Fußball und Schach

27.09.2005 – Es gibt eine Reihe von Fußballern, die sich auch mit Schach beschäftigt haben, so z.B. Marco Bode, Felix Magath oder Uwe Rapolder. Der Hamburge Stürmer Takahara spielt die Japanische Schachversion Shogi. René Gralla, der gegen drei der Fußballer Schach gespielt hat, meint in seinem Artikel, der in der Oktoberausgabe des neuen Fußballmagazins "Rund" (Kicker-Verlag) erschien, fest gestellt zu haben, warum Fußball nicht umsonst Rasenschach genannt wird. Rund- das FußballMagazin...Zum Rasenschach ohne Rasen...

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Nachdruck aus "Rund" mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Mit Schach für die WM 2006 trainieren
Rehhagel is King oder: Wie Kicker am Brett ticken
 
Von Dr. René Gralla

Wie spielen Fußballspieler Schach? Sich deswegen einen Kopf zu machen, das scheint ganz lustig, aber auch ziemlich sinnfrei zu sein: vergleichbar der spannenden Frage, ob ein Diether Bohlen heimlich auf dem Klo Bücher liest oder ob die Führerin der Christenpartei, Angela Merkel, regelmäßig betet. Andererseits rückt aber die WM 2006 näher, und die verschwitzten Bemühungen nehmen zu, das wechselhafte Geschehen auf dem Platz intellektuell zu deuten. So dass es bloß noch eine Frage der Zeit ist, bis wieder einer dieser Leute, die das kongeniale Duo Netzer &  Delling beflissen, aber hoffnungslos kopieren möchten, den Klassiker neu erfindet – Fußball sei „Rasenschach“.

Rasenschach?! Na ja. Allerdings ist die besagte Formel – im Gegensatz zu goldenen Platitüden wie „1:0 ist auch gewonnen“ (Herberger), „Flasche voll“ (Trappatoni), „Schaun mer mal“ (Kaiser Franz) – immerhin ein nettes Gedankenspiel. Und das kann sogar zu einem weiter führenden Experiment führen: Einmal unterstellt, Fußball sei tatsächlich eine mobile Version von Open-Air-Schach, dann ist es vielleicht möglich, aus dem Stil eines Kickers am Brett Rückschlüsse auf seine Performance auf dem Heiligen Grün zu ziehen.

Erster Proband unserer improvisierten Feldstudie ist Felix Magath. Der momentane Zuchtmeister der Bayern hat schon vor bald dreißig Jahren damit begonnen, als Ausgleich zur täglichen Beinarbeit die Feinheiten des Königsspiels zu studieren; phasenweise ließ er sich sogar coachen vom Trainer des hanseatischen Bundesligaklubs HSK, Gisbert Jacoby.

Folglich liegt Magath weit über dem Niveau des durchschnittlichen Amateurs. Das merkt denn auch der Autor, als er den Mann, der sich den Beinamen „Quälix“ ehrlich verdient hat, zu einem Testmatch trifft an einem Frühherbstmorgen in privater Wohnzimmeratmosphäre an Hamburgs nördlicher Peripherie.

Magath verteidigt mit Schwarz. In den ersten Spielminuten tasten beide Mannschaften – nach der klassischen Empfehlung des Don Ruy López – entschlossen, aber kontrolliert wagemutig den Gegner ab, die gestaffelten Abwehrketten hakeln und grätschen in der Mitte. Ein guter Plan, was Schach angeht: Wegen der drangvollen Enge des Operationsgebietes – 64 Felder für 2 x 16 Akteure pro Team – kann derjenige, der das Zentrum erobert hat, unmittelbar im Anschluss links oder rechts verwandeln.

Eine Faustregel, die Magath erst beachtet – und wenig später vergisst. Denn als ein weißer Läufer des Autors im 15. Zug den Ball auf der halb rechts vorgeschobenen Position g5 verstolpert, hätte Magath durch die Mitte kontern müssen. Stattdessen schaltet der Kapitän der Schwarzhosenträger selber um auf Flankenstrategie, tändelt am rechten und am linken Flügel und wieder retour, verheddert sich und kriegt ein Riesending reingeknallt – 1:0 gegen Magath im 56. Zug.

