Wo
Buddha und Schach regieren…
Kalmückien am Unterlauf der Wolga ist das bizarrste Land Europas
Die Schach-WM zwischen Kramnik und Topalow hat die russische Teilrepublik
Kalmückien und ihre Hauptstadt Elista für drei Wochen in den Focus der Welt
gerückt. Wer ist dieses kleine Volk, das ein so wichtiges Sportereignis
ausrichtet?
Von Dagobert Kohlmeyer
Antwort
darauf gibt es im Weißen Haus, wie das Regierungsgebäude in Elista (genau wie in
Washington) genannt wird. In der vierten Etage residiert Kirsan Iljumschinow.
Der Staatschef Kalmückiens ist zugleich Präsident der Schachföderation FIDE. Zum
zweiten Mal nach 1996 organisiert er in seinem Land ein WM-Match. Damals
spielten Karpow und Kamsky, heute sind es Kramnik und Topalow. Zudem fand vor
acht Jahren im eigens errichteten Vorort City Chess die Schacholympiade statt.
- Woher
stammen die Kalmücken, die sich - obgleich nicht wohlhabend - als liebenswürdige
Gastgeber erweisen?
„Unser Volk
hat eine lange Leidensgeschichte hinter sich. Ethnisch gehören wir Kalmücken zu
den Westmongolen“, erklärt Iljumschinow. Der Stamm verließ Anfang des 17.
Jahrhunderts Zentralasien und siedelte sich in Russland an. Die Kalmücken lebten
als Nomaden zwischen Ural und Wolga, in jener Zeit wurde der Buddhismus ihre
Religion. Nachdem das Volk sesshaft geworden war, erhielt es am Ende der
Zarenherrschaft ein autonomes Gebiet zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer. Im
Dezember 1943 wurde die kalmückische Nation von Stalin nach Sibirien deportiert.
Taxifahrer
Nikolai, der mich jeden Tag nach City Chess bringt, erzählt: „Mein Vater ist
Kalmücke, meine Mutter Russin. Sie lernten sich im sibirischen Exil kennen. 1957
bekam unser Volk sein heutiges Territorium zurück. In unserem Steppengebiet
leben Kalmücken und Russen sowie Menschen anderer Nationalitäten einträchtig
zusammen.“

Der
Buddhismus, zu Sowjetzeiten verboten, wurde wieder gültige Religion. Kalmückien
ist der einzige europäische Staat mit dieser Glaubensrichtung. Präsident
Iljumschinow, ein enger Freund des Dalai Lama, lässt teure Buddha-Tempel bauen
(in Elista steht der größte Europas) und buddhistische Priester im eigenen Land
sowie in Nepal ausbilden.

Kalmückien
hat wertvolle Bodenschätze, Erdöl und Erdgas. Seine Bewohner leben vorwiegend
von Viehzucht. In der Wolga und im Kaspischen Meer gibt es reichlich Fisch.
Weltbekannt ist kalmückischer Kaviar. Kunst, Kultur und Volksbräuche werden
sorgsam gepflegt, wie die glanzvolle Eröffnungsfeier der Schach-WM im Uralan
Stadion zeigte.
Schach ist
Pflichtfach in jeder Schule. Überall wird gespielt, auf Straßen und Plätzen, in
Parks, Kulturhäusern und Schachklubs.

Eines der
ersten Dekrete Iljumschinows verordnete den Kindern zwei Stunden
Schachunterricht pro Woche.


Darüber
hinaus gibt es seit zehn Jahren eine Sportschule mit Schwerpunkt Schach, die
Filialen im ganzen Land hat. Insgesamt 400 Talente werden dort getrimmt.


Direktor
Boris Mujew ist stolz auf das bisher Erreichte. „Unser Schachnachwuchs wird
schon bald auch international von sich reden machen“, sagte der 53-Jährige. In
der Schachschule wird die künftige Elite des Landes erzogen. Mit Ernesto
Inarkijew haben sie in Elista schon einen Großmeister hervorgebracht. Der
21-Jährige kommentiert während der Weltmeisterschaft im Foyer die Partien von
Topalow und Kramnik.
Stets ist er
dabei von einer großen Traube Schachfans umringt, meistens Männer. Ernesto ist
in Kirgisien geboren. Nachdem seine Familie nach Elista übersiedelte, wurde er
kalmückischer Staatsbürger. Ernesto besuchte die hiesige Spezialschule und
konnte sich als erster Spieler des Steppenlandes mit dem Doktorhut des Schachs
schmücken. Im Sommer gewann er sogar das harte Ausscheidungsturnier der 1.
Schachliga Russlands. Damit ist er für das Superfinale im Dezember in Moskau
qualifiziert.

