Genie und Wahnsinn des Henry Nelson Pillsbury

von André Schulz
05.12.2017 – Genie und Wahnsinn lagen bei Pillsbury in gewissem Sinne nahe beieinander, aber nur zeitlich. Dank eines einzigartigen Gedächtnisses war er ein Schachgenie, zeitweise vielleicht der beste Spieler der Welt. Doch eine tückische, damals unheilbare Krankheit führte ihn im Alter von nur 33 Jahren in den Wahnsinn und in den Tod.

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Das kurze reiche Schachleben des Henry Nelson Pillsbury 

Henry (Harry) Nelson Pillsbury, wurde am 5. Dezember 1872 in Somerville, Massachusetts geboren, einem Vorort von Boston, heute vor 145 Jahren. Ein langes Leben war ihm nicht beschieden. Am 17. Juni 1906 starb er im Alter von 33 Jahren an Progressiver Paralyse, einer schweren neurologischen Störung, Folge einer Syphilis. Zum Zeitpunkt von Pillsburys Tod war die Syphillis als Ursache für schwere Schädigungen des Zentralen Nervensystems überhaupt noch nicht erforscht und so suchte man fälschlicherweise in Pillsburys vielfachen Blindsimultan-Auftritten die Ursache für seine geistige Verwirrung am Ende seines Lebens.

In der kurzen Zeit seiner aktiven Schachkarriere gehörte Pillsbury jedoch zwischen 1895 und 1904 zu den besten Schachspielern seiner Zeit und wurde mit seiner Partie gegen Emanuel Lasker zumindest in der Schachliteratur unsterblich, wobei er allerdings auf der "anderen", der falschen Seite saß. Allerdings gehören zu einer Glanzpartie auch immer zwei.

Harry Pillsburys Eltern waren beide Lehrer. Sein Vater Luther Batchelder Pillsbury (1832-1905) unterrichtete an der Prescott Grammar School. Später war er Stellvertretender Direktor an der Somerville High School, der Schule, an der auch Harry Pillsbury seine schulische Ausbildung erhielt. Pillsburys Mutter Mary A. (Leathe) Pillsbury (1838-1888) betätigte sich neben ihrem Hauptberuf als Lehrerin auch noch als Schriftstellerin. Harry Pillsbury hatte drei ältere Geschwister, zwei Brüder, Edwin und Ernest, und eine Schwester, May. Die Familie lebte in der Sargent Avenue. 

Karte

Google Streetview

Sargent Avenue (Google)

Als Henry Pillsbury 15 Jahre alt war, am 20.November 1888, starb seine Mutter und er begann sich auf Vorschlag der Familie mit dem Schachspiel zu beschäftigen, um sich auf diese Weise vom Verlust seiner Mutter abzulenken. 

Aufstieg zum Schachgenie in Boston

Nach Abschluss der Schule nahm Pillsbury zunächst eine Stelle im Bostoner Kaufhaus "Filene" in der 426 Washington Street an. Dieses war 1881 von dem aus Posen stammenden deutschen Juden Wilhelm Filene als Geschäft für Bekleidung gegründet worden. Das Geschäft florierte und wurde später unter Filenes Söhnen Edward und Lincoln Filene als "Filene's Department Stores" zu einer der größten Kaufhausketten in den USA. Am Stammsitz in Boston wurde 1912 ein prächtiger Neubau gebaut, dessen Fassade dort heute noch zu bewundern ist. In unmittelbarer Nähe wurde in jüngerer Zeit ein Trump Tower errichtet.

Pillsbury arbeitete im Filene's Department Store in der Werbeabteilung. 1890 trat Pillsbury dem im Jahr zuvor gegründeten Bostoner Deschapelles Chess Club bei. Der Club löste sich bald auf und Pillsbury wechselte in einen anderen Bostoner Schachclub. Zu seinen Schachtrainern gehörte der Bostoner Problemist Jonathan Hall und der aus Baltimore stammende schon etwas ältere Schachlehrer Henry Nathan Stone. Im Alter von 17 Jahren spielte Pillsbury mit dem beim 4. Massachusetts Chess Association Tournament sein erstes Schachturnier. Schon 1892 gab Pillsbury in Boston seine erste Blindschachsimultanvorstellungen, meist gegen acht Gegner, wobei er in einem Nebenraum saß und von dort die Partien zum Erstaunen des Publikums ohne Ansehen eines Brettes bestritt. Blindschachsimultanvorstellungen sollten das Markenzeichen von Pillsbury werden. Pillsbury schlug einige starke lokale Spieler in Wettkämpfen und galt nun als bester Spieler der Stadt. 

