Hübner: "Kein 'menschliches Versagen' im taktischen Bereich"

24.11.2004 – Beim kürzlich in Bilbao ausgetragenen Mannschaftswettkampf Mensch gegen Maschine mussten die humanen Vertreter (Topalov, Ponomariov, Karjakin) gegen ihre Maschinenkollegen (Deep Junior, Hydra, Fritz) mit 3,5:8,5 eine überraschend deutliche Niederlage hinnehmen. Haben die Maschinen nun das Zepter übernommen? Dr. Robert Hübner meint: Nein! Zum Einen gab es zwar in schachlichem Sinne bei den Verlustpartien kein "menschliches Versagen", denn die Partien wurden nicht etwa durch Einsteller entschieden, sondern durch andere Faktoren. Dennoch sollte es laut Hübner auch jetzt nicht so schwer sein, durch solides Spiel ein Unentschieden zu erzielen. "Sehr schwierig sei es aber, die nicht nachlassende Verteidigungskraft der spielenden Materienmassen zu überwinden." Der deutsche Spitzenspieler hat die kritischen Stellen dieser interessanten Partien auf sehr lehrreiche Weise beleuchtet. Hübner: Betrachtungen...

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Betrachtungen zum Kampf der Menschen und Maschinen
Von Dr. Robert Hübner

In Bilbao fand kürzlich ein umfangreiches, gründliches Kräftemessen zwischen menschlichen und maschinellen Schachspielern statt. Es war, soweit ich weiß, die erste Veranstaltung dieser Art. Die Humanität wurde von Topalov, Ponomariov und Karjakin vertreten; die Spielprogramme trugen die Bezeichnungen DEEP JUNIOR, FRITZ, HYDRA. Es wurde zunächst ein Umgang nach Scheveninger System gespielt: jeder Mensch trug eine Partie gegen jedes Programm aus. Das ergab neun Partien. Dann wurde noch eine neu ausgeloste Runde angehängt, so daß zwölf Partien zustande kamen. Die Bedenkzeit betrug zwei Stunden für 40 Züge, dann eine Stunde für den Rest der Partie.

Das Endergebnis war für die Vertreter der Menschheit betrüblich. Es lautete (aus ihrer Sicht) +1 –6 =5 oder 3½:8½.

Manch einer wird sich vielleicht fragen, wie dieser Ausgang zu bewerten sei. Übertrifft das Können der Programme jetzt das Schachverständnis starker Großmeister? Hinderte eine falsche Erwartungshaltung und Kampfeinstellung die Menschen an der vollen Entfaltung ihrer Spielstärke? Oder gibt es andere Hauptursachen für die Einseitigkeit des Resultats?

Um einigen Boden zur Beantwortung dieser Fragen unter die Füße zu bekommen, ist es geraten, zunächst einen Blick auf die Partien zu werfen. Sie sollen auf ihre strukturellen Eigenheiten hin betrachtet werden. In Einzelheiten will ich mich so wenig wie möglich vertiefen; es geht mir um den Gesamteindruck, den die Spielführung auf beiden Seiten hinterläßt.

1.  Ponomariov – HYDRA

-Stellungsbild nach 16.Te1-

Ponomariov hat einen geschlossenen Stellungstyp angestrebt. Das scheint nach wie vor kein schlechtes Verfahren gegen die Spielprogramme zu sein, wie der nächste Zug der Schwarzen erkennen läßt. Sie spielten nämlich den sinnlosen Zug 16...Lg5; ich halte 16...f5 nebst g7-g5 und f5-f4 nach angemessener Vorbereitung für das richtige Vorgehen.

Im folgenden verfährt Weiß jedoch höchst optimistisch. Mit 17.a4 erweckte er den weißfeldrigen Läufer des Schwarzen zum Leben: 17...ba4: 18.Ta4: Lb5. Nach 19.Ta3 Sf6 hatte er tatsächlich die Kühnheit, seinen Königsläufer beim Angriff am Damenflügel einzusetzen: 20.Lf1. Es ist klar, daß der Abtausch des weißfeldrigen Läufers den Königsflügel des Weißen unheilvoll schwächt. Vielleicht hat der Anziehende seinen Gegnern nicht zugetraut, daß sie den h-Bauern in den Angriff einbeziehen.

Ganz einfach ist es nicht, in der Diagrammstellung nach 16...Lg5 die aussichtsreichste Fortsetzung anzugeben, denn Weiß hat keinerlei Vorteil. Ich denke, daß 17.f4 am meisten verspricht. Nach 17...ef3: 18.Sf3: bekommt Weiß ein recht schönes Spiel, und wenn die Stellung geschlossen bleibt, kann Weiß sich in aller Ruhe der Öffnung der a-Linie widmen. Gegen ein Programm mag auch die Fortsetzung 17.a3 nebst Ta1-a2 und Dd1-a1 zur Vorbereitung von a3-a4 in Betracht kommen; es könnten noch einige ähnliche Züge wie 16...Lg5 erfolgen.

