Gewinnen lernen 12: Wenn die Verteidigung scheitert

von Jan Markos
23.02.2026 – Im vorherigen Teil der Serie "Gewinnen lernen" wurden vier unterschiedliche Formen der Verteidigung vorgestellt: das Errichten einer Festung, das Spiel auf Gegenangriff, die Vereinfachung in ein haltbares Endspiel und die Sabotage. Wenn man sich verteidigt, sollte man alle vier Formen im Blick behalten. | Foto: Garry Kasparov | Foto: Lennart Ootes

Ihr persönlicher Schachtrainer. Ihr härtester Gegner. Ihr stärkster Verbündeter.
FRITZ 20: Ihr persönlicher Schachtrainer. Ihr härtester Gegner. Ihr stärkster Verbündeter. FRITZ 20 ist mehr als nur eine Schach-Engine – es ist eine Trainingsrevolution für ambitionierte Spieler und Profis. Egal, ob Sie Ihre ersten Schritte in die Welt des ernsthaften Schachtrainings machen oder bereits auf Turnierniveau spielen: Mit FRITZ 20 trainieren Sie effizienter, intelligenter und individueller als je zuvor.

Wer dazu nicht in der Lage ist, lebt als Verteidiger gefährlich. Schauen wir uns drei Partien von Spitzengroßmeistern an. In allen drei Partien fand der Verteidiger nicht die richtige Strategie.

In der Stellung im ersten Diagramm hat Schwarz ernste Probleme:

Ni-Filippov, Hyderabad 2005, Schwarz am Zug:

Schwarz hat einen Bauern mehr und sein Springer auf d5 steht gut. Aber die anderen Figuren scheinen zufällig auf dem Brett verstreut zu sein: Der König steht im Zentrum, die Schwerfiguren harmonieren nicht. Weiß hat das Läuferpaar und droht, mit der Dame auf h7 einzudringen. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich hier definitiv lieber mit Weiß spielen.

Fillipov war sich der Schwächen seiner Stellung bewusst und entschied sich daher für den Verteidigungsmodus „Festung“. Er spielte das recht passive 35…Ke8?, in der Hoffnung, nach 36.Dh7 Lf8 die Königsstellung zusammenzuhalten. Weiß spielte jedoch 36.Tc4, und nach 36…Ta6 37.Dh7 Lf8 38.f5 stand Schwarz völlig passiv.

Anstatt des kraftlosen Königszuges hätte Schwarz in den Verteidigungsmodus „Vereinfachung“ wechseln und 35…Tc5! spielen können, um ein Turmpaar zu tauschen. Nach 36.Tc4 Txc4 37.Dxc4 kann Schwarz 37…Kd7! spielen, und sein König ist kein gejagtes Wild mehr. Er ist zu einem aktiven Verteidiger geworden: c6 ist nun gut gedeckt.

Zwölf Züge und einige Fehler von beiden Seiten später entstand folgende Stellung:

Schwarz hat zwar eine Figur mehr, doch er schwebt weiter in Gefahr. Der Bauer auf e5 ist wegen des Doppelangriffs auf h8 tabu. Was soll Schwarz tun?

Wieder entschied sich Fillipov für eine passive Form der Verteidigung. Er spielte das scheinbar erzwungene 47…Tec6??, und die Partie dauerte nur noch fünf Züge: 48.Dh8+ Ke7 49.f6+ Ke6 50.Dh3+ Kxe5 51.Te1+ Kd6 52.Dg3+ 1-0

Hätte Schwarz jedoch gedanklich in den Verteidigungsmodus „Gegenangriff“ umgeschaltet, hätte er 47…Dd3! (oder 47...Dd5!) gefunden. Nach 48.fxe6 Dxb3+ 49.Tb2 Dd3+ 50.Tcc2 fxe6 hätte er für das geopferte Material ausreichende Kompensation gehabt.

Hier die vollständige Partie:

In folgendem Beispiel beging Teimour Radjabov, Jahrzehnte lang einer der besten Spieler der Welt, Harakiri.

Sakaev-Radjabov, FIDE World Cup 2009, Schwarz am Zug:

Schwarz steht okay. Seine Stellung ist einigermaßen solide, und er hat den „besseren“ Läufer. Weiß hat nur einen aktiven Plan: den Springer nach f5 zu überführen. Normalerweise würde Radjabov wohl innerhalb weniger Sekunden erkennen, dass dies eine Stellung für den Verteidigungsmodus „Festung“ ist, und z.B. 32…cxd5 33.cxd5 Le8! 34.Sg3 Lg6 spielen; auf g6 neutralisiert der Läufer den weißen Springer und kontrolliert die entscheidenden Felder h5 und f5.

Doch diese Partie wurde beim Weltcup gespielt, und die Spannung bei diesem Turnier, in dem im K.-o.-Format mit Minimatches gespielt wird, ist hoch. Radjabov war nomineller Favorit und hatte vermutlich das Gefühl, um die Initiative kämpfen zu müssen, statt sich umsichtig zu verteidigen.

Er entschied sich für den Verteidigungsmodus „Gegenspiel“ und spielte das positionell kaum nachvollziehbare 32…b5??. Sakaev hatte natürlich nichts dagegen, seinen „schlechten“ Läufer abzutauschen.

