Geschichte einer Partie: Larsen-Teschner, Zonenturnier 1957

von Stephan Oliver Platz
22.12.2017 – Beim Zonenturnier in Wageningen 1957 kämpfte Bent Larsen um die Qualifikation zum Interzonenturnier und brauchte einen Sieg gegen Rudolf Teschner. Er wählte eine scharfe Variante gegen Teschners Slawische Verteidigung, doch die erwies sich als Rohrkrepierer. Nur ganz knapp schrammte Larsen an einer Niederlage vorbei. Stephan Oliver Platz erzählt die Geschichte der Partie und der Variante.

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Vor 60 Jahren: Larsens Rohrkrepierer gegen Teschner

Der dänische Großmeister Bent Larsen (1935 - 2010) war einer der originellsten Spieler der Schachgeschichte. Gerne experimentierte er in der Eröffnung und versuchte, weniger beliebten Varianten oder ganzen Systemen neues Leben einzuhauchen. So eröffnete er z. B. etliche Male mit 1.g3, 1.f4 oder 1.b3. Gegen vier namhafte Gegner (Michail Tal, Ljubomir Kavalek, Walter Browne und Robert Byrne) riskierte er als Schwarzer die Philidor-Verteidigung mit anschließendem Fianchetto des Königsläufers (1.e4 e5 2.Sf3 d6 3.d4 exd4 4.Sxd4 g6), ohne eine einzige Partie damit zu verlieren. Gegen den deutschen Internationalen Meister Rudolf Teschner (1922 - 2006) hatte Larsen vor 60 Jahren in der letzten Runde des Zonenturniers in Wageningen 1957 allerdings kein Glück mit seiner Taktik. Larsens Eröffnungsvorbereitung wurde im wahrsten Sinne des Wortes zum Rohrkrepierer, denn Teschner kannte die von Larsen vorbereitete Variante der Slawischen Verteidigung nur zu gut. Ich möchte mich daher mit dieser Partie näher beschäftigen, die Larsen beinahe um die Qualifikation für das Interzonenturnier gebracht hätte. Wie kam es dazu?

Bent Larsen (Foto: Harry Pot - Nationaal Archief NL)

16 von 17 Runden waren gespielt im Zonenturnier von Wageningen 1957. Der 22-jährige Großmeister Bent Larsen lag mit 12 aus 16 punktgleich mit Fridrik Olafsson (Island) auf dem geteilten 2. Rang hinter GM Lászlo Szábo aus Ungarn (13) und hatte damit beste Aussichten, einen der drei begehrten Qualifikationsplätze für das Interzonenturnier zu ergattern, das 1958 in Portoroz stattfinden sollte. Doch nur einen halben Zähler dahinter lag GM Jan Hein Donner aus Holland in Lauerstellung. Er hatte Larsen in Runde 12 eine krachende Niederlage beigebracht. Sollte also Donner in der letzten Runde gewinnen und Larsen über ein Remis nicht hinauskommen, würde ein Stichkampf um den Einzug in das Interzonenturnier entscheiden müssen. Dass Donner gegen seinen Letztrundengegner P. Clarke gute Chancen haben würde, war abzusehen, denn dieser lag mit 5 1/2 Punkten abgeschlagen auf Rang 15. Also stand Larsen ziemlich unter Druck, zumal er mit dem 35-jährigen deutschen Internationalen Meister Rudolf Teschner auch den stärkeren Kontrahenten bekommen würde.

