Im Mutterland des Schulschachs

von Stefan Löffler
29.05.2019 – Armenien hat nicht nur das ehrgeizigste Schulschachprogramm der Welt. Kürzlich tagte im Ferienort Tsakhkadsor auch bereits zum dritten Mal eine internationale Schulschachkonferenz und erstmals die neue FIDE Education Commission. Stefan Löffler war dabei. | Auf dem Foto: Das Finale der Armenischen Grundschulmeisterschaft, Foto: Armenische Schachakademie

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Im Mutterland des Schulschachs

Viele Schachfans beneiden Armenien um sein Schulschachprogramm. Alle armenischen Schulkinder machen mit. Von der zweiten bis zur vierten Klasse haben sie jede Woche zwei Stunden Schachunterricht. Seit Schach 2011 Pflichtfach wurde, wurde Armenien von diversen Medien als schlauste Nation der Welt abgefeiert. Damals war der Staatspräsident Sersh Sargsyan zugleich Präsident des Armenischen Schachverbands. Doch vor einem Jahr wurde Sargsyan von Massenprotesten auf den Straßen Jerewans zum Rücktritt gezwungen.

Auch die neue Regierung scheint dem Schach gesonnen und hat kürzlich umgerechnet 200.000 Euro für Lewon Aronians nächsten Anlauf auf die WM locker gemacht. Doch unangreifbar ist Schach nicht mehr und muss seinen Nutzen in der Schule nachweisen. 

Leontxo Garcia

Leontxo Garcia spricht über die Vorzüge des Schachs im Unterricht.  | Foto: Armenian Chess Academy

Manchen Eltern geht der Schachunterricht zu weit. Anders als bei anderen Grundschulfächern können die wenigsten ihren Kinder bei den Hausaufgaben helfen. Hier ist eine Stellung aus dem Lehrbuch für die vierte Klasse:

 
Nur ein Zug sichert Weiß den Sieg. Ein erfahrener Spieler kommt leicht auf 1. Tf5!, um den schwarzen König von der Unterstützung seines Bauern abzuschneiden, und sobald der Bauer sich alleine in Bewegung setzt, wird er vom Turm abgeholt.

 

Wenn sich das schon einigermaßen fortgeschritten anfühlt, was ist dann vom folgenden Matt in zwei zu halten?

 

Wäre Schwarz am Zug, würde jeder seiner Züge ein einzügiges Matt erlauben. 

Weiß braucht also einen Wartezug, aber alle Kandidaten scheinen einen Nachteil zu haben. Ein erfahrener Problemlöser verfällt wahrscheinlich schnell auf das den Springer doppelt einstellende 1. Sd2!!, 

 

Achtung: Dies ist keine Aufgabe für erfahrene Problemisten sondern für neunjährige Schulkinder.

In Armenien haben die Neunjährigen mit der Schachmeisterschaft der Grundschulen freilich ein prestigeträchtiges Turnier. Dieses Jahr fanden die Finalspiele parallel zu einer internationalen Konferenz in Tsakhkadzor statt. In dem Ski- und Wanderstädtchen fünfzig Kilometer nördlich von Jerewan wurde unter anderem auch schon schon die Mannschafts-WM 2015 ausgetragen. Viele Konferenzteilnehmer waren neugierig, was armenische Neunjährige draufhaben, und kehrten beeindruckt aus dem Turniersaal zurück.

„Normalerweise sieht man immer etwas Abgedrehtes auf einigen Brettern, aber hier hatten alle normale Stellungen“, lobte Judit Polgar.

 

Lputian, Polgar, Short

Großmeister Smbat Lputian, Schulschachpionier, Judit Polgar, Nigel Short  | Foto: Armenian Chess Academy

Smbat Lputian, der vor 17 Jahren die Armenische Schachakademie gründete, aus der das von ihm geleitete Schulschachprogramm hervorgegangen ist, erzählte, wie er sich einmal bei einem Besuch im Schachunterricht daran machte, die vom Lehrer gestellten Aufgaben zu lösen. Verblüfft stellte der Großmeister fest, dass er nicht immer der schnellste Löser war.       

Bevor Sie daraus schließen, dass sich das armenische Schulsystem an die Massenproduktion von Aronians gemacht hat, lassen Sie sich gesagt sein, dass der Schachlehrstoff gerade überarbeitet und dabei vor allem leichter und zugänglicher gemacht wird. Schließlich geht es nicht um sportliche sondern um pädagogische Ziele. Das Programm ist ehrgeizig aber ohne sich als überlegen zu feiern. 

