Günter Poell (1931-2020)

von André Schulz
16.04.2020 – Vergangenen Samstag starb mit Günter Poell eine der großen Schachpersönlichkeiten des Köln-Bonner-Raumes. Als Siebzehnjähriger trat Günter Poell in den Godesberger Schachklub ein, wurde zur Seele des Klubs und war mitverantwortlich für den Aufschwung des Vereins. Am kommenden Sonntag hätte Günter Poell seinen 89sten Geburtstag gefeiert.

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Günter Poell (19.4.1931- 11.4. 2020) verstorben

In der Schachwelt stehen zumeist die kreativen und sportlichen Leistungen der Spieler im Vordergrund. Die organisatorischen Leistungen der Schachfreunde im Hintergrund werden viel zu wenig gewürdigt. Günter Poell war so ein Mann. Er war über Jahrzehnte die Seele des Godesberger Schachklubs.  

Der Godesberger Schachklub war einmal einer der größten und wichtigsten Schachklubs in Nordrhein-Westfalen. Der Vereinsname hatte einen ausgezeichneten Klang, auch über die Grenzen des Bundeslandes hinaus. Auch wenn der Verein keinen Großmeister hervor gebracht hat, so gab es dennoch eine intensive Jugendarbeit, mit mehreren Teilnahmen der vereinseigenen Jugendmannschaften an Deutschen Meisterschaften. In den besten Zeiten gehörte die erste Mannschaft des Godesberger Schachklubs der Ersten Bundesliga an, mit Hilfe einiger externer Profis. Die "Eigengewächse" waren immerhin aber gut genug, um erfolgreich in der Zweiten Liga zu spielen, zeitweilig mit Hilfe von Robert Hübner am Spitzenbrett. Auch als Ausrichter hat sich der Godesberger SK verdient gemacht, mit der Organisation von Deutschen Blitzmeisterschaften und Finalrunden der Deutschen Jugendmeisterschaften zum Beispiel. Seit vielen Jahren wird regelmäßig wird das Godesberg Open durchgeführt. 

Gegründet wurde der Godesberger Schachklub 1929 als Arbeiterschachverein. Dann kam die NS-Zeit und der Krieg. Nach dem Krieg wurde der Verein wiederbelebt und 1948/49 traten die drei Freunde Günter Poell, Heinz Josef Ullrich und Horst Geuer als Teenager in den Klub ein. In späteren Jahren übernahmen sie auch organisatorische Aufgaben im Vorstand des Klubs. Heinz-Josef Ullrich und Horst Geuer kümmerten sich um die Jugendarbeit, Günter Poell um das Vereinsleben im Allgemeinen. Als Chef des Godesberger Sport-und Bäderamtes trafen bei ihm privates und berufliches Interesse zusammen.

Mitte der 1970er Jahr hatte der Klub sein Domizil in einer Gaststätte in der Godesberger Innenstadt. Dann fand man mit dem Pfarrheim der St. Marien-Gemeinde eine helles, vielseitiges und großzügiges neues Zuhause. Das Pfarrheim bot mit variablen Wänden Platz für alle Aktivitäten. Lärmende Blitzspieler und nachdenkliche Mannschaftskämpfer konnten zur gleichen Zeit ihre Partien spielen, ohne sich gegenseitig zu stören. In einer kleinen Küche wurden Snacks bereitet und zu den sprichwörtlichen zivilen Preisen angeboten. Einmal im Monat gab es ein Blitzturnier, Teil einer größeren Serie. Das hatte so viel Strahlkraft, dass Spieler aus Köln, Aachen oder Koblenz dafür anreisten. Der Verein bot zahlreiche Mannschaften auf und war in allen Klassen und Ligen vertreten. Bisweilen wurden auch berühmte Gäste begrüßt. Ich erinnere mich an Begegnungen mit Mark Tajmanov und Michail Tal.

Günter Poell war nicht für alles verantwortlich, aber für vieles. Wo ein guter Mann wirkt, zieht er andere an, die sich in seiner Nähe gut aufgehoben finden und ebenfalls etwas bewirken. Schon in den 1970er und 1980er Jahren hatte der Godesberger Schachklub an die 150 Mitglieder und am Klubabend, freitags, waren außer in den Sommerferien auch etwa 50-60 Schachfreunde da. Bei Blitzturnieren deutlich mehr. Manche Spieler waren jeden Freitag da.

Günter Poell sorgte dafür, dass die Räume rechtzeitig geöffnet wurden, meistens durch ihn selbst, und dann war er schon vor dem Eintreffen der Mitglieder aktiv. Gab es Mannschaftskämpfe, dann baute er die Figuren auf. Er redigierte eine Klubzeitung, vervielfältigte die Seiten in ausreichender Zahl und legte die Seiten der Zeitung schnell noch vor Beginn des Klubabends in den Klubräumen zusammen. Dann klebte er Klarsichtfolien mit den aktuellen Tabellen des Klubturniers und der Mannschaftskämpfe an die Wände, bisweilen auch Nachrichten aus aller Schachwelt.

Kam jemand Neues in den Klub, dann erblickte Günter Poell in praktisch sofort, denn er kannte ja alle Mitglieder persönlich. Nach einem kurzen Begrüßungsgespräch wurde dem potenziellen neuen Mitglied ein geeigneter Spielpartner zugewiesen. Und viele wurden dann auch Mitglied. 

Bei allen organisatorischen Aktivitäten drängte es Günter Poell jedoch nie in den Vordergrund. Er überredete andere, den Vorsitz des Vereins zu übernehmen. Günter Poell wirkte lieber im Hintergrund - tatkräftig, aber immer auch verbindlich und kompromissbereit, Jahrzehnte lang. Erste in späteren Jahren musste er krankheitsbedingt kürzer treten. 

Nachdem der Godesberger Schachklub sein Klublokal bei der Marienkirche verlor, ging er auf Wanderschaft. Vor einiger Zeit gab es zudem auch Unstimmigkeiten im Verein infolge der Spielervereinbarung des Deutschen Schachbundes. Mit über 160 Mitgliedern (2018, davon 45 Jugendliche) gehört der Godesberger Schachklub weiterhin zu den größten deutschen Schachvereinen und hat bei der Godesberger Stadthalle inzwischen wieder ein zentrales und gut erreichbares Domizil gefunden. Der Godesberger SK stellt derzeit sieben Mannschaften, zwei Jugendmannschaften und ein Frauenteam. Die erste Mannschaft spielt in der NRW-Liga (3.Liga). Anstelle von Günter Poell sind andere getreten und sorgen für die Organisation des Vereinslebens. 

Günter Poll starb am vergangen Samstag infolge eines Unfalls in seinem Haus. Am kommenden Sonntag wäre er 89 Jahre alt geworden. Viele Schachfreunde, nicht nur in Godesberg, werden ihn vermissen. Günter Poell war ein Schachfreund wie ihn sich jeder wünscht.

 

Interview mit Günter Poell (1)...

Interview mit Günter Poell (2)...

Chronik des Godesberger Schachklubs...



André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.

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