Garry Kasparov zum 55. Geburtstag

von André Schulz
13.04.2018 – Der 13. April ist "Kasparov-Tag". Heute vor 55 Jahren wurde der wohl beste Spieler der Schachgeschichte geboren und hat seitdem die Schachgeschichte geprägt wie kaum ein Zweiter - nicht nur am Brett! (Foto: Kasparov.com)

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55 Jahre Garry Kasparov

Neben Bobby Fischer ist Garry Kasparov der Name eines Schachspielers, der "jedermann" geläufig sein dürfte, selbst, wenn er mit Schach nichts zu tun. Im Laufe der Zeit, wurde Kasparov die Schachwelt auch zu klein und er machte sich auch auf dem Gebiet der Politik und als Publizist einen Namen. Aber auch nach dem Ende seiner aktiven Karriere als Turnierspieler blieb er dem Schach auf viele Gebieten treu. Als Schach-Botschafter, Geld-Beschaffer, Organisator - als kraftvolle Schach-Engine.

Kasparovs Aufstiegzur Weltspitze war raketenhaft und kam besonders für die Schachfreunde überraschend, die diesseits des damals noch existierenden "eisernen Vorhangs" lebten. Für die Jüngeren: Nachrichten aus dem "Ostblock", den Ländern, die nach dem Zweiten Weltkrieg unter sowjetischem Einfluss standen, tröpfelten damals nur als als dünnes Rinnsal in den "Westen." Schachnachrichten wurden ohnehin in ganz anderen Intervallen gereicht, als man das heute gewohnt ist. Es gab nämlich mal eine Welt ohne Internet. Der halbjährlich erscheinende Schach-Informator war eine wichtige Informationsquelle für Partien, für Nachrichten eher nicht. Die meisten Schachmagazin erschienen monatlich.

Plötzlich tauchte in den Schachnachrichten dieser neue Name auf: Kasparov! Sein Talent hatte sich innerhalb der Sowjetunion entwickelt und dort munkelte man schon von dem heraufdämmernden Superstar. 1979, mit 16 Jahren, durfte Kasparov sein erstes Erwachsenen-Turnier im Ausland spielen, im April des Jahres in Banja Luka. Er reiste als Elo-loser Spieler an, gewann das Turnier und ließ dabei so prominente Spieler wie Jan Smejkal, Ulf Andersson, Tigran Petrosian oder Andras Adorjan hinter sich. Der Junge gewann auch nicht irgendwie, sondern mit zwei satten Punkten Vorsprung. Im Juli 1979 veröffentlichte die FIDE eine Ergänzungsliste zu ihrer Eloliste vom Januar 1979. Kasparov landete mit seiner ersten Eloauswertung überhaupt mit Elo 2545 auf Rang 40 der damaligen Weltrangliste. Heute entspräche das einem Wert von etwa 2700. Im Januar 1979 führte Anatoly Karpov die Weltrangliste an, als einziger Spieler über 2700, mit genau 2705. Viktor Kortschnoj hatte als Zweiter 2695. Dahinter klaffte schon eine Lücke. Portisch war mit 2640 Weltranglistendritter.

Auf dem Weg zur Weltmeisterschaft

Das war ein Auftritt. Und es ging so weiter. Im Januar 1980 wurde Kasparov bereits in die sowjetische Nationalmannschaft berufen und spielte bei der Europamannschaftsmeisterschaft in Skara, Schweden, mit. Das erste Brett vertrat Karpov, der gleich in der ersten Runde im Match gegen England gegen Tony Miles verlor. Es war die berühmte Partie, in der Miles nach 1.e4 mit 1...a6 eröffnete. Nach dieser Niederlage schaffte Karpov in Skara nur noch Remisen. Der 17-jährige Kasparov, damals noch mit dem Vornamen "Harry" transkribiert, sorgte mit einem Score von 5,5:0,5 trotz mäßiger Form einiger anderer sowjetischer Spieler dafür, dass die UdSSR erneut Gold gewann. Im März 1980 gewann Kasparov dann noch ein gut besetztes Turnier in Baku. Und im August des Jahres wurde er in Dortmund Junioren-Weltmeister, mit 10,5 aus 13 und 1,5 Punkten Vorsprung vor dem Zweiten, Nigel Short. 13 Jahre später trafen sich beiden beim WM-Kampf in London wieder. Im November 1980 gehörte Kasparov dann auch zum siegreichen UdSSR-Team bei der Schacholympiade auf Malta und war mit 9,5 aus 12 erneut bester Spieler der Mannschaft.