„Ich habe aus dem Schach praktisch die Theorie für den Fußball abgeleitet“, hat der Erfolgstrainer in einem Interview anlässlich seines Gastspiels in Frankfurt dem Schachjournalisten Hartmut Metz erzählt. Sollte der Wahl-Münchner das ernst meinen, outet sich Magath folgerichtig als Old School: Mach’ mir die Flügel stark, wir kennen das von Otto Rehhagel.

Aber Rehhagel war gestern, und Magath ist mittlerweile auch schon 52 Jahre alt. Wahrscheinlich dürfte ein Marco Bode (Jahrgang 1969) eher auf dem Stand der aktuellen Theorie sein, die DFB-Chefscout Urs Siegenthaler bündig formuliert: „Das Spiel über die Außenflügel können wir vergessen.“ Nach dem Vorbild der Brasilianer werde im „modernen Fußball … durch die Mitte nach vorne gepasst“ – was ziemlich exakt der Profistrategie im Schach entspricht.

Jetzt also der Bremer Marco Bode, Ex-Nationalstürmer und bekennender Schachfan, der selbst etablierte Großmeister bei Promi-Duellen in Schwierigkeiten bringt, während einer 5-Minuten-Blitzpartie per Computer gegen den Autor in den Büroräumen des Hamburger Spitzenunternehmens für Schachsoftware, ChessBase. Von der ersten Sekunde an drückt Bode (mit Weiß) auf das Tempo, indem er sich für das zweischneidige Nordische Gambit entscheidet. Die schwarze Abwehr im Zentrum wankt – bis plötzlich Bode fast am Boden liegt (virtuell, selbstverständlich).

Was ist geschehen? Unmotiviert will Bode die Schwarzen an der linken Flanke umdribbeln, rennt sich aber fest. Ein weißer Befreiungsschlag weit vorgelegt zur rechten Flanke (22. Zug), das ist jedoch riskant, nun klafft ein Loch in der rückwärtigen Verteidigung. Die Schwarzen erspähen die Lücke, Volley, rums, ein Turm des Autors setzt sich dem geschockten weißen Monarchen direkt vor die Nase – und sofortiger Knock-out, hätte der Autor nicht im Zeitnotstress (fünf Minuten für das gesamte Spiel) das Ei knapp über die Latte gesetzt und Bode nach Zugwiederholung ins Remis entkommen lassen.

Was an der überraschenden Zwischenbilanz nichts ändert: Old School forever, auch Marco Bode gibt alles für eine fette Flanke.

Höhepunkt der Testreihe: eine Begegnung mit dem HSV-Japaner Naohiro Takahara, 26. Im Vereinslokal „Lindenhof“, und das unter verschärften Bedingungen: Wir messen uns im Shogi, der speziellen Schachversion Marke Nippon. Und die ist besonders tricky: Die Steine sind japanisch beschriftet und einfarbig; die Richtung, die von den vorn zugespitzten Shogi-Chips markiert wird, definiert zugleich, ob das eine weiße oder schwarze Einheit ist. Außerdem dürfen Steine, die der Gegner verloren hat, auf der eigenen Seite wieder eingesetzt werden.

Anpfiff, Takahara legt los, sein rechter Außenstürmer (ein Turm) bricht aus der Deckung. Takahara rackert, wie wir es an ihm schätzen, wechselt im Minutentakt die Seiten – freilich auch mit dem gewohnt mageren Ergebnis: Sein Team muss Schritt für Schritt zurückweichen, kassiert einen Treffer … bis Takahara die Notbremse zieht: Er murmelt, dass sein Trainer wartet, steht auf vom Tisch – und verschwindet.

Fazit: Wie spielen Fußballer Schach – und das zwischen Bremen und Tokio? Immer wacker nach links- oder rechtsaußen gedroschen - koste es, was es wolle.

Rehhagel is King – mit einer wichtigen Einschränkung: Die Wahrheit is‘ auf’m Platz.