Nach 16...Lg5 17.a4 ba4: 18.Ta4: Lb5 19.Ta3 Sf6 20.Lf1 folgte 20...a6 21.Da1 Tab8 22.Lb5: ab5: 23.Ta7 Dc8 24.Da6 De6 25.Ta1 h5

-Stellungsbild-

Weiß spielte nun 26.Tc7; nach 26...h4 27.Tc6: Df5 28.Da2 (28.Tf6: ist auch nicht ausreichend; der schwarzfeldrige Läufer des Weißen ist allzu impotent) 28...Sg4 wurde Weiß bald mattgesetzt.

An Stelle von 26.Tc7 muß unbedingt 26.h4 geschehen. Nach 26...Lh6 (26...Lh4: dürfte nicht korrekt sein) 27.Sf1 g5 28.hg5: Lg5: 29.Da2 nebst Da2-e2 kann Weiß sich wehren.

Ponomariov – HYDRA zum Nachspielen...


2. FRITZ – Karjakin

-Stellungsbild nach 12.f3-

Schwarz zog 12...Le6. Mir scheint Damentausch solider zu sein. Nach 12...De2: 13.Le2: Le6 14.Lb2 Le7 ist die Stellung des Schwarzen prinzipiell gesund.

Die Partiefortsetzung 12...Le6 13.Lb2 d5 14.cd5: Sd5: 15.0-0-0 Dg5 mag spielbar sein; Schwarz kann die Mängel seiner Bauernstruktur wahrscheinlich durch aktives Figurenspiel ausgleichen. Aber dafür ist größte Genauigkeit erforderlich; der Nachziehende kann sich keine nachlässigen Züge erlauben.

 

-Stellungsbild nach 21.Lc4-

Schwarz zog 21...Ld6. Mir scheint 21...a5 das angewiesene Verfahren zu sein. Die Partie sah nach 21...Ld6 die Folge 22.Se4 The8 23.Sd6: Kd6: 24.The4; jetzt ist die Lage des Schwarzen schon beinahe hoffnungslos.

FRITZ – Karjakin zum Nachspielen...


3. DEEP JUNIOR – Topalov

-Stellungsbild nach 9...Se4-

Die Weißen zogen 10.a3. Es ist schwer für mich zu verstehen, warum sie auf 10.Da4 verzichteten, wie in der Stammpartie L. Paulsen – Rosenthal, Baden-Baden 1870, geschah. Es gibt folgende Möglichkeiten:

I 10...Le7 11.Lc6:+ bc6: 12.Dc6:+ Kf8 (12...Ld7 13.Dd5: Sc5 14.Sc3 ist hoffnungslos für Schwarz) 13.Sc3 Sc3: 14.Dc3:. Weiß hat einen gesunden Mehrbauern.

II 10...a5 ist stärker.

A)    11.a3 Le7 12.Lc6:+ bc6: 13.Dc6:+ Ld7 14.Dd5: folgte in der oben zitierten Partie L. Paulsen – Rosenthal, Baden-Baden 1870. Jetzt hätte Schwarz mit 14...Sc5 (er spielte 14...Sg5?) 15.Sc3 c6 14.Dc4 Le6 ein wirksames Gegenspiel einleiten können.

B)     11.Lc6:+ bc6: 12.Dc6:+ Dd7 (12...Ld7 13.Dd5: Sc5 14.Kg1 ist unzureichend für Schwarz), und nun:

Ba) 13.Da8: Db5+ 14.Kg1 0-0 führt zu einer unklaren Lage

Bb) 13.Dd7:+ Ld7: 14.a3 Lb5+ 15.Kg1 Le7. Schwarz hat keine ganz vollwertige Kompensation für den geopferten Bauern, und ein freudloser Kampf ums Unentschieden steht ihm bevor.

Der Textzug ist schlapp. Es ist auffällig, daß die Weißen auch im folgenden dem Abtausch ihres weißfeldrigen Läufers unter allen Umständen aus dem Wege gehen.

Im weiteren Partieverlauf baut Schwarz eine solide Struktur auf.

-Stellungsbild nach 20.Le1-

Schwarz fuhr mit 20...h5 21.Sh2 h4 fort. Das Manöver dient dazu, die Sprengung h3-h4 ein für allemal unmöglich zu machen und Bauernverlust nach f2-f3 zu verhindern. Allerdings büßt Schwarz auf diese Weise auch selbst dynamische Möglichkeiten ein, so daß die Weißen überleben konnten.

