Herzlichen Glückwunsch, Wolfgang Uhlmann!

29.03.2010 – Wolfgang Uhlmann feiert heute seinen 75sten Geburtstag. Der Dresdner, in seiner Heimatstadt als einer der 100 bekanntesten Dresdner Büger angesehen, gehörte in den 60er und 70er Jahren zur absoluten Weltspitze und nahm mehrfach an Kandidatenwettkämpfen teil. Im Laufe seiner Karriere spielte er gegen zehn Weltmeister von Euwe bis Anand, und konnte fünf von ihnen besiegen, darunter Bobby Fischer. Elfmal gewann Uhlmann díe Landesmeisterschaft der DDR und 35 internationale Turniere beendete er als Sieger. Zusammen mit Dagobert Kolhmeyer erinnert er sich an einige Höhepunkte und kuriose Begebenheiten aus seiner Laufbahn. Wofgang Uhlmann zum 75sten...

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„Meine Frau ... und das Steckschach“
Interview mit GM Wolfgang Uhlmann zum 75. Geburtstag
Von Dagobert Kohlmeyer

In Dresden feiert Großmeister Wolfgang Uhlmann am Montag seinen 75. Geburtstag. Etwas stiller als zum Beispiel seinen 60. vor fünfzehn Jahren. Damals wurde ihm zu Ehren in der sächsischen Landeshauptstadt ein Französisch-Turnier veranstaltet. Uhlmanns Gegner hießen Lajos Portisch, Vlastimil Hort und Rainer Knaak. Der Jubilar gewann und bezeichnet diesen Event noch heute als "Riesensache". Er bekam zu dieser Gelegenheit vom damaligen DSB-Präsident Egon Ditt auch die Goldene Ehrennadel des Deutschen Schachbundes überreicht.

Einige Zeit später erhielt Wolfgang Uhlmann noch eine ganz andere Würdigung. Er gehört nach Meinung einer Dresdner Tageszeitung zu den 100 bekanntesten Persönlichkeiten des 20. Jahrhundert aus Elbflorenz, was die Popularität des Schachhelden noch unterstreicht. Damit befindet sich der Dresdner Vorkämpfer in der illustren Gesellschaft solcher Größen wie Theo Adam, Peter Schreier, Manfred von Ardenne, Ingrid Krämer-Gulbin, Gret Palucca, Ludwig Güttler oder Matthias Sammer.

In Uhlmanns Arbeitszimmer steht ein wunderbarer Schachtisch, den er bei der Olympiade 1966 in Havanna vom kubanischen Staatschef Fidel Castro geschenkt bekam. Das Brett ist eine eingelegte Marmorplatte, die Seiten des Tischs sind für die Arme mit Leder gepolstert, die Figuren aus tropischen Edelhölzern gefertigt. Es ist das wertvollste Souvenir des Großmeisters.

Unser Mitarbeiter Dagobert Kohlmeyer kennt Wolfgang Uhlmann seit über 30 Jahren. Vor zwei Jahrzehnten war er Initiator und Uhlmanns Co-Autor für dessen Schachbestseller "Ein Leben lang Französisch", der mehrere Auflagen erlebte. Anlässlich des 75. Geburtstags von Uhlmann sprach der Berliner Schachpublizist mit dem Dresdner Großmeister.

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Wie wird gefeiert?

In kleinem Kreise, die Familie trifft sich bei uns zu Hause. Meine Tochter und mein Sohn kommen, unser Enkel wird aus der Ferne grüßen. Er absolviert gerade ein Auslandsstudium in China und ist hochzufrieden. Dort lernt er auch die Sprache.

Warst du jemals in China?

Ja, aber nicht zu einem Schachturnier. Wir haben mal eine große Privatreise dorthin gemacht.

Wie fühlt man sich als einer von hundert prominenten Dresdnern?

Ich war sehr angenehm überrascht, dass mir diese Ehre zuteilwurde und hatte überhaupt nicht damit gerechnet. Es sind ja wirklich alles großartige Leute mit Vorbildwirkung, die dort ausgewählt wurden. 

