Grand Prix in Berlin: Momente und Beobachtungen

von Thorsten Cmiel
09.02.2022 – Beim Grand Prix in Berlin war am Dienstag Halbzeitpause. Nach vier Runden der Gruppenphase wurde ein Ruhetag eingelegt. Thorsten Cmiel verfolgt das Turnier und zieht eine Zwischenbilanz, auch mit einem besonderen Blick auf Vincent Keymer. | Fotos: World Chess

ChessBase 16 - Megapaket Edition 2022 ChessBase 16 - Megapaket Edition 2022

Dein Schlüssel zu frischen Ideen, präzisen Analysen und zielgenauem Training! ChessBase ist die persönliche Schach-Datenbank, die weltweit zum Standard geworden ist. Jetzt mit den neuen Datenbanken Mega 2022 und der Fernschachdatenbank Corr2022! Außerdem neu im Megapaket: 1 Gutschein für ein Profi-Powerbook Ihrer Wahl + 250 ChessBase-Dukaten!

Mehr...

Was vom Grand Prix bislang hängen bleibt

Das Format des Grand Prix 2022 erweist sich als ein Erfolg. Die Spieler kämpfen mit großem Einsatz um ihre Chance sich einen der zwei verbliebenen Plätze im Kandidatenturnier zu sichern. Wer sich qualifizieren will, muss vermutlich zweimal Gruppenerster werden, mindestens eines der drei Turniere gewinnen. Von den 32 gespielten Partien endeten zehn Partien mit einem Weißsieg und dreimal gewann Schwarz. Zudem gelang es vier Spielern nach einer Niederlage mit einem späteren Sieg wieder ins Turnier zurück zu finden. In Berlin gilt die Sofia-Regel und die erlaubt erst nach dreißig Zügen Remis zu vereinbaren. Die Alternative ist es die Stellung dreimal zu wiederholen. Bisher endete nur die Partie von Hikaru Nakamura und Etienne Bacrot in der vierten Runde genau so.

Gruppe B - Drei potentielle Qualifikanten

Die spannendste Partien liefert bislang die Gruppe B. Vier von acht Partien wurden entschieden und in mindestens zwei weiteren Partien waren zudem angesichts der Ungleichgewichte während der Partien volle Punkte drin. Nach vier Runden liegen „Radek“ Wojtaszek und Vladimir Fedoseev einen halben Punkt vor Richard Rapport. Der Ungar dürfte nach dem Ruhetag mit Weiß gegen den außer Form spielenden zweiten Russen in der Gruppe, Grigorij Oparin, heftige Gewinnversuche unternehmen.

Richard Rapport

Gruppe B - Einige Momente

 

In diesem Springer-Endspiel mit einem Bauern weniger war hier Richard Rapport mit Schwarz am Zuge. Am wichtigsten ist es, den eigenen König im Spiel zu halten. Dafür sollte er mit 41...Ke7 beginnen und dann schnell mit f7-f5 Bauern tauschen und schwache Bauern im gegnerischen Lager schaffen. Radoslaw Wojtaszek konnte nach dem fehlerhaften 41...Sc4 den gegnerischen König aus dem Spiel halten und zurückdrängen, indem er 42.Sc6! spielt. Danach ist das Schlagen auf b2 schlecht wegen 43.e4-e5+ nebst Sa5 und der Springer auf b2 ginge verloren. Nach 42.Sd3 bekam der Ungar seine zweite Chance, konnte diese aber nach einem erneuten Fehler nicht nutzen und verlor.

 

Der Pole Radoslaw Wojtaszek hatte bis hierher eine hervorragende positionelle Partie gegen einen etwas missglückten Tarrasch-Aufbau seines Gegners Grigorij Oparin gespielt.

Alle Schwächen im weißen Lager sind gedeckt oder nicht angreifbar. Der Bauer auf b7 wiederum ist eine bleibende und mit dem Turmzug nach b3 angreifbare Schwäche. Bevor Weiß sich diesem Thema widmet, kann er seinen König nach e1 ziehen, seinen Läufer nach g3 stellen und das Turmendspiel nach späterem Sf5-g3 anstreben. Ke1 ist notwendig, damit später nach Nehmen auf b7 Schwarz mit seinem Springer nicht mit Schach auf e3 einsteigen kann.

In einer der spannendsten Partien des Grand Prix in Berlin bisher, opferte Richard Rapport zwischenzeitlich über einen längeren Zeitraum eine Figur gegen Grigorij Oparin. Das Chaos begann in folgender Stellung.

 

Richard Rapport konnte hier 24.Lf1 ziehen und daran war nichts falsch. Die Maschine gibt Weiß Vorteil. Der Ungar jedoch ist bekannt für sein kreatives Spiel und hier fand er einen Weg, um seinen König zu aktivieren. 24.Kf2!!? war der bislang spektakulärste Zug aus den ersten vier Runden. Die herkömmlichen zwei Zeichen für die Zugbewertung sind hier eindeutig nicht ausreichend. Manchmal wünscht man sich eine ausdrucksstärkere Kurzkommentierung.