Im April 1892 besuchte Wilhelm Steinitz Boston. Steinitz spielte einen Handicap-Wettkampf gegen den jungen Meister und gab ihm einen Bauern und einen Zug vor. Auf diese Weise gelangen Pillsbury zwei Siege, eine Partie gewann Steinitz. Bei dieser Gelegenheit gab Steinitz auch ein Simultan gegen 21 Spieler des Bostoner Chess Clubs, gewann 18 Partien, spielte eine Partie remis und verlor zwei Partien, unter anderem gegen Pillsbury.

Im folgenden Jahr gewann Pillsbury noch in Boston einige weitere kleine Wettkämpfe, unter anderem gegen die deutschen Spieler Carl August Walbrodt (1871-1902) und Arnold Schottlaender (1854-1909), die sich auf USA -Tournee befanden, jeweils mit mit 2,5:0,5. Pillsbury entschied sich nun für eine Karriere als Schachprofi und ging nach Philadelphia, wo er dem Franklin Chess Club beitrat. Auch im Damespiel erreichte Pillsbury Meisterstärke und gab in den folgenden Jahren parallel zu seinen Schachsimultanvorstellungen auch  Damesimultanvorstellungen.

Die ersten Meisterturniere

Im September/Oktober 1893 nahm Pillsbury an seinem ersten Meisterturnier in New York teil. Er landete bei 14 Teilnehmern im Mittelfeld, schlug aber unter anderem den US-Landesmeister Jackson Whipps Showalter. Emanuel Lasker gewann das Turnier überlegen mit 13 aus 13 vor Adolf Albin. Im Dezember gewann Pillsbury kurz nach seinem 21. Geburtstag das Masters' Manhattan Cafe Chess Tournament, ebenfalls in New York und ließ neben anderen auch Showalter und Albin hinter sich.

1894 ging Pillbury nach New York und wurde Mitglied des Brooklyn Chess Clubs und spielte in der Mannschaft des Clubs in der Metropolitan League mit. Als Schachreporter kommentierte er von März bis Juni des Jahres die Partien des Weltmeisterschaftskampfes zwischen Emanuel Lasker und Wilhelm Steinitz, der 1894 in den USA gespielt wurde. Bei seinen Blindschachsimultanvorstellungen legte Pillsbury nun eine Pause ein, weil die Vielzahl der Partien und das Durchrechnen möglicher Varianten ihm danach noch stundenlange Kopfschmerzen bescherten. Im Oktober/November 1894 spielte Pillsbury in New York sein zweites großes Meisterturnier und wurde bei 11 Teilnehmern geteilter Fünfter. Wilhelm Steinitz gewann das Turnier und den 1. Preis in Höhe von 125 USD.

Sensationeller Sieg in Hastings 1895

Im Juni 1895 sammelte der Brooklyn Chess Club 300 USD und schickte Henry Pillsbury als Repräsentant des Clubs zum Hastings Chess Congress nach Europa. So gut wie alles, was Rang und Namen im Schach hatte, war bei diesem Turnier versammelt, darunter der amtierende Schachweltmeister Emanuel Lasker und sein Vorgänger Wilhelm Steinitz, insgesamt 22 Meister des Schachs. Pillsbury startete mit einer Niederlage gegen Michail Tschigorin und gewann dann aber neun Partien in Folge. Am Ende des Turniers war er sensationeller Sieger, mit 16,5 Punkten, vor Tschigorin, Lasker, Tarrasch und Steinitz. Der 22-jährige US-Meister war in der Weltelite angekommen und erhielt für seinen Sieg 1000 USD Preisgeld (ca. 25.000 USD nach heutiger Kaufkraft).

 

Nach dem Turnier von Hastings hielt Pillsbury sich noch eine Zeit lang in England auf und gab im Londoner Metropolitan Club ein Simultan gegen 15 Frauen, denen er jeweils einen Springer vorgab. Auch später noch besuchte Pillsbury bei verschiedenen Gelegenheiten gerne Frauenschachturniere, gab kleine Simultanvorstellungen gegen Frauen und ließ sich bewundern (s.u. "Pillsbury and the Ladies"). Bei seiner Rückkehr in die USA wurde der Sieger von Hastings wie eine Nationalheld gefeiert und erhielt vom Bostoner Bürgermeister eine goldenen Uhr zum Geschenk. Amerikanische Schachclubs begannen, Pillsburys Namen ihren Club-Namen aufzunehmen.

