Glückliche Deutsche in Barcelona

von Conrad Schormann
30.08.2018 – Liviu-Dieter Nisipeanu hat vor kurzem das stark besetzte Sants Open in Barcelona mit 8 aus 10 gewonnen. Nisipeanu hatte die beste Wertung, aber das Turnier gewann er erst nach einem Sieg im Stichkampf gegen den französischen Großmeister Jules Moussard. Conrad Schormann inspirierte das Turnier in Barcelona zu Betrachtungen über die Rolle des Glücks im Schach. | Foto: Georgios Souleidis, Archiv

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Glückliche Deutsche in Barcelona: Nisipeanu im Aufwind vor der Olympiade

Beim Schach sei kein Glück im Spiel, glauben vor allem solche Leute, die kein Schach spielen. Ihnen dient Schach als Metapher für den reinen, von Emotionen befreiten intellektuellen Wettstreit, den der überlegene Geist gewinnt. Aber wer einmal während einer Partie seine Pumpe hat pochen spüren, seine Bedenkzeit wegticken sehen, wer sich im Variantengestrüpp verheddert hat ohne Ahnung, was zu tun ist, der sieht die Angelegenheit ein bisschen anders.

Schachturniere können glücklich laufen oder unglücklich. Ein Beispiel für ein glücklich gelaufenes Schachturnier machte zu Ostern weit über Schachkreise hinaus Schlagzeilen: Vincent Keymer gewann das superstark besetzte Grenke-Open, und das zumindest nominell mit einer Weltklasseperformance. Aber wer sich Keymers Partien aus Karlsruhe anschaut, der sieht, dass es dort für einen fraglos famosen Schachspieler obendrein glücklich gelaufen ist. Mal wollten die Gegner zu viel, mal verhedderten sie sich, mal befiel sie die Schachblindheit.

Vincent Keymer war jetzt Teil der großen deutschen Delegation, die beim Sants Open in Barcelona (Endstand bei chess-results.com) auf Punkte-, Norm- und Preisgeldjagd ging, aber für die dritte GM-Norm reichte es leider nicht. Nicht nur für ihn, auch für einige Landsleute sah es früh danach aus, als seien sie Teil eines Turniers, das speziell für deutsche Teilnehmer glücklich läuft. Hier zwei der deutlichsten aus einer Reihe von Indizien:

Lacasta Palacio, Joaquim – Keymer, Vincent, Sants Open, Runde 1

barcelonakeymer1.jpg

Schwarz hat zwar noch ein Materialplus, aber er driftet schon seit einigen Zügen ohne rechten Plan gegen einen nominell unterlegenen Gegner. Hier ist die Partie endgültig gekippt. Weiß kann nun 31.bxa6 ziehen und steht auf Gewinn. Stattdessen  – gab Weiß auf! (Oder hat er die Bedenkzeit überschritten? Die Notation gibt keinen Aufschluss.)

Keymers Lauf ging dann weiter, hielt sogar bis in die vierte Runde, in der es eigentlich ein Glück war, dass ihm der russische Großmeister Anton Demchenko eine zweifelhafte Eröffnung vorsetzte und damit sehr bald sehr schlecht stand. Aber dann, so ein Pech, verlor Keymer erst den Faden und dann die Partie.

Ein ähnliches Glück wie Keymer in Runde eins widerfuhr der deutschen Nummer eins Liviu Dieter Nisipeanu gegen den spanischen Großmeister Narciso Dublan in Runde vier. Zwar hatte sich Nisipeanu mit Schwarz Vorteil erkämpft, aber für einen Sieg sollte es nicht reichen – theoretisch.

Narciso Dublan, Marc – Nisipeanu, Liviu Dieter, Sants Open, Runde 4

barcelonanisi1.jpg

Weiß hält die Stellung remis, wenn er sich zuerst darum kümmert, per 49.Tf1 oder 49.Tf2 den Vormarsch des schwarzen Freibauern zu stören. Zugleich muss sein König in Reichweite des eigenen Freibauern bleiben, um dessen Vormarsch zu unterstützen. Für Großmeister eine lösbare Aufgabe, sollte man meinen. An jedem anderen Tag würde Narciso Dublan die Partie wahrscheinlich zum Remis führen.

