Helmut Pfleger zum 75sten

von Hartmut Metz
06.08.2018 – Vermutlich ist Dr. Helmut Pfleger über die Grenzen der Schachwelt hinaus der bekannteste Schachexperte Deutschlands. Nach seiner aktiven Karriere als Weltklassespieler betätigte er sich erfolgreich als Autor und geistreicher Kolumnist und bildete mit Vlastimil Hort über Jahrzehnte ein beliebtes TV-Kommentatoren-Duo. Heute feiert er seinen 75. Geburtstag. | Fotos: Hartmut Metz

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Lohnende Tantalusqualen des "Märchenonkels"

 "Zeit"-Kolumnist und Großmeister Helmut Pfleger feiert 75. Geburtstag

Ein Skorpion kommt an den Nil und will ans andere Ufer. Daher bittet er das Nilpferd, ihn doch auf die andere Seite zu bringen. Das Nilpferd sagt zum Skorpion: "So dumm werde ich nicht sein. Dann stichst du mich, und ich bin tot." "Aber nein", entgegnet der Skorpion, "das wäre doch dumm. Dann würde ich ja auch auf dem Fluss mit untergehen." Das überzeugt das Nilpferd und nimmt den Skorpion auf den Rücken. Und, als sie in der Mitte des Flusses sind, sticht der Skorpion doch zu. Das Nilpferd ganz entsetzt: "Was hast du getan? Jetzt gehen wir beide unter." Der Skorpion sagt: "Ja, ich weiß – aber ich kann nicht wider meine Natur!"

Dr. Helmut Pfleger liebt derlei Geschichten – auch wenn sie auf den ersten Blick mit seinem Metier, Schach, wenig zu tun haben. "Ich halte dies für eine sehr weise Geschichte", erklärt der langjährige TV-Moderator, "sie gibt den Stil mancher Schachspieler wieder: Sie schreiben sich Besonnenheit auf die Fahne und wollen vernünftig spielen – bis der Gaul mit ihnen durchgeht und sie wie der Skorpion nicht anders können."

Aber nicht nur Pfleger liebt derlei rund um die 64 Felder gestrickten Episoden: Sein Publikum liebt sie mindestens genauso innig. Entsprechend hat keiner über die Jahrzehnte in der Bundesrepublik so viele Schachbücher verkauft wie der Münchner. Heute wird der am 6. August 1943 in Teplitz-Schönau (Sudetenland) geborene Großmeister 75. Daher wäre es eigentlich höchste Zeit, den beliebtesten Schach-Kolumnisten der Republik selbst mit einem Buch zu würdigen – allein der Jubilar kann sich partout keine Biographie über sich vorstellen, "obwohl sogar weitreichende Hilfe angeboten wurde", verweist Pfleger auf seinen "Freund Dr. Michael Negele, der als eminenter Schachhistoriker, das Opus magnum über Emanuel Lasker im Jubiläumsjahr" verfasste. Doch Pfleger schreibt lieber weiter selbst über andere mit viel Wortwitz und verbreitet zahllose Anekdoten oder schafft "mit Metaphern und Allegorien Querverbindungen", die auch bei Hobbyspielern haften bleiben.

Helmut Pfleger und Klaus Bischoff kommentieren

Seit 37 Jahren ist seine wöchentliche Kolumne eine feste Größe im "Zeit-Magazin", egal wie sich das Wochenblatt auch wandeln mag. Daran wird sich auch nichts ändern: "Vor einiger Zeit sprachen wir darüber, was man zu meinem 40-jährigen Jubiläum im November 2022 alles machen kann!", berichtet Pfleger im Interview mit dem Schach-Magazin 64. Acht Bücher entstanden alleine bei Edition Olms aus seinen besten Schachspalten in dem Qualitätsblatt aus Hamburg. In der "Welt am Sonntag" ist der passionierte Hobby-Fußballer überdies seit gut 30 Jahren für die Könige und Damen zuständig. Im "Deutschen Ärzteblatt" verquickt er seit 27 Jahren manches medizinische Thema mit jenen auf dem Brett. "Darüber hinaus gibt es seit 26 Jahren das jährliche Deutsche Ärzteschachturnier, welches ich mit betreue und bei dem ich auch immer ein Uhren-Handicap spiele", ist Pfleger diese Verbindung zu seinen Berufskollegen bis heute besonders wichtig.

Seine Erzählweise brachte dem Psychoanalytiker das Etikett des "Märchenonkels" ein – früher "wurmte" ihn die Herabsetzung durch Neider unter Großmeister-Kollegen. "Heutzutage trifft mich das aber viel weniger", arbeitete der ehemalige Moderator der Telekolleg-Reihen Biologie und Chemie auch an sich selbst. Im Fernsehen machte der Jubilar ab 1977 das Denkspiel populär, angefangen mit der Sendung "Schach der Großmeister". Bundespräsident Richard von Weizsäcker, Minister Otto Schily oder Fußballtrainer Felix Magath zählten dabei als gute Hobbyspieler zu seinen regelmäßigen Gästen. Als kongenialer Partner fungierte auf dem Bildschirm lange Zeit Vlastimil Hort, der gerne zu seinen Histörchen anhob mit "Helmut, weißt Du ...". Bei WM-Kämpfen zwischen Anatoli Karpow, Viktor Kortschnoi und Garri Kasparow lockte Pfleger Millionen vor die Bildschirme – und die Begleitbücher zu den WM-Kämpfen der Titanen verkauften sich ebenso jeweils in fünfstelliger Höhe.