Dr. René Gralla

Die Partien:

An der Flanke alles verdaddelt

Partie zum Durchklicken...

Weiß: René Gralla
Schwarz: Felix Magath
Quickborn, Oktober 1985

Spanisch

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6

Die so genannte „Morphy-Verteidigung“.

4.La4 Sf6 5.0-0 Le7 6.Te1 …

So weit noch nach Theorie.

6…. 0-0(?)

Eine Ungenauigkeit, die nach 7.Lxc6 bxc6 8.Sxe5 … einen Bauern kosten könnte. Richtig ist: 6…. b5 7.Lb3 d6 8.c3 0-0 9.h3 Sa5 10.Lc2 c5 11.d4 Dc7 12.Sbd2 ... mit gleichen Chancen.

7.c3 …

Geschmacksfrage: Weiß verzichtet auf frühen Materialgewinn.

7…. b5 8.Lb3 d6 9.d4 …

Besser: 9.h3 …, um die Fesselung 9.... Lg4 zu vermeiden.

9…. Lg4 10.d5 Sa5 11.Sbd2 Sh5

Ein erster Flankenausfall nach Linksaußen von Magath: Sieht stark aus, tut aber nichts zur Sache.

12.h3 Lxf3 13.Sxf3 Sf6

Und retour: Die Exkursion nach h5 hat nichts eingebracht.

14.Lc2 c6 15.Lg5? …

Weiß revanchiert sich – und möchte auch mal an einem Flügel herumstochern.

15…. Tc8?

Auf das falsche Flankenspiel 15.Lg5? … reagiert Magath mit Verlegung wichtiger Kräfte nach rechts. Stattdessen hätte er sofort im Zentrum losschlagen müssen – 15…. Sxd5!

Weiß hätte Materialverlust nur mit Mühe kurzfristig verhindern können: 16.exd5 Lxg5 17.Sxg5 Dxg5 18.dxc6 Tfd8 19.Le4 …. Auf Dauer wäre der in die Irre gelaufene weiße c-Bauer aber nicht zu retten gewesen.

16.Lxf6 Lxf6 17.Ld3 cxd5 18.exd5 Lg5

Noch eine Aktion just for show auf der linken schwarzen Flanke: Magath verdirbt allmählich seine Position.

19.Sxg5 Dxg5 20.a4 …

Als Konter eine Aktion auf dem linken Flügel, die ausnahmsweise richtig ist: Weiß rollt Magaths rechte Flanke auf.

20…. Sc4 21.b3 Sb6 22.axb5 axb5

Falls 22…. Sxd5, dann: 23.Lxh7+ Kxh7 24.Dxd5 Txc3 24.bxa6 Txh3 25.a7! …

23.Lxb5 Txc3 24.Ta6 Tb8 25.Da1 Tcc8

Die möglichen Alternativen sind noch ungünstiger oder bringen bestenfalls gar nichts ein: A.25…. Txh3? 26.Txb6 …; B.25…. Txb3? 26.Txb6 Txb5 27.Txb5 …;

C.25…. Sxd5 26.Lc6 Txc6 (26…. Sf4? <26…. e4 27.Lxd5+ … und 28.Dxc3 …> 27.Dxc3 Sxh3+ hilft Schwarz auch nicht weiter) 27.Txc6 Sf4 28.g3 Sxh3+ 29.Kg2 …, und der schwarze Scheinangriff ist abgeschlagen.

26.Lc6 Dd2 27.Da5 Dxa5 28.Txa5 Td8 29.Tea1 Sc8 30.Tb1 Tb4 31.Ta4 Txa4 32.bxa4 …

Ein gefährlicher Freibauer, der unaufhaltsam Richtung a8 marschiert ...

32…. Sa7 33.a5 Kf8 34.a6 Tc8 35.Tb7! …

Ein kleines, aber entscheidendes Opfer.

35….. Sxc6

Alternative: 35…. Ta8 36.Td7 Sxc6 37.dxc6 Txa6 38.c7 … (Freibauer Nr. 1 ist eliminiert, aber nun geht der c-Kollege vor) 38…. Ke8 39.Td8+ und c8=D.