Am 20. August 2018 zog er 49.h6??, ließ den gegnerischen Bauern laufen und verlor seinen eigenen aus den Augen. Nach 49…a2 50.Tf1 Tc6 51.Th1 Txh6 war der weiße Freibauer weg, der schwarze lief durch – und danach lief auch Nisipeanu durch zum Turniersieg, begünstigt durch eigenes gutes Spiel und durch den glücklichen Umstand, dass zumindest ein weiterer Gegner einen schlechten Tag erwischt hatte (siehe weiter unten). Am Schluss endete dann noch die Stichkampf-Blitzschach-Lotterie zu Nisipeanus Gunsten.

Neben Nisipeanu spielte auch Großmeister Andreas Heimann ein exzellentes Turnier. Beide waren bis zur letzten Runde ganz vorne zu finden, aber für ein ordentliches (Nisipeanu) bzw. moderates (Heimann) Preisgeld würden beide noch einen vollen Punkt brauchen. Doch ausgerechnet am Finaltag – so ein Pech! – bescherte ihnen die Auslosung die schwarzen Steine, und mit denen gewinnt es sich bekanntlich nicht so leicht.

Am Brett von Andreas Heimann passierte dann dieses:

 

Aus eröffnungstheoretischer Sicht ist besonders die Stellung nach dem achten Zug von Schwarz interessant.

barcelonahei3.jpg

Hier spielte Weiß

9. h4?

aber die kritische, originelle Stellung, die wir unlängst intensiv betrachtet haben, entsteht nach 9. exf6 gxf6 10. f4. Gleichwohl bleibt die Frage offen, ob an dieser Stelle 10…Sf7 oder 10…Se4 besser ist.)

Der junge peruanische IM Escalante Ramirez ist gewiss ein exzellenter Schachspieler, der reihenweise exzellent vorgetragene Partien spielt. Aber an diesem Tag eben nicht. Stattdessen verhalf er seinem Gegner zu einem glänzenden Sieg, und so gelang Andreas Heimann (nach dem Open in Dresden unlängst) ein weiteres starkes Turnier: 7,5 aus 10.

Ähnliches passierte am Brett von Liviu Dieter Nisipeanu, der nicht viel tun musste, um mit Schwarz schnell überlegen zu stehen, und dann sicher den vollen Punkt einfuhr:

 

Und so entpuppte es sich als Glück, in der letzten Runde gegen diese Gegner mit den schwarzen Steinen spielen zu müssen. Nisipeanu (8 aus 10) hat jetzt nach mageren Monaten und seinem desaströsen Auftritt bei den Dortmunder Schachtagen zwei starke Open in Folge gespielt und dürfte Selbstvertrauen getankt haben für die Schacholympiade, bei der er am Spitzenbrett der deutschen Mannschaft manchen Brocken wird aus dem Weg räumen müssen.

Neben diesen beiden feierte die deutsche Delegation weitere Erfolge, und in zwei Fällen hing das ebenfalls mit vollen Punkten in der letzten Runde zusammen:

FM Thomas Höfelsauer, FM Hans Möhn und Timo Küppers kamen mit einer IM-Norm im Gepäck aus Barcelona zurück. Herzlichen Glückwunsch!

Unter den GM-Norm-Jägern lag vor allem IM Maximilian Neef lange aussichtsreich im Rennen, aber ihm gelang der notwendige Sieg in der letzten Runde nicht. Schade. Nächstes Mal läuft’s bestimmt glücklicher!

