Mein Vater war ein guter Schachspieler und spielte ebenso wie mein älterer Bruder Horst in der 1. Mannschaft des Schachclubs 1868 Bamberg. Und wie der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker sich nach des Tages Mühen gerne beim Spielen gegen seinen Schachcomputer entspannte, um „ein Zwischenfeld einzulegen“ (von Weizsäcker) und nicht des Tages Probleme in einen ansonsten vielleicht unruhigen Schlaf mitzunehmen, so ging mein Vater oft spätabends noch ins Bamberger (Schach-)Café Müller.
Dort ließ er, bei freien Partien und gar nicht selten gegen den spielstarken Schustermeister Hans Roth, das Tagesgeschehen hinter sich und nahm dabei – natürlich galt dasselbe Recht auch für seinen Gegner – gelegentlich einen unbedachten Zug zurück und ersetzte ihn durch einen anderen. Immerhin kam es so nicht zu einem jähen und unbefriedigenden Ende einer bis dahin spannenden Partie. Die Regel „Berührt – geführt“ galt nur bei Turnieren. Diese gleiche Erlaubnis, ja in diesem Fall sogar explizite Aufforderung, gilt für Sie bei diesem exquisiten Silvesterproblem, welches einmal mehr von dem bekannten Problemkomponisten Werner Keym eigens für das ZEITmagazin kreiert wurde: Weiß nimmt seinen letzten Zug zurück, dann setzt er in 2 Zügen matt. Wie geht’s?

Haben Sie diese erste Silvesternuss glücklich geknackt, wartet zur Abrundung ein weiteres Problem auf Sie. Jetzt drehen Sie bitte das Brett beziehungsweise das ZEITmagazin um 180 Grad, sodass sich folgende Stellung ergibt: für Weiß Kc1, Td1, Th1, Lf6, Sh6 sowie für Schwarz Kg3, Ba2.
Wenn Sie jetzt analog zum ersten Problem den ersten Zug zurücknehmen und in 2 Zügen matt setzen wollen, werden Sie feststellen, dass Ihnen der schwarze Bauer a2, der unmittelbar vor der Umwandlung steht, in die Suppe spuckt. Doch in diesem – zugegebenermaßen recht kniffligen – Fall sollten Sie an den ungewöhnlichsten Zug im Schachspiel denken, den es sogar in einer langen und einer kurzen Version gibt. Vielleicht hilft ja ein Glas Wein bei der „Wahrheitsfindung“?!
Zur Kolumne von Helmut Pfleger...