36.dxc6 Txc6

Schwarz hat einen Bauern gewonnen, aber das ist ein Scheinerfolg: Der Durchstoß des a-Mannes auf die Grundreihe ist nicht mehr zu stoppen.

37.a7 Ta6 38.Tb8+ Ke7 39.a8=D …

Die Pille im Netz von Magath: Weiß holt sich für den Bauern eine Dame.

39…. Txa8

Magath muss für diese neu geborene Dame seinen Turm opfern, sonst wäre es natürlich noch schneller aus.

40.Txa8 …

Weiß hat jetzt eine schwere Einheit mehr; Magath kann diesen Rückstand nicht mehr aufholen.

40…. Ke6 41.Kf1 h5 42.Ke2 Kf5 43.Ta7 Ke6 44.Ke3 g6 45.g3 f6 46.g4 hxg4 47.hxg4 f5 48.f3 d5 49.Ta6+ Kf7 50.g5 Kg7 51.Td6 d4+ 52.Kd3 Kf7 53.Tf6+ Kg7 54.Te6 e4+ 55.fxe4 fxe4 56. Kxe4 Aufgabe 1:0


Gut gestartet – trotzdem verrissen …

Partie zum Durchklicken...

Weiß: Marco Bode
Schwarz: Dr. René Gralla
Zentrale von ChessBase, Hamburg/Germany, 4. April 2003, 5-Minuten-Blitzpartie (online)

Nordisches Gambit

1.e4 e5 2.d4 exd4 3.c3 …

Die Opfervariante: Das Nordische Gambit

3…. Sf6!?

Schwarz lehnt das freundliche Angebot, mit 3… dcx3 4.Lc4 cxb2 5.Lxb2 … zwei Bauern zu gewinnen, dafür aber dramatischen Entwicklungsrückstand zu riskieren, auf eine Weise ab, die der große Strategietheoretiker Aaron Nimzowitsch vorgeschlagen hat: 4.e5 Se4 5.Ld3!? d5!. Die Sache hat bloß einen Haken: Nach 4.e5 Se4 5.De2! … (eine Empfehlung von Dr. Max Euwe) gerät Schwarz unter Druck.

4.e5 …

Bode hält sich an die strategische Faustregel für Brettschach – die sich analog auch auf’s Rasenschach übertragen lässt: im Zentrum Druck machen.

4…. Se4

5.Dxd4 …

Besser ist, wie erwähnt, 5.De2! …

5…. d5 6.exd6 e.p. Sxd6 7.Sf3 Sc6 8.Lb5 Ld7 9.Lxc6 Lxc6

Bode hat, wenn auch kurzfristig, die Stellung der Dame im Zentrum behauptet.

10.Sbd2 De7+!

Schwarzer Gegenschlag – ebenfalls durch die Mitte: Entweder muss Bode die Rochade aufgeben – oder er bleibt auf einem isolierten Bauern in der halboffenen e-Linie sitzen.

11.De3 …

Bode riskiert den Isolani; offenbar will er das Recht nicht verlieren, seitwärts seinen König aus der gefährlichen Zentralregion in Sicherheit zu bringen.

11…. Dxe3+ 12.fxe3 0-0-0 13.Se5 …

Brav bleibt Bode bei der Zentralstrategie.

13…. Ld5 14.0-0 f6 15.Sef3 Se4

Der Autor will Bode nicht das Feld im Zentrum überlassen und geht ebenfalls im Mittelabschnitt vor.

16.Sxe4 Lxe4 17.Sd4 Lc5 18.b4 …

Der Mythos von der Flanke: Unvermittelt erliegt ihm auch ein Marco Bode – irrtümlich glaubt er wohl, den schwarzen Läufer am linken weißen Flügel zu umdribbeln und idealerweise auszuschalten.

18…. Lb6

Schwarz will einen verfrühten weißen Flankensturm provozieren.

19.a4 a6 20.a5(?) …

Und Bode hat sich auf dem linken Flügel festgerannt.

20…. La7

21.Se6 …

Zurück ins Zentrum – so weit, so gut.

