In aller Freundschaft

05.04.2013 – Schach ist Spiel und Schach ist Kampf. Und manch Schachspieler meint, er müsste den Gegner als Feind sehen, "sein Ego zerstören", um besser zu spielen. Doch geht es nicht auch anders? Entspannter, freundlicher, erfolgreicher? Schon aus Eigennutz, weil man besser spielt und mehr Spaß am Schach hat? Das fragte sich Alina l'Ami bei einem Wochenendturnier im netten holländischen Städtchen Delft.    Zum Bericht...

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Die Ruhe vor dem Sturm

  Erwin l'Ami

‘Die Ruhe vor dem Sturm’ ist eigentlich eine ganz passende Definition des Undefinierbaren… Wie sonst soll man diesen Moment beschreiben, bevor der Schiedsrichter die erste Runde eröffnet?! Oh(!) die Spannung, die Erwartungen, die Hoffnungen und Ängste, die wunderbare Freude über das Unbekannte, das kommt, und die Krönung des Ganzen: ein Gegner, der all diese Pläne und Anstrengungen zunichte machen will J Natürlich, aber was soll man von seinem ‘Feind’ auch anderes erwarten? Gewiss kein freundliches Lächeln, wenn man Glück hat, vielleicht ein falsches Grinsen… oder irre ich mich?!


Ulf Andersson

Hier sind wir also, in der Aula des Grotius College in Delft, (wo, nebenbei bemerkt, Anish Giri zur Schule geht) und warten ungeduldig auf den Beginn des OGD Prinsenstad Wochenend-Turniers. Es ist acht Uhr abends und man kann beinahe sehen, wie die Spieler ihre geistigen Waffen schärfen… wie sie still und ruhig raffinierte Fallen vorbereiten, in die sie ihr Opfer locken wollen. Vielleicht sitzt Ihnen oder mir ein solch gewiefter Gegner gegenüber.

“Die Uhren sind freigegeben” – verkündet der Schiedsrichter. Mein Ohr registriert das vertraute Ticken der Uhren, meine Augen sehen, wie sich die Gegner die Hände schütteln, aber auf einmal nehmen meine Sinne noch etwas wahr, im ganzen Turniersaal hört man ein leise gemurmeltes: “Prettige partij!!” – übersetzt: “Ich wünsche eine schöne Partie!”

Ich spiele schon seit einiger Zeit in den Niederlanden und sollte mit den dort herrschenden Schachsitten vertraut sein. Trotzdem bin ich jedes Mal verwirrt, wenn mein Gegner mir alles Gute für die Partie wünscht. Am Anfang wurden meine Augen vor Überraschung groß wie Untertassen, später habe ich eine Art Nicken hinbekommen und irgendetwas gemurmelt, wahrscheinlich ein schüchternes “Danke”, doch ich glaube, mittlerweile habe ich die Botschaft verstanden. Ich wünsche ‘Ihnen auch eine schöne Partie’ und meine das sogar ehrlich! Ist es nicht phantastisch, prozess- und nicht ergebnisorientiert zu denken?! Schach kann so viel interessanter und mehr sein als ein Kampf der Egos…

 

Freundschaftliche Kämpfe

Ok, ich sollte nicht gleich übertreiben. Ich frage mich, wie glücklich ich wäre, wenn sich mein Gegner plötzlich in ein Schachmonster verwandelt und die Partien zur Elo-Wertung an die FIDE geschickt würden (was bei einem Wochenendturnier für gewöhnlich nicht gemacht wird, da man viele Partien in kurzer Zeit spielen muss). Würde ich wirklich wünschen, dass er “eine schöne Partie” spielt, ohne insgeheim zu hoffen – “vielleicht mit ein oder zwei kleinen Patzern”?! :) Das Unbewusste geht bekanntlich eigene Wege… Aber was man auch sagen mag, es lohnt, sich das holländische Beispiel zum Vorbild zu nehmen. Wenn nicht schon aus Höflichkeit und Fairness, dann aus Eigennutz. Sie werden sich wundern, welche positiven Nebenwirkungen dieser harmlose Wunsch hat! Stress, Anspannung und Aufregung nehmen ab, das innere Gleichgewicht nimmt zu und man kann einfach dasitzen und eine gute Schachpartie genießen.