Wo wurdet Ihr geehrt?

Auf Schloss Albrechtsburg gab es einen Festakt, ich war aber gerade zu einem Turnier im Ausland und konnte leider nicht teilnehmen. Der Chefredakteur der Zeitung "Dresdner Neueste Nachrichten" hat mich deshalb später noch einmal eingeladen. Das war sehr freundlich.

Du spielst jetzt schon 65 Jahre Schach. Wie lange noch?

Ich habe mir da kein Limit gesetzt. Aber solange es mir Spaß macht und meine Gesundheit es erlaubt, werde ich die Figuren setzen. Auch wenn die Erfolge heute natürlich bescheidener sind als früher.

Wann wäre bei Dir definitiv Schluss mit dem Turnierschach?

Wenn ich anfange, chancenlos zu verlieren. Solange ich aber für mein Team USV TU Dresden in der 2. Bundesliga eine gute Stütze bin, möchte ich diesen Sport noch ausüben. Wir steigen zwar nicht auf, denn Aue hat einen zu großen Vorsprung, aber unser vorderer Tabellenplatz entspricht schon unserer Spielstärke.

Von wem konntest Du schachlich am meisten lernen?

Von zwei Weltmeistern. In meiner Jugend studierte ich mit Begeisterung die Partien von Alexander Aljechin. Später habe ich besonders Michail Botwinnik sehr verehrt.

Zu welchem Zeitpunkt Deiner Karriere hast Du das beste Schach gezeigt?

Sicher in den 60er und 70er Jahren, als ich zur absoluten Weltspitze gehörte. Damals hatte ich auch meine größten Turniererfolge. In meiner langen Laufbahn spielte ich gegen zehn Weltmeister der Schachgeschichte, von Euwe bis Anand. Fünf von ihnen konnte ich besiegen, darunter Bobby Fischer und auch den aktuellen Titelträger.

Wie viele Turniere hast Du insgesamt gewonnen?

Elfmal war ich DDR-Meister und siegte in mehr als 35 internationalen Turnieren. Der erste größere Erfolg gelang mir 1955 in Erfurt. Der letzte datiert aus dem Jahre 2005, als wir in Dresden Team-Europameister der Senioren wurden. Ich hatte also auch in jüngerer Zeit noch Erfolge, weil mich das Schachspiel nach wie vor fasziniert. Ich hoffe, es macht mir noch lange Freude. Bei Seniorenmeisterschaften spiele ich noch immer regelmäßig.

Bekannt ist dein Faible für Schönheitspartien. Du hast selbst viele gespielt.

Ja, ich habe in meiner Karriere etliche Preise gewonnen. Eine meiner bekanntesten Schönheitspartien gelang mir beim Interzonenturnier in Palma de Mallorca 1970, wo ich mich für die WM-Kandidatenrunde qualifiziert habe. Es war ein Weiß-Sieg gegen den Mongolen Ujtumen.

Und als Nachziehender?

Mit Schwarz gelangen mir vor allem viele gute Französisch-Partien, so gegen Bobby Fischer 1960 in Buenos Aires oder gegen meinen alten Rivalen Wolfgang Unzicker 1962. Das war bei der Schacholympiade in Warna. Im gleichen Turnier konnte ich (mit Weiß) auch mein Idol Michail Botwinnik besiegen.

Deine Frau Christine war dir immer eine große Stütze. Was schätzt Du an ihr?

Sehr viel. Wir sind im Sommer fünfzig Jahre verheiratet. Am 27. August haben wir Goldene Hochzeit. Vor allem möchte ich ihr unglaubliches Verständnis für meine Sportart nennen. Ich war ja über längere Zeiträume hinweg praktisch nicht zu Hause. Da lag alles in ihren Händen. Sie war immer außergewöhnlich tolerant und hat mir nie Vorhaltungen gemacht, wenn ich irgendwo in der Welt unterwegs war.

Und wenn es sportlich nicht so bei dir lief?

Hatte ich eine Krise als Spieler, dann baute sie mich wieder auf. Auch als ich voriges Jahr sehr krank war und pausieren musste, stand sie mir sehr zur Seite. Mit ihr habe ich einfach großes Glück gehabt.