33.axb5 cxb5 34.cxb5 Lxb5 35.Lxb5 Txb5+ 36.Ka3 Tbb8 37.Sg3

Nun sehen wir das Ergebnis von Radjabovs „aktiver“ Verteidigung. Die Felder f5 und h5 sind vollkommen ungeschützt, und die Bauern auf d6 und a5 sind beide schwach. Der Springer auf f6 gibt Weiß taktische Möglichkeiten. Tatsächlich droht Weiß, ihn zu schlagen, um danach Sh5+ zu spielen.

Schwarz steht auf Verlust. Nach: 37…Kg6 38.Sh5 1-0 gab Radjabov auf, da Weiß nach 38…Sd7 alle Türme tauscht und anschließend den Bauern auf a5 einsammelt – mit leicht gewonnenem Endspiel.

Hier die vollständige Partie:

Manchmal fällt es schwer, sich für den Verteidigungsmodus „Vereinfachung“ zu entscheiden, weil wir nicht sicher sind, ob die entstehende Stellung remis oder verloren ist. Die Einschätzung komplexer Mittelspielstellungen ist oft differenziert: Weiß steht etwas besser, die Stellung ist unklar, Schwarz verfügt über ausreichendes Gegenspiel.

Doch in den meisten einfachen Endspielen gibt es keine Grauzonen. Die Stellung ist entweder gewonnen, remis oder verloren. Wer ein Endspiel falsch einschätzt, zahlt dafür in der Regel einen höheren Preis als für eine Fehleinschätzung im Mittelspiel.

In der folgenden Stellung stand Ding vor einer schwierigen Entscheidung. Sollte er in ein Endspiel abwickeln oder ein unangenehmes Mittelspiel in Kauf nehmen?

Ding-Topalov, Gashimov Memorial 2018, Weiß am Zug:

Trotz des Läuferpaars steht Weiß schlechter. Der Bauer auf c4 ist sehr stark, und alle schwarzen Figuren sind äußerst aktiv. Das lässt sich vom Läufer auf c1 nicht behaupten, der hinter der Bauernkette untätig steht. Sollte Ding durch zweimaliges Schlagen auf e4 vereinfachen?

Nach 41.Sxe4 Sxe4 42.Lxe4 dxe4 wirkt der weiße König recht verwundbar.

Viele Spieler würden hier einfach sagen: „Weiß steht schlechter.“ Aber halt! In einer solch vereinfachten Stellung sollte die Bewertung nicht derart vage sein. Weiß kann die Stellung entweder halten – oder er kann es nicht. Die Stellung ist verloren oder remis. Bitte keine Grauzonen!

Aber kann Weiß diese Stellung halten? Höchstwahrscheinlich ja. Er muss den c-Bauern mit dem Läufer blockieren und anschließend die Manöver der schwarzen Dame spiegeln. Wenn die schwarze Dame nach g4 oder f3 geht, sollte die weiße Dame auf f1 stehen.

Ein Zug wie 43.Lb2! mit der Idee Da3–a1–f1 oder Da3–c3–e1 sollte zum Remis reichen.

Am Brett war Ding jedoch nicht so sicher. Er wusste nicht, ob das Endspiel haltbar ist. Deshalb zog er 41.Sxe6, und schon nach wenigen Zügen hätte er in eine Verluststellung geraten können. In der Partie geschah 41…fxe6 42.Lf1, und nun hätte 42…Sg4! 43.f3 Db8! gewonnen. Doch Topalov entschied sich für das spektakuläre (aber schwächere) 42…Sxf2?!, und Ding konnte die Partie später mit Hilfe eines kleinen Wunders noch retten.

Hier die vollständige Partie:

Ich bin fest davon überzeugt, dass ein Schachspieler nicht nur Varianten rechnen sollte, sondern auch in Worten, Metaphern und strategischen Konzepten denken muss.

Ich bin überzeugt, dass sich Ding, Radjabov und Fillipov deutlich besser verteidigt hätten, wenn sie sich vor der Berechnung konkreter Varianten ein oder zwei Minuten Zeit genommen hätten, um sich zu fragen: „Welchen Verteidigungsmodus soll ich wählen?“, „Ist die Stellung mit passiver Verteidigung haltbar?“ oder „Hilft mir eine Vereinfachung oder nicht?“

Automatismen können im Schach helfen. Aber oft ist es wichtig, das eigene Denken bewusst zu kontrollieren, um die richtigen Fragen zu stellen und die richtigen Antworten zu finden.

Lassen Sie uns gemeinsam lernen, wie man die besten Felder für die Dame im frühen Mittelspiel findet, wie man diese Figur auf dem Brett navigiert, wie man den Damenangriff zeitlich abstimmt, wie man entscheidet, ob man sie tauscht oder nicht, und vieles m

Gewinnen lernen...


Jan Markos ist ein slowakischer Schachautor, Trainer und Großmeister. Sein Buch "Under the Surface" wurde 2018 vom Englischen Schachverband zum Buch des Jahres gewählt. Sein neuestes Buch, "The Secret Ingredient", das er zusammen mit David Navara geschrieben hat, konzentriert sich auf die praktischen Aspekte des Schachs, z.B. Zeitmanagement am Brett oder Vorbereitung auf einen bestimmten Gegner. Markos war vor zwanzig Jahren U16-Europameister und jetzt verhilft er seinen Schülern aus mehreren Ländern zu ähnlichen Erfolgen. Neben Schachbüchern hat er auch Bücher über kritisches Denken, moralische Dilemmata und Phänomenologie geschrieben.
Diskussion und Feedback Senden Sie Ihr Feedback an die Redakteure