Pillsbury sitzt als Turniersieger in der Mitte, zwischen Lasker und Tarrasch.

Hastings 1895: Stand nach 21 Runden

Rg. Titel Name Land ELO 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 Pkt. Perf. Wtg.
1   Harry Nelson Pillsbury
 
  0 0 1 1 1 1 1 0 ½ ½ 1 1 1 1 1 ½ 1 1 1 1 1 16.5 / 21    
2   Mikhail Ivanovich Chigorin
 
1   1 1 0 0 1 1 1 1 ½ 0 1 1 1 ½ 1 ½ 1 1 ½ 1 16.0 / 21    
3   Emanuel Lasker
 
1 0   0 1 1 1 0 1 0 1 1 1 ½ 1 1 1 ½ 1 1 ½ 1 15.5 / 21    
4   Siegbert Tarrasch
 
0 0 1   1 1 0 ½ ½ 1 1 1 1 0 ½ 1 1 1 0 1 ½ 1 14.0 / 21    
5   William Steinitz
 
0 1 0 0   1 ½ 1 ½ 1 1 0 ½ 1 1 0 1 1 0 1 ½ 1 13.0 / 21    
6   Emanuel Stepanovich Schiffers
 
0 1 0 0 0   ½ ½ 0 1 1 1 ½ ½ 1 1 ½ 0 1 1 ½ 1 12.0 / 21    
7   Richard Teichmann
 
0 0 0 1 ½ ½   ½ ½ 0 0 ½ 1 1 0 1 1 ½ ½ 1 1 1 11.5 / 21   0.00
8   Curt Von Bardeleben
 
0 0 1 ½ 0 ½ ½   ½ 0 0 ½ 1 1 1 ½ 1 ½ 1 0 1 1 11.5 / 21   0.00
9   Carl Schlechter
 
1 0 0 ½ ½ 1 ½ ½   ½ ½ 0 1 1 ½ ½ ½ ½ ½ 1 ½ 0 11.0 / 21    
10   Joseph Henry Blackburne
 
½ 0 1 0 0 0 1 1 ½   0 1 1 0 0 ½ 0 1 1 1 0 1 10.5 / 21    
11   Carl August Walbrodt
 
½ ½ 0 0 0 0 1 1 ½ 1   0 0 ½ ½ ½ ½ 0 ½ 1 1 1 10.0 / 21    
12   Dawid Markelowicz Janowski
 
0 1 0 0 1 0 ½ ½ 1 0 1   0 ½ 0 ½ 1 0 ½ 0 1 1 9.5 / 21   0.00
13   Amos Burn
 
0 0 0 0 ½ ½ 0 0 0 0 1 1   0 0 ½ 1 1 1 1 1 1 9.5 / 21   0.00
14   James Mason
 
0 0 ½ 1 0 ½ 0 0 0 1 ½ ½ 1   0 1 0 ½ 1 0 1 1 9.5 / 21   0.00
15   Isidor Gunsberg
 
0 0 0 ½ 0 0 1 0 ½ 1 ½ 1 1 1   0 ½ 1 0 0 1 0 9.0 / 21   0.00
16   Henry Edward Bird
 
0 ½ 0 0 1 0 0 ½ ½ ½ ½ ½ ½ 0 1   ½ 1 0 ½ ½ 1 9.0 / 21   0.00
17   Georg Marco
 
½ 0 0 0 0 ½ 0 0 ½ 1 ½ 0 0 1 ½ ½   1 1 0 1 ½ 8.5 / 21   0.00
18   Adolf Albin
 
0 ½ ½ 0 0 1 ½ ½ ½ 0 1 1 0 ½ 0 0 0   0 1 1 ½ 8.5 / 21   0.00
19   William Henry Kraus Pollock
 
