Indisch Hot Curry statt Berliner Mauer

22.10.2008 – Die gestrige sechste Wettkampfpartie der Weltmeisterschaft in Bonn brachte den dritten Siege für Anand - seine ersten mit den weißen Steinen. Nach 1.d4 stand wie in der zweiten Partei ein Nimzoinder auf dem Brett. Beide Seiten schienen die Entscheidung zu suchen, nachdem Kramnik mit Bauernopfern zum Angriff überging. Am Ende des Tages strich aber wieder der Weltmeister den vollen Punkt ein und führt zur Halbzeit mit drei Punkten Vorsprung. "Natürlich sei die Situation sehr schwierig, meinte Kramnik auf der Pressekonferenz. Aber wie jeder gute Sportsmann habe er sich noch nicht aufgegeben und werde weiter seine Chance suchen. Vor der Pressekonferenz wurden Dopingproben durchgeführt, so dass die Spieler diesmal getrennt ihre Statements abgaben. Bericht, Bilder, Videos...

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Indisch Hot Curry statt Berliner Mauer
Von André Schulz
Fotos: Wolfgang Rzychon, Videos: André Schulz




Videos der ersten vier Wettkampftage

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Zur Hälfte des Wettkampfes um die Weltmeisterschaft zwischen Viswanathan Anand und Vladimir Kramnik steht es 3:0 nach Siegen für den Titelverteidiger. Kaum einer der Experten hätte wohl erwartet, dass der Inder seinen Herausforderer so klar dominieren würde. Mit Ausnahme der etwas lauen Auftaktpartie hat Anand in allen Partien das Geschehen bestimmt. "Anand hat sich ausgezeichnet vorbereitet und die Partien in die Strukturen geführt, die er besser spielen kann als Kramnik," beurteilte Loek Van Wely den bisherigen Verlauf des Wettkampfes. "Kramniks bisherige Match-Strategie - mit Weiß gewinnen und mit Schwarz remis spielen - wurde vollständig zerstört."

Der Inder stellte für diesen Wettkampf sein Weißprogramm um und fand mit den schwarzen Steinen in der Meraner Variante gleich mehrere Hebel, mit denen er seine enorme taktische Spielstärke zur Geltung bringen konnte. Wettkämpfe werden heutzutage schon in der Vorbereitung mit dem Computer gewonnen, meinte Abendblatt-Redakteur Rainer Grünberg in seinem lesenswerten Artikel über das Computerzeitalter im Schach noch vor dem Ende der gestrigen Partie. Das trifft den Kern - zum Teil. Wahrscheinlich weiß der zwar vier Jahre ältere, aber dennoch wohl in jüngeren Jahren mit moderner Technik vertraut gewordene Anand tatsächlich besser, wie man Datenbanken und Schachengines optimal nutzt. Aber mit seiner Vorbereitung brachte der Weltmeister keine tödlichen Neuerungen auf das Brett, sondern für beide Seiten spielbare Stellungen, die allerdings sehr verwickelt waren. Sein Vorteil bestand darin, dass er diese Positionen zuvor schon (mit dem Rechner) analysiert hat, während Kramnik sich am Brett zurecht finden musste - natürlich auch ein Fehler der Wettkampfvorbereitung des Herausforderers. 2000 war Kasparov an der Berliner Mauer gescheitert, diesmal verbrennt sich Kramnik am indischen Hot Chili.

In Kramniks beiden verlorenen Weißpartien wäre bei akkuratem Spiel durchaus jeweils ein Remis möglich gewesen. Doch in der vorherige Zeitverbrauch des Russen war zu groß - die Probleme zu kompliziert, um sie in der Restbedenkzeit zu durchschauen. Unverständlich ist jedoch, wieso Kramnik gleich zweimal in der gleichen Variante den Kürzeren zieht. Gerade wenn dies eine prinzipielle Variante der ganzen Weißvorbereitung ist, muss man sich doch den nahe liegenden Enginevorschlag 15...Tg8 auch einmal genauer anschauen. Der Vorfall erinnert ein bisschen an die verlorene 8.Partie im Wettkampf gegen Peter Leko in Brissago 2004. Damals hatten Kramnik und seine Sekundanten ebenfalls eine kritische Variante im Marshall-Angriff nicht gründlich genug angesehen und Kramnik die Partie verloren. Zweimal hintereinander mit Weiß in einem WM-Kampf zu verlieren, - bzw. aus der anderen Sicht: zweimal hintereinander mit Schwarz zu gewinnen - hat es lange nicht mehr gegeben.