 

Blick in den Turniersaal

Nun… zumindest bis zu einem gewissen Grad. Sollten Sie in unsere Fußstapfen treten und sechs Partien (mit normaler Bedenkzeit, kein Blitz- oder Schnellschach) in weniger als 48 Stunden spielen müssen, dann erwarten Sie nicht zu viel von sich. Wie manch Spieler sagt: “Bevor man zieht, sollte man den Blunder-Check einschalten!” oder “auf Autopilot umschalten!” Ich kann Ihnen versprechen, dass es zu vielen Fehlern kommt, aber trotzdem macht das Schach in dieser freundlichen holländischen Atmosphäre Spaß.

Wir alle mögen Herausforderungen, wir wollen unsere Grenzen testen und erweitern und ein Wochenendturnier bietet genau dazu die richtige Gelegenheit. Denn am Ende lautet die entscheidende Frage: wer kommt mit der physischen und mentalen Müdigkeit besser zurecht?!

Offensichtlich hat Erwin l’Ami alle Tests dieses Wochenendes bestanden, denn er gewann das Turnier mit einem ganzen Punkt Vorsprung: 5,5 aus 6! Die Verfolgen, u. a. Jan Smeets, Dimitri Reinderman, Stewart Haslinger und Erik van den Doel kamen auf 4,5 aus 6 und teilten sich Platz zwei. Ein ziemlich hartes Turnier mit einer dramatischen letzten Runde (beinahe so ähnlich wie das Ende des Kandidatenturniers), aber alles in allem eine phantastische Erfahrung. Nicht nur aus schachlicher Sicht, sondern auch aus kultureller, denn Delft ist eine wunderbare Stadt!

Erwin l'Ami

“Aber was ist mit dem Feind, dem nonchalanten Gegner, der besiegt, geschlagen und eine ordentliche Lektion erteilt bekommen sollte?!” – flüstert die negative innere Stimme.

“Ihnen auch eine Prettige partij!” – antwortet eine klare feste Stimme… Der größte Feind ist die eigene Wahrnehmung, die eigene Unwissenheit, das eigene Ego … und nicht der Gegner.

Hast du kapiert, innerer Monolog?


Impressionen


Spielsaal


Live-Übertragung...



...doch nicht nur von den Partien des Wochenendturniers – das Kandidatenturnier war ebenfalls zu sehen! Es war immer wieder schön, einen Blick auf die Partien in London zu werfen, während der eigene Gegner tief in Gedanken versunken war :).


Ulf Andersson scheint holländische Turniere zu mögen, ich sehe ihn ziemlich oft in Holland.


WIM Smaranda Padurariu, eine Freundin von mir – es ist immer schön, wenn man seine Muttersprache sprechen kann :)


Die Nummer eins der Setzliste, Jan Smeets


Der britische GM Stewart Haslinger ist ebenfalls regelmäßiger Besucher der holländischen Turnierszene


Der holländische GM Dimitri Reinderman


Zhaoqin Peng


Der Turnierfotograf will gute Fotos machen.


Die wichtigste Partie des Turniers – Erwin l'Ami vs Jan Smeets, Runde 4. Beide hatten zu diesem Zeitpunkt 4 aus 4


Die letzte Runde


Turniersieger Erwin l'Ami



Eine typische Szenerie in Holland: Fahrräder, Wasser, Grachten, gotische Kirchen... im Hintergrund sieht man die Oude Kerk (alte Kirche) mit ihrem herausragenden Merkmal: ein 75 Meter hoher Turm, der sich zwei Meter zur Seite neigt (die holländische Version des schiefen Turms von Pisa :); in dieser protestantischen Kirche befindet sich auch die letzte Ruhestätte des holländischen Malers Johannes Vermeer.


Junge Touristen


Und natürlich Fahrräder


Sowie der berühmte holländische Käse!



Nicht zu vergessen das bekannte blau-weiße Delfter Porzellan. Diese Form des Porzellans stammt ursprünglich aus China und im 17. Jahrhundert haben Handwerker das chinesische Vorbild kopiert.


Das Rathaus


Versenkung


Hauptmarkt in Delft


Nieuwe Kerk (Die Neue Kirche) – die letzte Ruhestätte für Angehörige des Königshauses 


Fahrräder


Und noch MEHR Fahrräder! Viel Glück bei der Suche im Heuhaufen :))

Turnierseite

Ergebnisse

Text: Alina l'Ami

Übersetzung: Johannes Fischer


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