Fritz-Programmierer Mathias Feist im Interview

27.11.2006 – Fast alle drücken Weltmeister Kramnik bei seinem Kampf gegen Deep Fritz 10 die Daumen. Der Maschine ist das egal. Sie führt unbeeindruckt ihre taktisch stets fehlerfreien Züge aus, egal ob sie gegen einen Weltmeister oder gegen einen Anfänger spielt, egal, ob niemand oder ein Millionenpublikum zuschaut. Ganz anders ergeht es Fritz-Programmierer Mathias Feist, der auf der Bühne die Züge seines Programms ausführt, mitleidet, aber nicht eingreifen darf. Dr. René Gralla, der heute auch in der Zeitung Neues Deutschland einen Artikel über den Auftakt des Wettkampfes veröffentlicht hat, sprach für die Zeitung mit Mathias Feist über dessen Gefühle während des Wettkampfs, über Künstliche Intelligenz, die Spielstärke der Computer und die Matchstrategie Kramniks. Heute 15 Uhr geht es mit der zweiten Partie weiter. Live bei Spiegel Online, auf der Turnierseite und schach.de.Zum Auftaktbericht...Zum Interview bei Neues Deutschland...Zum Interview mit Mathias Feist...

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DAS LETZTE HURRA DER MENSCHHEIT?

KUBRICKS HAL IST NICHT MEHR SO WEIT WEG

Von Dr. René Gralla

"World Chess Challenge 2006" in Bonn. Weltmeister Wladimir Kramnik bestreitet ab kommenden Sonnabend in der Bundeskunsthalle sechs Partien gegen den Schachcomputer "Deep Fritz 10" aus der Hamburger Softwareschmiede ChessBase. Den ersten Zug führt Bundesfinanzminister Peer Steinbrück aus, assistiert von Werner Müller, Vorstandsvorsitzender des Sponsors RAG AG. Kramnik misst sich mit dem Rechner für eine Antrittsbörse von 500.000 Dollar; gewinnt er das Match, verdoppelt sich der Betrag. Über das Kräftemessen zwischen menschlicher und elektronischer Intelligenz hat ND-Autor René Gralla mit dem „Deep Fritz 10“-Programmierer Mathias Feist (45) gesprochen; der Niedersachse bildet zusammen mit dem Niederländer Frans Morsch (52) das Zweier--Team, das bereits 1991 die erste „Fritz“-Version der Öffentlichkeit vorgestellt hat.


Vladimir Kramnik und Mathias Feist

ND: Weltmeister Kramnik misst sich ab kommenden Sonnabend zum zweiten Mal mit "Deep Fritz 10", dem stärksten Schachprogramm der Welt. Das letzte Hurra der Menschheit?

MATHIAS FEIST: Das mag durchaus sein. Inzwischen könnten wir tatsächlich den Zeitpunkt erreicht haben, an dem es die letzten interessanten Matches gibt - bevor die Programme einfach zu überlegen werden.

ND: Das Programm "Deep Fritz7" hat vor vier Jahren in Bahrain gegen Kramnik ein 4:4-Unentschieden gehalten. Worauf gründen Sie Ihre Prognose, dass "Deep Fritz 10" jetzt noch besser abschneiden wird?

FEIST: Seit Bahrain haben wir die Engine weiter entwickelt. Vor allem im positionellen Bereich: was die Bewertung von Bauernstrukturen betrifft, ferner ist umfängliches Endspielwissen hinzugekommen. Das äußert sich einerseits darin, dass die reine Rechengeschwindigkeit deutlich langsamer geworden ist; andererseits weiß "Deep Fritz 10" eben signifikant mehr und spielt entsprechend stärker.

ND: "Deep Fritz 10" kalkuliert langsamer? Fürchten Sie da nicht, dass Ihr Computer die Bedenkzeit überschreitet? In Bonn sind das 40 Züge in zwei Stunden, wie bei normalen Turnieren.

FEIST: "Deep Fritz 10" wird gegen Kramnik noch immer über acht Millionen Stellungen pro Sekunde analysieren, das sollte wohl reichen.