0 0 0 1 1 0 ½ 0 ½ 0 ½ ½ 0 0 1 1 0 1   0 0 1 8.0 / 21    
20   Samuel Tinsley
 
0 0 0 0 0 0 0 1 0 0 0 1 0 1 1 ½ 1 0 1   0 1 7.5 / 21   0.00
21 GM Jacques Mieses
 
0 ½ ½ ½ ½ ½ 0 0 ½ 1 0 0 0 0 0 ½ 0 0 1 1   1 7.5 / 21   0.00
22   Beniamino Vergani
 
0 0 0 0 0 0 0 0 1 0 0 0 0 0 1 0 ½ ½ 0 0 0   3.0 / 21    

Partien von Runde 1 bis 21

 

Drama in St. Petersburg

Im Dezember 1895 reiste Pillsbury nach Russland, um am Vier-Meisterturnier in St. Petersburg teilzunehmen. Eigentlich waren die fünf besten Spieler dieser Zeit eingeladen, doch Siegbert Tarrasch sagte kurzfristig ab und so ging das Turnier mit Emanuel Lasker, Wilhelm Steinitz, Michail Tschigorin und Henry Pillsbury als Viermeisterturnier in die Geschichte ein. Es wurden sechs Umgänge gespielt. Pillsbury führte zur Halbzeit vor Lasker, wurde dann aber krank, von grippeartigen Symptomen, Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit geplagt und belegte am Ende nur den dritten Platz. Lasker gewann das Treffen mit 11,5 aus 18.

Die für den Turnierausgang entscheidende Partie geschah im 4. Umgang. Zu diesem Zeitpunkt lag Pillsbury in der Tabelle einen Punkt vor Lasker. Mit einer wunderschönen Turmmanöver entschied Lasker diese Partie auf sagenhafte Weise für sich. Pillsbury verlor danach noch fünf weitere Partien in Folge.

 

Garry Kasparov hat die Partie für die Mega Database kommentiert:

 

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Man geht heute davon aus, dass Pillsbury sich hier beim Besuch einer Prostituierten mit der Syphilis (auch: Lues) infizierte. Die oben berichteten Krankeitssymptome wurden vermutlich durch die Infektion verursacht. Syphillis war vor der modernen Medizin weit verbreitet, aber so gut wie gar nicht erforscht und vor allem nicht heilbar. Im Zuge einer bakteriellen Infektion über die Schleimhäute kommt es zunächst zu Gelenk-, Muskel- und Knochenschmerzen, im Laufe der Zeit zu multiplen Organbefall und im Endstadium zur Zerstörung des Zentralen Nervensystems, wobei sich der Krankheitsverlauf mit seinen verschiedenen Symptomen über Jahre hinzieht. Die Syphilis wurde in medizinischen Schriften seit dem 15. Jh. beschrieben, mit vielen unsinnigen Therapievorschlägen, und wegen der Erfolglosigkeit bei den Behandlungsversuchen als Gottesstrafe angesehen. Erst 1906 wurde der Erreger isoliert. Zu spät für Pillsbury. Heute wird die Krankheit erfolgreich mit Antibiotika und Penicillin bekämpft. 

Gedächtniswunder

Nach seiner Rückkehr in die USA wurde Pillsbury zu einem Experiment eingeladen. Vor einer Blindschachsimultanvorstellung sollte er sich etwa 30 Wörter bzw Begriffe merken. Nach der vierstündigen Simultanvorstellung wurden diese abgefragt.

Die Liste der Begriffe/Wörter ist überliefert. Es waren die nicht ganz alltäglichen Wörter wie:

Antiphlogistine, Periosteum, Takadiastase, Plasmon, Ambrosia, Threlkeld, Streptococcus, Staphylococcus, Micrococcus, Plasmodium, Mississippi, Freiheit, Philadelphia, Cincinatti, Athletics, No War, Etchenberg, American, Russian, Philosopy, Piet Potgleter's Rost, Salmagundi, Oomisillecootsi, Bangmanvate, Schlechter's Neck, Manzinyama, Theosophy, Catechism und Madjescomalops.

