Helene Mira: Vom Schauspiel zum Schachspiel

16.06.2005 – Helene Mira: Vom Schauspiel zum Schachspiel Etwa 30 Jahre ihres Lebens, davon 25 Jahre am Theater für Vorarlberg in Bregenz widmete Helene Mira dem Theater und spielte dort Rollen wie die Elisabeth in "Mary Stuart" und die Frau John in "Ratten". In dieser Zeit entdeckte sie aber auch ihre Liebe zum Schachspiel, das für Helene Mira wie das Theater ein Zeichen für höher entwickelte Kultur ist: Schach verbinde die Menschen in der ganzen Welt und lehre den Spieler viele Dinge des Lebens, z.B. mit Niederlagen umzugehen und Respekt vor anderen zu haben. Erst im Alter von 30 Jahren begann Helene Mira mit dem Turnierschach, heute ist sie Internationale Meisterin der Frauen. In ihrer Schachwerkstatt in Bregenz bringt sie nun andere Menschen zum Schachspiel und betreut mehrere Klassen, darunter eine mit Frauen zwischen 40 und 60 Jahren. Ihre Botschaft: „Es ist nie zu spät, Schach zu lernen!“. Dr. René Gralla führte ein Interview mit der Schach-Actrice aus Bregenz. Originalartikel bei Neues Deutschland...Nachdruck...

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Nachdruck aus Neues Deutschland


 

„Es ist nie zu spät, Schach zu lernen!“ -
Die Schauspielrerin und Schachlehrerin Helen Mira

Sie trägt einen berühmten Namen - Helene Mira - , und sie ist obendrein auch noch Berufskollegin der legendären, vor wenigen Monaten allerdings verstorbenen Brigitte Mira aus Berlin. Und ähnlich wie die Fassbinder-Muse, die den galoppierenden Jugendwahn wunderbar ad absurdum führte, beweist jetzt die Mira aus Österreich, dass frau trotz eines zeitverzögerten Starts noch einmal richtig weit nach vorne kommen kann. Die Österreicherin Helene Misera, die auf der Bühne Helene Mira heißt, bastelt nämlich erfolgreich an einer zweiten Karriere als Schachperformerin, obwohl sie bereits ihren 50. Geburtstag gefeiert hat. Während die Topathleten auch auf dem 64-Felder-Court mehrheitlich immer jünger werden - aktueller Fall: das norwegische Wunderkind Magnus Carlsen, der gerade mal 13 Lenze zählte, als er zum Großmeister ausgerufen wurde - , zeigt die Spätberufene aus der Alpenrepublik allen Grünschnäbeln keck den Mittelfinger und peilt ungerührt einen Spitzenplatz in der nationalen Olympiaauswahl an. Gleichzeitig hat Helene Mira, die bereits dem Titel "Internationale Meisterin der Frauen" (WIM) geschafft hat - im schönen Bregenz eine "Schachwerkstatt" eröffnet; und wie es zu diesem überraschenden Wechsel gekommen ist, weg von den Brettern, die für viele die Welt bedeuten, und hin zu jenen Minibrettern, die auch eine Welt für sich sein können, das hat sich der Autor Dr. René Gralla erzählen lassen.

Wir haben ja gar nicht gewusst, dass es in der Familie der großen Brigitte Mira, leider aber kürzlich von uns gegangenen, eine Schachspielerin gibt. Wie sind Sie mit Brigitte Mira verwandt?

Überhaupt nicht. Mein Geburtsname ist Misera ...

... der klingt nun seinerseits wirklich  etwas deprimierend ...

... das finde ich persönlich überhaupt nicht. Allerdings könnte mein richtiger Familienname manche Theaterkritiker, die unbedingt originell sein möchten, indem sie ihre vermeintlichen Fremdsprachenkenntnisse beweisen - "Misera" gleich "die Unglückselige" - , zu Wortspielen verleiten. Das meinte jedenfalls mein erster Intendant - und der hat dann meinen Namen einfach auf "Mira" verkürzt.