21…. Td6

Bietet tückisch den Bauern g7 an …

22.Sxg7?? …

Bode flankt sehr leichtsinnig weit nach Rechtsaußen.

22…. Tg8! 23.Sh5 Txg2+

Die entscheidende Bresche in der rückwärtigen weißen Abwehrkette.

24.Kh1 Tf2+??

Übersieht im Stress der Blitzpartie das simple Matt durch Abzugsschach des vorgeschobenen schwarzen Turms:24…. Tg3+.

Der Turm deckt dadurch, dass er sich um einen Schritt zurückfallen lässt, den Angriff des Läufers auf den weißen Teamchef Kh1 auf, so dass weder der weiße Bauer h2 noch der weiße Springer h5 rechtzeitig zur Hilfe kommen und auf der ansonsten selbstmörderischen Position g3 dazwischen grätschen können. Die Folge nach dem – hypothetischen – 24…. Tg3+ ist selbstverständlich: 25.Tf3 Lxf3#.

25.Kg1 Tg2+

Hektisch sucht der Autor nach der Mattstellung, findet sie aber einfach nicht …

26.Kh1 …

Noch ginge 26…. Tg3+ und #.

26…. Te2+??

Unglaublich …

27.Kg1 Tg2+

… und Unentschieden durch Zugwiederholung: zum dritten Mal steht dieselbe Stellung auf dem Brett. 0,5:0,5

Und wieder rackert Takahara …

Schauen wir uns zum Schluss die Begegnung des Autors mit dem japanischen Stürmer Naohiro Takahara an, der gegenwärtig beim HSV unter Vertrag steht. Die besagte Begegnung wurde nach den Regeln des speziellen Nippon-Schachs "Shogi" ausgetragen.

Dabei sind folgende Besonderheiten zu beachten. Das Shogi-Brett hat 9x9 Felder; und obwohl auch hier Weiß (japanisch: gote) gegen Schwarz (sente) antritt, sind alle Steine einfarbige flache und vorne zugespitze Plättchen. Die Chips in Form von Pentagrammen tragen japanische Schriftzeichen, die angeben, um welche Spiel-Einheit es sich jeweils handelt. Weist die Spitze einer dieser Flach-Figuren - wie bei einer mittelterlichen Attacke der Lanzenträger - , direkt auf mich, so weiß ich: Das ist der Feind. Kehrt mir das Teil dagegen die breite stumpfe Seite zu, in meine Richtung, dann ist klar: Das ist unser Mann.


 

Dieses Design - das vorstehende Diagramm haben wir entnommen bei www.chessvariants.org/shogi.html - soll die spannende Shogi-Regel praktikabel machen, dass eroberte Steine des Gegners hinterher wieder zur Verstärkung der eigenen Truppen eingesetzt werden dürfen: durch sogenannte "Drops". Habe ich nämlich einen Gefangenen beim Gegner gemacht, wandert der Betreffende zunächst in meine Reserve hinter der Front, mithin auf meiner Seite, aber zunächst außerhalb des Feldes (als Figur "in der Hand", englisch: "in hand"). Will ich die frisch gewonnene Verstärkung mobilisieren, drehe ich den dafür ausgewählten Stein einfach um (indem nun die Spitze weg von mir und auf den Kontrahenten zeigt) und setze das Teil direkt auf dem Gefechtsfeld ein, wie es die Lage gerade erfordert. Das kommt Überfallangriffen von Fallschirmjägern ziemlich nahe - und versetzt dem wie ein Blitz aus heiterem Himmel Attackierten häufig genug einen der gefürchteten "Shogi-Schocks".

Noch eine Zusatzregel haben sich die Japaner ausgedacht: In ihrem besonderen Schach eröffnet nicht Weiß die Partie, sondern Schwarz. Außerdem ist die Rochade unbekannt: Will sich der König verschanzen, muss er sich in mehreren Schritten seitwärts in die Büsche schlagen und dort rasch eine Burg ("Castle") bauen.