DEEP JUNIOR – Topalov zum Nachspielen...

 

4. Karjakin – DEEP JUNIOR

In dieser Partie gelingt es dem Menschen in vorzüglicher Weise, die Mängel im strukturellen Verständnis der Gegner auszunutzen.

-Stellungsbild nach 10.Sd5-

Die Schwarzen spielten 10...Ld5:. Der Erhalt des weißfeldrigen Läufers ist jedoch in Stellungen dieser Art unter allen Umständen zu empfehlen, wenn er ohne sichtbaren Nachteil geschehen kann. Ich hätte 10...Sd5: 11.ed5: Lf5 vorgezogen.

Nach der Folge 10...Ld5: 11.ed5: Sbd7 12.Le2 (12.Sa5 kommt in Betracht) hätten die Schwarzen 12...a5 ziehen sollen, um am Damenflügel auf den schwarzen Feldern Halt zu gewinnen. Die Fortsetzung 12...Tc8 war weniger genau, wenn sie auch 13.Sa5 verhindert, weil darauf 13...Tc2: unangenehm für Weiß ist.

Es folgte 13.c4, und nun griffen die Schwarzen zu 13...h4. Das scheint mir reine Zeitverschwendung zu sein. Angewiesen ist 13...b6, um Sb3-a5 zu verhindern.  Nach 13...h4 geschah 14.0-0 h3 15.g3 0-0 16.Sa5 Dc7 17.b4

-Stellungsbild nach 17.b4-

und die Stellung ist strukturell bereits hoffnungslos für Schwarz; Weiß muß nur darauf achten, grobe Fehler zu vermeiden. Das tat er denn auch.

Karjakin – DEEP JUNIOR zum Nachspielen...


5. Ponomariov – FRITZ

Weiß schafft sich eine feste Struktur: er wählt in der Königsindischen Verteidigung die Abtauschvariante. Er erhält gute Möglichkeiten, aber zum Gewinn reicht es nicht.

-Stellungsbild nach 20...Kf8-

Hier ist an Stelle des Partiezuges 21.Tdc2 die Fortsetzung 21.a4 wohl aussichtsreicher. Der Textzug erlaubt dem Schwarzen die Durchführung des Vorstoßes a5-a4-a3. Danach wird er später stets Gegenspiel gegen den Bauern auf a2 erhalten können; man vergleiche die folgende Stellung.

-Stellungsbild nach 38...Tg8-

Weiß zog 39.Kf1, und die Schwarzen verteidigten sich mit 39...Tge8; Weiß kann nicht weiterkommen. Jedoch genügt auch 39.Le5: nicht zum Gewinn. Nach 39.Le5: Le5: 40.Te5: Te5: 41.Te5: Tg1 42.Th5 Ta1 43.e5 Ta2:+ 44.Kd3 Ta1 45.Th7:+ Kd8 46.Th8+ Kd7 47.Ta8 a2 48.Ke2 Ke7 kann Weiß nicht weiterkommen.

Ponomariov – FRITZ zum Nachspielen...


6. Topalov – HYDRA

Topalov bemüht sich, zwei Ziele zu erreichen: die Stellung geschlossen zu halten und unbestimmte Aussichten auf Königsangriff zu erhalten. Er verfolgt seine Pläne meines Erachtens in einer ungesunden, allzu einseitigen Weise; aber der Erfolg gibt ihm recht.

-Stellungsbild nach 14...d4-

Weiß zog 15.h4. Ich muß gestehen, daß die Stellung, die nach 15...dc3: 16.bc3: Ld3 entsteht, mir für Weiß nicht erstrebenswert oder angenehm erscheint. Auch nach der Partiefolge 15...d3 16.Lb3 hätte ich mich mit Weiß nicht sonderlich wohl gefühlt, aber die Schwarzen enthüllten ihre Hilflosigkeit in Stellungen dieser Art auf drastische Weise: 16...Dc7 17.a4 Dc8 lautete ihr Versuch, die Stellungsprobleme zu bewältigen!

Weiß umzingelte in der Folge mühelos den Bauern auf d3.

-Stellungsbild nach 31...h6-

Weiß zog 32.Lf2, und jetzt setzten die Schwarzen mit 32...h5 fort. Vielleicht ist 32.h5 aussichtsreicher als der Textzug.

Interessant ist die Frage, ob Weiß das Endspiel, das später entstand, durch Damentausch gewinnen kann.