Haben Sie Ihre Namensverwandte Brigitte Mira zu deren Lebzeiten jemals persönlich getroffen?

Leider nein.

Ihre Bühnenkarriere haben Sie am Volkstheater Wien begonnen, später sind Sie auch in Nürnberg und Klagenfurt aufgetreten. Ihre größten Erfolge?

Meine längste Zeit habe ich in Bregenz verbracht, am Theater für Vorarlberg. Zu meinen größten Erfolgen gehören die Elisabeth in "Maria Stuart" und Frau John in: "Ratten".

Vor zwei Jahren haben Sie nach eigenem Bekunden den Schauspielberuf aufgegeben. Warum?

Nach einem Direktionswechsel an dem Haus, wo ich 25 Jahre lang engagiert gewesen bin, wurde ich von der neuen Leitung hinaus gemobbt. 

Kann das denn eigentlich funktionieren: von jenen Brettern, die doch die Welt bedeuten, ein Abschied für immer?

Das wird die Zukunft zeigen. Momentan nehme ich mir keine Zeit, darüber nachzudenken.

Jetzt führen Sie die "Bregenzer Schachwerkstatt". Was machen Sie da?


Helen Mira (re.) mit IM Eva Moser und Schülern

Das ist ein Trainingscenter für alle, die sich für Schach interessieren, die aber keine trockene Kost vorgesetzt bekommen wollen. Schach muss schließlich Spaß machen.

Was kosten die Kurse bei Ihnen?

Anfänger zahlen zwischen 50 und 80 Euro für zehn mal anderthalb Stunden; der Preis für Fortgeschrittene bewegt sich zwischen 80 und 120 Euro für zehn mal zweieinhalb Stunden.

Der Überlebenskampf ist hart in diesen globalisierten Zeiten. Was bringt es mir, da noch zusätzlich Schach zu lernen?

Schach fördert die geistige Beweglichkeit. Das Spiel bringt einen zur Ruhe, es macht Freude - und man gewinnt dadurch Freunde. Schach ist nämlich ein globales Spiel. An Schacholympiaden nehmen über 120 Nationen teil; das sind Menschen aller Rassen und Glaubensbekenntnisse, aus allen sozialen Schichten und jeden Alters.

Sie unterrichten in der "Schachwerkstatt" auch eine Frauengruppe ...

... und das freut mich besonders. Das sind Frauen zwischen 40 und 60 Jahren, die immer gedacht haben, Schach sei zu kompliziert für sie. Und die jetzt seit bereits anderthalb Jahren begeistert einmal in der Woche kommen. Überhaupt bin ich der Meinung, dass noch zu wenige Frauen Schach spielen, obwohl sie sicher nicht unbegabter sind als die Männer sind. Ich trainiere deshalb auch besonders gerne Mädchen, um ihnen das nötige Selbstbewusstsein zu geben.

Ihre "Schachwerkstatt" richtet sich also auch an Jugendliche?

Unbedingt. Schach ist eine exzellente Lebensschule: Die Kinder lernen, nach Verlusten wieder aufzustehen. Sie lernen, sich auf ihren jeweiligen Gegenüber einzustellen und ihn zu respektieren. Ihre Konzentrationsfähigkeit wird gestärkt - und dies alles auf spielerische Weise. Vom Vorschulalter an können Kinder deswegen schon an Schach herangeführt werden.

Wie kommt eigentlich eine Schauspielerin dazu, nach einem Karriereknick sich ausgerechnet dem Schach zuzuwenden?

Schach ist schon immer ein Teil meines Lebens gewesen. Aber in den Anfangsjahren meiner Schauspielerei hatte ich keine Zeit, mich auf das Schach zu konzentrieren; damals musste ich mir die Zeit dafür stehlen. Heute ist Schach eben mein Beruf geworden.