Wen oder was würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen?

Auf jeden Fall meine Frau … und mein Steckschach.

Uhlmann - Ujtumen
Palma de Mallorca 1970
Königsindisch E 74

1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.e4 d6 5.Le2 0-0  6.Lg5 h6 7.Le3 c5  8.d5 e6  9.dxe6 Lxe6  10.Dd2 Da5  11.Lxh6 Lxh6  12.Dxh6 Sxe4  13.Tc1 Sc6 14.h4 Sd4  15.Kf1 Sf5  16.Df4 Sxc3  17.Txc3 Dxa2  18.Dc1 Da5  19.h5 Sg7  20.Tg3 Lf5  21.hxg6 fxg6  22.Lf3 Tae8  23.Ld5+ Se6 24.Sf3 Kg7  25.Kg1 Th8  26.Txh8 Txh8

 

27.b4! Dxb4  28.Lxe6 Db1  29.Dxb1 Lxb1  30.Sg5 Tb8  31.Tf3 Lf5  32.Lxf5 gxf5  33.Txf5 b5  34.cxb5 Txb5  35.Se4 Tb1+  36.Kh2 Td1  37.Tf3 Td4  38.Sg3 Td5  39.Ta3 c4  40.Txa7+ Kg6  41.Tc7 Tc5  42.Txc5 dxc5  43.Se4  1-0

Uhlmann  Botwinnik
Warna 1962
Damenindisch  E13

1.d4 Sf6  2.c4 e6  3.Sf3 b6  4.Sc3 Lb7  5.Lg5 h6  6.Lh4 g5  7.Lg3 Sh5  8.e3 Sxg3  9.hxg3 Lg7  10.Dc2 Sc6  11.a3 De7  12.0-0-0 g4  13.Sh4 a6  14.Kb1 h5  15.Le2 Th6  16.f3 0-0-0  17.d5 Sa7  18.Sa4 gxf3  19.gxf3 d6  20.Sg2 Tdh8  21.e4 Kb8  22.Td3 Te8  23.Te1 Lh8  24.Dd2 Tg6  25.g4 hxg4  26.fxg4 Le5  27.Tb3 Th8  28.De3 Dg5? Notwendig war 28. ... Sc8. Wolfgang Uhlmann, der nur noch eine Minute Bedenkzeit für 12 Züge hat, kann jetzt den entscheidenden taktischen Schlag anbringen. 29.Sxb6! Dxe3  30.Sd7+ Kc8  31.Sxe3 Kxd7  32.Txb7 Ld4  33.Ld1 Lb6  34.La4+ Kc8  35.Lc6 Th3  36.Sc2 a5  37.Tf1 Sxc6  38.dxc6 Tg7  39.b4 a4  40.e5! Tb3+  41.Kc1 Td3  42.Td1 Txd1+  43.Kxd1 Lg1  44.exd6 cxd6  45.b5 Lc5  46.Sb4 Lxb4  47.axb4 Txg4  48.b6  1-0

Unzicker - Uhlmann
Warna 1962
Französisch  C18
(Anmerkungen: Wolfgang Uhlmann)

1.e4 e6  2.d4 d5  3.Sc3 Lb4  4.e5 Se7  5.a3 Lxc3+  6.bxc3 c5  7.Dg4 Neben den positionellen Zügen 7.Sf3 und 7.a4 ist der Damenausfall die schärfste Fortsetzung. In der Regel entwickelt sich ein Spiel auf Tod oder Leben. Bauernopfer sind hier etwas Alltägliches, da der Angriff auf den König die Entscheidung bringen soll. Häufig bleiben beide Könige in der Grundstellung. 7. ... Dc7 Die Praxis hat gezeigt, dass 7. ...Sf5 günstig für Weiß ist. 8.Ld3 cxd4  9.Se2  Die Idee des frühzeitigen Läuferzuges. Auf Kosten eines Bauern soll der weiße König doch zur Rochade kommen. Außerdem können die Läufer ihre volle Kraft entfalten. 9. ... dxc3  10.Dxg7 Tg8  11.Dxh7 Sc6  12.Lf4! Ld7   13.0-0 0-0-0  14.Dh5