-Stellungsbild nach 47...Ke8-

Eine plausible Fortsetzung ist hier 48.Dd3 Dd3:+ (Schwarz kann sich sicher nicht halten, wenn er dem Damentausch auszuweichen sucht) 49.Kd3:. Der Gewinnplan des Weißen besteht in folgendem Verfahren: Er bringt den König nach f3, spielt g3-g4, f4-f5 und klemmt den Läufer des Schwarzen mit g4-g5 und f5-f6 für immer und ewig auf f8 fest. Jetzt läuft er mit dem König nach a4, spielt Lc3xa5, und falls Schwarz auf b6xa5 verzichtet, fährt er mit La5xb6, Kb7xb6, b2-b3 fort und gewinnt.

Die Schwierigkeit bei der Verwirklichung dieser Idee liegt darin, daß Weiß den Läufer des Gegners nicht nach c1 entwischen lassen darf, wenn er f4-f5 spielt; zieht er aber erst g4-g5, findet Schwarz Gelegenheit zu Lh6-f8, f4-f5, Lf8-e7.

Ich muß ein eingehenderes Studium dieser Stellung anderen überlassen.

Topalov – HYDRA zum Nachspielen...


7. DEEP JUNIOR – Ponomariov

Auf dem Brett erscheint eine moderne Theorievariante. Sie ist von Schwarz nicht ungeschickt ausgewählt, denn die Struktur der Stellung ist schwer zu verstehen: Weiß hat auf den Damenflügel, Schwarz auf den Königsflügel rochiert, und in beiden Fällen liegen die Ausbreitungs- und Angriffsmöglichkeiten der Spieler auf ihrem eigenen Rochadeflügel, weil dort die Bauernstruktur des Gegners geschwächt ist.

-Stellungsbild nach 17...De8-

Schwarz erzielte ein solides Unentschieden.

DEEP JUNIOR – Ponomariov zum Nachspielen...

 

8. HYDRA – Karjakin

-Stellungsbild nach 14.Sh4-

Schwarz hat die Eröffnung auf gesunde Weise behandelt und eine ganz ausgeglichene Stellung erreicht. Hier zog er jedoch 14...Te8; das scheint mir ungenau zu sein.

Das bekannte Standardverfahren besteht in 14...h6

I 15.Sg6: fg6: 16.Le3 Le3: 17.Se3: Kh7 mit Ausgleich.

II 15.Lf6: Df6: 16.Sf5 Sf4 gefolgt von Kg8-h7 und g7-g6. Schwarz steht vollkommen befriedigend.

Nach dem Textzug wächst die Möglichkeit zu kleinen Ungelegenheiten.

-Stellungsbild nach 21.Tad1-

Schwarz zog 21...d5, aber nach 22.Sf3 ist seine Stellung überraschend schwierig:

I 22...de4: 23.Te4: Dd5 24.a3 mit der unangenehmen Drohung 25.De2; Weiß hat erheblichen Vorteil.

II 22...c6 23.a4 Dc5 24.ed5: Dd5: 25.Te4 führt zur gleichen Struktur wie I.

III 22...d4 23.c4 Dd7 24.b4 ist natürlich auch nicht angenehm für Schwarz.

IV In der Partie versuchte der Nachziehende 22...Te6, jedoch nach 23.c4 dc4: 24.dc4: De8 25.c5 war seine Stellung schon beinahe hoffnungslos.

Aus alledem ergibt sich, daß Schwarz besser auf 21...d5 verzichtet hätte. Nach 21...Dd7 gefolgt von Dd7-e7 sollte er keine allzu großen Schwierigkeiten haben, die Stellung im Gleichgewicht zu halten.

HYDRA – Karjakin zum Nachspielen...

 

9. FRITZ – Topalov

Dies war Topalovs einziger Verlust.

-Stellungsbild nach 8.0-0-

Schwarz hat eine angenehm geschlossene Stellung erreicht, aber hier spielte er in Analogie zur Partie DEEP JUNIOR – Topalov 8...g5. Dies gefällt mir nicht. Ich glaube, daß die Bilder, die nach 8...Le7 9.Te1 cd4: 10.cd4: Db6 11.Sb3 a5 12.a4 Sb4 aufs Brett kommen, für Schwarz viel einfacher zu behandeln sind als die Strukturen, die nach dem Textzug entstanden.