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Auch künftig sieht er für seinen Denksport nicht schwarz: "Weltweit ist Schach heute populärer denn je, vor allem in Asien, notabene dem Indien Anands, gab es einen riesigen Aufschwung. In Deutschland ist die Blüte des Schulschachs recht erfreulich", schwelgt Pfleger nicht nur in Nostalgie und dem Glauben, dass früher alles besser war. Andererseits: "Gleichzeitig bin ich froh, früher aktiv gewesen zu sein: Es war alles noch beschaulicher und nicht so wissenschaftlich. Als Indiz hierfür mag gelten, dass die einstige deutsche Mannschaft mit Unzicker, Schmid, Darga, Hecht, Hübner und Pfleger samt und sonders aus Amateuren bestand. Wir konnten und können stolz darauf sein, die beste Amateurnation der Welt gewesen zu sein und uns gut im Reigen der Profi-Nationen behauptet zu haben."

Das Mitglied des Schachclubs Bamberg, der heuer sein 150-jähriges Bestehen mit Pfleger als erstmaligem "Nestor" feierte, hätte durchaus Profi werden können. Siege über Legenden wie Kortschnoi oder den einstigen Weltranglistenersten Bent Larsen schmücken seine Vita. Bei der Schach-Olympiade in Tel Aviv 1964 wurde Pfleger im Turnierbuch als "die Entdeckung" gefeiert, weil er mit 12,5:2,5 Punkten entscheidend zur deutschen Bronzemedaille beitrug. Mitte der 70er Jahre zählte Pfleger zu den Top 50 der Welt, obwohl der Münchner wöchentlich "80 Stunden in der Facharztausbildung zum Internisten" arbeitete und nur im Urlaub ans Turnierbrett schritt. Die Entscheidung "bereut" er bis heute nicht. "So ist es beispielsweise schön, dass sich Hajo Hecht und ich, nach Jahrzehnten gemeinsamer Zeit in der deutschen Mannschaft, noch alle zwei, drei Wochen zum Mittagessen in einem türkischen Café in München treffen, um danach zu blitzen. Privat ging bei mir manches drunter und drüber, aber auch hier fühle ich mich im Nestorenalter pudelwohl", gewährte der Jubilar dem Schach-Magazin 64 (aktuelle August-Ausgabe) private Einblicke.

Peter Leko, Dr. Helmut Pfleger

Persönlich schätzt Pfleger "Michail Tal, Boris Spassky, Viswanathan Anand und Wladimir Kramnik wegen ihres Humors, ihrer Menschlichkeit – sie zeigen, dass es ein Leben auch jenseits der 64 Felder gibt. Auch bei Kortschnoi, einzigartig in seiner Schachleidenschaft, konnte Humor, oft allerdings aggressiv gefärbt, durchaus aufblitzen. Und sehr gerne erinnere ich mich gemeinsamer Spaziergänge und Unterhaltungen - in perfektem Deutsch! - mit Paul Keres beim Turnier in Hastings."

Am liebsten berichtete der Schach-Lehrmeister der Deutschen all die Jahre aber – ziemlich überraschend - über einen in Schachkreisen weniger berühmten Mann: "Alfons X. der Weise, der die drei großen monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam miteinander versöhnen wollte, aber wegen seiner Liebe zu den Wissenschaften und ,Schauen zum bestirnten Himmel' sein ganzes Königreich verlor. Er ,vergaß', Kriege zu führen, und hatte schließlich nur noch Sevilla. Er schrieb 1283 das erste Schachbuch, in dem er die Herrscher darauf hinweist, dass ihr Schicksal auch vom Kleinsten abhängig sei, dass ein Bauer einen König mattsetzen könne."

Bei der WM, 2008, in Bonn

Vielleicht hält es der 75-Jährige deshalb sein Leben lang so ähnlich wie König Alfons X.: "Schach bedeutete mir ein Leben lang viel, aber nie versank ich in ihm", betont Pfleger und schiebt nach, "keinen Augenblick dachte ich daran, Berufsspieler zu werden." Als Schach-Amateur tat er so en passant mehr für seinen Denksport als alle neidischen Kritiker des beliebten "Märchenonkels" zusammen. Um in Pflegers Jargon zu bleiben: "Die Tantalusqualen" haben sich gelohnt.
  

 




Hartmut Metz ist Redakteur beim Badischen Tagblatt mit Hauptsitz in Baden-Baden. Er schreibt außerdem unter anderem für die taz, die Frankfurter Rundschau und den Münchner Merkur über Schach und Tischtennis. Zudem verfasst der FM von der Rochade Kuppenheim regelmäßig Beiträge für das Schach-Magazin 64, Schach-Aktiv (Österreich) und Chessbase.de.
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R#H R#H 08.08.2018 06:08
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Bekanntmachung des Weltschachtag, 08.08.2018, 18:08 Uhr MESZ:

Hiermit und an dieser Stelle erklaere ich den 8.8. eines jeden Jahres beginnend ab
dem Jahr 2018 zum Weltschachtag und werde diesen bei der UN in New York zum Eintrag
und zur Begehung vorschlagen.

R. Hacker, Wuerzburg, Germany



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Rheingauer Rheingauer 07.08.2018 11:09
ALLES GUTE Helmut Pfleger! Vielen Dank für ihre Inspiration und wunderbaren Schach-Anekdoten, die mich seid meiner Jugend begleiteten und immer wieder aufs neue motiviert und fürs Schach begeistert haben.
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