14. ... d4  15.Lg3 Le8! Der Zwischenzug stellt die Drohung 16. ...f5  auf und überdeckt zugleich den Bauern d4. 16.Df3 Sxe5  17.Df6 Lc6! Die Pointe der schwarzen Verteidigung. 18.Lxe5 verbietet sich nun wegen 18. ...Txg2+  19.Kh1 Txf2+  20.Kg1 Tg2+  21.Kh1 Txe2+ mit leichtem Gewinn für Schwarz. 18.Tfe1 Txg3! Ein erzwungenes, aber auch sehr kräftiges Qualitätsopfer, das die aktivste Figur von Weiß beseitigt. 19.Sxg3 Sxd3  20.cxd3 Sg6  21.Se2 Dd7  22.h4 e5  23.h5 Dg4  24.Sg3 Sf4!  25.h6 Sxg2 Gut, doch weniger aufregend wäre 25. ...Dg6 mit Übergang in ein für Schwarz gewonnenes Endspiel. 26.h7 Dh3 27.Txe5?! Danach ist Weiß verloren. Er hätte unbedingt 27.Df5+ versuchen sollen. Dann musste Schwarz folgenden studienhaften Gewinnweg finden: 27. ...Dxf5 28.Sxf5 Sxe1!! (ignoriert die weißen Drohungen) 29.Se7+ Kb8  30.Sg8 Sf3+  31.Kf1 (31.Kh1? Sg5+) 31. ... e4!! 32.h8D exd3!, und die weiße Niederlage ist nicht abzuwenden, zum Beispiel 33.Dh7 d2  34.Sf6 c2! 35.Dxc2 Lb5+  36.Kg2 Se1+ mit Figurengewinn. 27. ... Se3! Weiß gab auf. Das Matt auf g2 ist nicht zu verhindern.

Wenn einer eine Reise tut…

Ein bekannter Spruch sagt: „Das Beste, was man von Reisen mit nach Hause bringt, ist die heile Haut.“ Das gilt sicher auch für Schachspieler. Die Spitzenleute unserer Zunft, aber auch viele Amateure düsen permanent durch die Welt und erleben dabei kuriose, mitunter auch riskante Dinge. Wolfgang Uhlmann kann von vielen aufregenden Erlebnissen erzählen, wenn er auf seine Karriere zurückblickt. Manche Ereignisse liegen schon sehr lange zurück, sind aber bis heute unvergessen. Wir haben sie gern für die ChessBase-Leser notiert.

Der verlorene Koffer

1965 erhielt ich eine Einladung zum internationalen Turnier nach Marianske Lazne (Marienbad). Ich fuhr mit dem Zug dorthin. Zwischen Prag und Pilzen kamen Paul Keres sowie Karel Opocenzky in mein Abteil. Es war Mittagszeit, sie schlugen vor, in den Speisewagen zu gehen. Gesagt, getan. Es war ein durchgehender Zug. Als wir einige Zeit später ins Abteil zurückkamen, war mein gesamtes Gepäck gestohlen. Einschließlich Mantel und Reisetasche. Alles war weg! Was sollte ich machen? Die Notbremse ziehen? Es hätte nicht viel gebracht, der Zug befand sich schon kurz vor dem Bahnhof in Plzen. Hinterher erfuhr ich, dass es organisierte Banden waren, die mit leeren Koffern kamen und sie einfach über ihre Beute stülpten, ehe sie sich mit ihr davonmachten.

Eine schöne Bescherung. Ich hatte nur meinen Pullover an, und im April war noch hässliches Wetter. Die tschechischen Freunde haben mir dann als erstes einen Schirm gekauft, der in diesen Tagen ein wichtiges Requisit wurde.