Schlussstand nach 10 Runden

Rg. Snr     Name Land EloI EloN Pkt.  Wtg1   Wtg2   Wtg3 
1 3
 
GM NISIPEANU Liviu-Dieter GER 2657 2660 8,0 1 56,5 68,0
2 11
 
GM MOUSSARD Jules FRA 2566 0 8,0 2 52,5 65,0
3 5
 
GM ILLESCAS CORDOBA Miguel CAT 2605 2590 8,0 3 47,5 58,0
4 27
 
GM ANURAG Mhamal IND 2484 0 8,0 4 52,5 64,5
5 14
 
GM VOLKOV Sergey RUS 2557 0 8,0 5 52,0 65,0
6 1
 
GM DEMCHENKO Anton RUS 2670 0 7,5 6 55,5 68,5
7 15
 
GM PERALTA Fernando ARG 2556 2563 7,5 7 54,0 66,5
8 25
 
GM CUARTAS Jaime Alexander COL 2499 2491 7,5 8 55,0 67,5
9 19
 
  SVIRIDOV Valery RUS 2528 0 7,5 0 54,0 66,5
10 13
 
GM VAIBHAV Suri IND 2561 0 7,5 0 53,5 66,5
11 10
 
GM CRUZ Cristhian PER 2571 2530 7,5 0 53,0 65,5
12 6
 
GM PETROV Nikita RUS 2591 0 7,5 0 53,0 65,5
13 12
 
GM MARTINEZ ALCANTARA Jose Eduardo PER 2561 2568 7,5 0 53,0 65,0
14 17
 
GM MORONI Luca Jr ITA 2547 0 7,5 0 52,0 65,0
15 7
 
GM HEIMANN Andreas GER 2590 0 7,5 0 52,0 64,5
16 18
 
GM QUESADA PEREZ Yasser CUB 2534 0 7,5 0 51,0 63,0
17 8
 
GM ESIPENKO Andrey RUS 2589 0 7,5 0 51,0 63,0
18 23
 
GM DIERMAIR Andreas AUT 2501 0 7,5 0 49,0 59,0
19 96
 
FM HOEFELSAUER Thomas GER 2339 0 7,5 0 45,0 55,5
20 4
 
GM GLEDURA Benjamin HUN 2626 0 7,0 0 56,0 69,0
21 20
 
GM VETOSHKO Volodymyr UKR 2525 0 7,0 0 53,5 66,5
22 32
 
GM OLIVA CASTANEDA Kevel CUB 2479 0 7,0 0 53,0 66,5
23 61
 
IM KRISHNA C R G IND 2402 0 7,0 0 52,0 65,0
24 37
 
IM NEEF Maximilian GER 2463 0 7,0 0 51,5 63,5
25 38
 
IM SOCHACKI Christophe FRA 2455 0 7,0 0 51,0 64,0
26 2
 
GM SWIERCZ Dariusz POL 2669 0 7,0 0 51,0 63,5
27 48
 
IM YANKELEVICH Lev GER 2420 0 7,0 0 49,0 61,5
28 9
 
GM SVETUSHKIN Dmitry MDA 2580 0 7,0 0 49,0 61,5
29 24
 
IM VALSECCHI Alessio ITA 2500 2499 7,0 0 49,0 61,5
30 101
 
IM RAJESH V A V IND 2325 0 7,0 0 49,0 60,5
31 28
 
GM NARCISO DUBLAN Marc CAT 2483 2486 7,0 0 48,5 61,5
32 41
 
IM BELLIA Fabrizio ITA 2440 0 7,0 0 48,5 60,5
33 21
 
IM ZANAN Evgeny ISR 2512 0 7,0 0 48,5 60,0
34 26
 
IM KEYMER Vincent GER 2493 0 7,0 0 48,0 60,5
35 67
 
IM HUBER Martin Christian AUT 2390 0 7,0 0 47,0 59,0
36 33
 
GM MUNOZ Miguel CAT 2476 2464 7,0 0 47,0 58,0
37 209
 
  KUEPPERS Timo GER 2151 0 7,0 0 46,0 59,0
38 69
 
IM SHYAAMNIKHIL P IND 2389 0 7,0 0 46,0 58,0
39 76
 
IM LAVROV Maxim RUS 2384 0 7,0 0 46,0 57,5
40 74
 
IM ALARCON CASELLAS Rolando CUB 2385 2393 7,0 0 44,5 55,0
41 64
 
IM VALDES ROMERO Leonardo CRC 2398 2378 7,0 0 42,5 54,5
42 44
 
IM STURT Raven USA 2437 0 7,0 0 41,0 51,5
43 35
 
IM PULVETT MARIN Daniel Eduardo VEN 2465 2470 6,5 0 52,0 64,0

Quelle: chess-results.com

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Conrad Schormann, gelernter Tageszeitungsredakteur, betreibt in Überlingen am Bodensee ein Büro für Redaktion und Kommunikation. Fürs Schachspielen hat er zu wenig Zeit, was auch daran liegt, dass er so gerne darüber schreibt, sei es für Chessbase, im Reddit-Schachforum oder für sein Schach-Lehrblog Perlen vom Bodensee...

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