Nach 8...g5 9.Lb1 g4 10.Se1 hätte sich Schwarz meines Erachtens auf die Fortsetzung 10...cd4: 11.cd4: Sd4: 12.Dg4: Sc6 13.f4 Db6+ 14.Kh1 Sc5 mit schwer überschaubaren Folgen einlassen sollen. Er spielte 10...h5, und die Antwort lautete 11.Sb3. Jetzt ist eine für Schwarz höchst unbequeme Struktur entstanden: sein Königsflügel ist empfindlich geschwächt; er muß stets Sorge tragen, daß Weiß nicht mit f2-f3 die f-Linie vorteilhaft für sich öffnen kann.

-Stellungsbild nach 20.Lc2-

Schwarz hat sich etwas erholt, weil er zu f7-f5 gekommen ist. Sein folgender Zug war 20...h4; aber dies leistet nichts außer einer Schwächung der Bauernkette am Königsflügel. Nach 21.Ld2 Lc7 22.Ld1 Tg8 23.a3 a4 24.f3 gf3: 25.Lf3: blieb Schwarz mit Schwächen auf beiden Flügeln sitzen und konnte seine Stellung auf die Dauer nicht zusammenhalten.

In Betracht kommt statt des Textzuges die Fortsetzung 20...Sb4, um den unangenehmen Springer von d3 zu entfernen. Sowohl nach

I 21.Sb4: Db4: 22.Ld2 Db2: 23.Lb3 Da3 24.Dd4: La7, als auch nach

II 21.Te2 Sd3: 22.Ld3: La7 hat Schwarz bessere Überlebensaussichten als in der Partie.

FRITZ – Topalov...
 

10. HYDRA – Ponomariov

-Stellungsbild nach 21.Sd4-

Schwarz hat eine angenehme Struktur erreicht, die den Wünschen eines jeden Spielers entspricht, der zur sizilianischen Verteidigung greift: der Punkt e5 ist fest in seiner Hand, und überhaupt hat er eine gründliche Kontrolle über die wichtigen schwarzen Felder, zumal der schwarzfeldrige Läufer des Weißen verschwunden ist.

Er zog hier 21...Kh8. Den Zweck dieses Zuges sehe ich nicht ein. Nichts scheint mir gegen die Fortsetzung 21...Sc4 zu sprechen. Nach 21...Sc4 22.Lc4: (Die Fortsetzung 22.De2 Sb2: kommt hier für Weiß nicht in Betracht) 22...Tc4: 23.Sde2 Le5 sieht der Nachziehende erfreulichen Zeiten entgegen.

Auf 21...Kh8 folgte 22.Th3, und jetzt spielte Schwarz 22...Sc4; dies wurde mit 23.De2 beantwortet, und nun geschah 23...Ld4:.

In der Tat scheitert 23...Sb2: an 24.e5 de5: 25.fe6: fe6: 26.Lh7: Tc3: 27.Tc3: Kh7: 28.De4+ Kg8 (Die Fortsetzung 28...g6 flößt auch kein Vertrauen ein) 29.Da8: ed4: 30.Tc7 Dc7: 31.De8:+ Kh7 32.Tf3. Im Zweifel glaubt man natürlich diesem Gegner, daß das Nehmen auf b2 keinen Segen bringt.

Nach dem Zuge 23...Ld4: bleibt die Stellung zweischneidig. Es geschah 24.Lc4: Lc3:; nun ist die Bauernstruktur des Weißen am Damenflügel zerrüttet, aber er behält Angriffsaussichten.

-Stellungsbild nach 30.c4-

Hier zog Schwarz 30...b5. Der Zug ist nicht fehlerhaft, aber solide Zentralisierung ist sicherer. Nach 30...De5 bringt weder die Fortsetzung 31.Tfh4 h5 noch die Folge 31.Dc1 Kg8 dem Weißen etwas ein.

Auf 30...b5 lautete die Antwort 31.Dc1, und nun griff Schwarz zu 31...h5. Nach 32.g4 brach jedoch seine Stellung bald zusammen. Mit 31...Dg5 oder auch 31...De5 konnte er Widerstand leisten.

Dies war ein etwas unglücklicher Verlust. Schwarz spielte nicht schlecht, hielt aber dem anhaltenden Druck nicht stand.

HYDRA – Ponomariov zum Nachspielen...

11. Karjakin – FRITZ

Zu dieser Partie ist wenig zu sagen. Es wurde 25 Züge lang eine äußerst scharfe Theorievariante abgespult, die vermutlich unter heftigem Computereinsatz bis zu diesem Punkte entwickelt worden ist. Dann stand eine äußerst schwierige, offene, taktisch geladene Stellung auf dem Brett, die vermutlich für Schwarz vorteilhaft ist.

-Stellungsbild nach 25.Lf4-

Die Pointe ist, daß Schwarz nach 25...Df4: 26.Db5+ Kd8 (26...Ke7 27.Sc6+ Lc6: 28.Ta7+ Kd8 29.Db6+ führt zum Matt) 27.Sc6+ Lc6: 28.Thd1+ zugrunde geht.