Du kannst dir vorstellen, wie schlecht man ein Schachturnier spielt, wenn nicht nur alle Kleidungsstücke, sondern auch sämtliche Aufzeichnungen verloren gegangen sind. Meine ganze Eröffnungskartei war weg. Es gab ja seinerzeit noch keine elektronischen Datenbanken wie heute. Ich hatte wie jeder Großmeister natürlich viele Pfeile im Köcher, die noch nicht verschossen waren. Du kennst mein Eröffnungsprogramm. Als Weißer spielte ich vor allem Damengambit und Englisch, mit Schwarz Königsindisch oder Französisch. Viele Varianten, die in häuslicher Analyse entstanden waren, gingen bei diesem Raub verloren. Es war keine leichte Situation und für mich ein ganz bitterer Verlust. Der Schock wirkte sich unmittelbar auf mein Spiel aus. So hatte ich im Endspiel gegen Leonid Schamkowitsch zwei Bauern mehr und ließ in dieser Gewinnstellung einen Turm stehen. Er kassierte den Punkt und hat auf diese Weise die Großmeisternorm geschafft. Mein Pech war sein Glück. Hinter Keres und Hort wurde Schamkowitsch Dritter in diesem Turnier, ich belegte am Ende Platz 4.

Wolfgang Uhlmanns Frau Christine erinnert sich ebenfalls noch genau an das damalige Malheur:„Es war an einem Wochenende, als Wolfgang abfuhr. Ich habe in Dresden ein Tennisturnier gespielt, das mir sehr viel Spaß machte. Zu Hause angekommen, erhalte ich die schockierende Nachricht, dass sein Koffer weg war. Damals konnte man ja nicht so einfach losfahren. Ich musste mir am Montag bei der Polizei erst ein Visum holen, was sie mir dann auch schnell gegeben haben. Rasch packte ich neue Sachen für Wolfgang ein und fuhr nach Marienbad. Die ganze Zeit im Zug habe ich mich nicht von dem Koffer weggerührt. Ich blieb etliche Tage als Gast bei diesem Turnier, für mich war es eine schönere Zeit als für Wolfgang.“

Flug über die Anden

Ein Jahr später, so berichtet Wolfgang Uhlmann weiter, reiste er ins argentinische Mar del Plata und erlebte dies: Mein Gepäck kam bei der Ankunft in Buenos Aires erneut abhanden. Es traf erst zum Ende des Turniers ein. Ich bin wohl Spezialist für diese Sache. Jedenfalls hatte ich wieder einmal nichts zum Anziehen. Dort war Sommer, zu Hause bei uns Winter. Ich musste mich also mit den nötigsten Dingen versehen. Der Wettbewerb ging über 15 Runden und war äußerst stark besetzt. Es spielten dort u.a. Smyslow, Reshewsky, Stein und Portisch. Wassili Smyslow hat vor Leonid Stein gewonnen.

Am Ende des Turniers legte ein Streik im argentinischen Luftverkehr auch viele internationale Fluglinien lahm. Kurzerhand haben die Veranstalter für Stein und mich noch eine Rundereise durch Argentinien organisiert, auf der wir simultan spielten. Wir waren dann drei Wochen in diesem großen Land unterwegs; fast von der Äquatorzone bis nach Patagonien am Südpolar-Kreis. Es herrscht eine riesige Schachbegeisterung in Argentinien. Der letzte Ort, den wir vor unserer Abreise besuchten, lag am Fuße der Anden. Auch die dortigen Schachfans wollten unbedingt gegen uns simultan spielen. Deshalb sagten die Organisatoren zu uns beiden: „Wenn ihr kommt, stellen wir euch ein Privatflugzeug zur Verfügung“. Das geschah dann auch. Wir gaben also die letzte Simultanvorstellung, und nachts schloss sich eine große Fête an, die bis um 2 oder 3 Uhr morgens dauerte. Am Vormittag wurden wir dann zum Flugplatz gefahren, wo eine kleine, einmotorige Maschine auf uns wartete. Mit ihr sollten wir über die Anden nach Buenos Aires fliegen. Todesmutig sind Stein und ich eingestiegen. Es war eine reizvolle und zugleich ängstliche Erfahrung. Wir hatten einen sagenhaften Ausblick auf die imposante Gebirgswelt, aber hin und wieder sackten wir auf Grund der heftigen Luftströmungen ganz schön ab. Das Flugzeug flog nicht sehr schnell, die Stunden vergingen, und es wurde finster. Das hatten sie nicht einkalkuliert. Als das Kerosin zu Ende ging, landeten wir schließlich in der Dunkelheit irgendwo in der Pampa, ohne unser Ziel erreicht zu haben. Danach mussten Leonid Stein und ich noch 300 Kilometer mit dem Bus nach Buenos Aires zu fahren.