Shogiaufstellung mit westlichen Figuren

Hier eine kurze Einführung in die Gangarten der Shogi-Figuren; um den Vergleich mit dem westlichen Schach zu erleichtern, wird dabei die asiatische Optik auf dem Shogi-Brett transformiert in westliche Diagramme - ein Konzept, das Douglas Crockford für seine Seite www.crockford.com/chess/shogi.html erarbeitet hat - sowie ein internationalisierter Set verwandt, der Schlüsselmomente der Shogi-Schlacht sichtbar macht.

Der King  - da es relevante nicht-japanische Literatur nur auf Englisch gibt, werden im Folgenden primär die englischen Begriffe und Abkürzungen verwandt - zieht wie der König im westlichen Schach. Abkürzung: K. Die Startpositionen der beiden Monarchen sind e1 (Weiß) bzw. e9.

Der Gold General - Abk.: G - auf der Damenposition, jedoch in zweifacher Ausführung - d1/f1 (Weiß) bzw. d9/f9 (Schwarz) - , bewegt sich ähnlich wie sein King: allerdings mit der Einschränkung, dass die beiden rückwärtigen Diagonalfelder (nach hinten schräg links bzw. schräg rechts) für ihn off limits sind. Der Silver General - Abk.: S (Startfelder c1/g1 bzw. c9/g9 ) zieht auf den Diagonalen jeweils ein Feld pro Schlagwechsel; außerdem darf er sich alternativ auch um ein Feld vorwärts bewegen.

Der Knight  - Abk.: N'' - , in der Grundstellung auf b1/h1 (Weiß) respektive b9/h9 (Schwarz), galoppiert wie ein Schachspringer, erreicht jedoch allein die beiden Felder vorne links und vorne rechts; mithin ein Knight von Gote, der bereits bis d5 getrabt ist, ausschließlich die Punkte c7 und e7. Der berittene Samurai darf sich weder zurückziehen noch zur Seite ausbrechen.

Die Lance - Abk.: L - , zu Beginn einer Partie auf a1/i1 (Weiß) und a9/i9 (Schwarz) -, bewegt sich wie ein Schachturm, dessen Manövrierfähigkeit eingeschränkt ist: Die Lanze kann auf ihrer Linie allein nach vorne preschen; ein Rückzug oder horizontale Operationen sind ausgeschlossen.

Der Rook - Abk.: R - , anders als im internationalen Schach bloß als Solitär auf dem Shogi-Brett (Startposition: h2 bzw. b8 ) unterwegs, rollt wie der westliche Kollege. Das gleiche gilt für den Bishop - Abk.: B - , der ebenfalls ohne zweiten Mann auskommen muss (Startposition: b2 und h8 ); es sei denn, der feindliche Läufer wird den Herrschaften von der anderen Feldpostnummer abgejagt.

Auf den Reihen c3 - i3 (Weiß) und c7 - i7 (Schwarz) ist die Linie der Pawns - Abk.: P'' - aufmarschiert. Ein Shogi-Bauer zieht, wenn er keinen gegnerischen Stein angreift, wie ein Schachbauer, abgesehen davon, dass der einleitende Doppelschritt ausgeschlossen ist. Will aber der Pawn einen Feind eliminieren, schlägt er ebenfalls direkt geradeaus zu, nicht schräg nach vorne links bzw. rechts wie im westlichen Schach.

Die Bauernreihen markieren zugleich den Beginn der Promotionszonen, in denen alle Steine, wenn sie den betreffenden Sektor erreicht haben, nach Wahl des Spielers befördert werden können (nicht: müssen, sofern wir dabei Ausnahmetatbestände für den Pawn , den Ritter und die Lanze einmal außer Acht lassen), um auf diese Weise ihren Wirkungsgrad zu steigern. Für Weiß ist die entscheidende Demarkationslinie die Horizontale a7 - i7, für Schwarz die Laterale a3 - c3 . Allein König und Goldgeneral werden nicht befördert.