Die Nachziehenden zogen jedoch 25...Ld6, und nach 26.Ld6: Dd6: ist die Lage des Weißen schwierig. Sein König entbehrt genügender Sicherheit, und der Springer des Gegners steht auf e4 sehr wirksam.

Weiß entschloß sich, den unangenehmen Bauern auf f3 zu entfernen; er zog 27.Df3:. Vielleicht bietet 27.Sc4 bessere Möglichkeiten. Auf 27.Df3: geschah 27...Sg5: 28.Dd3 Se4, und vielleicht ist auch hier 29.Sc4 die stärkste Fortsetzung. Weiß zog 29.The1, und es geschah 29...Dh2+ 30.Te2: Dh4: mit weiteren Verwicklungen.

-Stellungsbild nach 35...Sf6-

Hier wird 36.Tgf2 mit 36...Ta8 37.Tf6: Dh2+ 38.T1f2 Ta2+ widerlegt. Am aussichtsreichen ist wahrscheinlich noch passive Verteidigung mittels 36.Tc2 Ta8 37.De2. Weiß versuchte jedoch 36.Dc5. Jetzt scheitert 36...Lg2: an 37.De7, und die Fortsetzung 36...Ta8 37.De7 Ta2+ 38.Kc1 Ta1+ 39.Kb2 Ta2+ führt zum Remis. Die Schwarzen zogen 36...De4, aber dies war dem Weißen nicht entgangen; er antwortete mit 37.Tf6:. Dies scheint nicht ganz aussichtslos für Weiß zu sein:

I 37...Kf6:? 38.Tf2+ ist natürlich verfehlt: 38...Ke5: 39.Dc7 matt.

II 37...Dg2:+ 38.Tf2 Tc8 39.Dd4 De4 40.Tf7:+ Kg8 41.De4: Le4: 42.Tf6 h5 43.Th6 h4 44.Th5 mit Überlebensaussichten.

III 37...De5: 38.Tgf2 Ta8 39.Tf7:+ Kg6 40.T7f6+ Kh5 41.Dd4 Ta2+ 42.Kc1 führt zu einer unklaren Lage.

Die Schwarzen erhielten jedoch mit dem Zug 37...Ta8 eine Gewinnstellung:

I 38.Tf7:+ Kg8 39.Tg7+ Kh8 40.Th7+ Dh7: 41.Tf2 Dg7, und Schwarz wird auf die Dauer gewinnen.

II 38.Tg6+ Kh7 39.Th6:+ Kh6: 40.Sf7:+ Kg6 41.Tg5:+ Kf7: geschah in der Partie. In dieser Stellung ist dem König des Schwarzen nicht beizukommen, zum Beispiel 42.Dc7+ Ke8 43.Dg7+ (43.Dc5+ wird mit 43...Ke8 pariert) 43...Ke8 44.Dh8+ Ke7 45.Tg7+ Kd6 46.Dh2+ e5 usw.

Für einen Menschen ist es bei knapper Zeit nicht möglich, derartige Stellungen mit Sicherheit und Selbstvertrauen bis zum Ende zu berechnen, während die Maschine hier keine Schwierigkeiten verspürt. Es ist gerade dieser weitverzweigtes, präzises Rechnen erfordernde Stellungstypus, der von den Menschen beim Kampf gegen Maschinen aufs heftigste gefürchtet und so weit wie möglich vermieden wird. Um so mehr ist der Führer der weißen Steine zu preisen, der so gut wie möglich Schach zu spielen versuchte, ohne sich vom Gegner beeindrucken zu lassen und seine Spielführung ängstlich den Gegebenheiten anzupassen.

Karjakin – FRITZ zum Nachspielen...

12. Topalov – DEEP JUNIOR

Es zeigt sich, daß das Programm wiederum – wie auch gegen Karjakin – eine komplizierte sizilianische Struktur, in der genaue Berechnung bei der Zugwahl nicht im Vordergrund steht, mangelhaft behandelt. Nach 20 Zügen haben die Schwarzen eine aufgabereife Stellung.

-Stellung nach 20.Sa2-

Jetzt zeigt sich aber, wie kräftezehrend es ist, gegen einen zähen Gegner anzukämpfen, der unter Schwierigkeiten keinen Druck verspürt und der nicht zusammenbricht. Es gelingt Weiß auf makellose Weise, den Vorteil 20 Züge lang festzuhalten; aber schließlich geht er doch in die Irre.

-Stellung nach 41...d3-

Weiß fand hier einen weiteren ausgezeichneten Zug: 42.Te4.