Insgesamt war ich 1966 fast sechs Wochen in Argentinien. Damals gab es ja längst nicht solche Kommunikationsmöglichkeiten wie heute. Meine Frau wusste weder, wo ich gerade war, noch wie es mir ging. Es war alles sehr kompliziert, aber ein einmaliges Erlebnis. Wir sahen traumhaft schöne Gegenden und lernten liebenswürdige Menschen kennen, die Schach wahnsinnig gern haben.

*  *  *  *  *  *

Vor wenigen Tagen probierte der Schreiber dieser Zeilen seine Skype-Leitung zu Artur Jussupow aus. Bei der Gelegenheit bat er den Großmeister, der im vorigen Monat 50 Jahre alt wurde, um ein paar Gedanken zu Wolfgang Uhlmanns Jubiläum.

Artur Jussupow: „Er ist der Klassiker im Franzosen“

Wolfgang Uhlmann war und ist ein großartiger Spieler. Wenn ich an die Französische Verteidigung denke, dann fällt er mir sofort ein. Weil er sein ganzes Leben lang die eigene Überzeugung verteidigte. An seinen Eröffnungen hat Uhlmann nicht viel verändert, das ist fast einmalig. Von seinem hervorragenden Buch „Ein Leben lang Französisch“ habe ich sehr profitiert. Das war meine Hauptvorbereitung für den WM-Kandidatenkampf 1991 gegen Wassili Iwantschuk. Vor dem Duell in Brüssel studierte ich sehr aufmerksam Wolfgangs Kommentare und Analysen, das hat mir schon sehr geholfen.

Man kann nicht Französisch lernen, ohne die Partien von Uhlmann zu studieren. Anatoli Karpow hat ihn ja auch einmal vor einem WM-Match gegen Kortschnoi konsultiert. Das Buch vom Beyer-Verlag ist wirklich sehr gut. Uhlmann ist ganz einfach  d e r  Klassiker dieser Eröffnung, er hat ja viele Schachgrößen mit der Französischen Verteidigung geschlagen.

Ich erinnere mich an ein internationales Turnier in der Sowjetunion, bei dem ich als Gast zuschaute. Uhlmann spielte gegen Lew Psachis die superscharfe Variante, wo der Bauer auf g7 geopfert wird. Ich glaube, keiner konnte das so gut wie er. Jedenfalls war ich damals in Tallinn die ganze Zeit Augenzeuge dieser Partie und denke, Wolfgang hat wohl immer die besten Züge gemacht. Er spielte wirklich phantastisch und hat mich damit stark beeindruckt. Später analysierte ich diese Partie mit Psachis, und wir fanden keine Verbesserung gegen das schwarze Spiel. Es war eine Musterpartie, wie man einen scharfen Franzosen als Nachziehender behandelt.

Wolfgang Uhlmann glänzte nicht nur als enorm starker Schachspieler, er ist auch eine sehr nette und angenehme Persönlichkeit. Wir spielten bei verschiedenen Turnieren in der Sowjetunion, in Deutschland und Österreich gegeneinander. Der Dresdner hat seinen festen Platz in der Schachgeschichte. Ich gratuliere ihm herzlich zum Geburtstag! Vor allem wünsche ich ihm, dass er gesundheitlich durchhält, weiter so aktiv bleibt und uns noch viele schöne Kommentare und Analysen beschert.