Tatsächlich? Schauspiel ist extrovertiert - gerade auf der Theaterbühne. Schachspiel ist introvertiert, hat etwas Eigenbrötlerisches. Noch einmal: Was fasziniert die Schauspielerin Helene Mira am Schach?

Die Schauspielerin fasziniert am Schach, das sie dabei quasi selbst Regie führt. Außerdem haben Schauspiel und Schach mehr gemeinsam, als man denkt. Schach ist ebenso wie Theater ein Zeichen für eine hoch entwickelte Kultur. Ein weiterer Punkt: Ein Schachspieler braucht die Kreativität und Neugier eines Schauspielers.

Ein Schauspieler möchte mit seiner Kunst aber möglichst viele Menschen ereichen. Als Schachspielerin können Sie aber nur wenige Menschen erreichen - nämlich jene Minderheit, denen die Regeln vertraut sind.

Im Zeitalter des Internets ist diese Minderheit schon ziemlich groß. Übrigens dürfen Sie die Anzahl der Leute, die eine schauspielerische Leistung in all ihren Feinheiten beurteilen können, auch nicht überschätzen.

Sie sind vergleichsweise spät im Schach erfolgreich geworden ...

... gelernt habe ich das Spiel als 17-jährige; Turnierschach habe ich erst mit 30 angefangen. Insofern ist meine schachliche Laufbahn nicht ganz typisch. Andererseits aber kennt Schach keine fixen Altersstrukturen.

Wollen Sie Großmeisterin werden?

Ich bin noch immer neugierig, wo meine Grenzen liegen. Und ich bin bereit, dafür auch etwas zu tun.

Die Großmeister heute werden immer jünger - während Spieler in reiferen Jahren als "altes Eisen" gelten. Frau Mira: Wollen Sie die biologischen Gesetze außer Kraft setzen?

Zunehmend gibt es Beispiele dafür, dass man bis ins hohe Alter erfolgreich in der Weltspitze Schach spielen kann; ich nenne bloß den 73-jährigen Viktor Kortschnoj. Ich denke, mit 50 Jahren lässt die körperliche Spannkraft zwar etwas nach, aber die bewusste Lust und Freude am Spiel gibt sehr viel Kraft. Außerdem wollen wir den Vorsprung an Erfahrung nicht ganz vergessen. Wenn die physischen Kräfte abnehmen, braucht es eben mehr Disziplin, bessere Vorbereitung und jugendlichen Siegeswillen, um das auszugleichen.

Sie, Frau Mira, sind damit Hoffnungsträgerin für ältere Menschen. Nach dem Motto: "Lasst Euch nicht bluffen, Ihr seid besser, als Ihr denkt!" Auf jeden Fall im Schach?!

Ja. Für mich ist es schon immer faszinierend gewesen zu sehen, wie ältere Menschen sich durch das Schach ihre geistige Fitness bewahrt haben. Jugend und Alter sind im Schach keine Gegensätze: Schach verbindet beide; und es gibt kaum eine andere Sportart, wo sich verschiedene Generationen sogar im selben Turnier aneinander messen können, ohne dass der Sieger von vornherein feststeht.

Wann ist es zu spät, Schach zu lernen?

Solange das Gedächtnis einigermaßen intakt ist – nie.

Interview: Dr. René Gralla/Hamburg

Beim Berliner Sommer 1995 gelang Helen Mira gegen den Großmeister Andrei Kovalov ein auch dramaturgisch sehr hübscher Sieg mit Hilfe eines tief in die schwarze Stellung hinein geschobener Bauernkeils:

Helen Mira gegen A. Kovalev, Berliner Sommer 1995...

 

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Kontakt zur "Bregenzer Schachwerkstatt":
Weiherstr. 2, 6900 Bregenz; Tel. 0043/664 396 7800; E-mail :
helene.mira@aon.at

 



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