Wenn Matthias Blübaum in diesen Tagen die letzten Vorbereitungen für das Kandidatenturnier trifft, geschieht das unter Bedingungen, die im deutschen Schach lange als kaum vorstellbar galten. Der Großmeister, der sich überraschend für das prestigeträchtige Turnier qualifiziert hat, steht plötzlich im Zentrum einer breiten Unterstützungsbewegung – finanziell, organisatorisch und symbolisch. Es ist ein Schulterschluss, der weit über die Grenzen der Szene hinausreicht.
Es geht um nicht weniger als die Chance auf ein WM-Duell gegen Titelträger Dommaraju Gukesh. Für Blübaum, der im internationalen Vergleich häufig als Außenseiter gilt, markiert das Kandidatenturnier den bisherigen Höhepunkt seiner Laufbahn. Allein seine Teilnahme ist historisch: Er ist der erste deutsche Spieler seit Jahrzehnten, der sich für das Kandidatenturnier qualifiziert hat.
Umso bemerkenswerter ist, wie geschlossen sich die deutsche Schachlandschaft hinter ihn gestellt hat. Insgesamt rund 86.000 Euro wurden akquiriert, um optimale Trainings- und Wettkampfbedingungen zu schaffen. Diese Summe speist sich aus unterschiedlichen Quellen: staatliche Förderung, Mittel des Deutschen Schachbundes, Beiträge regionaler Verbände sowie ein beachtlicher Anteil aus Crowdfunding-Initiativen.
Im Einzelnen schlüsselt DSB-Sportdirektor Kevin Högy den Betrag so auf: 36.000 Euro vom Bundeskanzleramt, 25.000 Euro vom Deutschen Schachbund, knapp 21.000 Euro über das Crowdfunding, 2500 Euro Förderung vom Spitzensportland Baden-Württemberg, plus ein vierstelliger Betrag vom Schachverband Württemberg. Matthias Blübaum ist zwar Ostwestfale, aber über seinen Bundesligaverein SF Deizisau eng mit Baden-Württemberg verbunden.
„Von meiner Seite aus geht ein großer Dank an DOSB und Bundeskanzleramt“, so Högy. „Ich hatte das Projekt Kandidatenturnier vorgestellt, den entsprechenden Finanzbedarf skizziert - und es wurden gleich von allen Seiten positive Signale ausgesendet. Dass auch der Schachverband Württemberg mit dabei ist, ist nicht selbstverständlich. Carsten Karthaus hat sogar eigenständig die Förderung über den Fördertopf Spitzensportland BaWü gestartet, wir haben als DSB assistiert. Dass da nochmal Geld zusammenkam, ist schon etwas Besonderes. Toll auch, dass sich ein Landespräsident so für einen DSB-Kaderspieler einsetzt.“
Auch ChessBase steuert einen wichtigen Beitrag zu seiner Vorbereitung bei, dazu schreibt der DSB:
Auch ChessBase und Jan Henric Buettner helfen
Wichtig, zweifellos, auch diese Form der Unterstützung: Der Unternehmer Jan Henrich Buettner stellte für ein längeres Trainingslager sein Gut Weissenhaus an der Ostsee zur Verfügung - zwischen den Einheiten konnte das gesamte Team am fußläufig zu erreichenden Strand auch mal die Seele baumeln lassen. Chessbase gab Blübaum und seinen Sekundanten freien Zugang zum Superrechner für die Vorbereitung - und half auch mit weiteren Chess-Base-Produkten.
Besonders auffällig ist also die Breite der Unterstützerbasis – viele Spenden stammen auch von Menschen außerhalb der organisierten Schachszene.
Diese Entwicklung signalisiert einen Wandel. Schach, oft als Nischensport wahrgenommen, erfährt durch Blübaums Erfolg und seine Qualifikation für das Kandidatenturnier eine für den Schachbereich neue Form der öffentlichen Aufmerksamkeit. Funktionäre betonen, dass es nicht nur um finanzielle Hilfe gehe, sondern um ein gemeinsames Signal: Deutschland wolle seinem Vertreter auf der größten Bühne des Denksports den Rücken stärken.
„Es haben viele Menschen jenseits unserer Mitgliederbasis gespendet. Das zeigt eindrucksvoll: Ganz Schach-Deutschland steht hinter Matthias Blübaum!“
Ingrid Lauterbach, DSB-Präsidentin
Sportlich reist Blübaum dennoch ohne den Druck eines Favoriten an. Seine Qualifikation galt selbst unter Experten als Überraschung – zumal er sich gegen prominente Namen aus der internationalen Spitze durchsetzen konnte und dabei sogar seinen Nationalmannschaftskollegen Vincent Keymer hinter sich ließ. Diese Außenseiterrolle könnte sich nun als Vorteil erweisen: Der Erwartungsdruck lastet eher auf den Favoriten wie Hikaru Nakamura oder Fabiano Caruana, während Blübaum vergleichsweise unbeschwert aufspielen kann.
Turniertrailer der FIDE:
Hinzu kommt eine bemerkenswerte sportliche Entwicklung. In den vergangenen Jahren hat sich Blübaum kontinuierlich in der Weltelite etabliert. Er gewann als Erster zum zweiten Mal die Europameisterschaft und überschritt in der Live-Weltrangliste sogar für kurze Zeit die symbolträchtige Elo-Marke von 2700. Sein Aufstieg ist damit keineswegs ein Zufallsprodukt, sondern Ergebnis langfristiger Konstanz.
Dass dieser Weg nun von einer derart breiten Unterstützung begleitet wird, verleiht dem Projekt eine zusätzliche Dimension: Blübaum steht für eine Generation, die das deutsche Schach wieder sichtbar macht.
Matthias Blübaum betont, er sei dem DSB sehr dankbar. Das Geld sei bereits für seine Vorbereitung „eine große Hilfe“ gewesen. „Er sehe sich als „absoluten Außenseiter“, der Mathematiker beziffert seine Siegchancen im großen DSB-Interview, das wir im Laufe dieser Woche veröffentlichen werden, sogar nur auf ein bis zwei Prozent - und auch deshalb seien professionelle Rahmenbedingungen umso wichtiger. „Wir wollten, dass er ähnlich gute Möglichkeiten hat wie seine Gegner, und da bewegt sich das bei einem solchen Top-Turnier nun einmal in dieser Größenordnung“, sagt Alexander von Gleich, DSB-Vizepräsident Finanzen: „Matthias soll einfach unbeschwert aufspielen und sein Bestes geben können, mit einem guten Team um sich herum.“ Für den Lemgoer Großmeister ein ungewohntes Gefühl: „Ich weiß nicht, ob ich unterschreiben würde, dass Spieler in meiner Spielstärke generell Sekundanten haben - eigentlich die wenigsten in meiner Spielstärke.“
Wenige Tage vor dem Start des Kandidatenturniers kann also das Daumendrücken intensiviert werden ...
Quelle: Deutscher Schachbund