Auf der Konferenz unter dem Titel „Current State and Development Trends of Chess Education“ sprachen die armenischen Redner immer wieder Schwierigkeiten an. So wurden in der Anfangszeit viele Schachstunden von Schachspielern unterrichtet, doch nur wenige von ihnen eigneten sich die erforderlichen pädagogischen Fähigkeiten an. Gewöhnliche Lehrer, die motiviert genug fürs Schachstudium waren, stellten sich – zumindest in Armenien – als die besseren Schachlehrer heraus. Weil viele Kinder mit dem Wettkampfcharakter und dem Verlieren haderten, wurden Lösungen gesucht, wie sich emotionale Intelligenz in den Schachunterricht bringen ließ. Mehrere Redner widmeten sich der Frage, ob und wie Schach die Kreativität fördert.

2018 wurde an Armeniens Pädagogischer Universität das Chess Scientific Research Institute (Schachwissenschaftliches Forschungsinstitut)  ins Leben gerufen. Ihm gehören 18 Wissenschaftler aus so unterschiedlichen Fächern wie Erziehungswissenschaft, Fachdidaktik, Psychologie, Soziologie und Philosophie an. Die meisten von ihnen trugen bei der Konferenz vor (alle Vorträge sind auf Englisch verfügbar). Der Institutsdirektor Vahan Sargsyan hat außerdem die Herausgabe einer Fachzeitschrift angekündigt, die wissenschaftliche Arbeiten über erzieherische und soziale Aspekte des Schachs veröffentlichen wird.  

Harutyunyan, Short and Lputian

Der armenische Bildungsminister Arayik Harutyunyan, FIDE Vizepräsident Nigel Short und Smbat Lputian | Foto: Armenian Chess Academy

Der erste Vortrag kam aber vom armenischen Schulminister Arayik Harutyunyan. Einige ausländische Gastredner thematisierten praktische Aspekte, etwa wie man Lehrer und Politiker vom Nutzen des Schachs überzeugt, wie sich Schach in alle möglichen Fächer von Mathe bis Geschichte einbauen lässt, oder wie man es Kindern mit besonderen Bedürfnissen unterrichtet. Island, Kasachstan und Weißrussland schickten offizielle Vertreter, um für ihre in Kürze anlaufenden nationalen Schulschachprogramme zu lernen.  

Auch zwei Großmeister, die an der Uni Schach unterrichten, waren da. Evgeny Vladimirov tut das in Alma-Ata und Alexander Onischuk in Texas. Beide sind Mitglieder der neuen Education Commission der FIDE, die sich nun also auch mit Schach in der Tertiären Bildung befasst. Geleitet wird die Kommission von Smbat Lputian. Angetreten ist der Armenier mit dem Ziel, Qualitätsstandards in Schulschachprogrammen weltweit zu fördern. Als einziges Bindeglied zur alten Chess in Schools Commission der FIDE erhalten bleibt ihr früherer Vorsitzender Kevin O'Connell, der vorübergehend als Sekretär fungiert, weil Lputians Wunschkandidat von seinem nationalen Verband blockiert wurde.   

Vladimirov and Onischuk

Evgeny Vladimirov (Kasachstan) und Alexander Onischuk (USA) | Foto: Armenian Chess Academy

Unter den etwa siebzig Konferenzteilnehmern waren auch zwei lebende Legenden. Judit Polgar hat als Stellvertretende Ehrenpräsidentin der FIDE die beiden Schwerpunkte Schulschach und Frauenschach übernommen. In Ungarn hat sie maßgeblich dafür gesorgt, dass Schach von den meisten Grundschulen als Wahlfach angeboten wird, und sie leitet seit 2012 ihr eigenes Schulschachprogramm. Nigel Short kam dagegen nicht als Experte sondern als Lernender, wie er wiederholt betonte. In seiner neuen Funktion als FIDE-Vizepräsident bereiste er kürzlich die Karibik und traf dort nicht weniger als fünf Schulminister, ohne genau zu wissen, was er ihnen über Schulschach erzählen konnte. Daraufhin entschied Short, dass er mehr wissen musste. 

Am abschließenden Runden Tisch, bevor die ebenso inhaltsreiche wie exzellent organisierte, Konferenz mit einem Galadinner ausklang, rief Alexander Onischuk allen ins Gedächtnis, dass vier der fünf anwesenden Großmeister 1996 in der dramatischen Schlussrunde der Schacholympiade in Jerewan aufeinandertrafen. Alle ihre Teams kämpften um Medaillen. Obwohl Short Polgar besiegte, fehlte England am Ende ein halber Buchholzpunkt zu Bronze. Onischuks Remis gegen Lputian aber half der Ukraine, Silber zu sichern. Gastgeber Armenien musste mit Platz fünf zufrieden sein.

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Stefan Löffler ist Journalist und Internationaler Meister in Wien und Lissabon. Er ist Mitglied der FIDE Education Commission, Mitarbeiter von ChessPlus Ltd. www.chessplus.net und Programmdirektor der London Chess Conference. www.londonchessconference.com
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