Rudolf Teschner (Foto: Wim van Rossem, Nationaal Archief NL)

Der deutsche Meister von 1951 und bekannte Schachpublizist hatte von seinen letzten sechs Partien in diesem Turnier keine einzige verloren, aber drei gewonnen. Insgesamt hatte er 8 1/2 Punkte auf seinem Konto. Das bedeutete Rang 8 unter 18 Teilnehmern. In der Vorbereitung auf seine Partie gegen Larsen konnte Teschner ziemlich sicher davon ausgehen, dass der dänische Großmeister eine geschlossene Partieanlage anstreben würde, denn von seinen bisher sieben Weißpartien hatte er vier mit 1.d4, zwei mit 1.Sf3 und eine mit 1.c4 eröffnet. Und tatsächlich begann Larsen mit 1.d4. Schon bald stand eine Hauptvariante der Slawischen Verteidigung auf dem Brett, in der Larsen mit 6.Sh4 den Läufer f5 angriff, anstatt wie üblich mit 6.e3 oder 6.Se5 fortzusetzen. Teschner zog daraufhin seinen Läufer nach c8 zurück und machte so, psychologisch geschickt, quasi ein Remisangebot, das Larsen aus verständlichen Gründen nicht annehmen konnte. Stattdessen spielte er überscharf 7.e4 und tat dem deutschen Meister den Gefallen, sich in eine von langer Hand vorbereitete tückische Variante hineinlotsen zu lassen. IM Hans Bouwmeester schrieb dazu im Turnierbuch: „Später stellte sich heraus, dass die Eröffnung bis und mit 12. ... Ke6!! bereits von Dr. J. M. Aitken analysiert wurde, der 1940 (!) im British Chess Magazine eine ausführliche Untersuchung veröffentlichte.“ (a) Was Larsen nicht wusste: Hans Haberditz hatte die von Aitken angegebene Variante aufgegriffen, weiter ausgearbeitet und seine Analysen Teschner zugesandt! Ihm war daher das ganze Abspiel bis zum 17. Zuge von Weiß bestens vertraut:
 

 


„Die aufregendste Partie des ganzen Turniers“, stellte Bouwmeester im Turnierbuch bewundernd fest. Eigentlich schade, dass Teschner 17. ... Td8! verpasste. Aber auch so hatte er, wie wir gesehen haben, bis zum Schluss gute Chancen, die Partie zu gewinnen.

Da Donner, wie zu erwarten gewesen war, seine Partie gegen Clarke gewann, lagen am Ende er und Larsen mit 12 1/2 aus 17 punktgleich auf Rang 3 hinter Szábo (13 1/2) und Olafsson (13). Im April 1958 spielten Larsen und Donner in Haag einen Stichkampf über vier Partien, den der dänische Großmeister mit 2:0 bei 2 Remisen für sich entscheiden konnte. Damit schaffte er doch noch die Qualifikation für das Interzonenturnier in Portoroz 1958. Dieses gewann übrigens der junge lettische Großmeister Michail Tal mit 13 1/2 aus 20 und legte so den Grundstein für seinen Sieg im WM-Kampf 1960 gegen Botwinnik. Larsen hatte weniger Glück und wurde mit 8 1/2 Punkten nur Sechzehnter.

„Angstgegner“ Teschner?

Ich habe in der Mega Database von Chessbase nachgesehen, ob es neben dieser ersten Begegnung zwischen Larsen und Teschner noch weitere gab. Und in der Tat fand ich noch zwei weitere Partien, die Teschner beide für sich entscheiden konnte.

 


Möglicherweise sind diese Niederlagen mit der psychologischen Nachwirkung zu erklären, welche die aufregende Partie von Wageningen 1957 hatte. Auf dem Papier wäre Larsen stets der Favorit gewesen, wie ein Blick in die historischen ELO-Listen von Jeff Sonas zeigt: Im Januar 1957 lag er mit 2708 ELO auf Rang 14, Teschner dagegen auf Rang 140 mit 2522 ELO. Zum Vergleich: Nr. 1 war damals Weltmeister Wassili Smyslow (2788) vor Michail Botwinnik (2776), Paul Keres (2774) und David Bronstein (2764). (b)

Eine vergessene Eröffnungsvariante?

