Heute beginnen die Chess Classic Mainz<br>

09.08.2005 – Am heutige Dienstag beginnen in der Mainzer Rheingoldhalle die diesjährigen Chess Classic. Die organisierenden "Chesstigers" und zahlreiche Stars sorgen eine Woche lang für ein großes Schachspektakel mit vielen Turnieren. Zum Auftakt treffen die Veteranen Wolfgang Unzicker, Viktor Kortschnoj, Boris Spassky und Anatoly Karpov in der zweitägigen Unzicker-Gala anlässlich dessen 80sten Geburtstag  aufeinander. Eine feste Größe der CCM ist Vishy Anand. Hartmut Metz führte ein Interview mit dem indischen Topspieler, der meint: "Die Chess Classic Mainz sind die Tour de France im Schach". CD über Wolfgang Unzicker im Shop kaufen... Turnierseite...Intervierw mit Anand...

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Der Mainzer „Schach-Kannibale“ ist Armstrong immer einen Sieg voraus
Für Viswanathan Anand sind die Chess Classic die Tour de France auf 64 Feldern
Von Hartmut Metz

In Indien hat Viswanathan Anand Schach zum Volkssport gemacht. Nur Kricket erfreut sich größerer Beliebtheit. Von 2000 bis 2002 war der „Tiger von Madras“ bereits Weltmeister. In den vergangenen zwei Jahren gewann der 35-Jährige fast alle Turniere. Die Führung in der trägen Weltrangliste übernahm Anand aber erst im Juli, weil der nur noch selten spielende Garri Kasparow seinen Rücktritt verkündet hatte. Unbestritten die Nummer eins ist der Großmeister mit der schnellsten Auffassungsgabe seit einem Jahrzehnt in den Partien mit einer maximalen Bedenkzeit von einer halben Stunde. Bei den Chess Classic Mainz trifft der „schnelle Brüter“ von Donnerstag bis Sonntag (jeweils 18.30 und 20 Uhr) auf den Russen Alexander Grischuk. Im Interview mit Hartmut Metz erläutert der Baden-Badener Bundesligaspieler Anand, welchen Stellenwert für ihn das Schnellschach-Mekka besitzt.

Frage: Bei den Chess Classic Mainz geht es um den Titel des Schnellschach-Weltmeisters …

Anand: Nein, es geht um mehr! Für Schnellschach bedeutet Mainz eher etwas wie Wimbledon für Tennis, Augusta für  Golf und die Tour de France für den Radsport. Diese Wettbewerbe besitzen alle ihren eigenen Charakter, genau wie die Chess Classic. Keiner der Veranstalter würde sein Turnier eintauschen gegen einen gelegentlich ausgespielten WM-Titel. Chess-Classic-Chef Hans-Walter Schmitt sieht das genauso.

Frage: Sie könnten zum achten Mal bei den Chess Classic auf dem Siegerpodest stehen – der „Kannibale“ Lance Armstrong hat „nur“ sieben Mal die Tour de France gewonnen, um bei Ihrem Vergleich zu bleiben …

Anand: Der Unterschied ist: Ich höre aber auch danach nicht auf! Und zudem: Es ist auch nicht der einzige Wettbewerb, den ich jedes Jahr gewinne (grinst).

Frage: Einige wenige Großmeister trauen dem russischen Weltranglistenelften Alexander Grischuk zu, Sie nach fünf Siegen in Folge abzulösen.

Anand: Grischuk ist in der Tat ein gefährlicher Gegner, noch mehr im Schnellschach. Es kann knapp werden. Ich muss eben jeden Tag einen frischen Kopf haben. Hoffentlich kann ich vermeiden, was mir vor zwei und drei Jahren passierte, als ich gegen Ruslan Ponomarjow und Judit Polgar ständig in Rückstand geriet und ausgleichen musste.

Frage: Sollten Sie wider Erwarten Grischuk unterliegen: Spielen Sie dann im nächsten Jahr im Ordix Open mit, um sich zu qualifizieren?