Acht Millionen Stellungen pro Sekunde gegen menschliche Intuition

ND: Was ist das Erfolgsgeheimnis von "Deep Fritz 10"?

FEIST: Das Programm besteht aus mehreren Komponenten. Eine davon ist das Eröffnungsbuch, das am Partieanfang benutzt wird. Aufgabe des Buches ist es, „Deep Fritz 10“ in Stellungen zu entlassen, die der Computer gut spielen kann; abgespeichert sind knapp drei Millionen Positionen. Wenn das Programm im Buch keine Züge mehr findet oder entscheidet, die Information nicht weiter zu benutzen, beginnt die Engine zu rechnen.

ND: Diese Daten gleicht "Deep Fritz 10" in einer konkreten Situation ab. Welche Rechentiefe hat das Programm?

FEIST: Abhängig davon, wie komplex die Stellung ist, werden wir mindestens zwischen 16 und 17 Halbzügen erreichen; das kann aber auch bis zu 20 Halbzügen gehen. Jeweils ein Zug des Weißen beziehungsweise Schwarzen gilt als ein Halbzug; 20 Halbzüge sind zehn vollständige Schlagwechsel Weiß-Schwarz. Natürlich ist das nur die Grundrechentiefe; manche Zugfolgen verwirft das Programm recht schnell, während es andere Variantenbäume durchprüft bis zum 30. oder 40. Halbzug. "Deep Fritz 10" hat vier Giga-Byte Hauptspeicher und zwei Dual-Core-Prozessoren.

ND: Während der Anfänge der Schachprogrammierung gab es zwei Schulen. Die einen hofften, den Rechnern strategisches Denken beizubringen. Die anderen setzten auf "brute force": Mit "roher Gewalt" sollten die Computer in einer gegebenen Position alle denkbaren Züge untersuchen, so viele wie möglich. Beweist "Deep Fritz 10", dass die Zukunft der "brute force"-Methode gehört?

FEIST: Strategie oder "brute force", das war der Richtungsstreit in den 70-er Jahren. Wobei "brute force" zunächst rasch an Grenzen zu stoßen schien, wegen der Vielzahl an möglichen Zügen; damals haben die Computer bloß drei bis vier Halbzüge geschafft.

ND: Noch vor wenigen Jahrzehnten behaupteten sogar Fachleute, dass ein Elektronengehirn niemals Großmeisterniveau erreichen würde. Ein Irrtum, wie sich spätestens 1997 herausgestellt hat, als der IBM-Rechner "Deep Blue" den damaligen Schachweltmeister Garri Kasparow mit 3,5:2,5 Punkten gedemütigt hat. Liegt es daran, dass die Maschinen einfach schneller geworden sind?

FEIST: Der Einsatz von Mikroprozessoren hat die Rechenleistungen der Computer radikal verbessert, das ist sicher ein wichtiger Faktor. Gleichzeitig wurden die Maschinen kleiner und die Speicherkapazitäten größer. Außerdem gibt es verbesserte Programmiertechniken, eine zentrale Rolle spielt das Null-Move-Verfahren. Der Clou daran: Das Programm tut so, als ob zwei Züge nacheinander - ohne Zwischenzug des Gegners - möglich wären. Ist die daraus folgende Lage schlecht, dann ist logischerweise auch der erste der beiden Züge nicht gut und der betreffende strategisch-taktische Ansatz insgesamt wird verworfen. Das hat den notwendigen Rechenaufwand um cirka 85 bis 90 Prozent vermindert und Kapazitäten frei gesetzt für die heute erreichte Suchtiefe; und die wiederum hat die Spielstärke der Programme gewaltig verbessert.

ND: Wie ist es um das positionelle Verständnis von "Deep Fritz 10" bestellt? Erkennt die Maschine auf einer offenen Linie einen so genannten "rückständigen" Bauern? Der schwach und gefährdet ist, weil ihn kein rückwärtiger Kollege mehr stützt?

