Hübner: Unzusammenhängende Bemerkungen zur WM (I)

19.10.2008 – Dr. Robert Hübner ist als gründlicher Analytiker bekannt und auch seine kenntnisreichen, geschliffen formulierten Anmerkungen zum Schach- und zum Schachgeschehen werden geschätzt. Und was bei Schachwettkämpfen auf hohem Niveau passiert, weiß der ehemalige WM-Kandidat sehr gut. Für ChessBase kommentiert Dr. Robert Hübner in loser Folge den Wettkampf zwischen Vishy Anand und Vladimir Kramnik in Bonn. In der ersten Folge spricht er über Schach, Kultur, Rom und die Barbaren. Zur Glosse von Dr. Hübner...

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Unzusammenhängende Bemerkungen (I)
Von Dr. Robert Hübner

Der Weltmeisterschaftskampf des Jahres 2008 zwischen Anand und Kramnik hat begonnen. Er wird in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bonner "Museumsmeile" durchgeführt. Hier konnte man in den letzten Jahren viel Kulturgut aus alter und neuerer Zeit bewundern. Besonders sind mir die Ausstellungen über die Azteken (2002/2003) und über Angkor (2006/2007) in Erinnerung geblieben. Jüngst konnte man Interessantes über den Buddhismus in Japan erfahren. Ich versage es mir, die Schwerpunkte der zahlreichen vorzüglichen Gemäldeausstellungen zu nennen. Das Schachspielen hat einen ganz neuen Platz zugewiesen bekommen: sollte es etwa unter die Kulturgüter zu rechnen sein?

Die Schachspieler haben Glück. Die Ausstellung, die zur Zeit neben der Schachveranstaltung dargeboten wird, zeichnet sich meines Erachtens nicht durch besondere Qualität aus. Sie heißt "Rom und die Barbaren" und soll angeblich in die spannenden Zeiten der Völkerwanderungen Einblick geben. In Wirklichkeit werden hauptsächlich Grabfunde dargeboten, die ins 1.-6. Jahrhundert nach Christus gehören und aus den verschiedensten Gebieten stammen. Sie werden kaum unter zusammenhängende Gesichtspunkte gestellt; dem künstlerisch Interessierten bieten sie wenig Besonderes. Nirgendwo wird auch nur ein Teilbild der Völkerwanderungszeit von einigem Umfang erstellt.

Man wendet sich also rasch dem schachlichen Geschehen zu. Durch eine Türschleuse gelangt man in einen kleinen Theatersaal; abschüssige Sitzreihen führen auf eine Bühne zu. Die Zuschauer hocken im Dunkeln, wie es im Theater üblich ist; die beiden Spieler auf der Bühne strahlen in gleißendem Licht. Doch scheinen sie unendlich weit entfernt zu sein; winzig und unwirklich sehen sie aus, so, als erblicke man sie durch ein Opernglas, das man verkehrt herum an die Augen hält. Der Grund dafür, daß dieser Eindruck entsteht, liegt darin, daß der Raum über den Köpfen der Spieler von einem riesigen elektronischen Schaubrett beherrscht wird, auf dem die Stellung, die geschehenen Züge und die von den Spielern verbrauchte Zeit in großer Klarheit dargeboten werden.





Diese Art der Darstellung und die so geschaffene Stimmung haben mich angenehm berührt. Das Wichtige sind hier die Züge auf dem Schachbrett, nicht die Gesichtszüge der Spieler. Man setzt die schaffenden Meister nicht in einen Glaskasten, um der Welt sichtbar zu machen, wie sich die Anstrengung, die mit ihren Geistesgeburten gepaart geht, in schmerzverzerrten Gesten äußert. Es werden keine Gefühlssensationen feilgeboten. Die Aufmerksamkeit der Zuschauer wird hier auf das gelenkt, worauf es ankommt: den Inhalt der Partien.

Man sieht nicht, wie an solchem Platz die Atmosphäre des Verfolgungswahns gedeihen könnte, die den letzten Zweikampf um die Weltmeisterschaft (Kramnik-Topalov) zerstörte. Es ist aber natürlich hauptsächlich das Verdienst der Spieler, wenn der Schachbegeisterte sich in fröhlichem Forschen dem Versuch zum Verständnis der Stellungen widmen kann, ohne durch Unruhe erzeugendes Gefasel über sachfremde Erscheinungen abgelenkt zu werden.

Die erste Partie wird von den Teilnehmern an einem derartig anfordernden Wettkampf häufig ruhig angelegt, weil sie dazu dienen muß, in die Stimmung des Kampfes hineinzuwachsen, sich auf die neue, ungewohnte Umgebung einzustellen und schlummernde Kräfte zu wecken; so auch diesmal. Kramnik hatte Weiß.

In der zweiten Partie wuchs beträchtliche Spannung an. Die Bauernstruktur zeigte eine symmetrische Form; aber der Stellungstypus war recht neuartig und ungewöhnlich. Der Eröffnungsverlauf muß aus Kramniks Sicht befriedigend gewesen sein. Anscheinend wußte er dann aber nicht, ob er entschlossen auf Ausgleich spielen oder mehr anstreben solle. Mit 21…Sdf6 entschied er sich falsch und schlug einen zweifelhaften Weg ein.


2. Partie. Stellung nach 21...Sdf6

Danach verfuhr er jedoch sehr geschickt; er verstand es, eine Stellung zu schaffen, in der es für Anand schwer war, ein deutliches konkretes Ziel zu finden und einen klaren langfristigen Plan zu entwickeln. Der Vorteil mußte in vorsichtiger, geduldiger Manövrierarbeit - Schritt für Schritt - festgehalten werden. Das ist nicht Anands größte Stärke. Er geriet in Zeitdruck, und Kramnik nutzte Anands innere Unsicherheit zu diesem Zeitpunkt für ein gutgezeitetes Remisangebot aus. Der Partieverlauf wirft viele schwierig zu beantwortende inhaltliche Fragen auf; für mich war dies das bisher interessanteste Spiel des Wettkampfs.

Die dritte Partie zeigte eine Verlaufskurve, wie man sie recht häufig findet. Kramnik wurde offenbar in der Eröffnung überrascht. Da die Stellung von großer taktischer Komplexität war, verbrauchte er sehr viel Kraft und Zeit, um eine gute Lösung zu finden; aber er fand sie. Anand zehrte seinen Zeitvorsprung auf; es gelang ihm, Kramnik Probleme zu stellen, auch wenn die Stellung bei spieltheoretischer Betrachtungsweise als ausgeglichen zu bezeichnen sein dürfte. Kramnik hatte keine Kraft mehr, der zweiten Druckwelle standzuhalten. Der Wert der Eröffnungsvorbereitung bestand nicht so sehr in der Werthaltigkeit der Züge (fehlerhaltig durften sie natürlich nicht sein) als in der erzielten Kraftersparnis in der ersten Partiephase. Es wird interessant sein zu untersuchen, wo Weiß den entscheidenden Fehler beging: ob er in 27.a4 (statt 27.f5), in 29.Ta3 (statt 29.Td1) oder gar erst in 33.Ld3 (statt 33.Kb3 oder 33.Td3) bestand.

Man darf auf die weiteren Kämpfe gespannt sein.

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