Anand: Ich fordere dann natürlich Revanche!

Frage: Damit endlich etwas Abwechslung in Ihre Garderobe kommt, will Organisator Hans-Walter Schmitt dem Sieger ein weißes statt ein schwarzes Jackett am Sonntag überstreifen.

Anand: Er hat gottlob viele Ideen und ist ja immer für eine Überraschung gut. Jetzt bin ich erst recht voll motiviert, das schwarze Einerlei in meinem Kleiderschrank zu beseitigen (lacht).

Frage: Wer war bisher Ihr schwerster Gegner bei den Chess Classic Mainz?

Anand: Zweifellos Kramnik, mit dem es 2001 eine Remis-Serie gab, die erst im Tiebreak entschieden wurde. Doch auch die Duelle 2002 mit Ruslan Ponomarjow und 2003 mit Judit Polgar verliefen ziemlich schwierig. Gegen die Ungarin setzte ich mich nach einem 3:3 erst am letzten Tag in beiden Partien durch. Im Duell 2004 gegen Alexej Schirow lag ich dagegen eigentlich immer einen ganzen Punkt vorne, das war beruhigend.

Frage: Auf welche Partie sind Sie besonders stolz?

Anand: Im Duell mit Ponomarjow kam es in der entscheidenden achten Partie zu einem doppelten Springeropfer. Aber auch meine Französisch-Partien 2000 gegen Schirow und Alexander Morosewitsch waren von außerordentlicher Qualität.

Frage: Welches war Ihr bedeutendster Sieg bei der Chess Classic?

Anand: Eindeutig der im Jahr 2000, als die Top 6 der Welt mitspielten. Das doppelrundige Turnier überstand ich ungeschlagen mit fünf Siegen und fünf Remis. Es war ein perfektes Turnier gegen Kasparow, Kramnik, Schirow, Leko und Morosewitsch. Damals gab es ein Novum, das bis heute Bestand hat: Sogar die kompletten Top Ten waren anwesend!

Frage: Es heißt, Sie als bester Schnellschachspieler der Welt würden sich etwas langweilen, wenn Sie Partien mit langer Bedenkzeit spielen müssen.

Anand: Ja, aber daran habe ich mich mittlerweile gewöhnt, meine Turnierteilnahmen in Linares und Wijk aan Zee haben dies eindeutig gezeigt.

Frage: Sie sagen, die Qualität Ihrer Schnellschach-Partien sei nicht viel schlechter als die in normalen Turnierpartien. Wäre es daher nicht wieder sinnvoll, wie zu Beginn Ihrer Karriere zu spielen: rasend schnell? Dann könnten die Gegner bei Ihrer Bedenkzeit auch kaum nachdenken und wären schwächer. Ganz zu schweigen vom psychologischen Druck, den solch eine Spielweise ausübt.

Anand: Manchmal ist es im Turnierschach so, dass man eine halbe Stunde brütet und dann patzt – im Schnellschach passiert das schneller. Meist werden Partien in Zeitnot oder durch Schnitzer entschieden. Ich glaube daher nicht, dass die Qualität der Partien im Turnierschach viel höher ist. Die Eröffnung spult man hier wie dort herunter. Im Schnellschach bist du die ganze Stunde voll konzentriert. In Sieben-Stunden-Partien hältst du das nicht durch, und die Konzentration lässt zuweilen nach. Schnellschach-Partien sind intensiver. Für mich sind zwei Schnellschach-Begegnungen anstrengender als eine Turnierpartie, selbst wenn die insgesamt deutlich länger dauert. Ich spiele nur schnell, wenn ich mich danach fühle. Nicht, um den Gegner zu verblüffen. Immerhin gerate ich durch mein schnelles Spiel nie in Zeitnot.

Frage: Wie fühlen Sie sich als neuer Weltranglistenerster?