Die Stellung war lange Zeit ungefähr balanciert. Mit seinem Königsmarsch nach h4 hatte der Ungar ein Mattnetz gesponnen und sein Gegner war hinein getapst. In der aktuellen Stellung hatte Schwarz zuletzt auf e4 geschlagen. Was nun?

 

Rapport spielte hier 32.g4! Die Idee ist es den Springer zu decken und erst dann den Läufer zu schlagen Nach 32...Lxf3 folgt jetzt Turmschach auf g8 und Matt durch den Springerzug nach f6.

Der Ungar ist unglaublich kreativ. Puristiker und Schachpädagogen könnten kritisieren, dass Kreativität produktiv eingesetzt werden sollte. In seiner Partie gegen Oparin spielte der Ungar in der folgenden Stellung den Zug 17...Ld4!? Seine Alternativen bestanden im Rückzug des Läufer nach e7 und sofortigem Schlagen auf f3 nebst Txe4. Außer vielleicht Alexei Shirov hätte kaum ein anderer im Feld hier seinen Läufer nicht nach e7 gezogen.

 

In der Partie Fedoseev gegen Wojtaszek kam es zur zweiten Partie im Carlsen-System in Berlin. Das ist insofern nicht ungewöhnlich, da es der Pole war gegen den Magnus Carlsen das System 2018 in die Weltspitze eingeführt hatte. Der Russe hatte in der Folge seine Figuren etwas gedrängt aufgestellt und in der Stellung des folgenden Diagramms konnte der Pole seine Stellung deutlich mit dem Zug 21…e5-e4 verstärken.

 

Es gab später noch Chancen, sein Ergebnis auf Plus 2 zu stellen. Radoslaw Wojtaszek, der erst kurz vor Turnierbeginn von seiner definitiven Teilnahme erfahren hatte, besaß Chancen bereits seine dritte Partie zu gewinnen.

In der vierten Runde spielten Richard Rapport und Radoslaw Wojtaszek eine im Vergleich recht harmlose Partie. Vladimir Fedossev hingegen konnte eine missglückte Eröffnung seines Gegners nutzen und mit Schwarz im großen Stil gewinnen. In der folgenden Stellung spielte er hier den sehr schicken Zug 34...e4. Es gab in dieser klaren schwarzen Gewinnstellung noch andere Wege.

 

 

 

Vincent Keymer in Berlin

Vincent hat kurz vor dem Turnier seine Abiturprüfungen absolviert. Man sollte dieses Ablenken vom anstehenden Turnier nicht unterschätzen. Vincent spielte in den ersten Partien meist lange Varianten und hatte wenig Erfolg damit. Mit Weiß ist sein Repertoire vielleicht etwas einseitig aber bereits konkurrenzfähig. Das war bekannt. Mit Schwarz muss Vincent in der Regel gegen derart starke Gegner um Ausgleich kämpfen und das schaffte er diesmal nicht. In der ersten Partie gegen den Russen und Sekundanten von Magnus Carlsen hatte der 17-jährige Teenager sogar an einer Stelle Chancen auf deutlich mehr. Gegen den Inder Vidit wiederholten die Spieler eine Vidit-Partie und die Neuerung von Vincent konnte Vidit durch ein Bauernopfer recht überzeugend entschärfen. Nach zwei Weißpartien standen in der dritten und vierten Runde zwei Schwarzpartien an.

Vincent Keymer

In der Partie gegen Levon Aronian gelang es Vincent konzeptionell nicht gegen den Jung-Amerikaner mit armenischen Wurzeln zu bestehen. Der hatte eine als harmlos geltende Variante gespielt, sich die c-Line gesichert und pochte auf einen gehörigen Vorteil.

 

Nach dem 24. Zug von Schwarz sah die schwarze Stellung sehr traurig aus. Levon gewann die Partie ohne große Mühen. Er zog hier 25.Tb7. Während der Liveübertragung schlug Josefine Heinemann den meines Erachtens positionell noch überzeugenderen Zug 25.Kf1 vor. Weiß verlässt die c-Linie erst, wenn die Einbruchsfelder vom König verteidigt sind.

In der vierten Runde folgten Daniill Dubov und Vincent Keymer einer weiteren langen Variante. Schwarz hat hier einen Mehrbauern, aber er muss einen Weg finden, seine Figuren zu entwickeln und das ist nicht ganz einfach.

 

Hier spielte Vincent den ehrgeizigen Zug 21...g5. Schwarz sollte diese Tempo sparen. 21...Se7 22.Sd6 Lg6. Danach ist Schwarz immer noch weit weg vom Ausgleich in einer praktischen Partie, kann aber vermutlich noch mithalten. Wenige Züge war die Partie entschieden, dabei hatte Vincent noch eine kleine Chance auf Ausgleich.