Naheliegender ist 42.Lc3, aber dies führt vermutlich nicht zum Ziel. Nach 42...Lc3: 43.Kc3: hat Schwarz den Stich 43...d2, und nun:

I 44.Td2: Tf3:+ 45.Td3 Tf4 46.Td4 Tf3+ 47.Kb2 Th8

A)    48.Tde4 Th2+ 49.T1e2 Te2:+ 50.Te2: Tg3. Die Lage ist keineswegs klar.

B)     48.Te2 Thh3 49.Tde4 Tb3+ 50.Kc2 Tbc3+ 51.Kd2 Tcd3+ 52.Ke1 Th1+ 53.Kf2 Th2+ 54.Kf1 Te2: 55.Ke2: Ta3:, und Schwarz dürfte sich halten können.

II 44.Td1 Th4 45.f4 Th3+ 46.Kd4 Ta3: 47.Tdd2: Ta4 48.Tb2 a5 49.f5

A)    49...Tb4: 50.Tb4: ab4: 51.fg6: fg6: 52.Tf7+ Ke8 53.Tg7, und Weiß gewinnt.#

B)     49...Th8 50.fg6: fg6:

Ba) 51.ba5: Th4+ 52.Ke3 Ta3+ 53.Ke2 Tc4: mit unklarer Lage

Bb) 51.Th2 Th2: 52.Th2: ab4: 53.Th7+ Kc8. Schwarz hat gute Rettungsaussichten.

Bc) 51.Tf7+ Ke8 52.Tf4 ab4: 53.Te2+ Kd7 54.Tf7+ Kc8. Auch diese Stellung ist nicht klar; der b-Bauer verheißt dem Schwarzen stets Gegenaussichten.

Der Partiezug 42.Te4 wurde mit 42...Th1 beantwortet. Jetzt griff Weiß fehl: er zog 43.Tf4, und nach 43...Le5 44.Tf7:+ Ke8 45.Tb7 Tb1+ 46.Ka4 Tb2 erhielten die Schwarzen Gegenspiel, das zum Remis ausreichte.

An Stelle von 43.Tf4 sollte Weiß 43.Le3 spielen. Schwarz muß 43...Tb1+ 44.Ka4 Lc3 versuchen.

-Stellungsbild nach 44...Lc3 (Analyse)-

I Jetzt ist die Fortsetzung 43.c5 dc5: 44.bc5: verlockend; aber nach 44...Tb5 erhält Schwarz wiederum Gegenspiel (47.Tc4 Le1).

II 45.Th2 ist die richtige Fortsetzung. Nun dürfte Schwarz tatsächlich ohne Rettung sein, denn auf 45...Tf1 folgt 46.Kb3, und nach 45...Th8 46.Th8: Lh8: 47.c5 setzt sich das Bauernpärchen durch, denn nach dem Abtausch eines Turmes kann Schwarz den gegnerischen König nicht mehr beunruhigen.

Im Schlußabschnitt dieser Partie konnte man als Weißer keine ausreichenden Lösungen mit Hilfe des reinen Stellungsgefühls ermitteln. Ganz konkrete, weitverzweigte, schwierige Rechenarbeit war nötig, um den richtigen Weg zum Sieg zu finden. Fast stets sieht die Endphase bei der Verwertung einer Gewinnstellung so aus; dies macht es so schwer, einen Punkt gegen ein spielstarkes Programm zu erzielen.

 

Das Material ist vorgelegt; es ist an der Zeit, die gewonnenen Eindrücke zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen.

Wenn starke Meister gegen spielende Programme antreten, erwarten sie besonders zwei Ursachen für peinliche Niederlagen: zum einen, daß sie grobe Versehen begehen; zum anderen, daß sie aus Mangel an Buchwissen nach Beendigung der Eröffnung bereits eine hoffnungslose Stellung besitzen. Keiner der sechs Verluste, welche die Menschen hinnehmen mußten, ist jedoch auf diese befürchteten Erscheinungen zurückzuführen. Sogenanntes „menschliches Versagen“ im taktischen Bereich kam überhaupt nicht vor. Eine Partie (Karjakin – FRITZ) ging durch ungeschickte Eröffnungswahl verloren; aber dafür war ein Zuviel an Theoriekenntnis verantwortlich, nicht Kenntnislosigkeit.

In einer weiteren Partie (Ponomariov – HYDRA) schien der Mensch seinen Gegner fahrlässig zu unterschätzen; offenbar traute er ihm in keiner Weise zu, einen Königsangriff auf vernünftige Weise einzuleiten und durchzuführen.