Dringen Bauer, Lanze, Ritter oder Silbergeneral in den Promotionssektor ein und kriegen entsprechend jeweils einen höheren Dienstgrad verliehen, dann ziehen sie fortan - als prP'', prL, prN'' oder prS - wie ein Goldgeneral. Der Rook nach der Beförderung, Abk.: prR - , auch Drachenkönig (englisch: Dragon King) genannt, beherrscht zusätzlich, neben seinen üblichen Fähigkeiten als Turm, jeweils das nächstgelegene Feld auf den angrenzenden Diagonalen.

Der Bishop mit Promotion - Abk.: prB - verwandelt sich in das feurige Drachenpferd (englisch: Dragon Horse).

Dieser beförderte Läufer erweitert seinen Aktionsradius um die Zugriffsmöglichkeiten jeweils ein Feld vertikal oder horizontal in alle vier Richtungen.

Abschließend ein wichtiger Hinweis für den Fall, dass eine beförderte Einheit dem Feind in die Hände fällt. Zur Strafe wird sie degradiert: Nur herabgestuft zum ursprünglichen Dienstgrad kann sie in fremden Diensten von ihrem neuen Kommandeur ins Shogi-Theatre of Operations beordert werden.

Jetzt sind wir fit, um zu verfolgen, wie Naohiro Takahara auf den 81 Feldern des Japan-Schachs aufspielt.

Weiß: Naohiro Takahara, Shizuoka/Japan
Schwarz: Dr. René Gralla, Hamburg/Germany

Partie im Japanschach „Shogi“, Hamburg, HSV-Vereinslokal „Lindenhof“, Juni 2003

Unregelmäßig

1.... g7-g6 2.h3-h4 Gf9-g8 3.h4-h5 ...

Takahara versucht sofort, sich außen an der schwarzen Verteidigung vorbeizuschlängeln - und mit 4.h5-h6 ... durchzubrechen.

3.... Bh8-f7

Verhindert 4.h5-h6 ... .

4.R2-h4 ...

Möchte Schwarz offenbar überrumpeln.

4.... f7-f6 5.Rh4-e4 ...

Gote-Takahara will Sente liebend gern den Pawn e7 wegschnappen; gleichzeitig würde der Turm nach einem Einschlag in die schwarzen Bauern-Phalanx zum Drachenkönig avancieren.

5.... Gg8-f7

Der Goldgeneral – der von seiner vorherigen Position g8 den bedrohten Pawn e7 nicht hatte erreichen können, deckt nun von f7 aus den P''e7, den der Re4 anrempelt.

Daraufhin versucht Takahara - wie ein Stürmer, der vor der gegnerischen Abwehr hin und her tänzelt - , eine Lücke in der schwarzen Front aufzureißen, indem er seine schwere Einheit, den weißen Turm, über die vierte Reihe rumpeln lässt. Leider ohne greifbaren Erfolg: Als Ergebnis des Handgemenges verliert Takahara eine Lance, beide Knights und seinen Läufer; als eher mageren Kompensation knöpft er dem ChessBase-Autor zwei Soldaten und einen Goldgeneral ab.

Schwarz ist es gelungen, seinen König zu verschanzen in einem provisorischen "Castle" - aus Lance a9, Knight b9, Silver c8 sowie dem Pawn-Trio a7/b7/c7 - , während Takaharas King in der Mitte stecken geblieben ist. "In der Hand" - bereit für den Absprung als Paratrooper - hat der Autor einen Läufer und einen Ritter, der HSV-Japaner seinerseits drei Fußsoldaten und einen Goldgeneral.

Sehr unangenehm für Takahara ist auf a1 das schwarze Drachenpferd – der aufgerüstete Läufer mit zusätzlicher Nahkampfwirkung horizontal und vertikal (hier momentan: nach b1 und a2 -), das sich im weißen Lager festgebissen hat. Und von dort kaum zu vertreiben ist.

Versucht Takahara, mit 1.G-drops-b2 ... das Monster einzukreisen, fliegt ein schwarzer Knight ein - 1.... N''-drops-c4 - , und der säubert gemeinsam mit dem Drachenpferd die Sperre auf b2. Der weiße Goldgeneral kann vorher dem schwarzen prB keineswegs ans Leder, weil das Feld a1 außerhalb der Zugriffsmöglichkeit des Gb2 liegt.

