Geschichte eines Bildes

von André Schulz
19.10.2015 – Eines der berühmtesten Schachfotos ist das Bild "Duchamp Playing Chess with a Nude (Eve Babitz)". Es wurde 1963 vom Time-Fotografen Julian Wasser in Pasadena aufgenommen und zeigt den Dada-Künstler und Schachspieler Marcel Duchamp beim Schach mit einer nackten Frau. Eigentlich sollte mit dem Bild Marcel Duchamp gefeiert werden, doch es machte die Eve Babitz zur Ikone. Mehr...

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Geschichte eines Bildes

©1963 Julian Wasser

Eines der bekanntesten Schachfotos und eines der berühmtesten Fotos überhaupt zeigt einen Mann und eine Frau beim Schach. Der Mann, rechts im Bild ist schon etwas älter, die Frau links ist offenbar noch recht jung. Das Bild wurde von der Seite aufgenommen. Das Gesicht der Frau ist durch ihre mittellangen dunklen Haare bedeckt. Dies ist allerdings auch der einzige Teil des Körpers, der bedeckt ist, denn die Frau ist völlig nackt. Den Mann scheint das nicht zu beeindrucken, er schaut konzentriert auf das Schachbrett. Die beiden Schachspieler sitzen in der Mitte eines größeren Saales an einem Tisch. An den Wänden im Hintergrund sieht man verschiedene Gemälde und Installationen. Das Foto wurde also nicht irgendwo im privaten Raum aufgenommen, sondern in einem öffentlichen Bereich, wodurch die Nacktheit der Frau noch einen besonderen Akzent erhält. Außer den beiden Schachspielern ist allerdings keine weitere Person zu sehen.

Der Mann auf dem Foto ist Marcel Duchamp, 1887 in Blainville-Crevon (Frankreich) geboren. Duchamp stammte aus einer Künstlerfamilie und hatte fünf Geschwister, die allesamt künstlerisch tätig wurde. Über seinen älteren Bruder Gaston, der unter dem Pseudonym Jacques Villon bekannt wurde, kam Marcel Duchamp in Kontakt mit einer Reihe von Künstlern und Dichtern und wurde anfangs vor allem durch die Vertreter des Kubismus beeinflusst. Er nahm zudem viele Einflüsse aus Literatur und Technik auf und schuf 1912 das Bild "Akt, eine Treppe herabsteigend Nr. 2", eines der berühmtesten Bilder des 20. Jahrhunderts. Später wurde er durch seine "Ready-mades" (Objet trouvé) bekannt, Installationen, bei denen er alltägliche Gebrauchsgegenstände in Kunstwerke verwandelte. Das berühmteste Werk ist "Fountain", ein umgedrehtes Pissoir, seit 1917 verschollen, aber nicht vergessen. Nach einem vierjährigen USA-Aufenthalt zwischen 1915 und 1919 traf Duchamp mit Vertretern des Dadaismus und Surrealismus zusammen und gestaltete diese Richtungen mit. 1927 heiratete er die junge und vermögende Lydie Sarazin-Levassor, aber wohl nur aus finanziellen Gründen. Die Ehe wurde bald wieder geschieden. Lydie Sarazin-Levassor hat über ihre kurze Ehe ein Buch geschrieben, das jedoch erst 50 Jahre später erschien.

Mit Beginn der 1920er Jahre beschäftigte sich Duchamp zunehmend mit dem Schachspiel und stellte seine künstlerische Tätigkeit ab Mitte der 1920er Jahre weitgehend zurück, um Schachprofi zu werden. Er veröffentlichte eine Lehrbuch und nahm mit der französischen Nationalmannschaft zwischen 1924 und 1933 an fünf Schacholympiaden teil. 1942 verließ Duchamp Frankreich und lebte von nun an in den USA. Zusammen mit anderen emigrierten Künstlern, wie Max Ernst, wurde er in den USA künstlerisch wieder aktiver. Max Ernst teilte mit Marcel Duchamp und dessen Freund Man Ray die Liebe zum Schach und entwarf selber mehrere Schachspiele und Schachskulpturen.

Man könnte vermuten, dass der zur Selbstinszenierung neigende Marcel Duchamp das Bild mit sich und der nackten Schachspielerin initiiert hat, doch das ist falsch. Ausgangspunkt des Bildes ist vielmehr Eve Babitz, die junge nackte Frau. Sie wurde durch das Bild, aber auch durch ihr Leben als  "L.A. Women" zur Ikone.

Eve Babitz wurde als Tochter eines Künstler-Ehepaars am 13. Mai 1943 in Hollywood geboren, im gleichen Jahr also wie Bobby Fischer, nur wenige Wochen später, aber ganz woanders. Eve Babitz' Mutter war Künstlerin, ihr Vater ein Musiker. Er spielte Violine und stammte aus einer jüdischen Familie aus Russland. Igor Starvinsky, ein guter Freund der Familie, war Eve Babitz Taufpate.

Eve Babitz war ein bekanntes Party Girl in der kalifornischen Bohème und hatte im Laufe der Zeit reichlich Männerbekanntschaften, darunter neben vielen anderen Berühmtheiten Harrison Ford, Steve Martin und auch Jim Morrison. Den Musiker traf sie im Jahr 1966, ein Jahr nachdem dieser mit Ray Manzarek und anderen die "Doors" gegründet hatte. Morrison war gerade einmal 22 Jahre alt. Später erinnerte sich Eve Babitz an die Begegnung: "Mit Jim zu schlafen war so, als wäre man mit Michelangelos Figur David im Bett, nur mit blauen Augen. Jim hatte so weiße Haut." Über ihre Jugend in Kalifornien veröffentlichte Babitz mehrere Bücher.