Anand: Na ja, ich krabbele nicht jeden Morgen aus dem Bett und denke mir: Toll, du bist die Nummer eins! Ich bin - ohne eine einzige Partie zu spielen - Erster geworden. Das ist nicht unbedingt etwas, was einen besonders erregt (grinst). Von größerer Bedeutung ist die nächste Weltmeisterschaft Ende September in Argentinien. Im Moment ist es wichtiger, den WM-Titel inne zu haben – und der würde mehr zählen als die paar letzten.

Frage: Als Sie wie einige andere Asse die WM In Libyen boykottierten. Es gibt noch immer zwei Weltmeister: Den Sieger von San Luis, der Champion des Schachweltverbandes FIDE ist, und Wladimir Kramnik, der vor fünf Jahren den FIDE-abtrünnigen Weltmeister Garri Kasparow bezwang.

Anand: Nach Kasparows Rücktritt nehmen alle Topspieler teil, weshalb der FIDE-Titel eine größere Legitimation als zuletzt bekommt.

Frage: Wird anschließend die längst überfällige Titelvereinigung Wirklichkeit? Die FIDE nahm allerdings einen Passus in die Verträge auf, die derlei verbietet.

Anand: Es ist bedauerlich, dass Kramnik nicht in Argentinien mitspielt – ich verstehe jedoch auch seine Sichtweise. Nachdem wir vier Jahre über die Wiedervereinigung diskutierten, die uns ins Nichts führte, zählt zunächst eines: Die WM ist ein hochkarätig besetztes Turnier, das die Schachfans in aller Welt unterhalten wird. Sie wollen Partien sehen, keine Palaver. Ich mache mir keine weiteren Gedanken darüber. Lassen Sie mich erst da gewinnen – dann sehen wir weiter.

Frage: Das heißt: Sie sind als Topfavorit auf Sieg programmiert.

Anand (lacht): Ich will mein Bestes geben. Ich sehe mich nicht als großer Favorit. Das achtköpfige Feld liegt eng beisammen. Es gibt keinen schwachen Gegner, jeder kann einem gefährlich werden. Ich fliege einfach hin und will gewinnen.

Frage: Sie haben den zurückgetretenen Kasparow auf Position eins der Weltrangliste beerbt. Glauben Sie, dass er nochmals zurückkehrt?

Anand: Ich bin mir unschlüssig. Möglicherweise feiert er ein Comeback. Aber unter welchen Voraussetzungen? Wenn ihm Kramnik eine WM-Revanche anbieten würde, könnte er bestimmt nicht widerstehen. Kasparow könnte der nächste Imran Khan sein: Der pakistanische Kricket-Star war ein großer Sportsmann, jedoch ein mäßiger Politiker. Die westlichen Medien wenden sich an Kasparow, wenn sie eine Stimme aus Russland brauchen. Aber mein Eindruck bleibt der, dass er in seinem eigenen Land nicht so ernst genommen wird. Ich glaube, Kasparow wird nichts mehr so gut machen wie Schach. Mit seinem Hirn mag er ein fantastischer politischer Kommentator sein – aber nicht mehr.

Frage: In dem Massenblatt „The Hindu“ wurde die Frage aufgeworfen, ob Sie den Rücktritt des Größten aller Zeiten nicht auch gewisse Motivation kostet. So behauptete es jedenfalls einst John McEnroe, als dessen größter Rivale, Björn Borg, mit 26 Jahren abtrat.

Anand: Manchmal bedauere ich es. Dann denke ich wiederum, dass ich nicht der einzige Großmeister bin, der von seinem Rücktritt betroffen ist. Andere hätten ihn auch gerne ins Visier genommen. Deshalb ist es in Ordnung, so wie es kam. Es gibt auch noch andere starke Kontrahenten. Selbst Kasparow hatte beim Topturnier in Linares ein paar Gegner, gegen die er regelmäßig remisierte und nicht schlagen konnte. Er war zweifellos einer der Größten aller Zeiten. Aber nun spüre ich die Rivalität mit Weselin Topalow intensiver. Deshalb vermisse ich Kasparow nicht im Wettbewerb.