Noch einmal zurück zu unserer Eröffnungsvariante: Trotz der spektakulären Partie Larsen – Teschner blieb dieses Abspiel über Jahrzehnte von den Schwarzspielern ungenutzt. Und das, obwohl bereits die deutsche Ausgabe von „Moderne Schacheröffnungen“ aus dem Jahre 1967 die ersten 19 Züge daraus brachte, wenn auch ungerechtfertigterweise mit einem Ausrufezeichen hinter 17. … De5, was, wie wir in der Analyse gesehen haben, besser durch 17. … Td8! ersetzt worden wäre. (c) Erst 2006 wagte es Romain Picard im U18 Open von Agneaux St. Lo, wie Teschner mit 9. … dxc3! fortzusetzen, kannte aber offenkundig die Variante nicht, da er 12. … Sfd7? anstelle von 12. … Ke6!! spielte und die Partie infolgedessen nach nur 17 Zügen verlor. In allen anderen Fällen zogen die Führer der schwarzen Steine nach 9.e5 entweder 9. … Sd5 oder 9. … Le7 oder 9. … Sg4. Folgende Partien habe ich in der Mega Database zu diesem Abspiel gefunden:

 

Schon erstaunlich, dass trotz einer Unzahl von Eröffnungspublikationen und Schachdatenbanken diese Variante der Slawischen Verteidigung des Damengambits scheinbar in Vergessenheit geriet. Oder wollte sich einfach niemand mehr in einer Turnierpartie auf ihre haarsträubenden Verwicklungen einlassen?

Die Anregung zu 7.e4 soll übrigens, wie das Turnierbuch auf S. 186 und 205 erwähnt, Weltmeister Alexander Aljechin nach seiner Partie gegen Stoltz (Bled 1931) gegeben haben. Dort war 6.Sh4 mit 6. … e6 beantwortet worden.

Alle Partien des Zonenturniers Wageningen 1957 sowie zahlreiche interessante und spannende Partien von Larsen und Teschner (zusammen mehr als 3000!) sind in der MegaDatabase von Chessbase zu finden.

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Quellen und Anmerkungen:

(a) Hans Bouwmeester, Das Zonenturnier Wageningen 1957 (Amsterdam 1960) , S. 186 ff.

(b) http://www.chessmetrics.com/cm/CM2/SingleMonth.asp?Params=199510SSSSS3S130573195701131000000000029110100

http://www.chessmetrics.com/cm/CM2/PlayerProfile.asp?Params=199510SSSSS3S130573000000131000000000029110100

(c) Walter Korn, Moderne Schacheröffnungen (Hamburg 1967), S. 316 und 326

Weitere Informationen zu Larsen und Teschner finden Sie hier:

https://de.wikipedia.org/wiki/Bent_Larsen

https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Teschner

Die Fotos von Teschner und Larsen stammen von:

Wim van Rossem / Anefo - Nationaal Archief, CC BY-SA 3.0 nl, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=30905069

und

Harry Pot - GaHetNa (Nationaal Archief NL), CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=36301447


 

 

 



Stephan Oliver Platz (Jahrgang 1963) ist ein leidenschaftlicher Sammler von Schachbüchern und spielt seit Jahrzehnten erfolgreich in der mittelfränkischen Bezirksliga. Der ehemalige Musiker und Kabarettist arbeitet als freier Journalist und Autor in Hilpoltstein und Berlin.
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Störig Störig 23.12.2017 05:19
Sehr schöner Beitrag!
flachspieler flachspieler 23.12.2017 02:13
Bent Larsen hatte als junger Mann wohl mehrere
Angstgegner aus Berlin. So hat er in den 1950er
Jahren seine ersten vier Partien gegen Klaus
Darga alle verloren. Diese vier Partien finden sich -
von Helmut Reefschläger schön kommentiert -
in Michael Dombrowskys wunderbarem Buch
"Berliner Schachlegenden".
Anton46 Anton46 23.12.2017 01:08
Bent Larsen war neben Fischer wohl der beste Spieler in dieser Zeit. Sein Buch "Ich spiele auf Sieg" hat einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal---
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