Gewinnen mit der Hannibal-Strategie

31.05.2006 – Während das Schach seine Wurzeln im Indien des 6. Jh. hat, leiten die Damespieler ihr Spiel aus noch älteren Quellen ab. Schon die Ägypter sollen sich mit einem Vorläufer des Spiels, "Hunde und Schakale", die Zeit vertrieben haben. Und auch das römische Lantunculi (Foto) erinnert mit seinen zwei Spielsteintypen, Soldaten und Feldherren, schon an das moderne Damespiel. Diese erlaubt ebenso wie Schach dem fintenreichen Spieler viele erfolgreiche Strategien und Taktiken. Im Interview mit Dr.René Gralla verrät der deutsche Dame-Guru Michael Römhild eine aussichtsreiche Vorgehensweise - die "Hannibal-Strategie": Durchbruch in der Mitte. Interview im Neuen Deutschland...Erweiterter Nachdruck...

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Echo vom Anbeginn der Zeit: Methode "Hannibal" in Marzahn
Nachdruck der erweiterten Version mit freundlicher Genehmigung
Von Dr. René Gralla, Hamburg

Finden Sie Schach unübersichtlich? Und möchten Sie einfach weniger Stress bei einem Partiechen Dame haben? Dann fragen Sie mal bei Micgael Römhild (52) aus Berlin-Marzahn nach: Der Gründer der "Interessengemeinschaft Damespiel in Deutschland" räumt mit verbreiteten Vorurteilen über das angeblich gemütliche Spiel mit den weißen und schwarzen Chips auf. Mittlerweile träumen die Dame-Fans sogar von olympischen Weihen, wie der Autor Dr. René Gralla erfahren hat.

Dr. René Gralla : Wofür brauchen wir eine "Interessengemeinschaft Damespiel in Deutschland"?

Michael Römhild: Wir wollen durchsetzen, dass unser Spiel in Deutschland endlich als Sport anerkannt wird, und zwar auf Augenhöhe mit Schach. Schließlich haben wir ein ehrgeiziges Ziel: Dame soll olympische Disziplin werden.


Dame-Versteher: Michael Römhild (re.), Vorsitzender der "IG Damespiel in Deutschland",
und Stellvertreter Jan Zioltkowski wollen ihr Hobby als olympische Disziplin durchsetzen.

Dr. R. Gralla : Eine Vision, an der Ihr großer Konkurrent, der Weltschachbund FIDE, wahrscheinlich gescheitert ist.

Römhild: Ich weiß nicht, was bei der FIDE schief gelaufen ist. Jedenfalls hat unser internationaler Dachverband "Fédération Mondiale du Jeu de Dames" - abgekürzt: FMJD - intensive Sondierungsgespräche geführt, die Anlass zu Optimismus geben; mit einer Richtungsentscheidung ist 2009 zu rechnen. Um das Olympia-Projekt voranzutreiben, arbeitet die FMJD hart daran, die mindestens 300 Dame-Versionen, die momentan weltweit bekannt sind, zu sichten und so weit wie möglich zu vereinheitlichen. Als Hauptspielart ist mittlerweile "Dame 100" festgelegt worden: das heißt, Dame auf einem Plan aus 10x10 Quadraten.


Immer voll auf die 100: Deutsche Meisterschaft "Dame 100" in Berlin 2002

Dr. R. Gralla: "Dame 100"?! Bisher haben wir angenommen, dass Dame dieses Spiel mit hellen und dunklen Plättchen ist, die über die 64 Felder eines handelsüblichen Schachbrettes geschoben werden.

Römhild: Ich weiß, das ist die Variante, die Sie noch von Opa und Oma kennen: "Russisches Dame" in der Sprache der Fachleute und folglich nur eine Möglichkeit von vielen.



Nicht so gemütlich wie Opas 64-Felder-Geschiebe: "Dame 100" auf 10x10 Quadranten

Dr. R. Gralla: Erklären Sie uns bitte - abgesehen von der größeren Manövrierfläche - den Unterschied zwischen "Dame 100" und Opas Zeitvertreib.

Römhild: Bei "Dame 100" treten Schwarz und Weiß mit jeweils 20 Steinen an, beim Russischen Dame mit jeweils einem Dutzend. Ganz wichtig: Nach den "Dame 100"-Regeln darf ein einfacher Stein, der sich noch nicht in eine Dame verwandelt hat, auch rückwärts zuschlagen. Außerdem hat die Dame, insofern gleichfalls anders als ihr russisches Pendant, die freie Wahl, ob sie, nachdem sie über eine gegnerische Einheit gesprungen und jene einkassiert hat, das unmittelbar dahinter liegende Feld besetzt oder doch lieber eine Position in größerem Abstand zum gerade geräumten Diagonalquadrat.

Dr. R. Gralla: Die einschlägige Literatur erwähnt Dame-Exotika aus Brasilien oder der Türkei ...

Römhild: ... in der türkischen Version ziehen die Steine nicht nur über die Diagonalen, sondern auch senkrecht oder waagerecht. Ein Sonderweg, der allerdings nicht in den allgemein verbindlichen Kanon der FMJD aufgenommen worden ist; neben "Dame 100" und "Russischer Dame" werden offiziell nur noch die brasilianische Version und das anglo-amerikanische "Checkers" zugelassen.


