Für Hybridschach wird es jetzt ernst

von Stefan Löffler
11.05.2021 – Onlineschach unter Aufsicht von Schiedsrichtern bietet nicht nur einen Ausweg aus der Betrugsfalle sondern auch eine Möglichkeit, sich klimaschonend mit entfernten Gegnern und Teams zu matchen. Mit dem Mitropacup und demnächst der Weltcup-Qualifikation gibt es erste wichtige Hybridturniere. Dabei muss Hybridschach erst besser erprobt werden, findet Stefan Löffler. | Bild: Christoph Menezes (Fotos: Stefan Löffler / Bernhard Riess)

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Grundsätzlich neu ist Hybridschach nicht. Als Bobby Fischer 1965 nicht nach Kuba reisen durfte, machte er seine Züge im New Yorker Marshall Chess Club, und sie wurden nach Havanna telegraphiert. Auch im Radiowettkampf 1945 wurden die sowjetische und die amerikanische Auswahl von Schiedsrichtern beaufsichtigt. Freilich gab es damals keine Computer, die den Spielern sinnvolle Hinweise hätten geben können.

Nicht nur das ist heute anders. Wegen Covid-19 ist es gerade in vielen Ländern verboten, dass zwei Menschen aus verschiedenen Haushalten stundenlang auf weniger als zwei Meter Abstand sitzen. Beim Hybridschach ist der Gegner nicht im gleichen Raum. Jeder hat seinen Schacharbeitsplatz für sich. Der Schiedsrichter kann alle Stellungen und den Bedenkzeitverbauch an seinem Computer überblicken, aber auch jederzeit kontrollieren, dass die Spieler außer einer Spielplattform und einer Videokonferenz kein weiteres Programm verwenden. Mit einer Engine oder einem Helfer zu kommunizieren ist natürlich verboten.

Für hybrid ausgetragene Wettbewerbe gibt es seit kurzem Regeln von der FIDE. Auch im Deutschen Schachbund können sie ausgewertet werden. Dabei gibt es noch kaum Erfahrungen damit. Ein vom Katalanischen Schachverband geplantes hybrides Open mit Turniersälen in verschiedenen Ländern musste im Herbst wegen der zweiten Covid-Welle abgesagt werden. Darum begann ich, Teilnehmer für einen Hybrid Cities Cup zu suchen.

Die katalonischen Vordenker waren mit Barcelona dabei. Dazu der von Magnus Carlsen 2019 gegründete Klub Offerspill, der sich die Verbindung von Brett- und Onlineschach auf die Fahnen geschrieben hatte. Außerdem der Slowakische Schachverband mit seinem rührigen Organisator Tomas Danada. Und Axel Smith brachte die für ihre Großmeisterturniere bekannte Kanzlei TePe Sigeman in Malmö ins Spiel. Axel ist ein Schach-Klimaaktivist und rechnete aus, dass wir mit der hybriden Austragung mehr als 93 Prozent CO2 einsparten, als wenn drei der vier Teams gereist wären.

Wir entschieden uns für elektronische Bretter von DGT und die Plattform Lichess, was bei Testläufen an jedem Spielort auch funktionierte. Am Spieltag aber gingen immer wieder Züge zwischen Brett und Plattform verloren, und die Bedenkzeit des falschen Spielers lief. Obwohl die Schiedsrichter ständig korrigierten, beendete die Plattform zwei Partien wegen vermeintlicher Zeitüberschreitung. Während der dritten und letzten Runde ließen wir die Spieler die Züge direkt auf Lichess eingeben. Gerade weil der Wettkampf nicht reibungslos lief, lernten wir enorm viel. Etwa, dass es enorm schwerfällt, beim ersten Mal Hybridschach auf Normalniveau zu spielen.

Inzwischen arbeite ich mit Tornelo zusammen. Tornelo ist nicht für freie Onlinepartien sondern als Turnierplattform entwickelt worden und hat daher mehr Funktionen für Schiedsrichter, was sich bei Hybridschach besonders bewährt. Bricht die Internetverbindung ab, wird der Spieler nicht bestraft sondern die Uhr angehalten. Rutscht einem Spieler bei der Zugeingabe die Maus aus, korrigiert der Schiedsrichter anhand der Stellung auf dem Brett. Außerdem brauchen die Spieler bei Tornelo nicht gebannt auf den Bildschirm starren, sondern bekommen zuverlässig mit, wenn der Gegner gezogen hat, wie im März ein Match zwischen Berlin und Wien gezeigt hat.