Nach seinem Gewinn des Junioren-Weltmeistertitels nahm Kasparov Kurs auf den richtigen Weltmeistertitel. Wer sich für die Einzelheiten interessiert, findet in Kasparovs frühen Büchern "Von der Zeit geprüft" (1986) und vor allem "Politische Partie" (1987) reichhaltigen Lesestoff. Nicht alles, was er damals schrieb, würde er wohl heute so wiederholen. "Ich war jung", erklärte er einmal seine damaligen Werke.

1984 traf Kasparov als Herausforderer auf Anatoly Karpov, hatte sich zuvor ausgebootet gefühlt und war nur dank der Unterstützung des aserischen Politbüromitglieds Aliev wieder im Geschäft. Kasparov war jung und fühlte sich stark, doch so einfach war Karpov vom Weltmeisterthron nicht zu vertreiben. Genau genommen dauerte der Kampf zwischen den beiden besten Schachspielern des Planeten um die Vorherrschaft von 1984 bis 1990 und ging über insgesamt fünf WM-Kämpfe und 144 Partien. Am Ende hatte Kasparov einen dünnen Vorsprung von 21:19 Siegen. Auch neben dem Brett wurde eifrig gekämpft, von Kasparov in vielen Interviews noch intensiver als von Karpov.

Kasparov ist Weltmeister (Foto: Kasparov.com)

Beim Abbruch des ersten Wettkampfes 1984/85 fühlte sich Kasparov vom Weltschachbund und seinem damaligen Präsidenten Campomanes benachteiligt. Daraus entwickelte Kasparov eine intensiv gepflegte Feindschaft gegen Campomanes und die FIDE und betätigte sich auf schachpolitischem Gebiet. Schon bald nachdem er 1985 Weltmeister wurde, war Kasparov an der Gründung der GMA (Grandmaster Association) beteiligt, die in Konkurrenz zur FIDE selber Schachturniere organisierte. 1993 führte der Streit mit der FIDE zum Ausstieg von Kasparov und Short aus der FIDE-Weltmeisterschaft. Im Nachhinein beurteilte Kasparov diese Entscheidung sehr kritisch: "Der größte Fehler meines Lebens," meinte er einmal in einem Interview. Kasparov und Short gründeten mit Freunden die PCA (Professional Chess Association), die es mit dem Geld des Sponsors Intel immerhin schaffte, 1994/95 einen vollständigen eigenen WM-Zyklus zu organisieren.

Rücktritt vom Profischach

2000 verlor Kasparov seinen Titel nach 15 Jahren und fünf erfolgreichen Titelverteidigungen an den von ihm zuvor protegierten Vladimir Kramnik. Kasparovs Versuche, zu einem Rückkampf zu kommen, scheiterten. 2005 erklärte er nach einem Turnier in Linares seinen Rücktritt vom Turnierschach. Zu dieser Zeit war Kasparov mit 2812 noch die Nummer Eins in der FIDE-Weltrangliste, eine Position, die er 20 Jahre lang inne hatte. Im Januar 1985 hatte Kasparov mit 2715 Karpov schon als Nummer Eins abgelöst. Im Juli 1999 erreichte er mit 2851 seinen Elo-Zenit. Seine Bestmarke wurde erst 15 Jahre später, im Mai 2014, von Magnus Carlsen auf den neuen Höchstwert von 2882 getrieben. Die beiden Zahlen sind nur schwer miteinander vergleichbar. Misst man aber jeweils den Abstand von Kasparov und Carlsen zum Elo-Schnitt der übrigen Top 100-Spieler, dann ist Kasparovs Leistung sogar höher zu bewerten.

Neben dem Turnierschach hat sich Kasparov ausgiebig auch als Schachpublizist betätigt. Sein fünfbändiges Werk "Meine großen Vorgänger" liefert einen ausführlichen Überblick über die Geschichte der besten Schachspieler. In "Strategie und die Kunst zu leben: Von einem Schachgenie lernen" (2007) schlägt er eine Brücke vom Schachbrett zur richtigen Lebensstrategie. Jüngst erschien "Deep Thinking" (2017), in dem Kasparov über die Entwicklung des Computerschachs schreibt, soweit er sie selber miterlebt hat. Kasparov spielte bekanntlich einige Wettkämpfe gegen Schachprogramme und Computer. Seine Niederlage gegen Deep Blue 1997 sorgte weltweit für Schlagzeilen. Kasparov war aber auch von Anfang an über die Entwicklung des Computers als Trainingswerkzeug informiert, hat das ChessBase-Programm bereits Ende der 1980er Jahre in seinen DOS-Versionen gekannt und war einer der ersten Nutzer. Als einer der ersten erkannte er die Möglichkeiten der computerbasierten Partievorbereitung.