In den übrigen vier Verlustpartien wurden die Spieler aus Fleisch und Blut jedoch allmählich überspielt, weil sie den Erfordernissen der Stellung nicht gerecht werden konnten und sich zu viele Ungenauigkeiten zuschulden kommen ließen. In den Partien FRITZ – Karjakin und HYDRA – Karjakin gelang es dem Schwarzen nicht, Bauernstruktur und Figurenaufstellung in angemessener Weise zu koordinieren. In der Partie FRITZ – Topalov wählte Schwarz eine allzu schwankende, gefährdete Aufstellung mit verzogener Bauernstruktur; und in der Partie HYDRA – Ponomariov griff Schwarz in der Verteidigung gegen einen Königsangriff bei einzelnen Entscheidungen fehl, obwohl seine Stellung im Kern gesund war.

Heißt dies nun, daß die Spielprogramme jetzt den Menschen in Fragen allgemeiner Spielauffassung und struktureller Stellungsbehandlung überlegen sind? Ich zweifele daran. Es gab einen ganz überzeugenden, glatten Sieg auf der Seite der Menschen (Karjakin – DEEP JUNIOR), der auf bessere Einsicht in die Erfordernisse der Stellungsstruktur beruhte. Auch in der Partie Topalov – DEEP JUNIOR erreichte Weiß auf Grund seiner Überlegenheit beim Aufbau der Stellung eine gewinnträchtige Position, und in der Partie Topalov – HYDRA kam er dem Sieg zumindest nahe, und zwar aus einer schlechteren Stellung heraus.

Wenn sich die Menschen die Unermüdlichkeit und Unerschütterlichkeit ihrer Gegner aneignen können, sind sie ihnen meiner Meinung nach zur Zeit durchaus noch gewachsen. An zwei Dingen gilt es zu arbeiten: die Schwankungen des Blutdrucks sollten beim menschlichen Spieler die eines Rechners nicht übersteigen, und die Entwicklung von Angstgefühlen und anderen Empfindungen darf bei ihm nicht größer sein als bei einem Elektronengehirn. Ist dies erreicht, wird ein spannendes Kräftemessen entstehen, das meiner Meinung nach ungefähr ausgeglichen verlaufen wird.

Selbst unter den gegenwärtig herrschenden Verhältnissen scheint es gar nicht so schwer zu sein, mit solidem Spiel ein Unentschieden zu erzielen. Die beiden Remispartien von Ponomariov (Ponomariov – FRITZ und DEEP JUNIOR – Ponomariov) bieten dafür gute Beispiele. Sehr schwierig ist es aber, die nicht nachlassende Verteidigungskraft der spielenden Materienmassen zu überwinden. Dies kann beinahe nur zufällig geschehen.

Es ist also die dauernde, langanhaltende Anspannung, der die Menschen nicht standzuhalten vermögen, wenn sie gegen Computerprogramme kämpfen müssen. Sie ist anderer Art als der Druck, dem die Spieler ausgesetzt sind, wenn sie gegeneinander ringen. Dann weiß man, daß der Gegner prinzipiell ebenso plötzlich fehltreten, abstürzen und zusammenbrechen kann wie man selbst. Im Kampfe gegen die Maschinen gibt es diese Hoffnung nie; einseitig ist der Mensch dieser Gefahr ausgeliefert. Ein plötzliches Ende der Anstrengungen ist nie in Sicht.

Schwer fällt es mir, daß spielerische Potential der mechanischen Figurenbeweger in angemessener Weise darzustellen. Das Programm DEEP JUNIOR hat offenbar weniger stark gespielt als die beiden anderen Konstruktionen. Unterschiede in der Rechentiefe sind unerheblich, so daß Mängel bei der strukturellen Erfassung der Stellungen vorliegen; sie sind auf Unsicherheiten bei der Stellungsbewertung zurückzuführen. Ich kann natürlich nicht entscheiden, an welchem Symptom der Patient konkret krankt, aber eine kräftige Vitaminspritze wird ihm sicher auf die Beine helfen.

HYDRA scheint das einzige Programm zu sein, das gezielt Königsangriff anstrebt. Zwei Mal zeigte es Schwächen bei der Gestaltung der Stellungsstruktur (HYDRA – Ponomariov und Topalov – HYDRA), aber zwei Mal baute es sich tadellos auf.

FRITZ spielte in allen Arten von Stellungen gesundes, solides Schach. Das Programm dürfte in der Zukunft für manchen heranwachsenden Meister das wichtigste Vorbild zur Gestaltung der eigenen Spielweise liefern.

Topalov – DEEP JUNIOR zum Nachspielen...

 

 

 


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