Anand zeigte gestern aber auch eine andere seiner vielen schachlichen Stärken. Im Vorfeld wurde seine taktischen Fähigkeiten betont. Diese basieren auf der Fähigkeit, schnell und präzise zurechnen, kommen aber nicht nur im Angriff zum Tragen, sondern auch in der Verteidigung. In seiner Analyse bei Spiegel-online sah Dorian Rogozenko Kramnik schon bald nach der Eröffnung im Nachteil. Vielleicht hat der Herausforderer aus der Defensive reagiert. Vielleicht wollte er aber auch mit den schwarzen Steinen nun Schärfe ins Spiel bringen und Anand unter der Druck setzen.


Game over


Schachoper hinter dem Vorhang


Aruna im Zuschauerraum

Für Tausende mit Schachengines bewaffnete Zuschauer im Internet war die Stellung nach Kramniks Bauernopfer "leicht" zu durchschauen, jedenfalls konnten Sie Bewertung und Zugvorschläge ihrer Schachprogramme ablesen und als "eigenen" Beitrag in die Chatzeile kopieren. Für die Spieler war es das jedoch nicht. Es gehörte schon eine abgeklärte Verteidigungsleistung dazu, Kramniks Angriff, der objektiv zwar die Opfer nicht rechtfertigte, aber die meisten Spieler dennoch in allergrößte Schwierigkeiten gebracht hätte, abzuwehren. Anand erledigte diese Aufgabe dank seiner Verteidigungsfähigkeiten nicht mühelos, aber erfolgreich.

Die gestrige Pressekonferenz fand nicht gemeinsam statt - beide Spieler erschienen nacheinander.


Die Miss Evoniks und Miss Gazproms sind immer voller Energie

Der Grund war nicht etwa ein Streit zwischen den Spielern, sondern eine Dopingkontrolle. Zuerst musste der eine, dann der andere Spieler zur Kontrolle. Vielleicht waren beide auch nicht gleichzeitig bereit - jedenfalls gaben sie diesmal nacheinander die Erklärungen ab.





Ob er glaube, dass er diesen Wettkampf noch gewinnen könne, wurde Kramnik gefragt. "Nun, natürlich sieht es nicht gut aus, aber wie jeder gute Sportler habe ich mich noch nicht aufgegeben", lautete Kramniks Antwort.







Anand wirkte am Ende dieses Tages nun doch sehr entspannt.


Anand analysiert die Partie







Dieser Mann hat das Schwerste hinter sich


Unter den Ehrengästen des gestrigen Spieltages war Anatoly Karpov, der den ersten Zug ausführte, damit seinem Landsmann Kramnik aber kein Glück brachte (war ja auch ein Weißzug),


Immer gut gelaunt, Anatoly Karpov


Anatoly Karpov und Josef Resch

Prof. Christian Hesse und Matthias Deutschmann.


Prof. Christian Hesse und Matthias Deutschmann

 Die beiden letztgenannten durchmaßen das Schachreich im Kommentatorraum im gemeinsamen Gespräch philosophisch. Ob das Kaberett nicht sinnlos sei, wollte der Mathematiker Hesse wissen.


Hier spricht die Stimme von Fritz


Deutschmann beschwört den kabarettistischen Geist der 80er Jahre


Wurde kürzlich 50 Jahre alt: Matthias Deutschmann


Prof. Christian Hesse hält dagegen


Deutschmann fachsimpelt mit GM Jussupov

Internetzuschauer hatten Gelegenheit, neben der Partie mit Kommentaren auch dies über das Foidossystem zu verfolgen.

Draußen erschien derweil "Tourteufel" Didi Senft mit einem Schachfahrrad: Video bei Focus.


Auf diesem Rad kann man beim Fahren Schach spielen

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Zwei Könige


FIDE-Vizepräsident Georgios Makropoulos steht im Schach

Das Medieninteresse an der WM ist groß. Alle führenden Zeitungen berichten in ihren Printausgaben oder im Internet. Nur im Fernsehen fehlt eine regelmäßige Berichterstattung. Aber wer guckt schon noch Fernsehen, wenn man die spannenden und vor allem geistreichen Dinge viel besser im Internet verfolgen kann. Der Fritzserver erzielte mit 9709 Besuchern zur gleichen Zeit einen neuen Rekord. Dabei blieben "Gäste" als kostenlose Zuschauer ausgesperrt, um den zahlenden Mitgliedern "zu großes Gedränge" zu ersparen. Sonst wären die magische Zahl von "10.000" sicher geknackt worden. Fast 10.000 Zuschauer würden schon ein Fußball-Zweitligastadion füllen. Doch der Fritzserver ist nur ein Platz, wo sich die Internetuser sammeln. An vielen anderen Stellen kommen ebenfalls viele Schachfans zusammen und alle zusammen würden sie wohl auch das "Estadio Santiago Bernabéu" füllen.


 


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