"Genies in Schwarzweiß"

von Peter Muender
05.10.2016 – Von allen Schach-Genies ziehen natürlich die Besten der Besten, die Weltmeister, die größte Aufmerksamkeit auf sich. Im Laufe der langen Schachgeschichte gab es dabei bislang erst sechzehn Schachweltmeister. Der ChessBase-Autor und Schachjournalist Martin Breutigam stellt diese, aber auch die Weltmeisterinnen, in seinem neuen Buch "Genies in Schwarzweiß" in lesenswerten Portraits vor. Peter Münder hat sich das "brillant geschriebene" Buch angeschaut.Mehr...

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ZAUBERER, SCHÖNGEISTER, GNADENLOSE KÄMPFER
In seinem Band „Genies in Schwarzweiß“ präsentiert Martin Breutigam Porträts aller 16 Weltmeister sowie einen ausführlichen und faszinierenden Exkurs über das „unverstandene Phänomen Frauenschach“

War Wilhelm Steinitz (WM 1886-94) ein Spion ? Hatte Michael Tal (WM 1960-61) hypnotische Fähigkeiten ? Und was steckt hinter der These von Emanuel Laskers (WM 1894-1921) mysteriöser „psychologischer Spielweise“, die mit eingestreuten schwächeren Zügen den Gegner verwirren sollte? Diese und viele andere überraschende Aspekte erörtert Martin Breutigam – er ist IM und Bundesligaspieler– en passant in seinen wunderbar dichten und fundierten Weltmeister-Porträts. Gerade rechtzeitig zum WM-Kampf Carlsen gegen den Herausforderer Karjakin im November hat er diesen spannenden Mix von Weltmeister-Porträts, Partie-Analysen und einer Betrachtung über die Geschichte des Frauenschachs fabriziert. Seine beiden Bände „Todesküsse am Brett“ (2010) sowie Himmlische Züge“ (2014) lieferten schon ebenso amüsante wie spannende Anekdoten über bekannte Spieler, dazu sehr anregende Problemstellungen, die der SZ- und „Tagesspiegel“-Mitarbeiter locker und brillant formulierte. In „Genies in Schwarzweiß“ hat er sich nun auf ausführlichere Biographien von 16 Weltmeistern der vergangenen 130 Jahre mit ausgewählten Wettkampfpartien kapriziert- vom großen Reformer Steinitz bis zum aktuellen norwegischen Wonderboy Magnus Carlsen.

Viele Schach-Afficionados werden sich vielleicht fragen, ob es überhaupt noch so viel Neues und Überraschendes über die bekannten Geistes-Titanen zu berichten gibt. Sind nicht alle biographischen Winkel im Leben des „Zauberers“ Tal, des Philosophen und Mathematikers Emanuel Lasker, des „widersprüchlichen Wesens“ Aljechin, vom kubanischen Gentleman Capablanca, von Botwinik, Karpow, Kasparow und natürlich auch von Bobby Fischer restlos ausgeleuchtet? Nein, eigentlich noch nicht, merkt man sofort bei dieser faszinierenden Lektüre: Dass Steinitz vom Oktober 1890-April 1891 seine Partien gegen den in Havanna spielenden Tschigorin telegrafisch vom New Yorker Postamt übermittelte und von den ahnungslosen New Yorker Postbeamten die Notationen für einen Geheimcode gehalten wurden, was zur Verhaftung und zum eintägigen Gefängnis-Aufenthalt wegen vermeintlicher Spionagetätigkeit führte, war mir neu.

Und jetzt wieder eintauchen zu können in die phantastische Spielfreude eines Michael Tal oder Wassili Smyslow, der als Opernsänger großen Wert auf „vollendete Harmonie“ auf dem Brett legte, ist besonders faszinierend, weil Breutigam dazu gleich die passende Partie (Tal-Smyslow Leningrad 1977/ Spanisch) liefert. Bemerkenswert ist auch, mit welcher Empathie die biographischen Eckpunkte dieser Genies der 64 Felder nachgezeichnet werden: „Der Zauberer vom anderen Stern“ wird auch als gesundheitlich angeschlagener risikofreudiger und mit Humor gesegneter Spieler charakterisiert. „Es gibt zwei Arten von Opfern: korrekte und meine“, hat er selbstironisch behauptet. Beim Interzonenturnier Portoroz 1958 spielte er als 19Jähriger gegen den damals 15jährigen Bobby Fischer. In einem Filmausschnitt, berichtet Breutigam, sah man Tal, der mit einem milde lächelnden, aber auch durchdringendem Blick den jungen Amerikaner anstrahlt und gar nicht mehr wegguckt. Dazu Breutigam: „Über Tals typischen „Röntgenblick“ wurde auch später immer wieder gerätselt. Hatte er etwa hypnotische Fähigkeiten? Großmeister Pal Benkö versuchte sich einmal, mit einer Spiegelbrille zu schützen. Er verlor trotzdem“.