Pillsbury sah sich die Liste vor den Partien eine Minute lang an und hatte nachher keine Mühe sie alle aufzusagen. Selbst am nächsten Tag erinnerte er sich noch vollständig daran. Diese Fähigkeit basiert offenbar auf einem fotografischen Gedächtnis, über das auch eine Reihe von anderen starken Schachspielern verfügen. Von Robert Fischer oder Vassily Ivanchuk werden ähnliche Geschichten berichtet. Viele Schachspieler lernen dank ihres fantastischen Gedächtnisses mühelos neue Sprachen. Der tschechische Großmeister David Navara beherrscht beispielsweise 15 Sprachen und kann in kurzer Zeit vermutlich eine weitere hinzulernen, falls es nötig ist. Das Gedächtnis-Kunststück mit den 30 zu merkenden Wörtern nahm Pillsbury später regelmäßg in seine Simultanshows auf. Er forderte die Teilnehmer in einer Pause auf, eine Liste mit 30 Wörtern aufzustellen, sah sich diese kurz an, und gab sie später fehlerfrei und vollständig wieder. Pillsbury hatte es sich inzwischen zudem angewöhnt, während seiner Blindsimultan-Vorstellungen dicke Havanna-Zigarren zu rauchen und Whiskey zu trinken, was ihm eine dandyhafte Erscheinung verschafft. Sein Kopfschmerzproblem nach Blindsimultanvorstellungen hatte er inzwischen überwunden.

 

Weitere Turniererfolge

Im Sommer 1896 war Pillsbury einer der 19 Meister beim Internationalen Turnier von Nürnberg. Er besiegte unter anderem Lasker, Tarrasch und Tschigorin und schloss das Turnier als Vierter ab. Lasker gewann. Später berichtete Pillsbury, dass er auch hier schon unter Symptomen litt, die sonst nach einem Schlaganfall auftreten, Taubheitsgefühl, Verwirrtheit und Schwindel. Im Oktober 1896 nahm er beim Turnier in Budapest teil und wurde Dritter hinter dem hoch geschätzten Rudolf Charousek, dem aber auch kein langes Leben gegönnt war, und Michail Tschigorin.Zurück in den USA gab Pillsbury in den nächsten Jahren regelmäßig seine Blindsimultanvorstellungen und war außerdem einer der Spieler im Ajeeb. Dieser Automat, konstruiert vom Tischler Charles Hooper, war eine weniger bekannte Variante des "Schachtürken", ein angeblich vollautomatischer Schachautomat, in dessen Inneren aber tatsächlich ein Schachspieler aus Fleisch und Blut saß. Der Ajeeb trat in Museen und Ausstellungen auf und schlug die besten Schachspieler. Pillsbury nahm im Ajeeb zwischen 1898 und 1904 regelmäßig Platz und erhielt 70 USD wöchentlich für seine Dienste.

Im Juni 1898 teilte sich Pillsbury mit Tarrasch den ersten Platz beim Kaiser-Franz-Jubiläumsschachturnier in Wien bei ursprünglich 20 Teilnehmern (Adolf Schwarz schied nach acht Runden aus), organisiert von Baron Albert Freiherr von Rothschild, Bankier und reichster Mann Europas, zudem ein begeisterter Schachfreund, Sponsor und Mäzen vieler Turniere.

Pillsbury, sitzend, Dritter von links.

Das Jubiläums-Turnier wurde in den Räumen der Wiener Schachgesellschaft in der Schottengasse 7 ausgetragen. Turnierdirekter war Hugo Fähndrich, der später auch ein schönes Turnierbuch veröffentlichte. Tarrasch und Pillsbury spielten einen Stichkampf um Platz eins, den aber Tarrasch gewann.

Schottengasse 7 in Wien

Im Mai 1899 war Pillsbury auch einer der Teilnehmer beim Superturnier in London, dem London International Chess Congress, ursprünglich mit 15 Teilnehmern gestartet. Richard Teichmann musste aber nach vier Runden wegen einer Augeninfektion zurückziehen. Pillsbury teilte sich am Ende den 2. bis 4. Platz, zusammen mit Geza Maroczy und Dawid Janowski und einigem Abstand hinter einem überragenden Emanuel Lasker, der das doppelrundige Turnier mit großem Vorsprung gewann. Frank Marshall war Sieger des B-Turniers.