Kasparov bei ChessBase in Hamburg (Foto: Frederic Friedel)

Schon lange vor seinem Rückzug aus dem Profischach hatte Kasparov begonnen, sich auch in der russischen Politik zu engagieren. 1990 war er ein Jahr lang Vizepräsident der "Demokratischen Partei", trat dann aber aus. 1993 war er Mitbegründer der Partei "Russlands Wahl". 2004 gründete er mit Freunden das "Komitees 2008", das sich für freie Wahlen in Russland einsetzte, außerdem die "Vereinigte Bürgerfront" und trat dem Parteienbund "Das andere Russland" bei. Bei seinen öffentlichen Auftritten wurde Kasparov systematisch gestört. 2005 schlug ihn jemand mit einem Schachbrett auf den Kopf. Bei anderer Gelegenheit verhinderten die Behörden seine Anreise zu einer Veranstaltung oder man ließ Kasparov mit Tomaten bewerfen. 2007 wurde Kasparov bei Demonstrationen zweimal festgenommen. Im April 2007 ließ man ihn nach Zahlung einer Geldstrafe wieder frei. Im November 2007 sperrte die Polizei ihn anlässlich eines nicht genehmigten Protestmarsches fünf Tage lang in Moskau ein. Einer der Besucher war Anatoly Karpov. 2012 wurde Kasparov bei einer Demonstration erneut festgenommen. Im Februar 2013 reiste Kasparov aus Russland aus und kehrte aus Angst um seine Sicherheit nicht mehr zurück. Einige Oppositionspolitiker waren inzwischen gewaltsam ums Leben gekommen. 2014 erhielt Kasparov die kroatische Staatsbürgerschaft. Er lebt nun die meiste Zeit in den USA und kritisiert von dort weiterhin in Interviews und Artikeln die Politik Putins und Russlands. Schon Ende der 1990er Jahre hatte er begonnen, als politischer Kolumnist über die Vorgänge in Russland in Beiträgen für US-Magazine wie das Wall Street Journal zu schreiben.

Schachbotschafter Kasparov

Auch sein Engagement in der Schachpolitik setzte Kasparov fort. 2010 unterstützte er seinen früheren Gegenspieler Anatoly Karpov bei dessen Kandidatur als FIDE-Präsident. 2014 trat Kasparow in Tromsö selber gegen Kirsan Ilyumzhinov an, ebenfalls ohne Erfolg. Mit der Kasparov Chess Foundation, die Dependancen auf verschiedenen Kontinenten hat, kümmert er sich um die Popularisierung des Schachs besonders in den Entwicklungsländern.

Schachbotschafter Kasparov (Foto: Kasparov.com)

Die Foundation fördert zudem Schachtalente. Als Schachbotschafter warb Kasparov 2011 vor dem EU-Parlament für Schach als Unterrichtsfach in den Schulen. Als Organisator ist er an der Turnierserie "The Grand Chess Tour" beteiligt, bei der die weltbesten Spieler in den USA und in Europa um  Preise und Punkte kämpfen.

Gelegentlich juckt es Kasparov in den Fingern. Dann setzt er sich selber wieder ans Brett. Im letzten Jahr ließ er sich in St. Louis zu einer Teilnahme an einem Blitz- und Schnellschachturnier überreden. Der Beste ist er nicht mehr. Aber mit den Besten mithalten kann er allemal. Heute feiert der vielleicht beste Spieler der Schachgeschichte seinen 55. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch! 

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André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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schaetzle73 schaetzle73 16.04.2018 12:12
Fischer war das beste Spieler aller Zeiten.
Er allein hat die riesige sowjetische Schule besiegt.
Er hat beweist der Sieg von Individualismus gegen Kollektivismus.
Kasparov, obwohl einer der Beste, in Vergleich zu Fischer, ist ein Zwerg.
Boeser Wolf Boeser Wolf 14.04.2018 04:53
@schaetzle73
Im Gegensatz zu seinen Jüngern kannte Fischer seine Grenzen und hat vor Karpow den Schwanz eingezogen.
Lt Marseille Lt Marseille 13.04.2018 10:44
Er ist knapp 3 Monate älter als ich. Wie viele Spieler meiner Zeit erinnere ich mich sehr genau an alles oben Geschriebene.
Garry war für viele von uns das absolute Idol, wir wollten spielen wie er, und einige seiner Varianten spiele ich heute noch - leider mit weniger Erfolg als er, aber das liegt wohl weniger an den Varianten...
Happy birthday, Garry, alles Gute, Lothar
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