Ausführlich wird das „Duell des Jahrhunderts“ Spasski-Fischer behandelt, die Kontroversen um Fischers Marotten während der WM 1972 in Island und auch Bobbys Eskapaden, um dem Zugriff der US-Behörden zu entgehen. Einblicke in diese verrückten Episoden lieferte jetzt ja auch der Film „Bauernopfer“. Breutigam beleuchtet sehr einfühlsam die Psyche des gutmütigen „Bären“ Spasski, der nach seiner Niederlage von der sowjetischen Schach-Bürokratie regelrecht gemobbt wurde und dann die Gelegenheit für den umstrittenen „Revanchekampf“ 1992 gegen Fischer wahrnahm, was ihm als Verlierer immerhin noch 1,6 Millionen Dollar einbrachte. Breutigam verknüpft all diese Details mit der Wiedergabe einiger brisanter Partien- nicht nur die legendäre 6. WM-Partie Fischer-Spasski, Reykjavik 1972/Damengambit (Fischer eröffnet mit c4!) ist hier dabei, ich finde vor allem die im Spasski-Kapitel wiedergegebene Partie gegen Larsen (Belgrad 1970, UdSSR gegen den Rest der Welt) bemerkenswert, in der Larsen damals seine spezielle b3-Eröffnung ausprobierte und von Spasski in nur 17 Zügen regelrecht überrollt wurde.

Sehr lesenswert auch das Kapitel über Magnus Carsen („Frisch gestylt“), das ja nun vor dem WM-Kampf besonders aktuell ist. Details über die Dressman-Qualitäten des Norwegers finde ich weniger prickelnd, viel spannender sind die wiedergegebenen Partien Carlsen-Anand, 6. WM Partie Sotchi 2014 sowie Carlsen-Tomaschewski, Wijk aan Zee 2016/Londoner System.

Ein weiteres Highlight stellt der historische Rückblick auf die Geschichte des Frauenschachs dar: Dieses „unverstandene Phänomen“ wurde meiner Ansicht nach bisher noch nie so konzise und mit so erhellenden Hintergrund-Infos behandelt: Als sich die ersten Frauen-Schachklubs 1847 in den Niederlanden, dann 1885 in München und 1895 in London gründeten, war dies für die Frauen die einzige Möglichkeit gewesen, in einem Verein zu spielen, weil Frauen damals (auch in England) der Beitritt zu den Clubs verwehrt war. Breutigam zeigt an einigen Beispielen (Vera Menchik, Judit Polgar, Nona Gaprindaschwili, Hou Yifan), wie sich diese Frauen zu Großmeisterinnen entwickeln und auch - wie etwa Judit Polgar- Koryphäen wie Nigel Short besiegen konnten.

Er beleuchtet aber auch die psychologisch-medizinischen Aspekte und die kuriosen, angeblich biologisch begründbaren Thesen des britischen Psychologen Simon Baron-Cohen (Professor an der Uni Cambridge), der bedeutende Unterschiede zwischen dem „männlichen“ und „weiblichen“ Gehirn entdeckt haben will und dies in seinem Buch „Vom ersten Tag an anders“ (2004) zu belegen versuchte. Auch über Experimente mit männlich-weiblichen Probanden berichtet Breutigam - dabei ging es um biologisch determinierte Spielstärken-Unterschiede, um unterschiedlich ausgeprägtes räumliches Vorstellungsvermögen, wozu ja auch das richtige Einparken von Autos gehört... Na ja, es ist schon ein weites Feld, auf dem das Umparken im Kopf trainiert werden kann.

Angeboren oder im Laufe der Zeit entwickelt? Das ist immer noch die Frage. Inzwischen hat eine US-Studie ergeben (Hoffman, Gneezy, List 2011), dass Erziehung und Bildung die entscheidenden Faktoren bei der Entwicklung dieser Spielfähigkeiten sind. Wie auch immer, Breutigam liefert zu diesen kontrovers diskutierten Gender-Duellen noch einige passende Notationen: Menchik-Euwe, Hastings 1931/32 (Slawisch), Gaprindaschwili-Servaty, Dortmund 1974 und Hou-Polgar, Gibraltar 2012 illustrieren überzeugend, dass von irgendwelchen biologisch determinierten Defiziten der Frauen-Power am Brett keineswegs die Rede sein kann.

Fazit: Der durch Internet-Spiele, Turnier-Übertragungen und DVDs angekurbelte Schach- Boom dürfte mit diesem großartigen Band noch zunehmen- selten gab es jedenfalls ein so brillant geschriebenes und mit einem so profunden Hintergrundwissen angereichertes Schachbuch!

 

Martin Breutigam: Genies in Schwarzweiß. Die Schachweltmeister im Porträt. Paperback, Fotos. Verlag Die Werkstatt, Göttingen, 208 S., 14,90,- Euro
 

 



Peter Münder, Anglist, Pinter-Biograph und begeisterter Schachfreund spielt beim Hamburger Schachverein Caissa Rahlstedt.
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