Ernesto Inarkiev
Inarkijew spielt jedoch nicht nur Schach. Nebenbei studiert er schon das vierte
Jahr in Moskau Ökonomie. Eine fundierte Berufsausbildung kann nichts schaden.
Wie gebildet
sind die Kalmücken? Dafür interessierte ich mich schon vor Jahren bei meiner
ersten Reise in das Steppenland. Wie ich feststellte, sind die Bibliotheken
selbst zur Ferienzeit stark gefüllt. Kalmückien scheint auf dem Weg zur
gebildeten Nation zu sein. Der russische Teilstaat zeigt sich auch
familienfreundlich.

Markt in Elista

Teenager mit Handy vor dem weißen Haus

Schlüsselservice auf der Straße unter dem Logo von Daimler
Chrysler

Auch in Elista: Rollerblades
Seitdem
Kirsan an der Macht ist, (1993, schon mit 30 Jahren!) hat sich die Geburtenrate
in Kalmückien erhöht, heißt es. Auch deshalb, weil ab 23 Uhr auf Straßen und
Plätzen das Licht abgeschaltet wird. Sparen ist angesagt, die schwache
Wirtschaft des Landes muss auf die Beine kommen. Das kalmückische Volk lebt sehr
bescheiden, Iljumschinow aber nennt dicke Bankkonten sein eigen. Der Selfmademan
hat schon Millionen ins Schach gepumpt. Kramnik und Topalow spielen um eine
Million US-Dollar.

Das Parlamentsgebäude

Kirsan liebt
schöne Autos und zeigt sich gern mit ihnen. Er war der erste Kalmücke, der einen
Rolls-Royce, einen Lincoln und einen Mercedes besaß. Der weiße Rolls steht fast
täglich vor dem Gebäude, wo Topalow und Kramnik schon fast drei Wochen über
ihren Zügen brüten. Einige Tage war die Nobelkarosse nicht zu sehen, als
Iljumschinow zu einer Konferenz mit Putin in Sotschi weilte. Dann eilte Kirsan
aber flugs zurück, um den eskalierten Toilettenstreit zwischen Topalow und
Kramnik zu schlichten.

Zu
Iljumschinows großen Träumen gehört unter anderem, dass Schach olympisch wird.
1998 ließ er dafür sogar ein WM-Finale (Karpow – Anand) am IOC-Sitz in Lausanne
durchführen. Er hoffte, dass der damalige Präsident Samaranch die Schachspieler
in die olympische Familie aufnehmen würde. Keine Chance, hieß es. Schach ist
nicht telegen genug und schlechter zu vermarkten als andere Disziplinen. Das
FIDE-Council hat jetzt sogar vorgeschlagen, Iljumschinow soll sich selbst als
IOC-Chef bewerben, damit das königliche Spiel es doch in den Olymp des Sports
schafft.
Nicht
zuletzt deshalb gibt es seit einigen Jahren Dopingproben bei großen
Schachwettkämpfen wie Olympiaden usw. Auch Kramnik und Topalow mussten am
Dienstagabend nach ihrer 11. WM-Partie in Elista erstmalig eine abgeben. (Die
Ergebnisse liegen bislang noch nicht vor).
Bei meinem
jetzigen Aufenthalt lernte ich die Ärztin Natalja kennen.

Gleich neben
dem Pressezentrum ist ihr Sprechzimmer (Medpunkt genannt), wo sich
Organisatoren, Journalisten oder Zuschauer, die das Match zu sehr in
Mitleidenschaft zieht, behandeln lassen können. Die Medizinerin, der man ihre 43
Jahre nicht ansieht, hat nach eigener Aussage gut zu tun. Sie ist schon seit
1988 im Beruf, Spezialität Neurologie. „Wir haben schon etliche Krankheitsfälle
gehabt. Meistens handelt es sich um Virusinfektionen und zu hohen Blutdruck.“
Kramnik und
Topalow werden aber von ihr nicht betreut. Die Spieler haben eigenes
medizinisches Personal. Aus Spaß hat Natalja mal meinen Blutdruck gemessen. Mit
dem Ergebnis: 120/80.
„Großartig,
wie bei einem Kosmonauten“, sagte die Ärztin erstaunt. Unsere Jugendlichen haben
zum Teil schon Bluthochdruck von 150!
„Leben Sie
so gesund?“, fragte sie. - „Kann ich nicht sagen. Der Beruf des Schachreporters
mit seinen vielen Reisen, Unwägbarkeiten und Abenteuern zehrt ganz schön an der
Substanz.“
- Was tun
Sie denn vor dem Schlafengehen, Dagobert?
„Ich trinke
ein Glas Rotwein … oder zwei.“
„Tun Sie das
weiter!“, sagte Natalja… Na dann zum Wohl!
Text und Fotos: Dagobert Kohlmeyer