Das Foto mit Marcel Duchamp und Eve Babitz wurde im Oktober 1963 im Pasadena Art Museum aufgenommen. Dort würdigte der Direktor des Museums Walter Hopps, 31, Marcel Duchamps Lebenswerk mit einer Retrospektive. Am 7. Oktober wurde die Ausstellung mit einer Party eingeleitet, zu der Hopps eine Menge angesagter kalifornischer Künstler eingeladen hatte. Zu den Gästen gehörte neben Marcel Duchamp und seinem Freund und Mitarbeiter Man Ray, der Kunsthändler Irving Blum, der Pop-Art-Künstler Edward Ruscha, die Künstler Larry Bell und Billy Al Bengston, der Bildhauer Claes Oldenburg, Dennis Hopper, seine Frau Brooke Hayward, der englische Pop-Art-Künstler Ricard Hamilton und Andy Warhol. Außerdem war Beatrice Wood erschienen, "Femme fatale" und Vorbild für die Catherine in Henri-Pierre Roché Roman Jules et Jim, bekannt geworden durch die Verfilmung von Francois Truffaut.

Zudem waren eine Reihe von Kunst-Groupies da, die vor allem darauf aus waren, sich einen der jungen und interessanten Künstler zu angeln und mit ihnen zu schlafen. Eve Babitz, 20, und ihre 17-jährige Schwester Miranda, die aussah wie eine amerikanische Ausgabe von Brigitte Bardot, gehörten auch dazu. Eve Babitz war von ihrer Freundin Myrna Reisman mitgebracht worden, die später den Canned Heat Drummer Frank Cook heiratete. Walter Hopps hatte Eve Babitz allerdings gar nicht eingeladen, da er befürchtete, sie würde sich wieder einmal daneben benehmen. Babitz war darüber sauer und erschien dann einfach trotzdem. Mit von der Partie war auch der Fotograf Julian Wasser, vom Time Magazin ins Museum geschickt, um über die Vernissage zu berichten. Er war mit Miranda Babitz gut befreundet.

Ein paar Tage nach der Künstlerparty wurde die Ausstellung für die breite Öffentlichkeit geöffnet. Eve Babitz besuchte diese mit ihren Eltern, trank einige Gläser Rotwein und war dadurch recht entspannt und guter Dinge. Marcel Duchamp und Walter Hopps spielten auf einem kleinen Podest Schach. Eves Babitz' Vater, der offenbar auch etwas vom Spiel verstand, erklärte seiner Tochter, dass beide sehr schlecht spielten. Dann kam Julian Wasser auf Eve zu und schlug vor, ein Foto mit ihr und Duchamp aufzunehmen, allerdings kein gewöhnliches Foto: Babitz sollte dabei nackt sein. Eve Babitz war spontan einverstanden. Ihr gefiel vor allem die Idee, sich auf diese Weise an Museumsdirektor Walter Hopps zu rächen, der sie ja bei der Einladung für die Eröffnungsparty übergangen hatte. Später bekam sie kalte Füße, aber Julian Wasser ließ sie nicht mehr von der Angel.

Das Foto wurde am folgenden Tag aufgenommen. Wasser hatte sich mit Duchamp abgesprochen und holte Eve bei ihren Eltern ab. Im Museum zog Eve Babitz sich in einem Nebenraum um, und betrat dann nur noch mit einem Kittel bekleidet die Ausstellungsräume. Dort hatte Julian Wasser alles für das Foto vorbereitet, nahm ihr den Kittel ab und warf diesen in die andere Ecke des Raumes, damit Babitz sich die Sache nicht noch anders überlegte. Duchamp und Babitz spielten dann tatsächlich einige Partien gegeneinander, wobei die im Schach völlig ungeübte Eve Babitz jedes mal nach ein paar Zügen verlor. Dann erschien auch Walter Hopps der angesichts der Szene, die sich ihm hier in seinem Museum bot, der Kaugummi aus dem Mund fiel. Schließlich hatte Julian Wasser seine Bilder im Kasten. Später wählte Babitz von den vielen Fotos eines aus, bei dem ihr Gesicht nicht zu sehen war. Mittelpunkt des Bildes sollte Marcel Duchamp sein und sie nur attraktives, aber anonymes Beiwerk. Es kam dann allerdings anders.

Auf die Frage, wie er denn auf die Idee gekommen war, Eve Babitz nackt mit Duchamp posieren zu lassen, antwortete Wasser: "Eva war nicht wie die anderen Groupies. Sie war etwas Besonderes. Außerdem sah sie fantastisch aus. Und ich wusste, dass sie Marcel Duchamp den Kopf verdrehen würde. Und genau das tat sie auch!"

Im Juni dieses Jahres zeigte Julian Wasser in der Ausstellung in San Francisco eine Reihe weiterer Fotos, die er 1963 während der Duchamp-Ausstellung geschossen hat. Dort kann man auch Bilder von Eve Babitz mit Gesicht sehen. Julian Wassers Foto wurde vielfach zitiert, unter anderem von der US-Großmeisterin Jennifer Shahade, die die Vorzeichen umkehrte.

 

Vanity Fair: Eve Babitz’s Famous Nude Chess Match Against Marcel Duchamp, the Full Story...

Julian Wasser: Duchamp in Pasadena...

Jennifer Shahade: Naked Chess...

FAZ: Die Frau des Schachspielers...

 



André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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flachspieler flachspieler 20.10.2015 09:38
Das Foto ist einfach genial. Man beachte auch solche "Kleinigkeiten",
wie die Farbverteilung. Von links nach rechts: Weisses Modell, schwarze
Figuren, weisse Figuren, Mann in schwarzem Anzug.
Die andere Option (weisse Figuren links, schwarze rechts) würde viel
schlechter wirken.
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