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Im folgenden Jahr, im Februar 1900, egalisierte Pillsbury in Chicago den bisherigen Rekord von Johannes Zukertort im Blindsimultanspiel und spielte gegen 16 Gegner gleichzeitig. (+11, -1, =4). Im März 1900 erhöhte er in New Orleans den Rekord auf 17 Gegner, im April 1900 in Philadelphia sogar auf 20 Gegner gleichzeitig. Im Spätsommer des Jahres reiste er erneut nach Europa und nahm nun am Turnier in Paris teil, das im Rahmen der Weltausstellung von 1900, der letzten dieser Art, organisiert wurde. Erneut erwies sich aber Emanuel Lasker als überlegen. Pillsbury wurde bei 17 Teilnehmern Zweiter, vor seinem Landsmann Frank Marshall und Geza Maroczy. Die Turnierregeln wiesen eine Besonderheit auf, denn im Falle eines Remis wurde eine Wiederholungspartie gespielt. Von Paris aus reiste Pillsbury weiter nach München und nahm hier im Meisterturnier des 12. DSB- Kongresses teil. Bei 16 Teilnehmern teilte Pillsbury sich mit Maroczy und Carl Schlechter den ersten Platz (je 12 Punkte). Ein Stichkampf zwischen Pillsbury und Schlechter endete unentschieden. Maroczy hatte am Stechen wegen Krankeit nicht teilgenommen. Nach dem Turnier gab Pillsbury in Augsburg noch eine Blindsimultanvorstellung gegen 15 Gegner.

Im Januar 1901 heiratete Pillsbury in Chicago Mary Ellen Bush, Tochter eines Richters. Außerdem nahm er Verhandlungen mit Emanuel Lasker über einen möglichen WM-Kampf auf, die aber zu keinem Ergebnis führten. Bei seinen Simultantourneen hatte Pillsbury nun eine weitere Schwierigkeit eingebaut. Er spielte gleichzeitig blindsimultan Schach an 12 Brettern, blindsimultan Dame an vier Brettern und nebenher auch noch an mehreren Tischen Whist, wobei er sich die Reihenfolge der Karten in einem Stapel nach kurzem Ansehen einprägte.

Beim Turnier in Monte Carlo 1902 (20 Teilnehmer) belegte Pillsbury erneut den zweiten Platz, zusammen mit Dawid Janowski, diesmal hinter Geza Maroczy. Auch bei diesem Turnier wurde nach einem Remis eine Wiederholungspartie gespielt. Anschließend begab Pillsbury sich auf eine Blindsimultantournee durch Deutschland und England und nahm dann im Juli 1902 am 13. DSB-Kongress in Mannheim teil. Hier wurde er ein weiteres Mal Zweiter, diesmal hinter Dawid Janowski. Am Ruhetag stellte er in Hannover noch schnell einen neuen Blindsimultan-Rekord auf, mit 21 Gegnern, darunter einige wirklich starke Spieler, zum Beispiel Ossip Bernstein, Carl Carls, Bernd Kagan, Hans Fahrni oder Eduard Dyckhoff. Pillsbury gewann 3 Partien, spielte 11 Partien remis und verlor 7 Partien. In Berlin und München gab er weitere Blindsimultan-Vorstellungen, reiste dann nach Moskau und erhöhte dort im Dezember 1902 seinen Blindsimultan-Rekord auf nun 22 Gegner. Pillsbury gewann 17 Partien, verlor einmal und spielte 4 Partien remis. Einer der begeisterten Zuschauer des Spektakels war der zehnjährige Alexander Aljechin, der sich nun motiviert fühlte, selber so Schach zu spielen wie wie der junge US-Meister.

Pillsburys nächste großes Turnier war das von Monte Carlo 1903, diesmal doppelrundig gespielt, das er als Dritter hinter Tarrasch und Maroczy beendete. Im Mai nahm Pillsbury in Wien am Thematurnier zum Angenommenen Königsgambit teil und wurde hier Vierter hinter Tschigorin, Marshall und Marco. Im Januar 1904 gab er im New York Athletic Club eine Blindsimultanvorstellung gegen 16 Gegner vor über 300 Zuschauern. Im Mechanics' Institute Chess Club in San Francisco spielte er wieder gleichzeitig Blindschach gegen 16 Gegner, Blinddame gegen 4 Gegner und auch noch 6 Hände Whist.