Dr. R. Gralla: Sehr verwirrend.

Römhild: Brasilianisches Dame läuft ab wie "Dame 100", bloß auf dem kleineren 8x8-Felder-Brett mit zweimal zwölf Steinen. Im "Checkers" sind die Damen besonders privilegiert, weil sie tabu, sprich: unantastbar sind für einfache Steine.

Dr. R. Gralla: Eine echte Herausforderung für Ihren Weltverband, in dieses Chaos eine Linie zu bringen. Und wir haben immer gedacht, dass Dame etwas Relaxtes ist für Leute, die weder Lust noch Zeit haben, sich stundenlang den Kopf zu zerbrechen beim vertrackten Schach.

Römhild: Ich kenne das Vorurteil, dass Dame angeblich leichter sei als Schach. Hier möchte ich den einstigen deutschen Schachweltmeister Dr. Emanuel Lasker zitieren: "Das Damespiel ist die Mutter des Schachspiels - und zwar die beste Mutter, die es gibt." Schach ist lediglich ein Ableger von Dame.


Dr. R. Gralla: Eine interessante These. Für die immerhin die Existenz des zur römischen Kaiserzeit äußerst populären "Latrunculi" sprechen könnte. Das war das Spiel der Legionäre: eine Schlacht zwischen zwei Armeen aus schwarzen und weißen Steinen unter jeweils einem General mit dem Ziel, die gegnerischen Truppen entweder aufzureiben oder zu blockieren und deren Kommandeur den letzten Fluchtweg zu versperren. Vielleicht ist "Latrunculi" das Bindeglied zwischen Dame und Schach?

 

 

 



Rekonstruiertes Latrunculi-Brett mit Startposition:
Der schwarze und der weiße Spitzkegel vor der Front sind die gegnerischen Feldherren.
 


Das Schach der römischen Legionäre: Latrunculi

Römhild: Eine Frage, die weitere Forschungen beantworten müssen. Sicher ist aber: Schon in den Gräbern der Pharaonen wurden Dame-ähnliche Spiele entdeckt. Wir Dame-Freunde pflegen ein Kulturgut der Menschheit, darauf sind wir stolz.



Von 1000 Hunden gehetzt ...: "Hunde und Schakale" der Pharaonen - im abstrakten Design


Dr. R. Gralla: Lässt sich die Ur-Form von Dame datieren?

Römhild: Seit dem Beginn der Zeitrechnung wird Dame gespielt.



Urform des Damespiels aus dem Ägypten der Pharaonen


Dr. R. Gralla: Der lange Atem der Geschichte. Ähnlich wie beim Schach blickt auch die Gemeinde der Dame-Anhänger auf eine mittlerweile stolze Tradition regulärer Turniere zurück. Weltmeisterschaften inklusive: Der erste inoffizielle World Champion war der französische Doktor A. Dussaut von 1885 bis 1895, der erste offizielle Titelträger der Landsmann Isidore Weiss von 1899 bis 1912. Die weltweite Nr. 1 ist momentan der Weißrusse Andrej Valjuk - und dennoch: Dame kennt bloß zwei Figurentypen. Sind Ihre Mitstreiter und Sie, Herr Römhild, nicht doch eben Menschen, die, weil Ihnen Schach zu komplex ist, auf das simple Dame ausweichen?

Römhild: Ganz im Gegenteil. Das sehen Sie bereits daran, dass viele Mitglieder unserer Interessengemeinschaft engagiert sowohl Dame als auch Schach spielen. Dame verlangt strategisches Denken und taktisches Geschick.

Dr. R. Gralla: Was ist der beste Plan für die Eröffnung: zunächst blitzartig Außenposten besetzen und von der Peripherie aus den Gegner in die Zange nehmen? Oder mutig - mit entsprechender Deckung durch rückwärtige Verbände - einen Angriffskeil gegen das Zentrum richten?

Römhild: Das ist eine Frage des Charakters. Erfahrungsgemäß schneiden aber die am besten ab, die in der Mitte vorgehen und frontal angreifen. Das ist die "Hannibal"-Methode.


Dr. R. Gralla: Auf wie viele Aktive stützt sich die Dame-FIFA, sprich: Ihr FMJD, Herr Römhild?

Römhild:  Rund fünf Millionen; in Deutschland sind das zwischen 75 und 100 Fans.

Dr. R. Gralla: Dieser bescheidenen Zahl stehen hierzulande vermutlich Millionen Menschen gegenüber, die sich im privaten Kreis zu Dame-Partien treffen ...

Römhild: ... und die sollten sich sofort an mich wenden. In Berlin zum Beispiel treffen sich die Dame-Fans mindestens einmal im Monat im Haus "Pro-social" am Blumberger Damm 12 bis 14. Einfach bei mir anrufen, dann erfahren Sie den nächsten Termin.



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Infos zu Dame-Abenden in Berlin und anderswo: bei Michael Römhild, Telefon 030/809 366 43.











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