Go West

16.08.2005 – Die diesjährige Weltmeisterschaft im Chinaschach fand erstmals in der Geschichte des Wettbewerbs außerhalb Asiens statt. Schauplatz war das Chinagora-Hotel in Paris. "Go West" war tatsächlich das Motto des XiangQi- Weltverbandes, denn im Mutterland des Spiels wenden sich immer mehr dem internationalen Schach zu. In Europa möchte der Verband nun neue Anhänger rekrutieren. Der Titel selbst blieb aber selbstverständlich in Asien. Während die Asiaten das Spiel dominierten, setzten die europäischen Spieler ihre Akzente besonders in der Wahl ihres Schuhwerks, findet Dr. René Gralla in seinem Artikel für das Neue Deutschland. Trotz der extravaganten westlichen Modevorschläge blieben die Teilnehmerinnen des parallel stattfindenden "Miss Chinese Kosmos" (Foto: Christoph Harder) jedoch tapfer bis zum Schluss der Veranstaltung. Einen weiteren Betrag zur Chinaschach-Weltmeisterschaft in Paris veröffentlichte Spiegel-online. Artikel bei Spiegel-online... Artikel im Neuen Deutschland...Nachdruck...

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Der folgender Artikel
erschien am 13.August in Neues Deutschland. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Die coolen Finnen kommen
Asiaten bei der Chinaschach-WM in Paris unschlagbar 
Von René Gralla

Fotos: Christoph Harder
 
In der letzten Runde heißt es schon wieder »Deutschland gegen Holland«. Schwarzhosen gegen Oranje – das an diesem Sommermorgen aggressiv rot leuchtet –, das ist mindestens so aufregend wie das unvergessene WM-Finale 1974: abgesehen davon, dass die Hauptakteure in Paris nicht Johan Cruyff und Kaiser Franz, sondern Gert Greeuw und Michael Nägler heißen. Auch der heilige Rasen hat sich verändert, im dritten Jahrtausend geht der Trend unverkennbar zum Virtuellen, entsprechend schieben der Rotterdamer Greeuw (52) und der Emsländer Nägler (48) bloß flache Scheiben mit Symbolzeichen über ein Holzbrett. Sonst ist die Stimmung fast so gut wie vor 31 Jahren, als Cruyff und Co. wacker Druck machten, am Ende aber die sprichwörtlichen Rumpeldeutschen siegten – in diesem Augenblick repräsentiert von einem Doktor Nägler als Ein-Mann-Show der Republik.

Schräg um die Ecke
Einen Pott darf der gelernte Radiologe trotzdem nicht nach Hause tragen. Schließlich flanken und kontern die Herren Greeuw und Nägler gerade nicht in jenem einfachen Spiel um das Runde, das irgendwie ins Eckige befördert werden soll. Vielmehr ist das jetzt das ziemlich genaue Gegenstück, nämlich die Weltmeisterschaft in einer Disziplin, wo vor allem schräg um die Ecke gedacht werden muss – im besonderen Schach der Chinesen.

Besagtes »XiangQi« ähnelt dem in Europa üblichen 64-Felder-Sport – Ziel ist das Matt des feindlichen Oberbefehlshabers –, zeichnet sich aber gleichzeitig durch eine Reihe fieser Tricks aus. So dürfen bestimmte Figuren gewisse Zonen des Gitternetzes aus 90 Schnittpunkten nicht verlassen: Die Antipoden, der »rote« und der »schwarze« General, sitzen fest in ihren Hauptquartieren; der zentrale Grenzfluss ist unüberwindbare Barriere für die Elefanten. Allein Soldaten, Reiter, Streitwagen und Kanonen können die Furten des Huanghe passieren.

Alles recht vertrackt, folglich sind im XiangQi bisher die Asiaten kaum zu schlagen. Bei der diesjährigen WM in Paris räumt die Volksrepublik erwartungsgemäß ab: Der Kantonese Lu Qin (43) holt sich zum fünften Mal den Titel. Guo Liping (24) hängt die Verfolgerinnen in der Damenkonkurrenz ab – während sich die Deutsche Lea Schmidt (18) mit der roten Laterne bescheiden muss, obwohl die Schülerin aus Nürnberg eigentlich mit einem gewissen Optimismus angetreten ist (ND berichtete). Auch der Endspielthriller BRD-Niederlande – rekordverdächtige 129 Züge, auf jeden Fall das längste Match am Schlusstag – hat keine Bedeutung für den Turnierausgang.


Michael Nägler gegen Gert Greeuw

Wenigstens sichert der Kampfgeist des deutschen Routiniers Nägler seiner schwarz-rot-goldenen Auswahl den zweiten Rang unter den europäischen Mitbewerbern – hinter WM-Gastgeber Frankreich und vor Holland.

Erstes Gastspiel
Dennoch markiert Paris 2005 eine Zeitenwende: Erstmals in der Geschichte des XiangQi, die zurück reichen soll bis in die Bürgerkriegswirren der »Streitenden Reiche« ab 478 bis 221 vor Christus, gastiert der WM-Zirkus außerhalb Asiens. Das ist eine Richtungsentscheidung der Welt-XiangQi-Federation, denn die WXF setzt auf eine Westoffensive, um Nachwuchssorgen in den Hochburgen China und Vietnam zu kompensieren. »Neuerdings ermutigen viele Eltern ihre Kinder, das internationale Schach zu lernen«, so Lee Shing Leung (70) von der WXF-Studienkommission. »Langnasen« sollen frischen Wind in die Chinaschach-Szene bringen. XiangQi goes West – symbolträchtig ist auch der Turnierort in Paris gewählt: das wunderbar exotische Hotel »Chinagora«, ein buntes Ensemble aus verschnörkelten Erkern und Türmen unter geschwungenen Pagodendächern auf einer Halbinsel, wo sich Seine und Marne vereinigen. Das passende Ambiente für die XiangQi-WM – in dem allein die Kandidaten aus dem Westen den optischen Standard nicht halten können.

Wie von Kaurismäki persönlich gecastet
Asiens Topleute favorisieren Anzug oder gepflegten Freizeitdress, bei den Europäern dominiert ein leicht schrulliger Mix – mit einer unbegreiflichen Vorliebe für wuchtige Sandalen (die Füße alternativ gewärmt von kuscheligen Socken oder kess entblößt).

Was das weibliche Publikum mit einem asiatisch-unergründlichen Lächeln registriert: ganz vorne weg die Teilnehmerinnen an der Wahl »Miss Chinese Kosmos«, die zeitgleich zur WM im »Chinagora« logieren.

Da recken selbst versponnene Denksportler ihre Hälse: eine Herausforderung, der sich allein die Finnen gewachsen zeigen. Das Trio um Senior und Mathematiker Jouni Tolonen (43) könnte vom Kultregisseur Kaurismäki persönlich gecastet worden sein.

Die Teamkollegen Jouni Ramo (22) und Arto Vaara (39) würden in ihren halblangen schwarzen Bermudas auch auf der Bühne eines Independent-Festivals eine gute Figur machen.

Um die Zukunft des XiangQi in Europa muss einem nicht bange sein: Die coolen Finnen werden’s richten.
 

 

 

 



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