Letztlich bleibt die Frage, ob es die richtige Turnierstrategie ist, derart starken Gegnern während einer Partie nur wenige Fragen zu stellen. In drei Partien übersprangen die Spieler das Mittelspiel praktisch und Vincent hatte mit Schwarz nur einmal knappe Chancen auf Ausgleich und gegen den Inder Vidit keine realistischen Gewinnchancen. Im zweiten Berliner Grand Prix wird Vincent sicherlich ein anderes Herangehen an seine Schwarzpartien entwickeln und sich deutlich wettbewerbsfähiger präsentieren.

 

 

Verpasste Chancen

In den anderen Gruppen gab es noch weitere interessante Partien und bemerkenswerte Momente.

In der vierten Runde kam Alexei Shirov mit erheblicher Verspätung ans Brett. Er hatte übersehen, dass nicht bereits nach drei, sondern erst nach vier Runden der Ruhetag eingeplant war. Sein Gegner, der Inder Harikrishna, hatte eine überzeugende Partie gespielt und seinen Gegner die gesamte Partie hindurch leichtem positionellen Druck ausgesetzt.

 

Hier griff Weiß nach wenigen Minuten daneben und zog den „Standardzug“ 42.Te4. Danach deckte der gebürtige Lette Alexei Shirov seinen g-Bauern und hielt recht komfortabel Remis. Diese verpasste Chance überrascht. Konkretes nicht einmal sehr komplexes Rechnen zeigt, dass hier 42.Sxg6 gute Gewinnchancen bot. Weiß blockiert den c-Bauern möglichst früh, gruppiert den Springer um und aktiviert seinen König.

In der Partie zwischen Levon Aronian und Vidit war in der folgenden Stellung Schwarz am Zuge. Weiß droht offenkundig mit dem Vormarsch f4-f5. Der Nachziehende steht also vor einer entscheidenden Weggabelung. Spielt er selbst f6-f5 ist seine Bauernstruktur am Königsflügel nicht sehr erfreulich. Auf der anderen Seite besitzt Weiß danach nur noch einen Bauernhebel. Auf der c-Linie kann er nicht eindringen.

 

Die Entscheidung war nicht einfach für den Inder. Hier spielte zudem die nahe Zeitkontrolle eine Rolle. Der Nachziehende würde sicherlich lieber etwas über die jetzt anstehende Entscheidung nachdenken. Vidit spielte Tc7 und setzte auf Aktivität. Allerdings kann er nach späterem Tc3 nie auf a3 nehmen, da ansonsten Weiß die c-Linie besetzt.

Zweimal im 24. Zug: Wohin mit der Dame?

Zuletzt hatte Leinier Dominguez in der folgenden Stellung die gegnerische Dame angegriffen. Wohin ziehen mit der Dame? Weiß würde gerne nach d4 auf die lange Diagonale ziehen. Shirov spielte hier einen logischen Zug, der eine Figur angreift jedoch den Nachteil aufweist, dass Weiß seine Chancen nicht vollständig nutzt.

 

Alexei spielte 24.Dd1 und nach 24...Sb5 musste er den Läufer b2 abgeben. Deutlich vorteilhaft war der Damenzug nach f2. Sollte Schwarz dann seinen Springer nach b5 ziehen wollen, folgt 24…fxg6 und Weiß gewinnt sofort. Nach 24...e3 folgt der Damenzug nach h4 und der Tausch der Läufer auf g7 würde Weiß bevorteilen. Schwarz kann noch im Trüben fischen, aber nicht mehr ausgleichen.

Alexander Grischuk war die Eröffnung mit Schwarz nicht gelungen. Dafür hatte er die schlechtere Zeit, was er durchaus als Vorteil sehen könnte.

 

Etienne Bacrot will verständlicherweise die Damen auf dem Brett behalten. Dafür muss er ein Rückzugsfeld finden. Grundsätzlich ist klar, dass er die Damen tauschen könnte und den Springer nach e4 stellt. Danach hat Weiß ein Spiel auf zwei Resultate. Die Alternative war die Dame nach c4 und den Springer danach möglichst schnell nach e4 zu ziehen. Der Franzose fand eine dritte Möglichkeit, um nach 24.De4 Tf4 die Dame erneut ziehen zu müssen. Es gab später noch die Chance weiter auf Gewinn zu spielen, aber Alexander Grischuk überzeugte seinen Gegner schnell eine Remisausfahrt zu nehmen.

 

 


Thorsten Cmiel ist Fide-Meister lebt in Köln und Milano und arbeitet als freier Finanzjournalist.

Diskutieren

Regeln für Leserkommentare

 
 

Noch kein Benutzer? Registrieren