Möchte der Goldgeneral d2 seinem bedrohten Kollegen - Schwarz plant den sofortigen Ausbruch 2.... N''c2xb2 (promotes) 3.Sc1xb2 prBxb2 - zur Hilfe eilen, wäre das natürlich ein schlimmer Patzer: 2.Gd2-c2??? B-drops-a5 ... - und der weiße Rook b4 ist gefesselt und geht verloren.

Auch der Versuch 1.G-drops-c2 ... - mit dem Plan 2.Sc1-b2 ... – funktioniert nicht; schließlich kann das Drachenpferd sofort davonschnauben: 1.... prBa1-e5 2.e3-e4??? N''d6xe4.

Interessant ist die Idee einer Fernabriegelung mit 1.G-drops-c3 ... ; aber am Ende setzt sich Sente doch durch: 1.... N''-drops-c4 2.Gd2-c2 B-drops-a5 3.Rb4-a4 Ba5xc3 (promotes)+ 4.Gc2xc3 prBa1xc3+ mit Angriff.

Für den weißen Monarchen wird es ungemütlich, jeder Schritt daneben führt in den Untergang - so bei 5.Ke1-d1??? G-drops-e1#.


Der weiße König ist Matt durch die Paratrooper-Attacke eines schwarzen Gold Generals auf e1. Warum? Der eingeflogene schwarze Gold General greift seitwärts den weißen König auf d1 an – und wird selber gedeckt vom schwarzen beförderten Läufer auf c3. Außerdem – durch seine rückwärtige Wirkung nach e2 – nimmt der schwarze Gold General e1 dem kommandierenden weißen „Jade-General“ d1 das besagte Fluchtfeld e2. White King kann auch nicht über d2 entkommen; das verhindert die Diagonalwirkung des schwarzen Drachenpferdes auf c3. Überdies liegt das potenzielle Fluchtfeld c2 unter Beschuss durch die (in diesem Fall: vertikale) Feuerwirkung von Black Dragon Horse c3. Und das Hintertürchen c1 ist versperrt, weil dort bräsig der weiße Silver General c1 hockt.


Aber auch nach 5.Ke1-f1! ... geht es heftig zur Sache: 5.... G-drops-e1+

6.Kf1-g2 ... .

Und dem weißen Feldherrn auf der Flucht bläst der Wind ins Gesicht: Es drohen einerseits das simple, aber effektive 6.... prBc3xd3, andererseits aber auch die sofortige Promotion des Black Knight c4 - mit 6.... N''c4-d2 (promotes) - ; sowie, last not least, das frugale 6.... Lh8xh5 mit den möglichen Weiterungen 7.... G-drops-h3+ respektive erst jetzt 7.... N''c4-d2 (promotes).

Das alles sieht Naohiro Takahara. Längere Zeit grübelt er - bis er plötzlich murmelt, er müsse zurück zum Training. Daraufhin bietet ihm der Autor Remis an - was Taka sofort annimmt, sichtlich erleichtert vom Tisch aufsteht ... und verschwindet.

Wobei anzumerken bleibt: Im Shogi ist es eigentlich unzulässig, ein Unentschieden zu vereinbaren - aber eine besondere Situation verlangt eben auch ein besonderes Handeln.

Shogi macht's möglich. Deswegen kann das Japanschach für den „Sushi-Bomber“ des HSV (so die typische Diktion der BILD-Zeitung) durchaus eine Chance sein, nach dem Fußball eine Zweitkarriere zu starten. Für die diesjährige Amateur-WM am 22. Und 23. Oktober 2005 in Tokio ist das freilich zu spät. Aber die nächste WM in Tokio winkt bereits 2008 – und das wieder in gewohnt inspirierender Atmosphäre.

Vielleicht sollte der Doppel-Champ im Rasen- und Japanschach, Naohiro Takahara, da schon mal anfangen, ein paar Shogi-Eröffnungen zu üben.

Goooooaaaaaaaaaaaaaaal.

Dr. René Gralla, Hamburg/Germany


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