Frage: Sind Sie überrascht davon, dass Ihnen plötzlich Weselin Topalow in der Weltrangliste im Genick sitzt, nachdem Sie nominell die klare Nummer zwei hinter Kasparow waren?

Anand: Stimmt schon. Ich war eine Zeit lang mit größerem Abstand Zweiter. Nun hat Topalow dieselbe Ratingzahl – und ich muss darauf reagieren. Ich werde noch härter trainieren, um Fortschritte zu erzielen.

Frage: Das hört sich nach Schwächen an – was man sich beim Weltranglistenersten kaum vorstellen kann.

Anand: Ich habe zuweilen Schwierigkeiten, die gesamte Partie hindurch voll konzentriert zu sein oder zumindest in den wichtigen Phasen. Als ich in Wijk aan Zee gegen Peter Leko verlor, fiel ich nur eine Minute in ein Loch – und weg war der Punkt nach einem Patzer. Das gleiche passierte mir in Linares gegen Michael Adams.  

Frage: Was sind die Stärken Topalows? Was können Sie von ihm lernen?

Anand: Er investiert in die Partien unheimlich viel Energie. Er riskiert viel. Ich habe mich diesbezüglich in den vergangenen Jahren auch deutlich verbessert. Im Vergleich zu 2002 gewinne ich weit häufiger mit Schwarz.

Frage: Topalow sieht richtig drahtig aus. Wie steht es um Ihre Physis?

Anand: Ich bin sehr fit. Ich glaube nicht, dass Topalow besser trainiert ist als die anderen Topspieler. Nehmen Sie beispielsweise Leko.

Frage: Natürlich, Leko ist ebenso ein Fitnessapostel. Nicht grundlos hat er vor kurzem das ungarische Prominententeam angeführt, das vor dem Grand Prix die Fomel-1-Fahrer um Michael Schumacher herausforderte (Endstand vor 20.000 Zuschauern 6:6). Aber mit Verlaub: Topalow und Leko sehen austrainierter aus und würden hier nicht diese Nachos verschlingen.

Anand: Nein, wirklich, ich trainiere auch einiges abseits des Brettes und fühle mich am Ende eines Turniers nicht schlapp (sprach’s und saugt grinsend an seinem Schoko-Shake).

Frage: Sie gaben vor einiger Zeit aus, als zweiter Spieler nach Kasparow die magische Elo-Grenze von 2800 knacken zu wollen. Sind Sie stark genug dafür?

Anand: Ich wäre in der Tat glücklich, wenn ich dieses Ziel erreichen würde. Dummerweise kosteten mich zwei Partien einige Punkte: Die bereits erwähnte Niederlage gegen Adams brachte mich um fünf Elo, die ich bei einem Remis mehr auf dem Konto hätte. Außerdem verlor ich durch ein Unentschieden in der Bundesliga gegen Sawtschenko vier Elo, weil ich eine Gewinnstellung nicht umsetzen konnte. Ohne die beiden Unfälle wäre ich bereits bei 2798 Elo. Egal, momentan denke ich mehr an Argentinien. Wie ich über die 2800 komme, ist kein großes Geheimnis: Ich muss nur gut spielen. 

Frage: Ein längerfristiges Ziel ist hier für Ihren Klub in Baden-Baden die deutsche Meisterschaft. Klappt das endlich mit den Neuerwerbungen Etienne Bacrot und Ihrem gelegentlichen Sekundanten Peter Heine Nielsen?

Anand: Es ist schön, die beiden Jungs in der Mannschaft zu haben. Sie sind beide sehr nett und garantieren ein wundervolles Team. Wir hätten auch schon die zwei vergangenen Jahre den Titel holen können – doch in beiden Fällen ging binnen fünf Sekunden die Arbeit eines Jahres den Bach runter. Es lief einfach ein Moment in einer Partie schief und schon war alles ruiniert. Nächste Saison ziehen wir es einfach durch (lacht)! 

 

 

 

 

 

 

 

 



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