FEIST: Ja, natürlich, das ist schließlich eine klare Angelegenheit. Doppelbauern - das heißt, zwei Fußsoldaten direkt hintereinander, die deswegen als Block relativ unbeweglich sind - , blockierte Bauern, überhaupt Defekte in der Bauernstellung, all' das ordnet "Deep Fritz 10" richtig ein.


Was denkt der Rechner?

ND: Wie rechnet "Deep Fritz 10" eine bestimmte Stellung aus - ob sie vorteilhaft ist oder eher bedenklich?

FEIST: Maßstab ist die kleinste Einheit auf dem Brett, der Bauer. Zeigt "Deep Fritz 10" nach der Analyse auf dem Bildschirm zum Beispiel die Zahl "1,5" an, heißt das: Der positionelle Vorteil der betreffenden Seite entspricht dem Mehrbesitz von 1,5 Bauern.

ND: Die Maschine rechnet, der Mensch ist kreativ - das ist die Vorstellung in der Öffentlichkeit. Wie kreativ ist "Deep Fritz 10"? Kann das Programm eine Angriffsidee entwickeln?

FEIST: Aber ja, allerdings gelangt die Maschine dazu auf einem anderen Weg als der Mensch. Der Computer schließt zunächst andere Möglichkeiten aus, außerdem berücksichtigt er, ob eine Stellung positive Merkmale aufweist; so ird "Deep Fritz 10" auch einen Plan für eine direkte Attacke auf den König finden. Eine Rolle spielt, welche eigenen Figuren rasch dorthin schwenken können und ob der Monarch, der matt gesetzt werden soll, noch ausreichenden Schutz hinter einer Reihe Bauern findet. Und: Ist die Abwehrfront solide oder lässt sie sich zertrümmern? Das sind gewisse Standardpläne, die das Programm enthält; die wendet "Deep Fritz 10" an und versucht ständig, sie im Match zu realisieren.

ND: Kinogänger kennen den Schachcomputer schlechthin; der heißt HAL und steuert gleichzeitig ein Raumschiff in Stanley Kubricks Kinovision "Odyssee 2001". Ist "Deep Fritz 10" bereits stark genug, um gegen einen HAL zu bestehen?

FEIST: Momentan wahrscheinlich noch nicht, so wie HAL im Film dargestellt wird, als der annähernd perfekte Rechner. Aber das wird nicht mehr so weit weg sein.

ND: Auffällig ist, dass die besten Spieler der Welt das "Deep Fritz"-Programm nicht mehr besiegen können. Kasparow kam 2003 über ein 2:2 nicht hinaus, auch der deutsche Großmeister Dr. Robert Hübner schaffte 2001 bloß ein Remis mit 3:3.

FEIST: Das ist für die ja auch mittlerweile ganz schwer geworden. Und im Match gegen Kramnik sehe ich nun sogar eher "Deep Fritz 10" in der Rolle des Favoriten. Auf jeden Fall streben wir einen 3,5:2,5-Erfolg an. Entscheidend ist freilich die Einstellung von Kramnik. Verzichtet der Weltmeister darauf, Partien gewinnen zu wollen, hält Kramnik einfach seinen Laden dicht, dann wird es auch für "Deep Fritz 10" schwer, eine Entscheidung zu erzwingen. Der Computer müsste sehr langfristige Pläne entwickeln und würde dann möglicherweise doch an die Grenzen seines Rechenhorizonts stoßen, trotz der Suchtiefe bis zu 40 Halbzügen.

ND: Falls "Deep Fritz 10" gegen Weltmeister Kramnik gewinnt: Ist Schach für immer entzaubert? Weil sich die Siliziumintelligenz endgültig als überlegen erwiesen hat?

FEIST: Trotzdem wird Schach nicht tot sein. Nur eine Sache wird vermutlich aufhören: dass Menschen gegen Computer spielen. Die Computer werden aber weiterhin für Analyse und Partievorbereitung eingesetzt werden. In diesem Zusammenhang erinnere ich daran, dass menschliche Läufer einst gegen Autos angetreten sind, das war vielleicht sogar witzig. Mittlerweile ist das völlig witzlos geworden, trotzdem laufen die Menschen immer noch - aber eben nicht mehr um die Wette mit Rennwagen.