Anatol Vitouch

Peter Sadilek

Fabian Matt und Schiri Phil Scheffknecht

Unter großem Aufwand ist vorige Woche der Small Nations Chess Cup ausgespielt worden. Acht Spielsäle, zehn Spieler (Michael Wiedenkeller aus Luxemburg gewann) und noch mehr Schiedsrichter waren im Einsatz. Alles habe praktisch reibungslos funktioniert, teilt Hauptschiedsrichter Marco Biagioli mit. An diesem Dienstag beginnt der Mitropacup. In zehn Ländern treffen sich jeweils das Herrenteam und Frauenteam. Deutschland spielt wie bei der Kader Challenge im April und beim Meisterschaftsgipfel 2020 von Magdeburg aus. Die Österreicher treffen sich im Haus des Wiener Schachverbands, die Schweizer im vom Zürcher Weihnachts-Open bewährten Crowne Plaza Hotel.

Damit haben die Verbände einen willkommenen Testlauf für die am 22. Mai beginnende Weltcup-Qualifikation. Weil die Europameisterschaft am Brett frühestens im Spätsommer stattfinden kann, hat die ECU Hybridwettkämpfe anberaumt, wo den besten 32 die Teilnahme am hochdotierten Weltcup im Juli in Sotschi winkt. Der Portugiesische Schachverband ist nicht am Mitropacup beteiligt und bat mich, für einen hybriden Test am ersten Mai-Wochenende Sparringspartner zu finden.

Weil große Teile Mittel- und Nordeuropas noch im Lockdown sind, sagten mir eine ganze Reihe Interessenten wieder ab. Also trommelte ich kurzfristig selbst an meinem Zweitwohnsitz Wien ein Team zusammen. Die größte Hürde war, einen Spielort zu finden. Weil sich drinnen nicht mehrere Haushalte treffen dürfen, sollte es ein Garten sein, in dem vier Spieler geschützt vor Sonne, Wind und Regen und mit zwei Meter Mindestabstand voneinander spielen konnten.

Eine Heurigenwirtschaft sprang ein. Da zwitscherten Vögel, grüßten Passanten über den Gartenzaun, und je nach Wind war eine Schnellstraße zu hören. Während in Lissabon in den Räumen des Portugiesischen Schachverbands Maskenpflicht galt, konnten die Wiener frei atmen und spielten entsprechend gut auf - mit Ausnahme eines Einstellers, der das nach Elo etwas schwächere Team einen möglichen 3:1-Sieg kostete. Wichtiger als das Endergebnis 2:2 war freilich die Erfahrung.

„Umstandsbedingt durch Corona das beste kompetitive Format, das man sich wünschen kann“, fand Fabian Matt. Als größten Unterschied zu einer normalen Partie machten die Spieler aus, das sie ihre Gegner nur über Zoom sahen. Die Internetverbindung brach unter der Datenlast der mitlaufenden Videokonferenz ein paar Mal kurz ab, was meist nur der Schiedsrichter mitbekam. Weitere Experimente sind willkommen. Playchess bietet sich mit seiner integrierten Videofunktion für virtuelle Klubräume unbedingt an.

Zu den Partien:

Menezes – Cumming

folgt Carlsen - Grischuk, 2019 https://de.chessbase.com/post/norway-chess-runde-3-carlsen 12.Lxc5 Lxf3 13. gxf3 Tc8 14. Lb4 Dc7 mit Kompensation. 13. h3 ist ein Tempoverlust. 18...f5 ist stark. 20...Lxc3 hätte Schwarz etwas mehr Vorteil gegeben. 32...Db4 war die letzte Kampfchance.

Martins – Sadilek

12.b3 ist zu schlapp. Nach 12...d5 sollte Weiß alles tauschen und Ausgleich. 31...De6 ist natürlich bitter, zumal Sadilek 30...De6 wegen Txd4 verwarf. Eine Folge von Monaten nur Onlineschach.

Matt – Dias

15.Dg4 starkes Bauernopfer. 19...Df6? 19...g6 ist hässlich aber die Partiefolge ist praktisch verloren für Schwarz. Später Sd6 hatte Matt übersehen, aber es ist immer noch gewonnen.

Rocha – Vitouch

6.bxa3 ist wohl nötig, die Kompensation in der Partie laut Vitouch nicht ganz ausreichend, aber Rocha habe danach genug Probleme gestellt, und im Endspiel musste Schwarz sogar noch etwas aufpassen.

Partien:

 

Links

Partien des Mitropa Hybrid Turniers

 

Frauenturnier

 

Interview mit Hybridschach-Schiedsrichter...

FIDE approves hybrid competitions...

Curtains Up for Hybrid Chess...

Hybrid Lessons...


Stefan Löffler ist Journalist und Internationaler Meister in Wien und Lissabon. Er ist Redakteur von https://ChessTech.org, Mitarbeiter von ChessPlus Ltd. und Programmdirektor der Onlinekonferenz ChessTech 2020, https://chessconference.org

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