Psachis – Uhlmann

Tallinn 1987

C18: Französische Verteidigung (Nimzowitsch-Variante) 1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Lb4 4.e5 Se7 5.a3 Lxc3+ 6.bxc3 c5 Der Standardhebel 7.Dg4 Dc7 8.Dxg7 Tg8 Schwarz droht Materialgewinn: Tg8xg7 9.Dxh7 cxd4 10.Se2 Sbc6 11.f4 dxc3 12.Dd3 Ld7 [12...d4 13.Sg3²] 13.Sxc3 [13.h4 Sf5] 13...a6 Punkt b5 14.Tb1 Tc8 [14...Sa5 15.g3=] 15.h4² Sf5 16.Th3 Sce7 [16...Scd4 17.Ld2] 17.Ld2 Lc6 [17...Tg4 18.De2 Sh6 19.h5] 18.h5 Sh6 [18...Kf8 19.Df3] 19.Tg3! Ein interessanter Zug, der den Druck von der g-Linie abwenden soll und den Vormarsch des g-Bauern vorbereitet. (W. Uhlmann) 19...Txg3 20.Dxg3 Sef5 [20...d4 21.Sd1 Kd7±] 21.Dh3± d4 22.Sd1 Dd8 [22...De7 23.Tb4±] 23.Sf2 [23.g4 Sh4 24.Le2 Ld5+-] 23...Se3 24.Lxe3 dxe3 25.Dxe3 Sf5 26.Dd3

 

Hier bot Psachis Remis an, das nach längerem Überlegen angenommen wurde. Der letzte Zug von Weiß war, wie W. Uhlmann in seinem Französisch-Buch schreibt, ungenau. Jetzt hätte Schwarz nach 26…Dh4! auf Gewinn spielen können. Richtig wäre 26. Dd2 mit gleicher Stellung gewesen.

Rainer Knaak: „Wir haben uns gut verstanden“

Ein langjähriger Weggefährte Wolfgang Uhlmanns ist der Leipziger Großmeister Rainer Knaak. Der heutige Chefredakteur des ChessBase Magazins  erinnert sich gern zurück:

Wir gehören nicht derselben Generation an, das heißt, ich bin als Schachspieler erst gut geworden, als Wolfgang schon seine Riesenerfolge errungen hatte. Er war eigentlich immer das Ziel, welches ich vor Augen hatte. Ich kam dann zwar in seine Nähe, konnte aber seine großen Erfolge nicht erreichen, vor allem auch deshalb, weil in den 1970er und 80er Jahren die Möglichkeiten, international zu spielen und uns mit der Weltspitze zu messen, für die DDR-Spieler nicht mehr vorhanden waren.

Wir waren natürlich Konkurrenten, ganz klar. Aber im Vergleich zu den Spielern in anderen Ländern haben wir uns doch gut verstanden. Wenn ich gehört habe, wie es in Ungarn zuging, so waren die dortigen Schachspieler damals wie Hund und Katze. Wir Spitzenleute in der DDR haben uns gut verstanden.

Wolfgang Uhlmann und ich hatten verschiedene Spielstile. Seine Partien waren eher strategisch angelegt, ich habe hingegen etwas mehr riskiert. Ob das immer bewusst war, ist eine andere Frage. Ich war einfach optimistischer und wollte gern den vollen Punkt machen. Das will doch jeder. Die Frage ist immer, wie sind die Mittel dazu. Ich glaube, dass ich insgesamt auch mehr Verlustpartien hatte als er. Das ist dann eben die Kehrseite der Medaille. Ich war fünfmal DDR-Meister, Wolfgang natürlich viel öfter. Ich denke, ein guter Schachspieler muss ein Allrounder sein.

Noch heute bin ich sehr stolz darauf, dass Wolfgang Uhlmann mich vor 15 Jahren zu seinem Geburtstagsturnier eingeladen hat, wo nur Französisch gespielt wurde. Neben ihm, Portisch und Hort war ich der Vierte im Bunde. Das habe ich als große Würdigung empfunden. Es ist ein Beleg dafür, dass wir uns bei aller Konkurrenz doch gut verstanden haben.

Texte und Fotos: Dagobert Kohlmeyer

 

 

 

 

 

 

 



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