ND: Beunruhigend ist aber der kulturphilosophische Aspekt. Der Entwicklung der Schachcomputer ist eng verbunden mit den Forschungen auf dem Gebiet der "künstlichen Intelligenz". Wenn nun eine Maschine derart intelligent ist, dass sie unbesiegbar wird im tiefsinnigsten Spiel, das Menschen je ersonnen haben - könnte das nicht ein Menetekel sein? Dass irgendwann die Computer rebellieren wie in Science-Fiction-Filmen?

FEIST: Da müssen wir uns aber doch die Frage stellen: Was ist denn "künstliche Intelligenz"? Ein Schachprogramm ist ein hoch spezialisiertes System; in dem Bereich, auf den es spezialisiert ist, nämlich Schach, ist es durchaus intelligent, das darf man ruhig behaupten. Bloß versuchen Sie doch einmal, mit einem derartigen Programm eine Unterhaltung zu führen: Da wird es kläglich scheitern. Die Machtübernahme durch Schachcomputer ist nicht zu befürchten.

ND: Kramnik kriegt 500.000 US-Dollar Antrittsgeld für seinen Wettkampf mit "Deep Fritz 10". Gewinnt der Weltmeister, erhöht sich dessen Börse um weitere 500.000 US-Dollar. Umgekehrt geht das "Deep Fritz 10"-Team leer aus, selbst wenn der Computer Kramnik besiegen sollte. Finden Sie das nicht etwas ungerecht?

FEIST: Nein, für uns ist diese Veranstaltung eine ausgezeichnete Werbung, damit sind wir vollständig zufrieden. Außerdem ist es eine unvergleichliche Herausforderung, "Deep Fritz 10" live vom amtierenden Weltmeister testen zu lassen.

ND: Sie, Herr Feist, programmieren nicht nur "Deep Fritz 10", sondern Sie punkten gleichzeitig für einen niedersächsischen Verein in der Landesliga. Ist das auch ein persönlicher Antrieb: Mit dem Computer dorthin zu gelangen, wohin Sie persönlich als Schachspieler sonst niemals gelangen würden?

FEIST: Unterschwellig mag das vielleicht auch ein wenig hineinspielen, das will ich nicht ausschließen.

ND: Der zweite Mann im Team "Deep Fritz 10" ist der Niederländer Frans Morsch. Wie teilen Sie die Aufgaben untereinander auf?

FEIST: Der größere Teil der Engine stammt von Frans Morsch; ich habe die Datenbank mit Endspielwissen aufgestockt und übernehme auch das Testen.

ND: In Bonn gegen Kramnik sind Sie das Gesicht von "Deep Fritz 10"; Sie führen die Züge aus, die der Computer vorgibt.

FEIST: Frans Morsch mag das nicht, also mache ich das.

ND: Darin haben Sie ja schon Übung. Auch während des ersten Wettkampfes von "Deep Fritz" gegen Kramnik in Bahrain saßen Sie am Brett ...

FEIST: ... und das ist manchmal richtig anstrengend, insbesondere, wenn der Computer einen Zug anzeigt, den ich persönlich nicht spielen würde. Das kann schon an den Nerven zerren. Solche Begegnungen nehmen mich mehr mit als meine eigenen Partien, die ich im Verein oder in der Liga austrage.

ND: "Deep Fritz 10" ist nicht nur ein Schachprogramm, das Weltmeister ins Schwitzen bringt; als Version "Fritz 10" kann das auch jeder Amateur kaufen. Ein Champ im Kasten und zum Anfassen - aber hat der normale Schachspieler überhaupt noch eine Chance gegen diesen Superrechner, der einen Kramnik fordert?

FEIST: Oh ja! "Fritz 10" verfügt über einen Modus, der sich der Spielstärke seines Gegners anpasst. Dann versucht Fritz, nicht mehr als 60 Prozent der Partien zu gewinnen. Damit Sie einen Gegner haben, gegen den es sich zu spielen lohnt - weil Sie ihn auch mal schlagen können. Dieser spezielle Modus heißt "Freund".


Dr. René Gralla


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