Siechtum und Wahnsinn

Im April/Mai des Jahres 1904 nahm Pillsbury an seinem letzten großen Turnier teil, in Cambridge-Springs. Zwar gelang ihm ein Sieg gegen Emanuel Lasker, aber zum Schluss wurde er nur Neunter. Frank Marshall gewann das Turnier von Cambridge-Springs. Pillsbury war inzwischen von seiner Krankeit sichtbar gezeichnet, litt unter permanenten Kopfschmerzen und Ruhelosigkeit. Unter großen gesundheitlichen Schwierigkeiten brachte er das Turnier gerade noch zu Ende. Danach spielte er in seinem Leben nur noch zwei Turnierpartien überhaupt. Aus finanzieller Not heraus füllte er nun die Schachkolumne des Philadelphia Inquirer. Zur Durchführung von Simultanvorstellungen fühlte er sich nicht mehr in der Lage.

Am 1. März 1905 wurde Pillsbury in ein Krankenhaus eingewiesen und soll dort versucht haben, sich dem Fenster zu stürzen. Am 7. März 1905 erlitt er einen Schlaganfall. Am 27. März wurde er im Presbyterian Hospital in Philadelphia operiert und versuchte sich angeblich kurz danach bei hohem Fieber erneut durch einen Sprung aus dem 4. Stock des Krankenhauses umzubringen. Offenbar erholte er sich etwas, denn am 13. Mai gab er in Boston doch wieder eine Simtultanvorstellung. Im November 1905 reiste er zur weiteren Erholung mit seiner Frau auf die Bermudas, erlitt aber hier einen weiteren Schlaganfall. Der Öffentlichkeit wurde nur mitgeteilt, Pillsbury hätte einen Schwächeanfall. Im März 1906 erlitt Pillsbury einen weiteren Schlaganfall, war nun gelähmt und starb schließlich am 17. Juni 1906 im Frankford Hospital in Frankford, heute ein Ortsteil von Philadelphia. Henry Nelson Pillsbury wurde 33 Jahre alt. Am 19. Juni 1906 wurde auf dem Laurel Hill Cemetery, Reading, Massachusetts, begraben.

Mit Ausnahme von Tschigorin und Blackburne hatte Pillsbury gegen alle Weltklassespieler ein positives Ergebnis, auch gegen Lasker. Für  die Jahre 1903-1904 führt ihn der Statistiker Jeff Sonas in seiner Berechnung historischer Elozahl als weltbesten Spieler, in den Jahren davor als zweitbesten Spieler der Welt. In seiner bis zum Jahr 1996 geführten historischen Gesamt-Weltrangliste sieht Sonas Pillsbury als zehntbesten Spieler aller Zeiten. Im Laufe seines kurzen Lebens spielte Pillsbury neben den Turnierpartien über 1000 Blindschachpartien.

In seinem Nachruf in der der New York Times ging Lasker gegen den Irrglauben vor, intensives Schach spielen wäre dem Geisteszustand abträglich und wäre die Ursache für Pillsburys geistige Verwirrung::

"Pillsbury, der amerikanische Schachmeister, starb am vergangenen Sonntag (17. Juni 1906). Die Ursache für sein vorzeitiges Ableben war ein Schlaganfall. Der Mechanismus seines Gehirns wurde zerstört. Mit den Fällen von Morphy und Steinitz im Hinterkopf haben viele Autoren auf die Nähe berühmter Schachspieler zu Geisteskrankheiten hingewiesen. Daraus ist der allgemeiner Glaube entstanden, die intensive Beschäftigung mit dem Schach oder eine andere intensive geistige Betätigung würde den Verstand verwirren. Aber dieser Glaube ist völlig unbegründet. Es ist im höchsten Grad irreführend."

Genie und Wahnsinn lagen bei Pillsbury zwar nahe beieinander, allerdings nur in zeitlicher Hinsicht. Sein Genie ist das Ergebnis außerodentlicher geister Fähigkeiten infolge eines einzigartigen Gedächntnisses. Sein Wahnsinn ist das traurige Endstadium einer hässlichen, zu seiner Zeit unheilbaren Krankheit. Unter anderen Umständen wäre er vielleicht Weltmeister geworden. Über Pillsbury und seine fantastischen Leistungen sind zahlreiche Bücher erschienen. Die niederländische Indie-Band "Eton Crop" widmete Harry Nelson Pillsbury zudem einen Song auf ihrem Album Peel Sessions 1983-88 (Hier: https://etoncrop.bandcamp.com/track/harry-nelson-pillsbury-3 

Links

Winter: Pillsburys Torment...

Pillsbury and the Ladies...

Memorial für Harry Neslon Pillsbury...

Bill Wall über Pillsbury...

Jeff Sonas: Pillsbury...

 



André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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