacharbeiten, um nicht überrascht zu werden.
Abspiel nach 5.Sbd2 Db6 6.dxc5 Dxb2 7.Tb1 Dc3 Lb5 g6 9.e4 dxe4!? 10.Le5 Da5 11.0-0 exf3 12.Lxc6+ bxc6 13.Df3:

Neben dem schon erwähnten Kapitel zu den Zugfolgen der einzelnen Repertoires im Londoner System gibt es zudem ein ausgewiesenes Kapitel zu Übungen, in dem 15 ausgewählte Stellungen dargeboten werden, um das Verständnis zu prüfen. Das ist immer nett, da auf diese Weise typische Momente, in denen man fehlgreifen könnte, nochmals gefestigt werden.
Zudem enthält der Kurs das Repertoiretraining als ChessBase-App, um die ausgewählten Varianten des Repertoires einüben zu können. Hier kann man sich entweder die Varianten zeigen lassen, sie mit dem Nachspieltraining nachziehen oder aber einen Repertoire-Drill starten, um das Memorieren zu erleichtern.
Da sich das Repertoire hier der klassischen Zugfolgen bedient würde ich die Zielgruppe breiter ansetzen als bei den vorherigen Kursen. Wer einen Einstieg in das Londoner System sucht, findet hier eine exzellente Basis, mit deren Hilfe man sein Repertoire aufbauen kann. Für Spieler, die bereits über Grundbausteine der Eröffnung verfügen, bietet dieser Kurs eine theoretische Repertoirepflege, mit deren Hilfe man auf dem neuesten Stand der Theorie ist.
Somit ist der Kurs sicherlich ab einer Stärke von 1600 durchaus in Liga- und Turnierpartien spielbar, wenn auch einige kritische Abspiele in der angegebenen Tiefe selten erreicht werden dürften. Nichtsdestotrotz hat man die Basis, um mit dem Repertoire wachsen zu können.
Ein wertvoller Beitrag zum Londoner System. Das Repertoire bietet im Grunde alles, was man für den Einstieg in das Londoner System benötigt und liefert zudem reichlich Analysen und Material, um auch vorhandene Londoner sättigen zu können. Einzig, dass manche Referenzen nicht erwähnt wurden, fordert den Nutzer zur Eigenleistung auf.
Gesamtwertung: ★★★★ 4/5
Positiv:
✔ Sehr umfangreicher Inhalt
✔ Logischer Aufbau der Inhalte
✔ Hochaktuelle eröffnungstheoretische Übersicht
✔ Übungsmaterial und Repertoire-Training
Negativ:
– Einige Inhalte müssen eigenhändig ergänzt werden
Elisabeth Pähtz (Jahrgang 1985) ist seit vielen Jahren die beste deutsche Schachspielerin. Seit 1998 ist sie Nationalspielerin und wurde 2001 WGM, 2004 IM und 2022 GM. Im Jahr 2002 wurde sie erstmals Weltmeisterin in der U18, drei Jahre später auch in der Königsklasse, der U20. 2017 gewann sie Bronze bei der Schnellschachweltmeisterschaft und 2018 wurde sie Europameisterin im Schnellschach, sowie Vizeeuropameisterin im Blitzschach.
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